Sie ging um den Wagen herum und entdeckte, dass sie wieder auf Rand al’Thor zuhielt. Er sprach mit drei von Davram Basheres Quartiermeistern, die er um Haupteslänge überragte. Einer davon, ein Mann mit langem, schwarzen Schnurrbart, zeigte auf die Pferdeseile und sagte etwas. Rand sah Aviendha und hob die Hand, aber sie drehte sich auf dem Absatz um und ging auf das Aiellager an der Nordseite des Rasens zu.
Vergeblich versuchte sie ihren Zorn zu zügeln. Hatte sie denn kein Recht auf ihre Wut, auch wenn sie sie nur gegen sich selbst richtete? Die Welt stand kurz vor dem Untergang, und sie verbrachte ihre Tage damit, bestraft zu werden! Voraus entdeckte sie eine kleine Gruppe von Weisen Frauen - Amys, Bair und Melaine -, die neben einem Stapel aus zusammengelegten braunen Zelten standen. Die eng zusammengebundenen Bündel waren mit Riemen versehen, damit man sie sich auf den Rücken schnallen konnte.
Eigentlich hätte Aviendha zu ihren Eimern zurückkehren und ihre Bemühungen verdoppeln sollen. Aber das tat sie nicht. Vor Wut schäumend hielt sie auf die Weisen Frauen zu, wie ein Kind, das eine Narshkatze mit einem Stock angreift.
»Aviendha?«, fragte Bair. »Hast du deine Strafe bereits erledigt?«
»Nein, das habe ich nicht«, erwiderte Aviendha, blieb vor den Frauen stehen und stemmte die Fäuste in die Hüften. Der Wind zerrte an ihrer Bluse, aber sie ließ sie flattern. Umhereilende Arbeiter - Aiel und Saldaeaner - machten einen großen Bogen um die Gruppe.
»Nun?«, sagte Bair.
»Du lernst nicht schnell genug«, fügte Amys hinzu und schüttelte den weißhaarigen Kopf.
»Ich lerne nicht schnell genug?«, wiederholte Aviendha. »Ich habe alles gelernt, was ihr mir aufgetragen habt! Ich habe jede Lektion gelernt, jede Tatsache wiederholt, jede Pflicht erfüllt! Ich habe alle eure Fragen beantwortet, und ich habe gesehen, dass ihr bei jeder Antwort zustimmend genickt habt!«
Sie starrte jede von ihnen an, bevor sie fortfuhr. »Ich lenke die Macht besser als jede Aielfrau. Ich habe die Speere aufgegeben, und ich heiße den Platz unter euch willkommen. Ich habe meine Pflicht getan und bei jeder Gelegenheit Ehre gesucht. Und doch bestraft ihr mich immer noch! Damit ist jetzt Schluss. Entweder ihr sagt mir jetzt, was ihr von mir wollt, oder ihr schickt mich weg.«
Sie rechnete mit Wut. Sie erwartete Enttäuschung. Sie rechnete damit, erklärt zu bekommen, dass ein unwissender Lehrling die Entscheidungen Weiser Frauen nicht infrage stellte. Zumindest rechnete sie mit einer größeren Strafe für ihre Anmaßung.
Amys sah Melaine und Bair an. »Kind, nicht wir sind es, die dich bestrafen«, sagte sie und schien ihre Worte sehr sorgfältig zu wählen. »Für diese Strafen bist du selbst verantwortlich.«
»Was auch immer ich getan habe, ich glaube einfach nicht, dass ich dafür verdiene, zum Da’tsang gemacht zu werden. Wenn ihr mich so behandelt, dann entehrt ihr euch nur selbst.«
»Kind«, sagte Amys und erwiderte ihren Blick. »Weist du unsere Strafen zurück?«
»Ja«, erwiderte Aviendha mit pochendem Herzen. »Das tue ich allerdings.«
»Du hältst deinen Anspruch für genauso wichtig wie wir den unseren?«, fragte Bair und beschattete das Gesicht mit der Hand. »Du hältst dich für ebenbürtig?«
Ebenbürtig?, dachte Aviendha und verspürte die erste Panik. Ich bin ihnen nicht ebenbürtig! Ich muss noch Jahre lernen. Was mache ich hier?
Konnte sie jetzt noch den Rückzug antreten? Um Verzeihung bitten, ihr Toh irgendwie erfüllen? Am besten eilte sie zurück zu ihrer Strafe und füllte das Wasser um. Ja! Genau das musste sie tun. Sie musste gehen und …
»Ich sehe keinen Sinn mehr darin, noch weiter zu lernen«, sagte sie stattdessen. »Wenn diese Strafen alles sind, was ihr mir noch beibringen könnt, dann muss ich davon ausgehen, dass ich alles gelernt habe, was ich lernen muss. Ich bin bereit, mich euch anzuschließen.«
Sie wartete auf den unweigerlichen Ausbruch wütender Fassungslosigkeit. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie hätte sich nicht von Mins dummen Gerede so sehr aufstacheln lassen dürfen.
Und dann fing Bair an zu lachen.
Es war ein herzliches Lachen, das gar nicht zu einer so kleinen Frau zu passen schien. Melaine stimmte ein und hielt sich den von der Schwangerschaft leicht gewölbten Bauch. »Sie hat noch länger als du gebraucht, Amys!«, rief Melaine aus. »So ein stures Mädchen habe ich noch nie gesehen.«
Amys’ Miene war ungewöhnlich weich. »Willkommen, Schwester«, sagte sie zu Aviendha.
Aviendha blinzelte. » Was?«
»Du bist jetzt eine von uns, Mädchen!«, erklärte Bair. »Oder zumindest bald.«
»Aber ich habe euch widersprochen!«
»Eine Weise Frau kann nicht zulassen, dass andere auf ihr herumtrampeln«, sagte Amys. »Wenn sie den Schatten unserer Schwesternschaft noch immer mit der Einstellung eines Lehrlings betritt, dann wird sie sich nie als eine von uns betrachten.«
Bair schaute zu Rand al’Thor hinüber, der einige Schritte entfernt stand und sich mit Sarene unterhielt. »Mir ist nie bewusst geworden, wie wichtig unsere Bräuche sind, bevor ich diese Aes Sedai studierte. Die ganz unten betteln wie Hündchen und werden von denen ignoriert, die sich als ihre Höhergestellten betrachten. Ist es da ein Wunder, dass sie nichts erreichen?«
»Aber die Weisen Frauen haben doch auch ihre Ränge«, sagte Aviendha. »Oder etwa nicht?«
»Ränge?« Amys sah verwirrt aus. »Manche von uns haben mehr Ehre errungen als andere, die sie durch Weisheit, Taten und Erfahrung verdient haben.«
Melaine hob einen Finger. »Aber es ist wichtig, nein, es ist sogar von entscheidender Bedeutung, dass jede Weise Frau bereit ist, ihren Standpunkt gut zu verteidigen. Wenn sie davon überzeugt ist, im Recht zu sein, kann sie sich nicht zur Seite schieben lassen, nicht einmal von einer anderen Weisen Frau. Ganz egal, wie alt oder weise die auch sein mag.«
»Keine Frau ist bereit, sich uns anzuschließen, es sei denn, sie erklärt sich bereit dazu«, fuhr Amys fort. »Sie muss als Gleichgestellte auftreten.«
»Eine Strafe ist keine richtige Strafe, solange man sie nicht akzeptiert, Aviendha«, sagte Bair, die noch immer lächelte. »Wir hielten dich schon vor Wochen bereit, aber du musstest uns ja weiterhin stur gehorchen.«
»Ich hätte dich beinahe schon für zu stolz gehalten, Mädchen«, fügte Melaine mit einem Lächeln voller Zuneigung hinzu.
»Sie ist kein Mädchen mehr«, sagte Amys.
»Oh, das ist sie sehr wohl noch«, sagte Bair. »Bis noch eine Sache erledigt ist.«
Aviendha war wie benommen. Sie hatten behauptet, sie würde nicht schnell genug lernen. Lernen, für sich selbst einzustehen! Dabei hatte sie noch nie zugelassen, sich von anderen herumstoßen zu lassen, aber das hier waren keine »anderen« - es waren Weise Frauen, und sie war der Lehrling. Was wäre geschehen, hätte Min sie nicht so wütend gemacht? Sie würde sich bei der Frau bedanken müssen, obwohl Min gar nicht klar sein würde, was sie da getan hatte.
Bis noch eine Sache erledigt ist… »Was muss ich noch tun?«
»Rhuidean«, sagte Bair.
Natürlich. Eine Weise Frau besuchte die heiligste aller Städte zweimal in ihrem Leben. Einmal, wenn sie Lehrling wurde, und dann noch einmal, wenn man sie zur Weisen Frau erhob.
»Die Dinge werden jetzt anders sein«, versicherte Melaine. »Rhuidean ist nicht länger das, was es einst war.«
»Das ist kein Grund, die alten Bräuche zu vergessen«, erwiderte Bair. »Die Stadt mag nun für alle zugänglich sein, aber keiner wird so dumm sein, zwischen den Säulen hindurchzugehen. Aviendha, du musst…«
»Bair«, unterbrach Amys sie. »Wenn es dir recht ist, würde ich es ihr gern sagen.«
Bair zögerte, dann nickte sie. »Ja, natürlich. Das ist nur gerecht. Aviendha, wir wenden dir nun den Rücken zu. Wir werden dich nicht wiedersehen, bis du zu uns als Schwester zurückkommst, die von einer langen Reise heimkehrt.«
»Eine Schwester, die wir vergessen hatten, dass wir sie kannten«, sagte Melaine lächelnd. Die beiden Frauen wandten sich von ihr ab, dann ging Amys los in Richtung Reisegelände. Aviendha beeilte sich, sich ihr anzuschließen.