»Ah ...«, sagte eine schnarrende Stimme. »Sehr gut. Du bist gehorsam. Ich bin erfreut.«
Es war nicht Halima. Halima, die anscheinend die ganze Zeit Saidin gelenkt hatte, hatte sie nie spüren können. Davon abgesehen war Halima nie ... auf so dramatische Weise aufgetreten.
Eine solche Stärke! Wahrscheinlich handelte es sich hier um eine der Auserwählten. Entweder das oder ein sehr mächtiger Diener des Großen Herrn, der hoch über ihr stand. Das sorgte sie bis ins Mark, und sie zitterte, als sie sich verneigte. »Ich lebe, um zu dienen, Große Herrin«, sagte sie schnell. »Ich, die ich gesegnet bin, mich vor Euch verneigen zu dürfen, in diesen Zeiten zu leben, in ...«
»Schluss mit dem Geplapper«, knurrte die Stimme. »Soweit ich weiß, hast du eine ordentliche Stellung in diesem Lager?«
»Ja, Große Herrin«, sagte Sheriam. »Ich bin die Behüterin der Chroniken.«
Die Gestalt schnaubte. »Behüterin eines zerlumpten Haufens Möchtegern-Rebellen. Aber das spielt keine Rolle. Ich brauche dich.«
»Ich lebe, um zu dienen, Große Herrin«, wiederholte Sheriam, und ihre Sorge wuchs. Was wollte diese Kreatur von ihr?
»Egwene al'Vere. Sie muss abgesetzt werden.«
»Was?«, fragte Sheriam überrascht. Ein Schlag Luft peitschte über ihren Rücken, und es brannte. Närrin! Wollte sie sich umbringen lassen? »Ich bitte um Vergebung, Große Herrin«, stieß sie hervor. »Verzeiht meinen Ausbruch. Aber eine der Auserwählten gab mir überhaupt erst den Befehl, dabei zu helfen, sie zur Amyrlin zu machen!«
»Ja, aber sie hat sich als ... schlechte Wahl erwiesen. Wir brauchten ein Kind und keine Frau, die nur das Gesicht eines Kindes hat. Sie muss entfernt werden. Du sorgst dafür, dass diese Gruppe alberner Rebellen aufhört, sie zu unterstützen. Und bereite diesen verfluchten Treffen in Tel'aran'rhiod ein Ende. Wieso können so viele von euch überhaupt dort hineinkommen?«
»Wir haben Ter'angreale«, sagte Sheriam zögernd. »Einige in der Form von bernsteingelben Tafeln sowie ein paar Eisenscheiben. Dann eine Handvoll Ringe.«
»Ah, Schlafweber«, sagte die Gestalt. »Ja, die könnten nützlich sein. Wie viele?«
Sheriam zögerte. Ihr Instinkt riet ihr zuerst, zu lügen oder auszuweichen - das erschien als eine Information, die sie der Gestalt vorenthalten konnte. Aber eine der Auserwählten anzulügen? Eine schlechte Entscheidung. »Wir hatten zwanzig«, sagte sie wahrheitsgemäß. »Aber eine hatte Leane bei sich, die Frau, die gefangen genommen wurde. Damit bleiben uns neunzehn.« Gerade genug für Egwenes Zusammenkünfte in der Welt der Träume - eine für jede Sitzende und eine für Sheriam selbst.
»Ja«, zischte die in Dunkelheit gehüllte Gestalt. »In der Tat nützlich. Stehle die Schlafweber, dann gib sie mir. Dieser Abschaum hat nichts dort verloren, wo die Auserwählten wandeln.«
»Ich ...« Sie sollte die Ter'angreale stehlen? Wie sollte sie das denn nur schaffen? »Ich lebe, um zu dienen, Große Herrin.«
»Ja, das tust du. Erledige diese Dinge für mich, und du wirst fürstlich belohnt werden. Versage ...« Die Gestalt dachte kurz nach. »Du hast drei Tage. Jeder Schlafweber, den du in dieser Zeit nicht herbeischaffen kannst, kostet dich einen Finger oder einen Zeh.« Und die Auserwählte öffnete mitten im Zelt ein Wegetor und verschwand. Auf der anderen Seite erhaschte Sheriam einen Blick auf die vertrauten, mit Fliesen ausgelegten Korridore der Weißen Burg.
Die Schlafweber stehlen! Alle neunzehn? In drei Tagen? Bei der großen Dunkelheit, dachte Sheriam. Ich hätte lügen sollen, wie viele wir davon haben! Warum habe ich nicht gelogen?
Sie blieb noch lange dort knien, holte tief Luft und sann über die Klemme nach, in der sie nun steckte. Ihre Zeit des Friedens war anscheinend vorbei.
Sie war kurz gewesen.
»Natürlich wird man sie vor das Burggericht zitieren«, sagte Seaine. Die zurückhaltende Weiße saß auf einem Stuhl, den ihr die beiden Roten geholt hatten, die Egwenes Zelle bewachten.
Die Zellentür stand offen, und Egwene saß auf der Schwelle auf einem Hocker - den die Roten ebenfalls besorgt hatten. Die beiden Wächterinnen, die dicke Cariandre und die strenge Patrinda, beobachteten sie sorgfältig vom Korridor aus. Beide hatten die Quelle umarmt und hielten Egwenes Abschirmung aufrecht. Sie sahen aus, als rechneten sie jeden Moment damit, dass sie gleich losrannte und einen Fluchtversuch unternahm.
Egwene ignorierte sie. Ihre beiden Tage der Gefangenschaft waren nicht angenehm gewesen, aber sie würde sie mit Würde ertragen. Selbst wenn man sie in einen winzigen Raum mit einer Tür gesperrt hatte, die keinen Lichtschimmer durchließ. Selbst wenn man ihr verweigert hatte, das blutige Novizinnenkleid auszuziehen. Selbst wenn man sie jeden Tag für die Weise schlug, in der sie Elaida behandelt hatte. Sie würde sich nicht beugen.
Die Roten gestatteten ihr zögernd Besucher, wie es das Burggesetz vorschrieb. Es überraschte Egwene, dass tatsächlich Besucher kamen, aber Seaine war nicht die Einzige gewesen. Es waren sogar einige Sitzende gekommen. Seltsam. Trotzdem verzehrte sie sich nach Neuigkeiten. Wie reagierte die Burg auf ihre Kerkerhaft? Waren die Abgründe zwischen den Ajahs noch immer tief und breit, oder hatte ihre Arbeit den Anstoß gegeben, dass man anfing, sie zu überbrücken?
»Elaida hat das Burggesetz recht deutlich gebrochen«, fuhr Seaine fort. »Und fünf Sitzende fünf verschiedener Ajahs haben es miterlebt. Natürlich hat sie versucht, ein Verfahren zu verhindern, aber damit ist sie gescheitert. Allerdings haben sich ein paar ihre Argumente angehört.«
»Als da wären?«, fragte Egwene.
»Dass Ihr eine Schattenfreundin seid. Und dass sie Euch deshalb aus der Burg ausgestoßen und erst dann geschlagen hat.«
Egwene verspürte ein Frösteln. Sollte es Elaida gelingen, für diese Argumentation genügend Unterstützung zu finden ...
»Das wird nicht standhalten«, sagte Seaine beruhigend. »Das hier ist nicht irgendein Hinterwäldlerdorf, wo ein auf eine Tür gekritzelter Drachenzahn ausreicht, um einen zu verurteilen.«
Egwene hob eine Braue. Sie war in einem »Hinterwäldlerdorf« aufgewachsen, und sie hatten genug Verstand gehabt, um mehr als Gerüchte zu brauchen, um jemanden zu verurteilen, ganz egal, um welches Verbrechen es sich handelte. Aber sie sagte nichts.
»Diese Anschuldigung zu beweisen ist nach den Normen des Turms schwer. Also vermute ich, dass sie nicht versuchen wird, das in einem Prozess zu beweisen - vor allem, weil dann unumgänglich wäre, dass Ihr für Euch selbst sprecht, und ich vermute, dass sie Euch verborgen halten will.«
»Ja«, erwiderte Egwene und warf den in der Nähe herumlungernden Roten einen Blick zu. »Vermutlich habt Ihr recht. Aber wenn sie nicht beweisen kann, dass ich eine Schattenfreundin bin, und wenn sie nicht verhindern kann, dass das vor das Burggericht kommt ...«
»Es ist kein Verstoß, der ihre Absetzung rechtfertigen würde«, sagte Seaine. »Die maximale Strafe wäre ein formaler Tadel durch den Saal und vier Wochen Buße. Die Stola würde sie behalten.«
Aber ordentlich an Glaubwürdigkeit verlieren, dachte Egwene. Das war ermutigend. Aber wie sollte man nur verhindern, dass Elaida sie einfach irgendwo versteckte? Sie musste den Druck auf die falsche Amyrlin aufrechterhalten - so schwer das auch war, wenn man den ganzen Tag in eine winzige Zelle gesperrt war! Bis jetzt war es nur eine kurze Zeit gewesen, aber die bereits verlorenen Gelegenheiten machten ihr schwer zu schaffen.
»Ihr werdet an dem Prozess teilnehmen?«, fragte sie.
»Natürlich«, sagte Seaine gelassen, so wie es Egwene von einer Weißen erwartete. Manche Weißen bestanden nur aus kühler Beherrschung und Logik. Seaine war viel warmherziger als sie, und trotzdem war sie äußerst reserviert. »Ich bin eine Sitzende, Egwene.«
»Ich nehme an, dass Ihr noch immer die Auswirkungen der Bewegungen des Dunklen Königs erlebt?« Egwene fröstelte und warf einen Blick auf den Zellenboden, erinnerte sich an das, was Leane passiert war. Ihre Zelle war viel nüchterner als Leanes, vielleicht wegen der Beschuldigung, eine Schattenfreundin zu sein.