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Manche Dinge waren hier im Wolfstraum vergänglich; im einen Augenblick lag ein Haufen Blätter zu seinen Füßen, nur um im nächsten wieder verschwunden zu sein. Alles roch leicht abgestanden, als wäre es gar nicht richtig da.

Er schaute auf. Der Himmel war stürmisch. Normalerweise waren die Wolken an diesem Ort genau so unstet wie andere Dinge. Eben noch herrschte Bewölkung, ein Blinzeln später war der Himmel klar. Aber dieses Mal hielten sich die dunklen Sturmwolken. Sie brodelten und spannten Blitze zwischeneinander. Aber diese Blitze schlugen nie im Boden ein und machten auch keinen Lärm.

Auf der Ebene herrschte eine seltsame Stille. Die Wolken verhüllten unheilvoll den ganzen Himmel. Und sie verschwanden auch nicht.

Die Letzte Jagd kommt. Springer blickte in den Himmel. Dann laufen wir zusammen. Solange wir nicht stattdessen schlafen.

»Schlafen? Und was ist mit der Letzten Jagd?«

Sie kommt. Wenn der Schattentöter dem Sturm zum Opfer fällt, werden wir alle für alle Ewigkeit schlafen. Überlebt er, dann werden wir zusammen jagen. Du und wir.

Perrin rieb sich das Kinn und versuchte die Bilder, Gerüche, Laute und Gefühle zu verstehen. Sie ergaben nur wenig Sinn für ihn.

Aber gut, er war jetzt hier. Er hatte herkommen wollen, und er hatte sich entschieden, falls möglich ein paar Antworten von Springer zu erhalten. Es war schön, den Wolf wiederzusehen.

Laufen, schickte Springer. Das Bild war nicht alarmiert. Es war ein Angebot. Lass uns zusammen laufen.

Perrin nickte und fing an, durch das Gras zu laufen. Springer lief neben ihm und übersandte Belustigung. Auf zwei Beinen, junger Bulle? Zwei Beine sind langsam! Die übermittelte Botschaft bestand aus einem Bild von Männern, die wegen ihrer viel zu langen Beine ständig übereinander stolperten.

Perrin zögerte. »Ich muss die Kontrolle behalten, Springer«, sagte er. »Wenn ich den Wolf die Kontrolle übernehmen lasse ... nun, dann tue ich gefährliche Dinge.«

Der Wolf legte den Kopf schief und trabte weiter neben ihm durch das Gras. Die Halme raschelten, als sich die beiden einen Weg bahnten, bis sie einen kleinen Wildpfad fanden und ihm folgten.

Lauf, drängte Springer ihn, offensichtlich verwirrt von seinem Zögern.

»Ich kann nicht«, sagte Perrin und blieb stehen. Springer drehte sich um und kam mit ein paar Sätzen zurück zu ihm. Er roch verwirrt.

»Springer, wenn ich die Kontrolle verliere, dann habe ich Angst vor mir selbst«, sagte Perrin. »Das erste Mal passierte es mir, kurz nachdem ich die Wölfe kennenlernte. Du musst mir helfen, es zu verstehen.«

Springer starrte ihn bloß weiterhin an, die Zunge hing ihm ein Stück aus dem Maul, die Pfoten waren leicht auseinander gestellt.

Warum mache ich das?, dachte Perrin und schüttelte den Kopf Wölfe dachten nicht wie Menschen. Was spielte es für eine Rolle, was Springer davon hielt?

Wir jagen zusammen, übermittelte Springer.

»Und wenn ich nicht mit dir zusammen jagen will?«, sagte Perrin. Allein schon die Worte ließen sein Herz verkrampfen. Ihm gefiel dieser Ort, der Wolfstraum, so gefährlich er auch sein mochte. Seit seinem Aufbruch aus den Zwei Flüssen hatte er viel erlebt, und manches war auch wunderbar gewesen.

Aber er durfte nicht mehr die Kontrolle verlieren. Er musste ein Gleichgewicht finden. Die Axt wegzuwerfen hatte einen Unterschied gemacht. Axt und Hammer waren sehr unterschiedliche Waffen - die eine konnte man nur fürs Töten benutzen, während ihm die andere eine Wahl ließ.

Lauf mit mir, Junger Bulle. Vergiss diese Gedanken. Lauf wie ein Wolf.

»Das kann ich nicht«, erwiderte Perrin. Er drehte sich um, ließ die Blicke über die Ebene schweifen. »Aber ich muss über diesen Ort Bescheid wissen, Springer. Ich muss lernen, wie man ihn benutzt, wie man ihn kontrolliert.«

Menschen, dachte Springer, übersandte Gerüche von Geringschätzung und Wut. Kontrolle. Immer nur Kontrolle.

»Ich will, dass du es mir beibringst«, sagte Perrin zu dem Wolf. »Ich will diesen Ort meistern. Zeigst du mir, wie das geht?«

Springer setzte sich auf die Hinterbeine.

»Schön. Dann suche ich mir andere Wölfe, die das tun werden.«

Er drehte sich um und setzte sich in Bewegung. Er erkannte diesen Ort nicht, aber er hatte gelernt, dass der Wolfstraum unberechenbar war. Dieses Feld mit seinem hüfthohen Gras und der Hirse konnte überall sein. Wo würde er Wölfe finden? Er hielt mit seinem Verstand Ausschau und entdeckte, dass das hier viel schwieriger war.

Du willst nicht laufen. Aber du suchst nach Wölfen. Warum bist du so schwierig, Welpe? Springer setzte sich vor ihm ins Gras.

Perrin knurrte, dann tat er einen Sprung, der ihn hundert Fuß in die Höhe beförderte. Er kam wieder auf, als wäre es ein ganz normaler Schritt gewesen.

Und Springer saß vor ihm. Er hatte den Wolf nicht springen gesehen. Eben war er noch an dem einen Ort gewesen, jetzt war er an einem anderen. Perrin suchte wieder mit seinen Gedanken. Nach anderen Wölfen. Da war etwas, in der Ferne. Er musste sich mehr anstrengen. Er konzentrierte sich, zog irgendwie mehr Stärke in sich und schaffte es, mit seinem Verstand weiter hinauszugreifen.

Das ist gefährlich, Junger Bulle. Du setzt hier zu viel Kraft ein. Du wirst sterben.

»Das sagst du immer«, erwiderte Perrin. »Sag mir, was ich wissen will. Zeig mir, wie ich es lernen kann.«

Sturer Welpe, sendete Springer. Komm zurück, wenn du entschlossen bist, deine Schnauze nicht ins Nest der Feuernatter zu stecken.

Und etwas krachte gegen Perrin, ein schweres Gewicht traf seinen Verstand. Alles verschwand um ihn herum, und er wurde wie ein Blatt im Sturm aus dem Wolfstraum geworfen.

Faile lag neben ihrem Mann, der sich im Schlaf herumwälzte. Sie betrachtete ihn in dem dunklen Raum; obwohl sie neben ihm auf der Pritsche lag, hatte sie nicht geschlafen. Sie hatte gewartet und seinen Atemzügen gelauscht. Er drehte sich auf den Rücken und murmelte etwas.

Ausgerechnet in dieser Nacht muss er unruhig schlafen!, dachte sie verärgert.

Seit ihrem Aufbruch aus Malden war eine Woche vergangen. Die Flüchtlinge hatten ein Lager - nun, mehrere Lager - in der Nähe eines Wasserweges aufgeschlagen, der direkt zur nur ein kurzes Stück entfernten Jehannahstraße führte.

In den vergangenen paar Tagen war alles glatt gelaufen, auch wenn Perrin zu dem Schluss gekommen war, dass die Asha'man noch immer zu erschöpft waren, um Wegetore zu erschaffen. Faile hatte den Abend mit ihrem Ehemann verbracht und ihn an mehrere wichtige Gründe erinnert, warum er sie überhaupt geheiratet hatte. Er war ziemlich enthusiastisch gewesen, aber da hatte ein merkwürdiger Ausdruck in seinem Blick gelegen. Kein gefährlicher Ausdruck, eher ein trauriger. Während ihrer Trennung war er ein von Geistern getriebener Mann geworden. Das konnte sie verstehen. Sie hatte selbst ein paar Geister, die sie heimsuchten. Man konnte nicht erwarten, dass alles so blieb, wie es gewesen war, und ihr war nicht entgangen, dass er sie noch immer liebte - leidenschaftlich liebte. Das reichte ihr, also machte sie sich deswegen keine Sorgen.

Aber sie plante eine Auseinandersetzung, die ihm seine Geheimnisse entlocken würde. Noch ein paar Tage würde sie damit warten. Es war nur vernünftig, einen Ehemann daran zu erinnern, dass man nicht alles friedlich hinnahm, was er so machte, aber es war auch keine gute Idee, ihn auf den Gedanken zu bringen, dass sie es nicht zu schätzen wusste, ihn zurückzuhaben.

Ganz im Gegenteil. Faile lächelte, drehte sich um und legte ihm die Hand auf die behaarte Brust, schmiegte den Kopf an seine nackte Schulter. Sie liebte diese stattliche Lawine von einem Mann. Wieder mit ihm vereint zu sein war noch süßer als der Sieg ihrer Flucht von den Shaido.