Fackeln wurden entzündet und Behüter geweckt, die nach weiterem Bösen Ausschau halten sollten. Romanda roch Rauch. Das waren die Überreste von allem, was sie auf der Welt besessen hatte.
Die Burg musste wieder vereint sein. Ganz egal, was es kostete. Würde sie bereit sein, sich Elaida zu beugen, damit das geschah? Würde sie bereit sein, das Kleid der Aufgenommenen anzuziehen, wenn das für die nötige Einheit für die Letzte Schlacht sorgte?
Sie konnte sich nicht entscheiden. Und das bereitete ihr beinahe genauso viel Sorgen wie zuvor diese wimmelnden Küchenschaben.
27
Im Beschwipsten Wallach
Natürlich entkam Mat dem Lager nicht ohne die Aes Sedai. Verdammte Frauen. Er ritt die uralte Straße entlang, dieses Mal nur ohne die Bande. Allerdings wurde er begleitet von den drei Aes Sedai, zwei Behütern, zwei Soldaten, Talmanes, einem Lastpferd und Thom. Wenigstens hatten Aludra, Amathera und Egeanin darauf verzichtet, sich ihnen anzuschließen. Die Gruppe war auch so schon zu groß.
Die Kiefern, die die Straße bewachten, dufteten stark, und in der Luft lag das Gezwitscher von Bergfinken. Bis zum Sonnenuntergang waren es noch ein paar Stunden, Mat hatte die Bande gegen Mittag anhalten lassen. Er ritt ein Stück vor den Aes Sedai und ihren Behütern, die eine dichte Gruppe bildeten. Nachdem er Joline Pferde und Geld verweigert hatte, war es für sie natürlich nicht infrage gekommen, ihm auch nur einen Schritt entgegenzukommen. Nicht, wenn sie ihn zwingen konnten, sie in das Dorf mitzunehmen, wo sie zumindest eine Nacht in einem Gasthaus mit weichen Betten und warmen Bädern verbringen konnten.
Er wehrte sich nicht zu heftig. Zwar passte ihm nicht, dass die Bande zum Thema werden würde, und Frauen waren nun einmal Klatschweiber, selbst die Aes Sedai. Aber es war sowieso so gut wie unmöglich, dass der Vorbeimarsch der Bande in dem Dorf keinen Aufruhr auslöste. Sollte es auf diesen gewundenen Bergwegen seanchanische Patrouillen geben … nun, er würde die Bande eben zügig nach Norden führen müssen. Sinnlos, deswegen Tränen zu vergießen.
Außerdem fand er langsam das alte Gleichgewicht wieder, wie er auf Pips über die Straße galoppierte und die Frühlingsbrise im Haar spürte. Er hatte einen seiner älteren Mäntel angezogen, rot mit braunem Besatz und aufgeknöpft, um das alte braune Hemd darunter zu zeigen.
Allein darum ging es doch. Unterwegs neue Dörfer kennenzulernen, in den Gasthäusern zu würfeln, ein paar hübschen Schankmägden in den Hintern zu kneifen. Er würde nicht an Tuon denken. Verfluchte Seanchaner. Bestimmt ging es ihr gut, oder nicht?
Nein. Der Gedanke an den Würfelbecher ließ beinahe seine Finger jucken. Es war viel zu lange her, dass er sich in einer Ecke niedergelassen und mit ganz normalen Burschen gespielt hatte. Ihre Gesichter würden etwas schmutziger sein und ihre Ausdrucksweise etwas grober, aber ihr Herz würde so gut wie das eines jeden Mannes sein. Besser als das der meisten Adligen.
Talmanes ritt direkt vor ihm. Er würde sich vermutlich eine etwas bessere Schenke als Mat wünschen, wo man bei einem Kartenspiel einsteigen konnte, statt zu würfeln. Aber vermutlich würden sie nicht viel Auswahl haben. Das Dorf war recht ansehnlich, möglicherweise hätte es sogar schon die Bezeichnung Stadt verdient, aber es würde wohl kaum mehr als drei oder vier Gasthäuser geben. Ihre Auswahl würde beschränkt sein.
Recht ansehnlich, dachte Mat und nahm grinsend den Hut ab, um sich am Hinterkopf zu kratzen. Hinderstap würde nur drei oder vier Gasthäuser haben, und das machte es zu einer Kleinstadt. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er Baerlon als große Stadt betrachtet hatte, dabei war es vermutlich nicht viel größer als dieses Hinderstap!
Ein Pferd schob sich an seine Seite. Thom hatte schon wieder die Nase in diesen verdammten Brief gesteckt. Die Miene des schlanken Gauklers war nachdenklich, als er die Worte anstarrte. Sein weißes Haar flatterte im Wind. Als hätte er sie nicht bereits schon tausend Mal gelesen.
»Warum steckst du das nicht weg?«, meinte Mat. Thom schaute auf. Es hatte einiges an Überredung gekostet, den Gaukler dazu zu bringen, sich ihnen anzuschließen, aber er brauchte das, brauchte eine Ablenkung.
»Thom, das ist mein Ernst«, fuhr Mat fort. »Ich weiß, dass du es eilig hast, nach Moiraine zu suchen. Aber es wird noch Wochen dauern, bevor wir aufbrechen können, und immer wieder diese Worte zu lesen wird nur deine Unruhe steigern.«
Thom nickte und faltete das Papier andächtig zusammen. »Du hast recht, Mat. Aber ich habe diesen Brief monatelang mit mir herumgetragen. Jetzt, da ich seinen Inhalt geteilt habe, fühle ich mich … nun, ich will es einfach hinter mich bringen.«
»Ich weiß «, sagte Mat und schaute zum Horizont. Moiraine. Der Turm von Ghenjei. Beinahe hatte er das Gefühl, das Gebäude dort hinten in die Höhe ragen zu sehen. Dort führte sein Weg hin, und Caemlyn war nur ein Schritt dorthin. Wenn Moiraine noch am Leben war … beim Licht, was würde das bedeuten? Wie würde Rand reagieren?
Die Rettung war ein weiterer Grund, warum Mat das Gefühl hatte, einen schönen Abend beim Würfeln zu brauchen. Warum hatte er nur eingewilligt, Thom in den Turm zu begleiten? Diese brennenden Schlangen und Füchse - er verspürte nicht das geringste Verlangen, sie wiederzusehen.
Aber … er konnte Thom unmöglich allein gehen lassen. Es hatte eine gewisse Unausweichlichkeit. Als hätte ein Teil von ihm die ganze Zeit über gewusst, dass er zurückkehren und sich diesen Kreaturen noch einmal stellen musste. Zwei Mal hatten sie ihn bis jetzt hereingelegt, und die Eelfinn hatten mit diesen Erinnerungen seinen Verstand durcheinandergebracht. Er hatte mit ihnen noch eine Rechnung zu begleichen, so viel stand fest.
Nicht, dass er viel für Moiraine übrig gehabt hätte, aber er würde sie ihnen auch nicht überlassen, auch wenn sie eine Aes Sedai war. Verdammte Asche. Vermutlich hätte er sogar versucht, einen der Verlorenen zu retten, sollten sie dort gefangen sein.
Was möglicherweise sogar der Fall war. Lanfear war durch dasselbe Tor gestürzt. Was sollte er nur tun, wenn er sie dort fand? Würde er wirklich auch sie retten?
Du bist ein Narr, Matrim Cauthon. Kein Held. Bloß ein Narr.
»Wir finden Moiraine, Thom«, sagte er. »Ich gebe dir mein Wort, verdammt noch mal. Wir finden sie. Aber vorher müssen wir die Bande an einem sicheren Ort untergebracht haben, und wir brauchen Informationen. Bayle Domon behauptet zu wissen, wo der Turm steht, aber ich bin erst dann zufrieden, wenn wir eine große Stadt finden und Gerüchte und Geschichten über diesen Turm aufschnappen können. Irgendjemand muss etwas wissen. Davon abgesehen brauchen wir Vorräte, und die werden wir wohl kaum in diesen Bergdörfern finden. Wir müssen es nach Caemlyn schaffen, vielleicht halten wir auf dem Weg in Vier Könige an.«
Thom nickte, aber Mat entging keineswegs, dass ihm der Gedanke, Moiraine dort gefangen zu lassen, wo man sie möglicherweise folterte oder was auch immer mit ihr anstellte, zu schaffen machte. Thoms funkelnde blaue Augen wiesen diesen entrückten Ausdruck auf. Warum setzte ihm das nur so zu? Was bedeutete Moiraine ihm nur, war sie nicht bloß eine beliebige Aes Sedai, eine von jenen, die seinem Neffen das Leben gekostet hatten?
»Verdammt. Wir sollten nicht über solche Dinge nachgrübeln, Thom! Wir werden uns einen schönen Abend machen, werden würfeln und viel lachen. Vermutlich wird auch genug Zeit für ein paar Lieder sein.«
Thom nickte, und seine Miene hellte sich etwas auf. Sein Lautenkasten war hinten auf seinem Pferd festgeschnallt; es würde gut sein, ihn diesen wieder öffnen zu sehen. »Willst du also wieder für dein Essen jonglieren, Lehrling?«, fragte Thom mit einem Funkeln in den Augen.