Rand schrie auf, vor Entzücken und vor Wut, und webte gewaltige Speere aus Feuer und Luft. Rammte die Gewebe gegen den Kragen um seinen Hals. Und im Zimmer explodierten Flammen und geschmolzenes Metall, von dem er jedes einzelne Stück wahrnahm. Er spürte jeden einzelnen Splitter, der von seinem Hals fortschoss, die Luft mit seiner Hitze verformte und Rauch hinter sich her zog, bis er eine Wand oder den Boden traf. Er öffnete die Augen und ließ Min los. Sie keuchte und schluchzte.
Rand richtete sich auf und drehte sich um. Glühend heißes Magma floss durch seine Adern - genauso hatte es sich angefühlt, als Semirhage ihn gefoltert hatte, und doch war es das genaue Gegenteil davon. So schmerzvoll dies auch war, so war es auch die pure Ekstase.
Semirhage sah völlig fassungslos aus. »Aber ... das ist unmöglich«, stammelte sie. »Ich habe nichts gefühlt. Du kannst unmöglich ...« Sie schaute auf, starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Die Wahre Macht. Großer Herr, warum hast du mich verraten? Warum?«
Rand hob die Hand und webte von einer Macht erfüllt, die er nicht verstand, ein einziges Gewebe. Ein Streifen aus reinem weißen Licht, ein reinigendes Feuer, brach aus seiner Hand hervor und traf Semirhage an der Brust. Sie blitzte auf und verschwand, hinterließ einen blassen Abdruck in Rands Sicht. Ihr Armreif landete polternd auf dem Boden.
Elza rannte zur Tür. Sie verschwand durch einen weiteren Lichtstreifen, einen Augenblick lang verwandelte sich ihre ganze Gestalt in Licht. Auch ihr Armreif fiel zu Boden, und die Frau, die ihn gehalten hatte, war völlig aus dem Muster gebrannt worden.
Was hast du nur getan?, fragte Lews Therin. Oh, beim Licht. Es wäre besser gewesen, wir hätten wieder gemordet ... Oh, beim Licht. Wir sind zum Untergang verurteilt.
Rand genoss die Macht noch einen Augenblick länger, dann ließ er sie bedauernd los. Er hätte sie gern noch weiter gehalten, aber er war einfach zu erschöpft dazu. Ihr Verschwinden hinterließ Taubheit in ihm.
Oder ... Nein. Diese Taubheit hatte nichts mit der Macht zu tun, die er gehalten hatte. Er drehte sich um und sah auf Min hinunter, die leise hustete und sich den Hals rieb. Sie schaute zu ihm auf und schien Angst zu haben. Er bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder so wie zuvor sehen würde.
Er hatte sich geirrt; tatsächlich hatte es doch noch etwas gegeben, das Semirhage ihm antun konnte. Er hatte gefühlt, wie er jemanden tötete, den er von ganzem Herzen liebte. Als er es einst als Lews Therin getan hatte, war er wahnsinnig und nicht dazu fähig gewesen, sich zu beherrschen. Er konnte sich kaum daran erinnern, wie er Ilyena ermordet hatte, das war wie in einem nebelhaften Traum gewesen. Erst nachdem Ishamael ihn erweckt hatte, hatte er überhaupt begriffen, was er da eigentlich getan hatte.
Endlich wusste er genau, wie es war, dabei zuzusehen, wie er die tötete, die er liebte.
»Es ist vollbracht«, flüsterte er.
»Was?«, fragte Min und hustete wieder.
»Das Letzte, was man mir antun konnte«, erwiderte er, überrascht, wie ruhig er doch war. »Jetzt haben sie mir alles genommen.«
»Rand, wovon sprichst du?«, fragte Min. Sie rieb sich wieder den Hals. Die ersten Schwellungen traten zum Vorschein.
Rand schüttelte nur den Kopf, als draußen im Korridor endlich Stimmen ertönten. Vielleicht hatten die Asha'man sein Machtlenken gespürt, als er Min gefoltert hatte.
»Ich habe meine Wahl getroffen, Min«, sagte er. »Du hast mich gebeten, zu lachen und nachgiebiger zu sein, aber damit ist es nun vorbei. Es tut mir leid.«
Vor Wochen hatte er entschieden, stärker werden zu müssen - wo er zuvor Eisen gewesen war, hatte er entschieden, zu Stahl zu werden. Anscheinend war Stahl aber zu schwach.
Er würde jetzt härter sein. Jetzt hatte er es begriffen. Wo er zuvor Stahl gewesen war, wurde er etwas anderes. Von jetzt an war er Cuendillar. Er hatte einen Ort betreten, der dem Nichts ähnelte, in das zu versinken ihm Tam vor so langer Zeit beigebracht hatte. Aber in diesem Nichts hatte er keine Gefühle. Überhaupt keine.
Sie konnten ihn nicht brechen oder verbiegen.
Es war vollbracht.
23
Ein Schimmern in der Luft
»Was ist mit den Schwestern, die ihre Zelle bewacht haben?«, fragte Cadsuane und stürmte neben Merise die Stufen empor.
»Corele und Nesune leben glücklicherweise noch, auch wenn sie außerordentlich schwach sind«, berichtete Merise und raffte die Röcke, während sie neben Cadsuane entlangeilte. Narishma folgte ihnen, und die Glöckchen am Ende seiner Zöpfe klirrten leise. »Daigian ist tot. Wir sind uns nicht sicher, warum man die anderen beiden am Leben gelassen hat.«
»Behüter«, sagte Cadsuane. »Töte die Aes Sedai, und ihre Behüter wissen es sofort - und wir hätten erfahren, dass etwas nicht stimmt.« Allerdings hätten die Behüter sowieso spüren müssen, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie würden die Männer verhören müssen, um zu erfahren, was sie gefühlt hatten. Da gab es bestimmt einen Zusammenhang.
Daigian hatte keinen lebenden Behüter. Cadsuane verspürte einen Stich des Bedauerns wegen der angenehmen Schwester, unterdrückte ihn aber. Dafür war jetzt keine Zeit.
»Die anderen beiden hat man in eine Art Trance versetzt«, fuhr Merise fort. »Spuren von Geweben konnte ich keine ausmachen, Narishma auch nicht. Wir hatten die Schwestern gerade entdeckt, als Alarm geschlagen wurde, dann sind wir sofort zu Euch gekommen, nachdem wir uns versichert hatten, dass al'Thor am Leben ist und unsere Feinde ausgeschaltet wurden.«
Cadsuane nickte verärgert. Von allen Abenden hatte sie ausgerechnet heute den Zelten der Weisen Frauen einen Besuch abstatten müssen! Sorilea und eine kleine Gruppe von ihnen folgten hinter Narishma, und Cadsuane wagte es nicht, das Tempo zu verringern, damit die Aielfrauen sie in ihrer Hast, al'Thor zu sehen, nicht niedertrampelten.
Sie erreichten den Treppenabsatz und eilten den Korridor auf al'Thors Zimmer zu. Wie hatte er es nur wieder einmal geschafft, sich solchen Ärger einzubrocken? Und wie hatte sich die verdammte Verlorene aus ihrer Zelle befreien können? Jemand musste ihr geholfen haben, aber das bedeutete, dass sich ein Schattenfreund in ihrem Lager aufhielt. Das war nicht unwahrscheinlich - wenn es in der Weißen Burg Schattenfreunde gab, dann würde man sie zweifellos auch hier finden. Aber welcher Schattenfreund konnte drei Aes Sedai ausschalten? Sicherlich wäre Machtlenken dieses Ausmaßes doch von jeder Schwester und jedem Asha'man im Lager wahrgenommen worden.
»Lag es am Tee?«, fragte Cadsuane leise.
»Nicht, soweit wir wissen«, erwiderte die Grüne. »Wir wissen mehr, wenn die anderen beiden aufwachen. Sie verloren sofort das Bewusstsein, als wir sie aus ihrer Trance holten.«
Cadsuane nickte. Al'Thors Tür stand offen, und Töchter schwärmten davor herum wie Wespen, die gerade entdeckt hatten, dass ihr Nest verschwunden war. Cadsuane konnte es ihnen nicht verdenken. Anscheinend hatte al'Thor nur wenig von dem erzählt, was passiert war. Der dumme Junge hatte Glück, noch unter den Lebenden zu sein! Was für ein lichtverfluchter Mist, dachte Cadsuane, ging an den Töchtern vorbei und betrat den Raum.
Auf der anderen Seite des Zimmers stand eine kleine Gruppe Aes Sedai versammelt und sprach leise miteinander. Sarene, Erian, Beldeine - alle aus dem Lager, die weder tot noch ausgeschaltet worden waren. Außer Elza. Wo war Elza?
Die drei nickten Cadsuane zu, als sie eintrat, aber sie hatte kaum einen Blick für sie übrig. Min saß auf dem Bett und rieb sich den Hals; ihre Augen waren rotgeweint, das kurz geschnittene Haar war zerzaust, das Gesicht totenbleich. Al'Thor stand neben dem offenen Fenster und schaute in die Nacht hinaus, seine gesunde Hand hielt den Stumpf hinter seinem Rücken. Sein Mantel lag zerknittert auf dem Boden, und er stand nur in Hemdsärmeln da. Ein kühler Wind blies herein und bewegte sein Haar.
Cadsuane ließ den Blick durch das Zimmer schweifen, hinter ihr im Korridor fingen die Weisen Frauen an, die Töchter zur verhören. »Nun?«, sagte sie. »Was ist passiert?«