»Am Ende der Woche sollt Ihr hundert Asha'man haben«, sagte er zu Ituralde. »Ich nehme an, Ihr wisst sie gut zu gebrauchen.«
»Ja, das glaube ich auch.«
»Verfasst tägliche Berichte, selbst wenn nichts geschieht. Schickt die Boten durch ein Wegetor. In vier Tagen breche ich das Lager ab und gehe nach Bandar Eban.«
Bashere grunzte; das war ihm neu. Rand lenkte sein Pferd zu dem großen offenen Wegetor hinter ihnen. Einige der Töchter waren bereits hindurchgesprungen, gingen wie immer als Erste. Narishma stand an der Seite, das Haar zu zwei dunklen Zöpfen mit Glöckchen geflochten. Auch er war Grenzländer gewesen, bevor er zum Asha'man geworden war. Zu viele belastete Loyalitäten. Was würde für Narishma an erster Stelle stehen? Seine Heimat? Rand? Die Aes Sedai, deren Behüter er war? Rand war sich ziemlich sicher, dass der Mann loyal war; er hatte zu jenen gehört, die ihm bei den Quellen von Dumai zu Hilfe gekommen waren. Aber die gefährlichsten Feinde waren immer die, von denen man annahm, dass man ihnen vertrauen konnte.
Man kann keinem von ihnen vertrauen!, sagte Lews Therin. Wir hätten sie nie so nahe an uns heranlassen dürfen. Sie werden sich gegen uns wenden!
Der Wahnsinnige haderte stets mit anderen Männern, die die Macht lenken konnten. Rand drängte Tai'daishar vorwärts und ignorierte Lews Therins Gestammel, obwohl ihn die Stimme wieder an jene Nacht denken ließ. Die Nacht, in der er von Moridin geträumt hatte und kein Lews Therin in seinem Verstand gewesen war. Das Wissen, dass seine Träume nicht länger sicher waren, drehte ihm den Magen um. Sie waren sein Zufluchtsort geworden, auf den er sich verlassen hatte. Albträume konnten ihn heimsuchen, das schon, aber es waren wenigstens seine eigenen Albträume.
Warum war ihm Moridin in Shadar Logoth zu Hilfe gekommen, damals bei dem Kampf mit Sammael? Was für ein undurchsichtiges Netz webte er? Er hatte behauptet, dass Rand in seinen Traum eingedrungen war, aber war das nicht nur eine weitere Lüge gewesen?
Ich muss sie vernichten, dachte Rand. Alle Verlorenen, und dieses Mal muss ich es richtig machen. Ich muss hart sein.
Nur dass Min nicht wollte, dass er hart war. Gerade ihr wollte er keine Angst machen. Min konnte man nichts vormachen; sie mochte ihn ja einen Narren nennen, aber sie log nicht, und das entfachte in ihm den Wunsch, der Mann zu sein, den sie sich wünschte. Aber konnte er dieses Wagnis eingehen? Konnte ein Mann, der zu lachen verstand, auch der Mann sein, der sich dem stellen konnte, was am Shayol Ghul getan werden musste?
Um zu leben, musst du sterben, so lautete die Antwort auf eine seiner drei Fragen. Wenn er Erfolg hatte, würde die Erinnerung an ihn - sein Vermächtnis - nach seinem Tod weiterleben. Keine besonders tröstliche Vorstellung. Er wollte nicht sterben. Wer wollte das schon? Die Aiel behaupteten, den Tod nicht zu suchen, auch wenn sie ihn umarmten, wenn er kam.
Er betrat das Wegetor. Reiste zurück zu dem Herrenhaus in Arad Doman mit dem Ring aus Kiefern, die den zertrampelten braunen Boden und die langen Zeltreihen umgaben. Nur ein harter Mann konnte sich seinem eigenen Tod stellen, gegen den Dunklen König kämpfen, während sein Blut auf den Felsen vergossen wurde. Wer hätte angesichts dessen schon lachen können?
Er schüttelte den Kopf. Lews Therin in seinem Kopf zu haben war nicht hilfreich.
Sie hat recht, sagte Lews Therin unvermittelt.
Sie?, fragte Rand.
Die Hübsche. Die mit den kurzen Haaren. Sie sagt, wir müssen die Siegel zerbrechen. Sie hat recht.
Rand erstarrte, hielt Tai'daishar an, ignorierte den Stallburschen, der gelaufen kam, um das Pferd zu holen. Lews Therin ihm zustimmen zu hören ...
Was tun wir danach?, fragte Rand.
Wir sterben. Du hast versprochen, dass wir sterben!
Nur, wenn wir den Dunklen König besiegen, erwiderte Rand. Du weißt genau, wenn er gewinnt, dann wird nichts mehr für uns da sein. Nicht einmal mehr der Tod.
Ja ... nichts, sagte Lews Therin. Das wäre nett. Keine Schmerzen, kein Bedauern. Nichts.
Rand verspürte ein Frösteln. Wenn Lews Therin anfing, so zu denken ... Nein, erwiderte er, das wäre nicht das Nichts. Er hätte unsere Seele. Die Qual würde schlimmer sein, viel schlimmer.
Lews Therin fing an zu weinen.
Lews Therin!, fuhr Rand ihn an. Was tun wir? Wie hast du den Stollen das letzte Mal versiegelt?
Es hat nicht funktioniert, flüsterte Lews Therin. Wir benutzten Saidin, aber wir haben den Dunklen König damit berührt. Es war die einzige Möglichkeit! Etwas muss ihn berühren, etwas muss die Lücke schließen, aber er konnte es verderben. Das Siegel war schwach!
Ja, aber was machen wir anders?, dachte Rand.
Schweigen. Einen Moment lang saß er da, dann rutschte er von Tai'daishar und ließ ihn von dem nervösen Stallburschen fortführen. Die restlichen Töchter kamen durch das Tor, und Bashere und Narishma bildeten den Abschluss. Rand wartete nicht auf sie, obwohl er Deira Bashere, Davram Basheres Frau, vor dem Reisegelände stehen sah. Die große, statueske Frau hatte dunkles Haar mit grauen Strähnen an den Schläfen. Sie warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Was würde sie tun, wenn Bashere in seinen Diensten starb? Würde sie ihm weiterhin folgen, oder würde sie die Truppen zurück nach Saldaea führen? Sie war so willensstark wie ihr Ehemann. Vielleicht sogar willensstärker.
Rand passierte sie mit einem Nicken und einem Lächeln und ging durch das abendliche Lager auf das Haus zu. Also wusste Lews Therin nicht, wie man das Gefängnis des Dunklen Königs versiegelte. Was nutzte ihm die Stimme dann? Sollte er doch zu Asche verbrennen, aber er war eine von Rands wenigen Hoffnungen gewesen!
Die meisten Leute waren klug genug, um ihm aus dem Weg zu gehen, als sie ihn über den Rasen stapfen sahen. Er konnte sich noch an die Zeit erinnern, als ihn solche Stimmungen nicht überfallen hatten, als er noch ein einfacher Schafhirte gewesen war. Rand der Wiedergeborene Drache war ein völlig anderer Mann. Ein Mann mit einer großen Verantwortung und Pflichten. Das musste er sein.
Pflicht. Pflicht war wie ein Berg. Nun, er fühlte sich, als säße er zwischen einem guten Dutzend verschiedener Berge, die alle auf ihn zurückten, um ihn zu zermalmen. Bei all diesen Kräften schienen seine Gefühle durch den ganzen Druck zu brodeln. War es da ein Wunder, wenn sie hervorbrachen?
Er schüttelte den Kopf. Im Osten lagen die Verschleierten Berge. Die Sonne stand im Begriff unterzugehen, und die Berge lagen in rotes Licht getaucht. Jenseits davon im Süden lagen Emondsfelde und die Zwei Flüsse, seltsam nah. Eine Heimat, die er nie wiedersehen würde, denn ein Besuch würde nur seine Feinde darauf aufmerksam machen, wie viel ihm daran lag. Er hatte schwer daran gearbeitet, sie glauben zu lassen, dass er ein Mann ohne jede Bindungen war. Manchmal fürchtete er, dass seine List zur Realität geworden war.
Berge. Berge wie Pflicht. In diesem Fall die Pflicht der Einsamkeit, denn irgendwo südlich von diesen viel zu nahen Bergen war sein Vater Tam. Er hatte ihn schon solange nicht mehr gesehen. Tam war sein Vater. Das hatte er entschieden. Seinen Geburtsvater hatte er nie kennengelernt, den Aiel Clanhäuptling Janduin, und auch wenn er offensichtlich ein Mann von Ehre gewesen war, verspürte er keinen Wunsch, ihn Vater zu nennen.
Manchmal sehnte er sich nach Tams Stimme, seiner Weisheit. Das waren die Augenblicke, in denen er wusste, dass er am härtesten sein musste, denn nur ein Augenblick der Schwäche, ein Augenblick, in dem er hilfesuchend zu seinem Vater rannte, würde fast alles vernichten, wofür er gearbeitet hatte. Und es würde vermutlich auch das Ende von Tams Leben bedeuten.