Das ist doch verrückt, dachte er. In der ganzen Geschichte der Aes Sedai hat es noch nie eine gegeben, die freiwillig diese Haltung eingenommen hätte.
Bryne trat neben ihn. Er beugte sich vor und versuchte einen besseren Blick auf das Gesicht der Frau zu erhaschen. Sie kauerte sich nur noch mehr zusammen und rubbelte hektisch noch schneller an dem Hemd vor ihr in dem Trog herum.
»Frau«, sagte Gawyn. »Darf ich Euer Gesicht sehen?«
Sie reagierte nicht. Gawyn sah Bryne an. Zögernd streckte der General die Hand aus und schob das Kopftuch der dicklichen Frau zurück. Das zum Vorschein tretende Gesicht war deutlich erkennbar das einer Aes Sedai, es hatte diese unverwechselbare alterslose Qualität. Sie schaute nicht auf. Sie arbeitete weiter.
»Ich habe doch gesagt, dass es nicht funktionieren wird«, sagte eine stämmige Frau in der Nähe. Sie stand auf und watschelte die Reihe entlang. Sie trug ein zeltähnliches Kleid in Grün und Braun. »›Meine Lady‹, habe ich gesagt, ›Ihr könnt tun, was Ihr wollt, ich werde so einer wie Euch nichts abschlagen, aber irgendjemand wird Euch bemerken.‹«
»Ihr habt das Kommando über die Waschfrauen?«, fragte Bryne.
Die große Frau nickte energisch, ihre roten Locken schaukelten. »Das habe ich in der Tat, General.« Sie wandte sich der Aes Sedai zu und machte einen Knicks. »Lady Tagren, ich habe Euch gewarnt. Soll das Licht mich verbrennen, aber das habe ich. Es tut mir aufrichtig leid.«
Die Frau namens Tagren senkte den Kopf. Waren das Tränen auf ihren Wangen? War so etwas überhaupt möglich? Was ging hier vor?
»Meine Lady«, sagte Bryne und ging neben ihr in die Hocke. »Seid Ihr eine Aes Sedai? Wenn Ihr es seid und mir zu gehen befehlt, dann tue ich das, ohne eine Frage zu stellen.«
Eine gute Weise, das anzugehen. Wenn sie wirklich eine Aes Sedai war, konnte sie nicht lügen.
»Ich bin keine Aes Sedai«, flüsterte die Frau.
Bryne sah Gawyn stirnrunzelnd an. Was hatte das zu bedeuten, wenn sie das sagte? Eine Aes Sedai konnte nicht lügen. Also ...
Leise fuhr die Frau fort: »Mein Name ist Shemerin. Einst war ich eine Aes Sedai. Aber jetzt nicht mehr. Nicht seit ...« Sie schaute wieder zu Boden. »Bitte. Lasst mich in meiner Schande weiterarbeiten.«
»Das werde ich«, sagte Bryne. Dann zögerte er. »Aber zuerst muss ich dafür sorgen, dass Ihr mit ein paar Schwestern aus dem Lager sprecht. Wenn ich Euch nicht zu ihnen bringe, um mit ihnen zu sprechen, schneiden sie mir die Ohren ab.«
Die Frau, Shemerin, seufzte, stand dann aber auf.
»Kommt mit«, sagte Bryne zu Gawyn. »Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie auch mit Euch sprechen wollen. Am besten bringen wir es schnell hinter uns.«
25
In Dunkelheit
Sheriam spähte in ihr dunkles Zelt und zögerte, entdeckte aber niemanden darin. Sich ein zufriedenes Lächeln gestattend, trat sie ein und zog die Eingangsplanen zu. Ausnahmsweise entwickelten sich die Dinge einmal so, wie sie sollten.
Natürlich überprüfte sie ihr Zelt auch weiterhin, bevor sie eintrat, hielt nach dem Ausschau, der manchmal dort gelauert hatte. Der, den sie nie hatte spüren können, aber immer den Eindruck gehabt hatte, es doch können zu müssen. Ja, sie vergewisserte sich noch immer und würde das vermutlich auch noch monatelang tun - aber nun war es unnötig. Kein Phantom wartete darauf, sie zu bestrafen.
Das rechteckige kleine Zelt war groß genug, um aufrecht darin stehen zu können; auf der einen Seite stand eine Pritsche, auf der anderen eine Truhe. Es war gerade noch genug Platz für einen Schreibtisch übrig, aber das würde den Raum so ausfüllen, dass sie sich kaum noch hätte rühren können. Außerdem gab es einen völlig akzeptablen Schreibtisch ganz in der Nähe, in Egwenes unbenutztem Zelt.
Es hatte Diskussionen darüber gegeben, das Zelt jemand anderem zu geben - die meisten Schwestern mussten sich eins teilen, obwohl jede Woche neue geliefert wurden. Allerdings war das Zelt der Amyrlin ein Symbol. Solange die Hoffnung bestand, dass Egwene zurückkehrte, sollte ihr Zelt auf sie warten. Die untröstliche Chesa hielt es in Ordnung, die anscheinend - zumindest hatte Sheriam den Eindruck - noch immer über die Gefangenschaft ihrer Herrin weinte. Nun, solange Egwene fort war, stand das Zelt Sheriam zur Verfügung, um dort zu arbeiten; sie konnte dort nur nicht schlafen. Schließlich erwartete man von der Behüterin der Amyrlin, dass sie sich um deren Dinge kümmerte.
Sheriam lächelte wieder und setzte sich auf ihre Pritsche. Vor gar nicht so langer Zeit war ihr Leben ein unendlicher Kreislauf aus Enttäuschungen und Schmerzen gewesen. Doch das war jetzt vorbei. Man hätte Romanda segnen sollen. Was Sheriam auch immer von der dummen Frau sonst hielt, Romanda war diejenige gewesen, die Halima - und damit Sheriams Folterknecht - aus dem Lager gejagt hatte.
Die Schmerzen würden zurückkehren. Die Dienste, die sie leistete, hatten grundsätzlich immer mit Qualen und Bestrafungen zu tun. Aber sie hatte gelernt, die Zeiten der Ruhe zu genießen.
Manchmal wünschte sie sich, sie hätte den Mund gehalten und keine Fragen gestellt. Aber sie hatte es nun einmal getan, und da war sie nun. Wie versprochen hatten ihre Treuepflichten ihr Macht eingebracht. Aber niemand hatte sie vor den Schmerzen gewarnt. Gar nicht so selten wünschte sie, sie hätte die Braunen gewählt und sich irgendwo in einer Bibliothek versteckt, wo sie anderen aus dem Weg gehen konnte. Aber jetzt war sie da, wo sie war. Es war sinnlos, darüber nachzusinnen, was hätte sein können.
Sie seufzte, dann zog sie ihr Kleid aus und nahm sich ein frisches Unterkleid. Das tat sie im Dunkeln; Kerzen und Öl waren rationiert, und da den Rebellen langsam das Geld ausging, musste sie das, was sie besaß, für spätere Zeiten verbergen.
Sie legte sich auf die Pritsche und zog die Decke hoch. Sie war nicht so naiv, sich wegen der Dinge schuldig zu fühlen, die sie getan hatte. Jede Schwester in der Weißen Burg versuchte weiterzukommen, darum ging es doch im Leben! Es gab nicht eine Aes Sedai, die ihren Schwestern keinen Dolch in den Rücken gestoßen hätte, wenn sie der Ansicht gewesen wäre, damit einen Vorteil zu gewinnen. Ihre Freunde waren darin nur etwas mehr ... geübt.
Aber warum musste das Ende aller Tage ausgerechnet jetzt kommen? Andere ihrer Verbindung sprachen davon, wie ruhmreich und ehrenvoll es doch war, in dieser Zeit zu leben, aber sie war da anderer Meinung. Sie war zu ihnen gestoßen, um in der Weißen Burg aufzusteigen, um die Macht zu haben, jene zu bestrafen, die ihr Unrecht taten. Niemals hatte sie an der letzten Abrechnung mit dem Wiedergeborenen Drachen teilnehmen wollen, und mit Sicherheit hatte sie sich nie gewünscht, mit den Auserwählten zu tun haben zu müssen!
Aber daran ließ sich jetzt nichts mehr ändern. Am besten genoss sie es, sowohl von den Prügeln wie auch von Egwenes selbstgerechtem Geschwätz befreit zu sein. In der Tat ...
Vor dem Zelt stand eine Frau mit großen Fähigkeiten in der Macht.
Sheriam riss die Augen auf. Sie konnte andere Frauen spüren, die die Macht lenken konnten, so wie das jede Schwester konnte. Verdammte Asche!, dachte sie nervös und kniff die Augen zusammen. Nicht schon wieder!
Der Zelteingang bewegte sich. Sheriam öffnete die Augen. Eine pechschwarze Gestalt stand über ihre Pritsche gebeugt; das wenige Mondlicht, das durch die flatternden Zeltplanen drang, reichte gerade aus, um die Umrisse der Gestalt zu beleuchten. Sie war in unnatürliche Dunkelheit gekleidet, schwarze Stoffstreifen flatterten hinter ihr, eine tiefe Finsternis verbarg das Gesicht. Sheriam keuchte auf und sprang von der Pritsche, nahm auf dem Zeltboden eine ehrerbietige Stellung ein. Es war kaum genug Platz, um sich hinzuknien. Sie zuckte zusammen und erwartete, dass der Schmerz wieder über sie kam.