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Er starrte in die Finsternis hinauf und versuchte Springer und den Wolfstraum zu verstehen. Je länger er darüber nachdachte, desto entschlossener wurde er. Er würde zur Letzten Schlacht marschieren - und wenn er das tat, wollte er den Wolf in seinem Inneren kontrollieren können. Entweder wollte er von den vielen Menschen befreit sein, die ihm folgten, oder lernen, ihre Loyalität zu akzeptieren.

Er musste einige Entscheidungen treffen. Es würde ihm nicht leichtfallen, aber er würde sie treffen. Ein Mann musste schwere Dinge tun. So war das Leben nun einmal. Da hatte er bei Failes Gefangennahme einfach falsch reagiert. Statt Entscheidungen zu treffen, war er ihnen aus dem Weg gegangen. Meister Luhhan wäre von ihm enttäuscht gewesen.

Was ihn zu einer weiteren Entscheidung brachte, der schwersten von allen. Er würde Faile in die Gefahr reiten lassen müssen, sie vielleicht sogar erneut einem Risiko aussetzen. Zählte das überhaupt als Entscheidung? Konnte er so eine Entscheidung überhaupt treffen? Allein der Gedanke, sie wieder in Gefahr zu sehen, bereitete ihm Übelkeit. Aber er würde deswegen etwas tun müssen.

Drei Probleme. Er würde sich ihnen stellen, und er würde Entscheidungen treffen. Aber er würde vorher darüber nachdenken, denn so ging er die Dinge an. Ein Mann war ein Narr, wenn er Entscheidungen traf, ohne vorher zu überlegen.

Aber die Entscheidung, sich seinen Problemen zu stellen, brachte ihm einen gewissen Frieden, und er drehte sich auf die Seite und schlief wieder ein.

22

Was man ihm noch antun konnte

Semirhage saß allein in dem kleinen Zimmer. Sie hatten ihr den Stuhl weggenommen und ihr weder eine Kerze noch eine Laterne gegeben.

Dieses verfluchte Zeitalter und seine verfluchten Menschen! Was hätte sie für Glühkugeln in den Wänden gegeben. Während ihrer Zeit hatte man Gefangenen kein Licht verweigert. Natürlich hatte sie mehrere ihrer Experimente in totale Finsternis gesperrt, aber das war etwas anderes gewesen. Es war einfach wichtig gewesen, zu sehen, welchen Einfluss das mangelnde Licht auf sie haben würde. Diese sogenannten Aes Sedai, die sie gefangen hielten, hatten keinen vernünftigen Grund, sie im Dunkeln einzusperren. Damit wollten sie sie nur demütigen.

Sie zog die Arme fester um den Körper und drückte sich gegen die Holzwand. Sie würde nicht weinen. Sie gehörte zu den Auserwählten! Dann hatte man sie eben gezwungen, sich zu demütigen! Aber man hatte keineswegs ihren Willen gebrochen.

Dennoch ... diese albernen Aes Sedai betrachteten sie nun anders als zuvor. Semirhage hatte sich nicht verändert, aber die anderen schon. Irgendwie hatte diese verfluchte Frau mit dem Paralisnetz in ihrem Haar auf einen Schlag die ganze Autorität zunichtegemacht, die sie über den ganzen Haufen gehabt hatte.

Nur wie? Wie hatte sie so schnell die Kontrolle verlieren können? Die Erinnerung, von dieser Frau übers Knie gelegt und verdroschen zu werden, ließ sie erschaudern. Und mit welcher Lässigkeit das geschehen war. In der Stimme dieser Frau hatte lediglich leichter Unmut gelegen. Sie hatte sie - eine der Auserwählten! - behandelt, als wäre sie kaum größerer Beachtung wert. Das hatte noch mehr geschmerzt als die Schläge.

Und es würde nicht noch einmal passieren. Das nächste Mal war sie auf die Schläge gefasst, und sie würde ihnen keinen Wert beimessen. Ja, das würde funktionieren. Oder nicht?

Wieder erschauderte Semirhage. Im Namen der Vernunft und der Erkenntnis hatte sie Hunderte, wenn nicht sogar Tausende gefoltert. Folter war entlarvend. Man sah wirklich, aus was eine Person gemacht war - auf mehr als nur eine Weise -, wenn man anfing, sie aufzuschneiden. Diesen Satz hatte sie bei zahllosen Gelegenheiten benutzt. Für gewöhnlich ließ er sie lächeln.

Dieses Mal aber nicht.

Warum hatten sie ihr bloß keinen Schmerz zugefügt? Gebrochene Finger, Schnitte ins Fleisch, glühende Kohlen in die Ellenbeugen. Sie hatte sich gegen jede einzelne dieser Maßnahmen gestählt, sich darauf vorbereitet. Ein kleiner, begieriger Teil von ihr hatte sich sogar darauf gefreut.

Aber das? Gezwungen zu werden, vom Boden zu essen? Vor all jenen, die sie mit solcher Ehrfurcht betrachtet hatten, wie ein Kind behandelt zu werden?

Ich werde sie töten, dachte sie nicht zum ersten Mal. Ich werde ihre Sehnen entfernen, eine nach der anderen, und sie mit der Macht Heilen, damit sie überlebt, um die Schmerzen auch zu erleben. Nein. Nein, ich mache etwas anderes mit ihr. Ich werde ihr Qualen zeigen, wie sie in diesem Zeitalter noch niemand erlitten hat!

»Semirhage.« Ein Flüstern.

Sie erstarrte, spähte in die Finsternis. Die Stimme war leise gewesen, wie ein kühler Windhauch, zugleich aber scharf und schneidend. Hatte sie sie sich eingebildet? Er konnte doch wohl nicht da sein, oder doch?

»Du hast einen großen Fehler gemacht, Semirhage«, fuhr die Stimme fort. So leise. Ein schwacher Lichtschimmer drang unter der Tür hindurch, aber die Stimme kam von irgendwo innerhalb ihrer Zelle. Das Licht schien heller zu werden, und dann glühte es blutrot und beleuchtete den Saum einer Gestalt im schwarzen Umhang, die vor ihr stand. Semirhage schaute auf. Das rötliche Licht enthüllte ein weißes Gesicht von der Farbe toter Haut. Das Gesicht hatte keine Augen.

Sofort warf sich Semirhage auf die Knie und drückte das Gesicht zu Boden. Auch wenn die Gestalt vor ihr wie ein Myrddraal aussah, war sie doch viel größer und viel, viel wichtiger. Zitternd fiel ihr die Stimme des Großen Herrn ein, als er zu ihr gesprochen hatte.

Wenn du Schaidar Haran gehorchst, gehorchst du mir. Bist du ungehorsam ...

»Du solltest den Jungen gefangen nehmen und ihn nicht töten«, wisperte die Gestalt zischend; es klang wie Dampf, der zwischen Topf und Deckel entwich. »Du nahmst seine Hand und beinahe sein Leben. Du hast dich enthüllt und wertvolle Marionetten verloren. Du bist von unseren Feinden gefangen genommen worden, und jetzt haben sie dich gebrochen.« Sie konnte das Lächeln auf seinen Lippen hören. Schaidar Haran war der einzige Myrddraal, den sie je lächeln gesehen hatte. Allerdings glaubte sie nicht, dass dieses Ding wirklich ein Myrddraal war.

Sie erwiderte nichts auf seine Anklagen. Vor dieser Gestalt suchte man nicht nach Ausflüchten oder log gar.

Plötzlich verschwand die Abschirmung, die sie blockierte. Ihr stockte der Atem. Saidar war wieder da! Die süße Macht. Aber dann zögerte sie, als sie danach griff. Diese Möchtegern-Aes Sedai draußen auf dem Korridor würden mitbekommen, wenn sie die Macht lenkte.

Kalte Finger mit langen Krallen berührten ihr Kinn. Die Haut fühlte sich wie totes Leder an. Sie drückten ihren Kopf nach oben, damit sie den augenlosen Blick erwidern konnte. »Dir ist eine letzte Chance gewährt worden«, wisperten die madenhaften Lippen. »Versage nicht.«

Das Licht verblasste. Die Hand an ihrem Kinn zog sich zurück. Sie blieb knien und kämpfte das Entsetzen nieder. Eine letzte Chance. Der Große Herr belohnte Versagen stets auf ... einfallsreiche Weise. Solche Belohnungen hatte sie schon zuvor ausgeteilt und verspürte nicht den geringsten Wunsch, sie zu empfangen. Sie würden jede Strafe und Folter, die diese Aes Sedai sich einfallen lassen konnten, vergleichsweise kindisch erscheinen lassen.

Semirhage zwang sich auf die Füße und tastete sich an der Wand entlang. Sie kam zur Tür, hielt die Luft an und versuchte es.

Die Tür öffnete sich. Sie schlüpfte aus dem Zimmer, ohne die Angeln quietschen zu lassen. Vor ihr auf dem Boden lagen drei Leichen, die von ihren Stühlen gerutscht waren. Die Frauen, die ihre Abschirmung aufrechterhalten hatten. Da war noch jemand, der vor ihnen auf dem Boden kniete. Eine Aes Sedai. Eine Frau in einem grünen Kleid, deren braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden war. Sie hielt den Kopf gesenkt.

»Ich lebe, um zu dienen, Große Herrin«, flüsterte die Frau. »Man hat mir befohlen, Euch zu sagen, dass ein Zwang auf meinem Bewusstsein liegt, den Ihr entfernen sollt.«