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Dieses Mal vermochte Aviendha ein Erröten nicht zu unterdrücken. »Ich mache das, was man mir aufträgt.«

Min nickte, und Aviendha zwang sich, ihre Atmung zu kontrollieren. Sie konnte es sich nicht leisten, auf diese Frau wütend zu werden. Ihre Erstschwester hatte sie gebeten, nett zu Min zu sein. Sie entschied sich, sich nicht beleidigt zu fühlen. Min hatte ja keine Ahnung, was sie da sagte.

»Ich dachte, ich könnte vielleicht mit dir reden«, sagte Min und betrachtete noch immer das Lager. »Ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte. Ich vertraue den Aes Sedai nicht, und er auch nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob er jetzt überhaupt noch jemandem vertraut. Vielleicht nicht einmal mehr mir.«

Aviendha wandte den Kopf und sah, dass Min Rand al’Thor beobachtete, der durchs Lager ging. Er trug einen schwarzen Mantel, sein rotes Haar leuchtete im Nachmittagslicht. Er schien die Saldaeaner, die ihm dienten, hoch zu überragen.

Aviendha hatte von den Geschehnissen in der vergangenen Nacht gehört, als er von Semirhage angegriffen worden war. Von einer der Schattenbeseelten selbst; sie wünschte sich, sie hätte die Kreatur mit eigenen Augen sehen können, bevor sie getötet wurde. Sie erschauderte.

Rand al’Thor hatte gekämpft und gewonnen. Auch wenn er sich meistens wie ein Narr verhielt, war er ein geschickter Krieger, dem das Glück zur Seite stand. Welcher lebende Mensch konnte sonst von sich behaupten, eigenhändig so viele von den Schattenbeseelten besiegt zu haben wie er? Er hatte viel Ehre errungen.

Sein Kampf hatte ihm auf eine Weise Narben zugefügt, die Aviendha noch nicht richtig verstand. Sie konnte seine Schmerzen fühlen. Sie hatte sie auch während Semirhages Angriff gefühlt, auch wenn sie es zuerst fälschlicherweise für einen Albtraum gehalten hatte. Aber sie hatte schnell erkannt, dass das ein Irrtum war. Kein Albtraum konnte so schrecklich sein. Noch immer konnte sie den Widerhall dieses unglaublichen Schmerzes fühlen, diese Wogen der Qual, diese Raserei in ihm.

Sie hatte Alarm geschlagen, aber nicht schnell genug. Für ihren Fehler schuldete sie ihm Toh; darum würde sie sich kümmern, sobald sie das mit ihren Strafen erledigt hatte. Falls sie jemals damit fertig wurde.

»Rand al’Thor wird seine Probleme lösen«, sagte sie und tropfte mehr Wasser.

»Wie kannst du so etwas sagen?«, fragte Min und sah zu ihr herüber. »Fühlst du seinen Schmerz denn nicht?«

»Ich fühlte ihn jeden Augenblick«, erwiderte sie durch zusammengebissene Zähne. »Aber er muss sich seinen eigenen Prüfungen stellen, so wie ich mich den meinen. Vielleicht kommt der Tag, an dem er und ich uns ihnen gemeinsam stellen können, aber dieser Zeitpunkt ist nicht jetzt.«

Zuerst muss ich ihm ebenbürtig sein, fügte sie in Gedanken hinzu. Ich werde nicht als Unterlegene an seine Seite treten.

Min musterte sie, und Aviendha verspürte einen Schauder und fragte sich, welche Visionen die Frau sah. Angeblich trafen ihre Vorhersagen über die Zukunft immer ein.

»Du bist nicht das, was ich erwartet habe«, sagte Min schließlich.

»Ich habe dich getäuscht?«, fragte Aviendha stirnrunzelnd.

»Nein, das nicht«, erwiderte Min mit einem leisen Lachen. »Ich meinte, dass ich dich wohl falsch eingeschätzt habe. Ich war mir nicht sicher, was ich nach dieser Nacht in Caemlyn denken sollte, als wir … nun, die Nacht, in der wir zusammen mit Rand den Bund eingingen. Ich fühle mich dir nahe und zugleich schrecklich fern.« Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich habe ich erwartet, dass du sofort nach deiner Ankunft zu mir kommst. Wir hatten Dinge zu besprechen. Als du nicht kamst, machte ich mir Sorgen. Vielleicht habe ich dich ja beleidigt.«

»Du schuldest mir kein Toh«, versicherte Aviendha. »Gut«, sagte Min. »Manchmal befürchte ich, dass wir … dass es zu einer Konfrontation zwischen uns kommen könnte.«

»Und was würde das nützen?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Min schulterzuckend. »Ich dachte, das wäre die Art der Aiel. Mich zu einem Ehrenkampf herauszufordern. Um ihn.«

Aviendha schnaubte. »Um einen Mann kämpfen? Wer tut denn so etwas? Würdest du mir Toh schulden, vielleicht könnte ich dann verlangen, dass wir den Tanz der Speere tanzen - aber nur, wenn du eine Tochter wärst. Und nur, wenn ich auch eine wäre. Vermutlich könnten wir mit Messern kämpfen, aber das wäre kaum ein fairer Kampf. Welche Ehre läge darin, gegen jemanden zu kämpfen, der es nicht kann?«

Min errötete, als wäre sie gerade beleidigt worden. Welch seltsame Reaktion. »Ach, ich weiß nicht«, sagte sie, ließ ein Messer aus dem Ärmel gleiten und dann über ihre Knöchel tanzen. »Ich würde mich kaum als schutzlos bezeichnen.« Sie ließ das Messer in ihrem anderen Ärmel verschwinden. Warum mussten Feuchtländer immer so mit ihren Messerkünsten angeben? Thom Merrilin war dafür genauso anfällig gewesen. War Min denn nicht klar, dass Aviendha in der Zeit, die sie brauchte, um wie ein Straßenkünstler mit dem Messer herumzufummeln, ihr dreimal die Kehle hätte durchschneiden können? Aber sie sagte nichts. Offensichtlich war Min auf dieses Geschick sehr stolz, und es bestand kein Grund, sie zu beschämen.

»Das ist unwichtig«, sagte Aviendha und fuhr mit der Arbeit fort. »Ich würde nicht mit dir kämpfen, solange du mich nicht schwer beleidigst. Meine Erstschwester betrachtet dich als Freundin, und ich würde das auch gern tun.«

»Also gut«, sagte Min, verschränkte die Arme und schaute wieder zu Rand hinüber. »Nun, ich schätze, das ist gut so. Ich muss zugeben, dass mir die Vorstellung nicht gefällt, teilen zu sollen.«

Aviendha zögerte, dann tauchte sie den Finger wieder in den Eimer. »Mir auch nicht.« Zumindest gefiel ihr die Vorstellung nicht, mit einer Frau teilen zu müssen, die sie nicht gut kannte.

»Also was tun wir?«

»Weitermachen wie bisher«, meinte Aviendha. »Du hast, was du willst, und ich bin mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn sich etwas ändert, sage ich dir Bescheid.«

»Das ist … aufrichtig von dir.« Min sah verwirrt aus. »Du bist mit anderen Dingen beschäftigt? So wie Finger in Wassereimer zu tauchen?«

Wieder errötete Aviendha. »Ja«, fauchte sie. »Genau das. Du entschuldigst mich.« Sie stand auf und ging los, ließ die Eimer stehen. Ihr war klar, dass sie die Beherrschung nicht hätte verlieren dürfen, aber sie konnte es nicht ändern. Min, die immer wieder ihre Strafe zur Sprache brachte. Ihre Unfähigkeit zu begreifen, was die Weisen Frauen eigentlich von ihr wollten. Rand al’Thor, der sich ständig in Gefahr brachte, und sie konnte nicht einmal einen Finger rühren, um ihm zu helfen.

Sie ertrug es einfach nicht länger. Sie überquerte den Rasen und ballte dabei ständig die Fäuste, hielt Abstand zu Rand. So wie dieser Tag verlief, würde er ihre verschrumpelten Finger bemerken und sie fragen, warum sie sie eingeweicht hatte! Wenn er dann entdeckte, dass die Weisen Frauen sie bestraften, tat er vermutlich etwas Übereiltes und machte sich zum Narren. Männer waren so, und Rand al’Thor erst recht.

Aviendha stolzierte über den frühlingshaften Boden. Der braune Untergrund wies rechteckige Abdrücke auf, wo Zelte gestanden hatten. Sie bahnte sich einen Weg vorbei an den Feuchtländern, die in alle Richtungen eilten, und passierte eine Reihe Soldaten, die sich Kornsäcke zuwarfen und damit einen Wagen beluden, an den zwei Zugpferde mit dicken Hufen angeschirrt waren.

Sie blieb in Bewegung und gab sich alle Mühe, nicht zu platzen. Tatsächlich konnte sie das Gefühl nicht loswerden, gleich etwas »Übereiltes« zu tun, sich wie Rand al’Thor zu benehmen. Warum? Warum konnte sie nicht ergründen, was sie falsch machte? Die anderen Aiel im Lager schienen genauso unwissend zu sein wie sie, obwohl sie natürlich keiner darauf angesprochen hatte. Sie erinnerte sich daran, als Tochter ähnliche Bestrafungen gesehen zu haben, und sie hatte sich nie in die Angelegenheiten der Weisen Frauen eingemischt.