Ich bin in der Gegend geblieben, weil sie so vertraut ist, und ich kann sie nicht loslassen. Als euer Heer kam, sah ich die Gelegenheit, eine Arbeit zu finden, und ich ergriff sie. Aber bitte, zwingt mich nicht, zurückzugehen. Ich werde keine Gefahr sein. Ich will das Leben einer normalen Frau führen und darauf achten, meine Fähigkeiten nie zu benutzen.«
»Ihr seid eine Aes Sedai«, sagte Romanda und bemühte sich um einen gemäßigten Tonfall. Das Verhalten dieser Frau verlieh vielem zusätzliche Glaubwürdigkeit, was Egwene über Elaidas machthungrige Herrschaft in der Burg gesagt hatte. »Ganz egal, was Elaida gesagt hat.«
»Ich …« Shemerin schüttelte bloß den Kopf. Beim Licht! Sie war nie die selbstbewussteste aller Aes Sedai gewesen, aber sie so tief gesunken zu sehen war erschreckend.
»Erzählt mir von diesem Wassertor«, sagte Siuan und lehnte sich auf ihrem Stuhl vor. »Wo können wir es finden?«
»An der südwestlichen Seite der Stadt, Aes Sedai«, erwiderte Shemerin. »Fünf Minuten Fußweg östlich von der Stelle, an der die alten Statuen von Eleyan al’Landerin und ihren Behütern stehen.« Sie zögerte, erschien plötzlich noch nervöser. »Aber es ist ein kleines Tor. Da kann man kein Heer hindurchführen. Ich kenne es nur, weil ich die Pflicht hatte, mich um die Bettler zu kümmern, die dort leben.«
»Ich will trotzdem eine Karte«, beharrte Siuan, dann warf sie Lelaine einen Seitenblick zu. »Zumindest bin ich der Ansicht, wir sollten eine haben.«
»Das ist ein weiser Vorschlag«, sagte Lelaine in einem widerwärtig großherzigen Tonfall.
»Ich will mehr über Eure … Situation wissen«, sagte Magla. »Wie kommt Elaida nur auf die Idee, dass es klug sein könnte, eine Schwester zu degradieren? Egwene sprach von diesem Vorfall, und ich fand es schon damals unglaublich. Was hat sie sich nur dabei gedacht?«
»Ich … kann nicht für die Amyrlin sprechen«, sagte Shemerin. Und zuckte zusammen, als die Frauen im Raum sie ziemlich unverhohlen finster anstarrten, weil sie Elaida als Amyrlin bezeichnete. Romanda verzichtete darauf. Da kroch etwas unter dem Segeltuchboden des Zeltes, bewegte sich von der einen Ecke auf die Mitte des Raumes zu. Beim Licht! War das eine Maus? Nein, dazu war es zu klein. Vielleicht eine Grille. Romanda rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl herum.
»Aber Ihr habt doch sicherlich etwas getan, um ihren Zorn zu verdienen«, fuhr Magla fort. »Etwas, das eine solche Behandlung rechtfertigt?«
»Ich …«, sagte Shemerin. Aus irgendeinem Grund schaute sie immer wieder zu Siuan hinüber.
Dumme Frau. Fast war Romanda geneigt, Elaida zuzugestehen, genau richtig gehandelt zu haben. Man hätte Shemerin niemals zur Stola erheben dürfen. Sie zur Aufgenommenen zu degradieren war natürlich auch keine Art und Weise, die Situation zu lösen. So viel Macht durfte man der Amyrlin nicht zugestehen.
Ja, da war definitiv etwas unter dem Segeltuch, das sich wild entschlossen einen Weg zur Zeltmitte bahnte, eine winzige Erhebung, die sich ruckartig bewegte.
»Ich war in ihrer Gegenwart schwach«, sagte Shemerin schließlich. »Wir sprachen von den … Geschehnissen in der Welt. Ich konnte sie nicht ertragen. Ich zeigte nicht die Selbstsicherheit, die einer Aes Sedai geziemt.«
»Das ist alles?«, fragte Lelaine. »Ihr habt keine Intrigen gegen sie geschmiedet? Ihr habt ihr nicht widersprochen?«
Shemerin schüttelte den Kopf. »Ich war loyal.«
»Es fällt mir schwer, das zu glauben«, sagte Lelaine.
»Ich glaube ihr«, sagte Siuan trocken. »Shemerin hat oft genug gezeigt, dass sie in Elaidas Tasche war.«
»Das ist ein gefährlicher Präzedenzfall«, bemerkte Magla. »Soll man meine Seele verbrennen, aber das ist es.«
»Ja«, stimmte Romanda ihr zu und beobachtete, wie das, was es auch immer war, unter dem Segeltuch langsam auf sie zukroch. »Ich vermute, sie hat die arme Shemerin benutzt, um die Weiße Burg mit dem Konzept der Degradierung vertraut zu machen. So kann sie es gegen jene einsetzen, die wirklich ihre Feinde sind.«
Die Unterhaltung kam zum Erliegen. Die Sitzenden, die Egwene unterstützten, standen vermutlich ganz oben auf der Liste derjenigen, die degradiert werden sollten - falls sich die Aes Sedai wieder versöhnten und Elaida ihre Macht behielt.
»Ist das eine Maus?«, fragte Siuan und schaute zu Boden.
»Zu klein«, antwortete Romanda. »Und das ist nicht wichtig.«
»Klein?«, meinte Lelaine und beugte sich vor.
Romanda runzelte die Stirn und schaute wieder auf die Stelle. Sie schien größer geworden zu sein. Tatsächlich …
Plötzlich zuckte die Beule. Der Zeltboden riss, und eine dicke Küchenschabe von der Größe einer Feige kämpfte sich aus dem Spalt. Angeekelt wich Romanda zurück.
Mit zuckenden Fühlern krabbelte die Küchenschabe über den Boden. Siuan zog den Schuh aus, um sie totzuschlagen. Aber der Zeltboden in der Nähe des Risses wölbte sich erneut empor, und eine zweite Küchenschabe schob sich in die Freiheit. Dann eine dritte. Und dann kam ein ganzer Schwarm, der aus der Lücke sprühte wie zu heißer, ausgespuckter Tee. Ein schwarzer Teppich aus krabbelnden, wimmelnden Kreaturen, die sich in ihrer Eile voranzukommen übereinander schoben.
Die Frauen kreischten vor Ekel, warfen beim Aufspringen Stühle und Hocker um. Im nächsten Augenblick waren die Behüter da, der breitschultrige Rorik, der mit Magla verbunden war, und der kupferhäutige Hüne namens Burin Shaeren, der zu Lelaine gehörte. Die Schreie hatten sie die Schwerter ziehen lassen, aber die Küchenschaben schienen sie einfach nur zu verwirren. So standen sie da und starrten den dreckigen Insektenstrom einfach nur an.
Sheriam sprang auf ihren Stuhl. Siuan lenkte die Macht und fing an, die Schaben in ihrer Nähe zu zerquetschen. Romanda hasste es, die Eine Macht zum Töten zu benutzen, selbst bei so widerwärtigen Kreaturen, aber auch sie lenkte Luft und schlug breite Schneisen in die Schädlingsflut, doch die Insekten kamen viel zu schnell. Bald lebte der ganze Boden, und die Aes Sedai mussten das Zelt verlassen. Rorik verschnürte den Eingang, auch wenn das die Insekten nicht aufhalten würde.
Draußen konnte Romanda einfach nicht damit aufhören, sich mit den Fingern das Haar zu kämen, nur um sicherzugehen, dass sich dort keine Schabe verfangen hatte. Der Gedanke, dass die Kreaturen über ihren Körper krabbelten, ließ sie erschaudern.
»Gibt es in dem Zelt irgendetwas, das Euch am Herzen liegt?«, fragte Lelaine und betrachtete das Zelt. Das Lampenlicht zeigte schattenhafte Insekten die Wände hochschwärmen.
Romanda dachte kurz an ihr Tagebuch, aber sie wusste genau, dass sie es nie wieder anfassen konnte, nachdem ihr Zelt auf diese Weise verseucht worden war. »Nichts, das ich jetzt noch haben will«, erwiderte sie und webte Feuer. »Und nichts, das sich nicht ersetzen ließe.«
Die anderen schlossen sich ihr an, und das Zelt fing an zu brennen. Rorik sprang zurück, als die Frauen die Macht lenkten. Romanda glaubte die Insekten drinnen zerplatzen zu hören. Die plötzliche Hitze trieb die Aes Sedai zurück. In wenigen Augenblicken war das Zelt ein flammendes Inferno. Frauen eilten aus den umstehenden Zelten.
»Ich glaube nicht, dass das etwas Natürliches war«, sagte Magla leise. »Das waren Küchenschaben mit vierfach geteiltem Rückenschild. Es gibt sie auf Schiffen, die Shara besuchen. «
»Nun, das war nicht das Schlimmste, das wir vom Dunklen König gesehen haben«, sagte Siuan und verschränkte die Arme. »Wir werden bald viel Schlimmeres sehen, merkt euch meine Worte.« Sie warf Shemerin einen Blick zu. »Kommt. Ich will diese Karte von Euch.«
Sie gingen los, begleitet von Rorik und den anderen, die im Lager Bescheid geben würden, dass es der Dunkle König in dieser Nacht berührt hatte. Romanda blieb und sah zu, wie das Zelt verbrannte. Bald bestand es nur noch aus glühenden Resten.
Beim Licht, dachte sie. Egwene hat recht. Es kommt. Und zwar schnell. Und jetzt saß das Mädchen im Kerker; vergangene Nacht hatte sie sich mit dem Saal in der Welt der Träume getroffen und sie über den katastrophalen Abend mit Elaida und die Auswirkungen ihrer Beleidigung der falschen Amyrlin informiert. Und noch immer verweigerte sie jede Rettung.