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»Natürlich tun sie das«, sagte Arrela und hob den Schleier hoch. Faile hatte die Tochter, die Arrelas Beschützerin geworden war, nie kennengelernt, aber die Frau war in der Schlacht gestorben, wenn auch nicht auf so dramatische Weise wie Rolan und die anderen.

Das Seidentuch gehörte Jhoradin; Lacile zögerte, dann nahm sie es in die Hand, drehte es um und enthüllte einen Blutfleck auf der anderen Seite. Damit war nur noch der Lederriemen übrig. Rolan hatte ihn gelegentlich unter seinem Cadin'sor um den Hals getragen. Faile hätte gern gewusst, was er ihm bedeutet hatte, und ob der Stein, ein grob bearbeiteter Türkis, eine besondere Bedeutung für ihn gehabt hatte. Sie nahm ihn, dabei fiel ihr Blick auf Lacile. Überraschenderweise schien die schlanke Frau zu weinen. Weil Lacile so schnell in das Bett des stämmigen Bruderlosen gestiegen war, war Faile immer davon ausgegangen, dass ihre Beziehung zu ihm aus der Notwendigkeit heraus entstanden war und nicht aus Zuneigung.

»Vier Menschen sind tot«, sagte Faile. Plötzlich war ihr Mund ganz trocken. Sie bemühte sich um einen förmlichen Tonfall, denn das war die beste Weise, Gefühle aus ihrer Stimme herauszuhalten. »Sie haben uns beschützt, hatten sogar etwas für uns übrig. Obwohl sie der Feind waren, betrauern wir sie. Aber vergesst nie, dass sie Aiel waren. Für einen Aiel gibt es viel schlimmere Schicksale als der Tod im Kampf.«

Die anderen beiden nickten, aber Lacile erwiderte ihren Blick. Für sie beide war es anders. Als Perrin aus dieser Gasse gestürmt gekommen war - vor Wut brüllend, weil Faile und Lacile allem Anschein nach von einem Shaido misshandelt wurden -, waren viele Dinge sehr schnell geschehen. In dem folgenden Kampf hatte sie Rolan in genau dem richtigen Augenblick abgelenkt und ihn zögern lassen. Er hatte das aus Sorge um sie getan, aber dieses Zögern hatte Perrin erlaubt, ihn zu töten.

Hatte sie es absichtlich getan? Sie vermochte es noch immer nicht zu sagen. Ihr war so viel durch den Kopf geschossen, der Anblick Perrins hatte so viele Gefühle ausgelöst. Sie hatte aufgeschrien und ... sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie versucht hatte, Rolan abzulenken, damit er durch Perrins Hand sterben konnte.

Für Lacile hatte es kein derartiges Zögern gegeben. Jhoradin war vor sie gesprungen, hatte sie hinter sich geschoben und die Waffe gegen den Eindringling erhoben. Sie hatte ihm ein Messer in den Rücken gestoßen und zum ersten Mal in ihrem Leben einen Menschen getötet. Und das war ein Mann gewesen, dessen Bett sie geteilt hatte.

Faile hatte Kinhuin getötet, den anderen Bruderlosen, der sie alle beschützt hatte. Er war nicht der erste Mann, dem sie das Leben genommen hatte - auch nicht der erste, den sie hinterrücks getötet hatte. Aber er war der erste Mann, den sie getötet hatte, obwohl er sie als Freundin betrachtet hatte.

Es hatte keine andere Möglichkeit gegeben. Perrin hatte nur Shaido gesehen, und die Bruderlosen nur den angreifenden Feind. Dieser Konflikt hätte nicht beendet werden können, ohne dass entweder Perrin oder die Bruderlosen tot am Boden lagen. Kein noch so lautes Brüllen hätte auch nur einen der Männer aufgehalten.

Aber das machte es nur noch tragischer. Faile kämpfte dagegen an, dass sich ihre Augen genau wie Laciles mit Tränen füllten. Sie hatte Rolan nicht geliebt, und sie war froh, dass Perrin derjenige gewesen war, der den Kampf überlebt hatte. Aber Rolan war ein ehrenhafter Mann gewesen, und irgendwie fühlte sie sich ... beschmutzt, dass sein Tod ihr Verschulden war.

Das hätte nicht so kommen müssen. Aber das war es nun einmal. Ihr Vater hatte oft von solchen Situation gesprochen, wenn man Leute töten musste, die man eigentlich mochte, nur weil man ihnen auf der falschen Seite des Schlachtfelds begegnete. Sie hatte ihn da nie verstanden. Müsste sie das noch einmal tun, würde sie wieder genauso handeln. Sie würde Perrin keinem Risiko aussetzen. Rolan hatte sterben müssen.

Aber die Welt erschien ihr als ein traurigerer Ort, weil es nötig gewesen war.

Lacile wandte sich ab und schniefte leise. Faile nahm ein kleines Fläschchen Öl aus dem Bündel. Sie zog den Stein aus dem Lederriemen, dann legte sie den Riemen in die Mitte des Tuches. Sie goss Öl darüber, entzündete einen Zunderstab an der Laterne und setzte den Riemen in Brand.

Sie sah zu, wie er mit winzigen blauen und grünen, an der Oberseite orange gekrönten Flammen verbrannte. Der Geruch von brennendem Leder hatte eine schreckliche Ähnlichkeit mit dem von brennendem menschlichen Fleisch. Die Nacht war windstill, und so konnten die Flammen ungehindert tanzen.

Alliandre tränkte den Gürtel und legte ihn in das kleine Feuer. Arrela tat das Gleiche mit dem Schleier. Schließlich fügte Lacile das Taschentuch hinzu. Sie weinte noch immer.

Das war alles, was sie tun konnten. Im Chaos des Aufbruchs aus Malden war es unmöglich gewesen, sich um die Leichen zu kümmern. Chiad hatte gesagt, es würde niemanden entehren, sie zurückzulassen, aber Faile hatte etwas tun müssen. Eine kleine Zeremonie, um Rolan und die anderen zu ehren.

»Gestorben durch unsere Hand«, sagte sie, »oder einfach nur in der Schlacht gefallen. Diese vier haben uns Ehre erwiesen. Wir schulden ihnen großes Toh, wie die Aiel sagen würden. Ich glaube nicht, dass man es vergelten kann. Aber wir können uns an sie erinnern. Die Bruderlosen und eine Tochter haben uns Freundlichkeit erwiesen, obwohl sie es nicht mussten. Sie hielten ihre Ehre aufrecht, wo andere sie vergaßen. Wenn wir uns dafür erkenntlich zeigen können, dann auf diese Weise.«

»In Perrins Lager gibt es einen Bruderlosen«, sagte Lacile. Die Flammen des Scheiterhaufens spiegelten sich in ihren Augen. »Er heißt Niagen; er ist Gai'schain von Sulin, der Tochter. Ich habe ihn besucht und ihm erzählt, was die anderen für uns taten. Er ist ein freundlicher Mann.«

Faile schloss die Augen. Vermutlich meinte Lacile, dass sie mit diesem Niagen ins Bett gegangen war. Das war Gai'schain nicht verboten. »Ihr könnt Jhoradin nicht auf diese Weise ersetzen«, sagte sie und öffnete die Augen wieder. »Oder das ungeschehen machen, was Ihr tatet.«

»Ich weiß«, erwiderte Lacile beschämt. »Aber sie waren trotz der schrecklichen Situation so humorvoll. Sie hatten etwas Besonderes an sich. Jhoradin wollte mich mit ins Dreifache Land nehmen, mich zu seiner Frau machen.«

Und du hättest das nie getan, dachte Faile. Ich weiß, dass du das nicht getan hättest. Aber jetzt, wo er tot ist, wird dir klar, welche Gelegenheit du versäumt hast.

Nun, mit welchem Recht wollte sie anderen einen Vorwurf machen? Sollte Lacile doch tun, was sie wollte. Wenn dieser Niagen auch nur ein halb so guter Mann wie Rolan und die anderen war, dann würde Lacile es ja vielleicht gut bei ihm haben.

»Kinhuin hatte gerade erst angefangen, auf mich aufzupassen«, sagte Alliandre. »Ich weiß, was er sich wünschte, aber er hat es nie verlangt. Bestimmt wollte er die Shaido verlassen und hätte uns bei der Flucht geholfen. Er hätte uns geholfen, selbst wenn ich ihn abgewiesen hätte.«

»Marthea hasste, was die anderen Shaido taten«, sagte Arrela. »Aber sie blieb bei ihnen, weil es ihr Clan war. Für diese Loyalität ist sie gestorben. Es gibt schlimmere Dinge, für die man sterben kann.«

Faile sah zu, wie die letzte Glut des Miniaturscheiterhaufens flackernd verlosch. »Ich glaube, Rolan hat mich wirklich geliebt«, sagte sie. Und das war alles.

Sie standen auf und kehrten ins Lager zurück. Die Vergangenheit war ein Feld aus Glut und Asche, wie ein altes saldaeanisches Sprichwort sagte, die Reste des Feuers, das die Gegenwart war. Diese Glut wurde hinter ihr fortgeweht. Aber sie behielt Rolans Türkis. Nicht aus Bedauern, sondern zur Erinnerung.

Perrin lag wach in der stillen Nacht und roch das Segeltuch seines Zeltes und den einzigartigen Duft Failes. Sie war nicht da, obwohl sie eben noch hier gewesen war. Er war eingeschlafen, und jetzt war sie fort. Vermutlich zu den Latrinen.