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Die Sonne war von dicken Wolken verhüllt; schon seit Tagen hatte er kein reines Sonnenlicht mehr gesehen. Tuon hatte er auch schon so lange nicht mehr gesehen. Die beiden Dinge schienen in seinem Kopf zusammenzugehören. Ob da eine Verbindung bestand?

Dummer Narr, dachte er. Als Nächstes fängst du noch an, so wie sie zu denken, liest in jede Kleinigkeit Vorzeichen hinein, suchst jedes Mal, wenn dir ein Hase über den Weg hoppelt oder dein Pferd einen fahren lässt, nach Symbolen und Deutungen.

Diese Art von Zukunftsdeutung war blanker Unsinn. Obwohl er zugeben musste, dass er jetzt jedes Mal zusammenzuckte, wenn eine Eule zweimal heulte.

»Habt Ihr je eine Frau geliebt, Talmanes?«, ertappte er sich zu fragen.

»Sogar mehrere«, erwiderte der kleine Mann und zog eine Rauchfahne hinter sich her.

»Je daran gedacht, eine von ihnen zu heiraten?«

»Nein, dem Licht sei Dank«, sagte Talmanes. Dann schien er noch einmal darüber nachzudenken, was er gerade gesagt hatte. »Ich will damit sagen, es war nie der richtige Zeitpunkt für mich. Aber ich bin sicher, für Euch wird sich alles auf großartige Weise fügen.«

Mat runzelte die Stirn. Wenn Tuon das mit der Heirat schon unbedingt hatte durchziehen müssen, hätte sie sich dann nicht wenigstens einen Augenblick aussuchen können, an dem es die anderen nicht mitbekamen?

Aber nein. Sie hatte es vor allen ausgesprochen, einschließlich der Aes Sedai. Das bedeutete, dass er verloren war. Aes Sedai waren gut darin, Geheimnisse zu behüten, es sei denn natürlich, diese Geheimnisse konnten Matrim Cauthon irgendwie in Verlegenheit bringen oder ihm Unannehmlichkeiten verschaffen. Dann konnte man sich darauf verlassen, dass sich die Neuigkeit in weniger als einem Tag im ganzen Lager verbreitete und vermutlich auch in drei Dörfern am Wegesrand. Vermutlich wusste es jetzt schon seine verfluchte Mutter - die meilenweit entfernt war.

»Ich höre nicht mit dem Spielen auf«, murmelte er. »Oder mit dem Trinken.«

»Ich glaube, das sagtet Ihr schon«, meinte Talmanes. »So drei- oder viermal. Ich glaube fast, sollte ich nachts in Euer Zelt hineinschauen, würde ich Euch es im Schlaf murmeln hören. ›Ich werde verdammt noch mal weiter spielen! Spielen und trinken, verdammt noch mal! Wo ist mein verfluchter Becher? Will jemand darum spielen?‹« Er sagte es mit völlig unbewegter Miene, aber wieder einmal lag die Andeutung eines Lächelns in seinen Augen, wenn man nur wusste, wo man hinsehen musste.

»Ich wollte nur, dass es auch jeder weiß«, sagte Mat. »Ich will nicht, dass mich plötzlich jemand für weich hält, nur weil ich ... Ihr wisst schon.«

Talmanes warf ihm einen aufmunternden Blick zu. »Ihr werdet schon nicht weich, nur weil Ihr geheiratet habt, Mat. Ich glaube sogar, dass einige der Großen Hauptmänner verheiratet sind. Davram Bashere ist es auf jeden Fall, und Rodel Ituralde auch. Nein, Ihr werdet nicht weich, weil Ihr jetzt verheiratet seid.«

Mat nickte scharf. Gut, dass das geklärt war.

»Allerdings könntet Ihr langweilig werden«, meinte Talmanes.

»Also gut, das reicht«, verkündete Mat. »Im nächsten Dorf gehen wir ins Gasthaus und würfeln. Ihr und ich.«

Talmanes verzog das Gesicht. »Bei dem drittklassigen Wein, den es in diesen Bergdörfern gibt? Bitte, Mat. Demnächst verlangt Ihr noch von mir, Ale zu trinken.«

»Keine Diskussion.« Mat schaute nach hinten, als er vertraute Stimmen hörte. Olver saß auf Wind und plauderte mit Noal, der auf einem knochigen Wallach neben ihm ritt. Der knorrige alte Mann lauschte aufmerksam Olvers Worten und nickte zustimmend. Der kleine Junge mit den abstehenden Ohren und dem hässlichen kleinen Gesicht sah erstaunlich ernst aus und erklärte zweifellos eine weitere seiner Theorien, wie man sich am besten in den Turm von Ghenjei einschleichen konnte.

»Dort ist Vanin«, sagte Talmanes.

Mat blickte wieder nach vorn und entdeckte einen Reiter, der auf dem steinigen Weg auf sie zukam. Vanin wirkte immer so lächerlich, wie er da wie eine Melone auf dem Rücken seines Pferdes hockte und seine Beine nach beiden Seiten abstanden. Aber der Mann konnte reiten, da gab es nicht den geringsten Zweifel.

»Es ist der Sardlenberg«, verkündete Vanin, als er sie erreicht hatte und sich die verschwitzte Stirn abwischte. »Das Dorf liegt gleich voraus; auf der Karte trägt es den Namen Hinderstap. Das sind verdammt gute Karten«, fügte er widerstrebend hinzu.

Mat atmete erleichtert auf. Er hatte schon angefangen zu glauben, sie würden bis zur Letzten Schlacht und darüber hinaus in diesen Bergen umherirren. »Großartig«, sagte er, »wir können ...«

»Ein Dorf?«, fragte eine barsche Frauenstimme.

Mat drehte sich seufzend um, als sich drei Reiter den Weg zur Spitze der Marschreihe erzwangen. Zögernd hob Talmanes die Hand, um die Soldaten anhalten zu lassen, während sich die Aes Sedai auf den armen Vanin stürzten. Der dicke Mann sah aus, als wäre er lieber beim Pferdediebstahl erwischt worden - und darum auf dem Weg zur Hinrichtung -, als dort sitzen und von Aes Sedai verhört werden zu müssen.

Joline führte das Rudel an. Einst hätte Mat sie mit ihrer schlanken Figur und den großen einladenden braunen Augen als hübsches Mädchen beschrieben. Aber nun war dieses alterslose Aes Sedai-Gesicht nur noch ein Warnzeichen für ihn. Nein, er würde es nun nicht einmal mehr in Gedanken wagen, die Grüne als hübsch zu bezeichnen. Ließ man zu, eine Aes Sedai hübsch zu finden, fand man sich zwei Zungenschläge später um ihren Finger gewickelt und sprang, wenn sie es befahl. Joline hatte doch tatsächlich schon angedeutet, dass sie ihn als ihren Behüter haben wollte!

Ob sie wohl noch immer wütend auf ihn war, weil er ihr den Hintern versohlt hatte? Natürlich konnte sie ihm mit der Einen Macht nichts antun - nicht nur wegen seines Medaillons, sondern weil Aes Sedai geschworen hatten, die Macht nie zum Töten einzusetzen, falls nicht ganz bestimmte Umstände eintraten. Aber er war kein Narr. Ihm war nicht entgangen, dass ihre Eide nichts über den Gebrauch von Messern sagten.

Jolines Begleiterinnen waren Edesina von der Gelben Ajah und Teslyn von den Roten. Edesina war nett anzuschauen, wenn man einmal das alterslose Gesicht ignorierte, aber Teslyn war etwa so appetitlich wie ein Stock. Die Illianerin hatte scharf geschnittene Gesichtszüge und war knochig, wie eine alte Katze, die zu lange allein für sich hatte sorgen müssen. Aber sie schien einen vernünftigen Kopf auf den Schultern zu tragen, soweit er es mitbekommen hatte, und manchmal hatte er den Eindruck, dass sie ihm mit einem gewissen Respekt entgegentrat. Respekt von einer Roten. Das musste man sich einmal vorstellen.

Aber wenn man sich einmal vergegenwärtigte, wie jede der Aes Sedai ihn nacheinander ansah, als sie ihn passierten, wäre einem nie in den Sinn gekommen, dass sie ihm ihr Leben schuldeten. So war das eben mit Frauen. Rettete man ihnen das Leben, und sie würden unweigerlich behaupten, dass sie kurz davor gestanden hatten, sich aus eigener Kraft zu befreien und einem deshalb gar nichts schuldeten. Vermutlich schimpften sie einen noch aus, weil man ihre angeblichen Pläne durcheinandergebracht hatte.

Warum machte er sich überhaupt die Mühe? Eines schönen Tages würde er endlich zur Vernunft kommen und den nächsten Haufen weinend in ihren Ketten zurücklassen.

»Was war das?«, wollte Joline von Vanin wissen. »Ihr habt endlich herausgefunden, wo wir sind?«

»Verflucht noch mal, ja«, erwiderte Vanin und kratzte sich unverfroren. Ein guter Mann, dieser Vanin. Mat lächelte. Behandelte alle Menschen gleich. Ganz egal, ob es nun Aes Sedai waren oder nicht.

Joline starrte ihn durchdringend an und beugte sich vor wie ein Wasserspeier auf dem Dach eines Lords. Und Vanin zuckte doch tatsächlich zusammen, sackte in sich zusammen und schaute dann verlegen zu Boden. »Ich meine, das habe ich in der Tat, Joline Sedai.«

Mats Grinsen verblasste. Verdammt, Vanin!