Seine Augen öffneten sich, und sie seufzte. Liebe hin oder her, in dieser Nacht wollte sie, dass er schlief! Hatte sie ihn denn nicht müde genug gemacht?
Er sah sie an. Seine goldenen Augen schienen in der Dunkelheit leicht zu glühen, obwohl sie wusste, dass das nur ein Trick des Lichts war. Dann zog er sie ein Stück näher an sich heran. »Ich habe nicht mit Berelain geschlafen«, sagte er schroff. »Ganz egal, was die Gerüchte behaupten.«
Lieber, süßer, unverblümter Perrin. »Ich weiß, dass du das nicht getan hast«, sagte sie tröstend. Sie hatte die Gerüchte gehört. Buchstäblich jede Frau, mit der sie im Lager gesprochen hatte, von den Aes Sedai bis zur letzten Dienerin, hatte so getan, als würde sie krampfhaft versuchen, den Mund zu halten, während sie mit dem nächsten Atemzug diese Neuigkeit verriet. Perrin hatte eine Nacht im Zelt der Ersten von Mayene verbracht.
»Nein, wirklich«, beharrte Perrin, und ein flehender Unterton schlich sich in seine Stimme. »Ich habe es nicht getan. Faile. Bitte.«
»Ich sagte, ich glaube dir.«
»Du klangst so ... ich weiß nicht. Verdammt, Frau, du klangst eifersüchtig.«
Würde er denn niemals lernen? »Perrin«, sagte sie tonlos. »Es hat mich den größten Teil eines ganzen Jahres gekostet - ganz zu schweigen von beträchtlicher Mühe -, um dich zu verführen, und auch dann hat es nur funktioniert, weil es sich um eine Ehe drehte! Berelain hat nicht die nötige Finesse, um mit dir klarzukommen.«
Er hob die rechte Hand und kratzte sich scheinbar verwirrt am Bart. Dann lächelte er.
»Außerdem«, sagte sie und schmiegte sich enger an ihn, »hast du mir ein Versprechen gegeben. Und ich vertraue dir.«
»Also bist du nicht eifersüchtig?«
»Natürlich bin ich das«, sagte sie und schlug sich gegen die Brust. »Perrin, habe ich das nicht erklärt? Ein Ehemann muss wissen, dass seine Frau eifersüchtig ist, sonst begreift er nicht, wie viel sie für ihn übrig hat. Du bewachst das, was dir am Kostbarsten ist. Also ehrlich, wenn du mich weiter dazu bringst, diese Dinge zu erklären, dann bleiben mir überhaupt keine Geheimnisse mehr!«
Die letzte Bemerkung ließ ihn leise schnauben. »Ich bezweifle, dass so etwas überhaupt möglich ist.«
Er verstummte, und Faile schloss die Augen in der Hoffnung, dass er wieder einschlief. Draußen vor dem Zelt ertönten die gedämpften Stimmen der patrouillierenden Wachen und der Lärm eines der Hufschmiede - Jerasid, Aemin oder Falton -, der bis spät in die Nacht arbeitete und ein Hufeisen oder einen Nagel zurechthämmerte, um eines der Pferde für den morgigen Marsch bereitzumachen. Es tat gut, diesen Laut wieder zu hören. Die Aiel waren nutzlos, wenn es um Pferde ging, und die Shaido hatten die erbeuteten Tiere entweder freigelassen oder sie zu Ackergäulen gemacht. Während ihres Aufenthalts in Malden hatte Faile viele prächtige Reitpferde gesehen, die Karren zogen.
Sollte es sich seltsam anfühlen, wieder zurück zu sein? Weniger als zwei Monate war sie Gefangene gewesen, aber es war ihr wie Jahre vorgekommen. Jahre, die sie damit verbracht hatte, Botengänge für Sevanna zu erledigen und willkürlich bestraft zu werden. Aber die Zeit hatte sie nicht gebrochen. Seltsamerweise hatte sie sich dabei mehr als Adlige gefühlt als je zuvor.
Als hätte sie vor Malden nie so richtig begriffen, was es bedeutete, eine Lady zu sein. Oh, sie hatte ihren Anteil an Siegen gehabt. Cha Faile, die Menschen von den Zwei Flüssen, Alliandres und Perrins Lagergenossen. Sie hatte ihre Ausbildung genutzt und Perrin dabei geholfen, ein Anführer zu werden. Das war alles wichtig gewesen; sie hatte auf das zurückgegriffen, zu dem ihre Mutter und ihr Vater sie gemacht hatten.
Aber Malden hatte ihr die Augen geöffnet. Dort war sie Menschen begegnet, die sie mehr gebraucht hatten, als das jemals zuvor der Fall gewesen wäre. Unter Sevannas grausamer Schreckensherrschaft hatte es keine Zeit für Spielchen gegeben, keine Zeit für Fehler. Man hatte sie gedemütigt, geschlagen und beinahe getötet. Und das hatte dafür gesorgt, dass sie zum ersten Mal begriff, was es wirklich bedeutete, eine Lehnsherrin zu sein. Tatsächlich hatte sie sich sogar im Nachhinein wegen der Momente schuldig gefühlt, in denen sie Perrin - oder andere - gezwungen hatte, sich ihrem Willen zu beugen. Eine Adlige zu sein bedeutete vorauszugehen. Es bedeutete, geschlagen zu werden, damit andere verschont blieben. Es bedeutete, sich zu opfern und den Tod zu riskieren, um die zu schützen, die von einem abhängig waren.
Nein, es fühlte sich nicht merkwürdig an, wieder zurück zu sein, denn sie hatte Malden mitgenommen. Jedenfalls die Teile, die wichtig waren. Hunderte Gai'schain hatten ihr die Treue geschworen, und sie hatte sie gerettet. Sie hatte es durch Perrin getan, aber sie hatte Pläne geschmiedet, und auf die eine oder andere Weise wäre sie entkommen und mit einer Armee zurückgekehrt, um jene zu befreien, die ihr den Treueid geleistet hatten.
Es hatte einen Preis gekostet. Aber darum würde sie sich später kümmern, wenn es das Licht wollte. Sie öffnete ein Auge und spähte zu Perrin hinüber. Er schien zu schlafen, aber atmete er gleichmäßig? Vorsichtig befreite sie ihren Arm.
»Was dir dort passiert ist, hat keine Bedeutung für mich«, sagte er.
Sie seufzte. Nein, er schlief noch nicht. »Was mir dort passiert ist?«, fragte sie verwirrt.
Er öffnete die Augen, starrte zur Zeltdecke. »Die Shaido, der Mann, der bei dir war, als ich dich rettete. Was auch immer er tat ... was auch immer du tun musstest, um zu überleben. Es ist in Ordnung.«
War es das, was ihm zu schaffen machte? Beim Licht! »Du großer Ochse«, sagte sie und hieb ihm die Faust auf die Brust, was ihn grunzen ließ. »Was sagst du da? Dass es in Ordnung wäre, wäre ich untreu gewesen? Nachdem du mir mit solchem Nachdruck versichern musstest, dass du es nicht warst?«
»Was? Nein, das ist etwas anderes, Faile. Du warst Gefangene ...«
»Und ich kann nicht für mich selbst sorgen? Du bist ein Ochse. Niemand hat mich angefasst. Es sind Aiel. Du weißt, dass sie es nicht wagen würden, einem Gai'schain etwas anzutun.« Das war nicht die ganze Wahrheit; Frauen waren im Lager der Shaido oft missbraucht worden, denn die Shaido hatten sich nicht länger wie Aiel verhalten.
Aber im Lager hatte es auch noch andere gegeben. Aiel, die keine Shaido gewesen waren. Männer, die sich geweigert hatten, Rand als ihren Car'a'carn anzuerkennen, denen es aber auch schwerfiel, die Autorität der Shaido zu akzeptieren. Die Bruderlosen waren Männer von Ehre gewesen; auch wenn sie sich selbst als Ausgestoßene bezeichnet hatten, waren sie die Einzigen in Malden gewesen, die die alten Bräuche befolgt hatten. Als die Gai'schain-Frauen in Gefahr geraten waren, hatten die Bruderlosen eine Entscheidung getroffen und jene beschützt, die sie beschützen konnten. Sie hatten dafür nichts als Gegenleistung verlangt.
Obwohl ... das stimmte so nicht ganz. Gebeten hatten sie um viel, aber verlangt hatten sie nichts. Rolan war ihr immer wie ein echter Aiel gegenübergetreten. Aber wie Masemas Tod war ihre Beziehung zu Rolan etwas, das Perrin nicht wissen musste. Sie hatte Rolan nicht einmal geküsst, aber sie hatte sein Verlangen nach ihr ausgenutzt. Und vermutlich hatte er das ganz genau gewusst.
Perrin hatte Rolan getötet. Noch ein Grund, warum ihr Ehemann nichts über die Anständigkeit des Bruderlosen wissen musste. Es würde ihn innerlich zerreißen, wäre ihm klar gewesen, was er da getan hatte.
Perrin entspannte sich, schloss die Augen. Während dieser Monate hatte er sich verändert, vielleicht genauso sehr wie sie auch. Das war gut. In den Grenzlanden hatte ihr Volk ein Sprichwort: »Nur der Dunkle König bleibt immer gleich.« Männer wuchsen und entwickelten sich; der Schatten blieb so, wie er war. Böse.
»Morgen werden wir ein paar Pläne ausarbeiten müssen«, sagte Perrin gähnend. »Sobald die Wegetore zur Verfügung stehen, müssen wir uns entscheiden, ob wir die Leute zum Gehen zwingen, und wir entscheiden, wer zuerst geht. Hat irgendjemand entdeckt, was aus Masema geworden ist?«