»In der letzten Zeit habe ich oft Erfahrungen mit der Lossagung von Eiden gemacht«, erklärte Bryne. »Ich sagte, ich glaube Euch, mein Junge. Und das tue ich. Aber Ihr habt noch immer nicht erklärt, warum Ihr nicht nach Caemlyn zurückgekehrt seid.«
»Egwene war bei den Aes Sedai. Soweit ich wusste, ging es Elayne gut. Es schien ein guter Ort zu sein, um dort zu bleiben, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob mir Elaidas Autorität gefallen sollte.«
»Und was bedeutet Euch Egwene?«, fragte Bryne leise.
Gawyn erwiderte seinen Blick. »Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Ich wünschte, ich wüsste es.«
Seltsamerweise kicherte der General. »Ich verstehe. Wirklich, das tue ich. Kommt, lasst uns diese Aes Sedai finden, die Ihr zu sehen geglaubt habt.«
»Ich habe sie gesehen, Gareth«, sagte Gawyn und nickte den Posten zu, als sie durch das Tor gingen. Die Männer salutierten ihrem General, musterten Gawyn aber, als wäre er eine Schwarznatter. Wie es sich auch gehörte.
»Wir werden sehen, was wir finden«, sagte Bryne. »Aber egal, sobald ich Euch ein Treffen mit den Anführerinnen der Aes Sedai vermittelt habe, will ich Euer Wort, dass Ihr zurück nach Caemlyn geht. Überlasst Egwene uns. Ihr müsst Elayne helfen. Euer Platz ist in Andor.«
»Von Euch könnte ich das Gleiche sagen.« Gawyn betrachtete das vor Leben überschäumende Lager des Trosses. Wo war die Frau nur gewesen?
»Das könntet Ihr«, sagte Bryne schroff. »Aber es wäre nicht die Wahrheit. Dafür hat Eure Mutter gesorgt.«
Gawyn sah ihn fragend an.
»Sie hat mich auf die Weide geschickt, Gawyn. Hat mich verbannt und mir mit dem Tod gedroht.«
»Unmöglich!«
Bryne schaute grimmig drein. »Das dachte ich auch. Aber es stimmt trotzdem. Die Dinge, die sie sagte ... sie taten weh, Gawyn. Das taten sie wirklich.«
Mehr sagte Bryne nicht, aber da das von ihm kam, sprach es Bände. Gawyn hatte den Mann niemals ein Wort der Unzufriedenheit über seine Stellung oder seine Befehle äußern gehört. Er war Morgase treu ergeben gewesen - loyal mit der Art von Standhaftigkeit, die sich jeder Herrscher nur wünschen konnte. Gawyn hatte nie einen Mann kennengelernt, der sich seiner Sache sicherer gewesen war, oder einen Mann, der weniger geneigt war, sich zu beklagen.
»Das muss der Teil eines Plans gewesen sein«, sagte er dann. »Ihr kennt Mutter doch. Sollte sie Euch verletzt haben, dann gab es einen Grund dafür.«
Bryne schüttelte den Kopf. »Keinen Grund außer närrischer Liebe für diesen Gecken Gaebril. Um ein Haar hätte sie zugelassen, dass sie in ihrer geistigen Umnachtung Andor ruiniert.«
»Niemals!«, fauchte Gawyn. »Gareth, Ihr von allen Leuten solltet das wissen!«
»Das sollte ich«, sagte Bryne und senkte die Stimme. »Und ich wünschte, ich täte es.«
»Sie hatte andere Motive«, sagte Gawyn stur. Wieder fühlte er in sich den Zorn emporsteigen. Um sie herum schauten Händler sie an, sagten aber nichts. Vermutlich wussten sie, dass sie sich Bryne nicht nähern durften. »Aber das werden wir jetzt nie mehr erfahren. Jetzt, da sie tot ist. Al'Thor soll verflucht sein! Der Tag, an dem ich ihn durchbohre, kann nicht früh genug kommen.«
Bryne warf ihm einen scharfen Blick zu. »Al'Thor hat Andor gerettet, mein Sohn. Jedenfalls, soweit das einem Mann möglich war.«
»Wie könnt Ihr das sagen? Wie könnt Ihr nur gut über dieses Ungeheuer sprechen? Er hat meine Mutter umgebracht!«
»Ich weiß nicht, ob ich diesen Gerüchten Glauben schenken soll oder nicht«, entgegnete Bryne und rieb sich das Kinn. »Aber wenn ich es tue, mein Junge, dann hat er Andor vielleicht einen Gefallen getan. Ihr habt keine Ahnung, wie schlimm es am Ende dort wurde.«
»Ich kann nicht glauben, was ich da höre!« Gawyn griff nach dem Schwert. »Ich lasse nicht zu, dass man ihren Namen auf diese Weise beschmutzt, Bryne. Das ist mein Ernst.«
Bryne schaute ihm in die Augen. Sein Blick war so fest. Wie aus Granit gemeißelt. »Ich sage immer die Wahrheit, Gawyn. Ganz egal, wer mich damit herausfordert. Das fällt schwer, es sich anzuhören? Nun, es war noch schwerer, es zu erleben. Es kommt nie etwas Gutes heraus, wenn man sich beschwert. Aber ihr Sohn muss es wissen. Am Ende, Gawyn, hat sich Eure Mutter gegen Andor gewandt, indem sie Gaebril umarmte. Sie musste entfernt werden. Und sollte al'Thor das für uns getan haben, dann müssen wir ihm danken.«
Gawyn schüttelte den Kopf, Zorn und Fassungslosigkeit rangen miteinander. Das sollte Gareth Bryne sein?
»Das sind nicht die Worte eines verschmähten Liebhabers«, sagte Bryne mit steinerner Miene, als hätte er sämtliche Gefühle zur Seite geschoben. Er sprach leise, während sie weitergingen, und das Lagervolk machte einen weiten Bogen um sie. »Ich kann akzeptieren, dass eine Frau die Zuneigung zu einem Mann verliert und sich einem anderen zuwendet. Ja, Morgase der Frau kann ich vergeben. Aber Morgase der Königin? Sie hat dieser Schlange das Königreich gegeben. Sie hat ihre Verbündeten zur Prügelstrafe geschickt und sie dann in den Kerker geworfen. Sie war nicht mehr richtig im Kopf. Manchmal muss man den faulenden Arm eines Soldaten abschneiden, um dem Mann sein Leben zu retten. Ich freue mich über Elaynes Erfolg, und es ist wie eine Wunde, diese Worte zu sprechen. Aber Ihr müsst diesen Hass auf al'Thor begraben. Er war nicht das Problem. Das war Eure Mutter.«
Gawyn biss die Zähne zusammen. Niemals, dachte er. Ich werde al'Thor niemals vergeben. Das nicht.
»Ich kann die Absicht hinter diesem Blick erkennen«, sagte Bryne. »Nur noch ein Grund mehr, Euch zurück nach Andor zu schaffen. Ihr werdet sehen. Und wenn Ihr mir nicht glaubt, fragt Eure Schwester. Seht, was sie dazu zu sagen hat.«
Gawyn nickte knapp. Voraus erkannte er die Stelle wieder, wo er die Frau gesehen hatte. Er suchte nach den Wäscherinnen, dann ging er auf sie zu, schob sich zwischen zwei Kaufleuten mit stinkenden Hühnerkäfigen vorbei, die Eier verkauften. »Hier entlang«, sagte er, vielleicht etwas zu scharf.
Er vergewisserte sich nicht, ob Bryne ihm folgte. Der General hatte ihn bald eingeholt; er sah nicht erfreut aus, aber er sagte nichts.
Sie gingen einen gewundenen, bevölkerten Weg, vorbei an Leuten in brauner und dunkelgrauer Kleidung, und bald erreichten sie die Reihe aus Frauen, die vor zwei langen Holztrögen mit langsam fließendem Wasser stand. Männer am anderen Ende gossen Wasser in die Tröge, und die Frauen wuschen Kleidung in dem seifigen Wasser, dann spülten sie sie in dem sauberen aus. Kein Wunder, dass der Boden so nass war. Wenigstens roch es hier nach Seife und Sauberkeit.
Die Frauen hatten die Ärmel bis zu den Oberarmen aufgerollt, und die meisten von ihnen plauderten bei der Arbeit, die daraus bestand, Kleidung auf den Waschbrettern in den Trögen zu scheuern. Sie trugen alle die gleichen braunen Röcke, die Gawyn bei der Aes Sedai gesehen hatte. Er legte die Hand träge auf den Schwertgriff und musterte die Frauen von hinten.
»Welche ist es?«, fragte Bryne.
»Einen Moment«, erwiderte er. Da waren Dutzende von Frauen. Hatte er wirklich gesehen, was er zu sehen geglaubt hatte? Warum sollte sich eine Aes Sedai ausgerechnet an diesem Ort hier aufhalten? Sicherlich würde Elaida keine Aes Sedai als Spionin losschicken; ihre Gesichter waren viel zu auffällig.
Andererseits, wenn sie so leicht zu erkennen waren, warum konnte er sie dann nicht finden?
Und dann sah er sie. Sie war die einzige der Frauen, die sich nicht unterhielt. Sie kniete mit gesenktem Kopf da, das Haar unter dem gelben Tuch verborgen, das auch ihr Gesicht in Schatten tauchte. Ein Paar Locken ragten unter dem Stoff hervor. Ihre Haltung war so unterwürfig, dass er sie beinah übersehen hätte, aber die Formen ihres Körpers unterschieden sich von den anderen. Sie war sehr mollig, und das Kopftuch war das einzige gelbe in Sicht.
Gawyn schritt die Reihe der arbeitenden Frauen entlang, von denen einige aufstanden und mit in die Hüften gestemmten Händen in nicht zu missverstehenden Worten erklärten, das »Soldaten mit ihren großen Füßen und unbeholfenen Ellbogen« bei Frauenarbeit nichts zu suchen hatten. Er ignorierte sie und ging weiter, bis er neben dem gelben Kopftuch stand.