»Ach ja?«
Mat wandte sich lächelnd wieder dem Tisch zu. Seine Geldbeutel hatte er größtenteils geleert, aber es reichte noch für ein paar Würfe - das Geld, das er draußen liegen hatte, nicht mitgezählt. Er nahm die Würfel und zählte ein paar Goldkronen ab, und die Menge fing an, Münzen zu setzen - einige davon die Goldmünzen, die sie Mat abgenommen hatten.
Er verlor, was den Zuschauern ein gewaltiges Gebrüll entlockte. Barlden sah aus, als wollte er Mat rausschmeißen - es wurde spät, die Sonne ging bald unter -, aber er zögerte, als er Mat eine weitere Handvoll Goldmünzen hervorholen sah. Gier nagte an jedem Mann, und strenge Regeln konnte man dehnen, wenn die Gelegenheit vorbeispazierte und einem nur verführerisch genug zublinzelte.
Mat warf und verlor. Weiterer Jubel. Der Bürgermeister verschränkte die Arme.
Mat griff in seinen Beutel, aber der war leer. Die Männer um ihn herum sahen enttäuscht aus, und einer von ihnen bestellte eine Runde, um »dem armen jungen Lord dabei zu helfen, sein Pech zu vergessen«.
Von wegen, dachte Mat und unterdrückte ein Lächeln. Er hob die Hände. »Wie ich sehe, wird es spät«, sagte er in die Runde.
»Zu spät«, warf Barlden ein und drängte sich an ein paar übelriechenden Ziegenhirten in Umhängen mit Pelzkragen vorbei. »Ihr solltet gehen, Fremde. Und glaubt ja nicht, dass ich diese Männer hier dazu bringe, Euch das zurückzugeben, was Ihr fair an sie verloren habt.«
»Das würde mir doch nicht im Traum einfallen«, erwiderte Mat und lallte etwas. »Harnan und Delarn!«, brüllte er dann. »Bringt die Truhe rein!«
Einen Augenblick später eilten die beiden Soldaten in die Schenke und brachten die kleine Holztruhe von dem Lastpferd. Im Raum wurde es still, als sie sie auf einem Tisch abstellten. Leicht schwankend fummelte Mat einen Schlüssel aus der Tasche, schloss auf und enthüllte den Inhalt.
Gold. Viel Gold. Praktisch der Rest seines persönlichen Vermögens. »Für einen Wurf ist noch Zeit«, sagte Mat zu den andächtig schweigenden Zuschauern. »Macht jemand mit?«
Münzen wurden geworfen, bis der Stapel den größten Teil von dem enthielt, was Mat verloren hatte. Es reichte nicht einmal annähernd, um dem zu entsprechen, was sich in seiner Truhe befand. Er betrachtete das Geld, klopfte mit dem Finger gegen das Kinn. »Freunde, das reicht nicht. Ich nehme hier eine schlechte Wette an, aber wenn ich heute nur noch einen Wurf habe, dann will ich auch die Chance, hier mit etwas Vernünftigem herauszuspazieren.«
»Mehr haben wir aber nicht«, sagte einer der Männer, während andere Mat drängten, die Würfel zu werfen.
Mat seufzte, dann schloss er den Deckel der Truhe wieder. »Nein«, sagte er. Selbst Barlden schaute jetzt mit einem gierigen Funkeln im Auge zu. »Es sei denn …« Mat hielt inne. »Ich bin gekommen, um Vorräte einzukaufen. Wie wäre es denn mit einem Tauschhandel? Ihr könnt die Münzen behalten, die ihr gewonnen habt, und ich setze diese Truhe gegen Lebensmittel ein. Essen für meine Männer, ein paar Fässer Ale. Ein Karren, um alles zu befördern.«
»Dazu reicht die Zeit nicht.« Barlden schaute zu dem dunkler werdenden Fenster.
»Aber sicher tut es das «, erwiderte Mat und beugte sich vor. »Ich gehe nach diesem Wurf. Mein Wort darauf.«
»Unsere Regeln sehen keine Ausnahmen vor«, sagte der Bürgermeister. »Der Preis ist zu hoch.«
Mat erwartete, dass die Männer protestieren würden, dass sie den Bürgermeister darum baten, eine Ausnahme zu machen. Aber das geschah nicht. Mat verspürte einen Stich der Furcht. Nach den ganzen Verlusten … wenn sie ihn jetzt hinauswarfen …
Er klappte die Truhe wieder auf, zeigte die Goldmünzen.
»Ich gebe Euch das Ale«, sagte da plötzlich der Wirt. »Und Mardy, Ihr habt einen Wagen und ein Geschirr. Nur eine Straße weiter.«
»Ja«, sagte Mardy, ein Mann mit dunklem kurzem Haar. »Das ist mein Wetteinsatz.«
Männer fingen an, ihre Einsätze zu brüllen - Korn aus ihren Speisekammern, Kartoffeln aus ihren Kellern. Mat sah den Bürgermeister an. »Es ist noch … was … eine halbe Stunde bis zum Einbruch der Nacht? Warum sehen wir nicht, was wir bis dahin zusammenbekommen? Wenn ich verliere, kann der Dorfladen auch seinen Anteil haben. Ich wette, Ihr könntet das Geld gebrauchen, nach dem Winter, den wir hatten. «
Barlden zögerte, dann nickte er nach einem Blick auf das Geld. Männer jubelten und rannten los, holten den Wagen, rollten die Fässer herbei. Mehr als nur ein paar rannten nach Hause oder zum Dorfladen. Mat sah ihnen in der sich schnell leerenden Gaststube hinterher.
»Ich weiß, was Ihr da tut«, sagte der Bürgermeister. Er schien es nicht eilig zu haben, etwas zu holen.
Mat sah ihn fragend an.
»Ich werde nicht zulassen, dass Ihr uns am Ende des Abends mit einem Wunderwurf betrügt.« Barlden verschränkte die Arme. »Ihr werdet meine Würfel nehmen. Und Ihr werdet schön langsam werfen. Ich weiß, dass Ihr viele Spiele verloren habt, aber würden wir Euch durchsuchen, würden wir Würfel finden, die Ihr versteckt am Leib tragt.«
»Ihr könnt mich gern durchsuchen«, sagte Mat und hob die Arme.
Barlden zögerte. »Ihr werdet sie natürlich weggeworfen haben«, sagte er dann. »Ein feiner Betrug, sich wie ein Lord zu kleiden und die Würfel dann so zu manipulieren, dass sie Euch verlieren statt gewinnen lassen. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie von einem Mann gehört, der so mutig ist, für manipulierte Würfel so viel Gold wegzuwerfen.«
»Wenn Ihr Euch so sicher seid, dass ich betrüge«, sagte Mat, »warum macht Ihr dann mit?«
»Weil ich weiß, wie ich Euch daran hindern kann«, erwiderte der Bürgermeister. »Wie bereits gesagt, Ihr werdet meine Würfel benutzen.« Er zögerte, dann lächelte er und hob die beiden Würfel vom Tisch, mit denen Mat gespielt hatte. Er warf sie. Sie zeigten eine Eins und eine Zwei. Er warf sie erneut und erhielt dasselbe Resultat.
»Oder noch besser.« Das Lächeln des Bürgermeisters vertiefte sich. »Ihr nehmt die hier. Und ich … werfe für Euch.« Im schwindenden Licht nahm Barldens Gesicht einen entschieden unheimlichen Ausdruck an.
Mat verspürte einen Stich der Panik.
Talmanes ergriff seinen Arm. »Es ist gut, Mat«, sagte er. »Ich finde, wir sollten gehen.«
Mat hob die Hand. Funktionierte sein Glück auch dann, wenn ein anderer die Würfel warf? Manchmal verhinderte es, dass er im Kampf verletzt wurde. Davon war er überzeugt. Oder?
»Dann macht«, sagte er zu Barlden. Der Mann sah ihn ungläubig an.
»Ihr könnt den Wurf machen«, fuhr Mat fort. »Aber er zählt, als hätte ich selbst geworfen. Ein Gewinnwurf, und ich gehe mit allem. Verliere ich, und ich gehe mit meinem Hut und meinem Pferd, und Ihr könnt die verdammte Truhe behalten. Einverstanden?«
»Einverstanden.«
Mat streckte die Hand aus, aber der Bürgermeister wandte sich ab und ließ die Würfel in seiner Hand klappern. »Nein«, sagte er. »Ihr bekommt keine Gelegenheit, diese Würfel auszutauschen, Reisender. Geht raus und wartet. Und haltet Abstand. «
Sie folgten seinem Wunsch und tauschten die alegeschwängerte Luft der Schenke gegen die saubere Luft der Straße. Mats Soldaten brachten die Truhe. Barlden verlangte, dass der Deckel offen blieb, damit man den Inhalt nicht austauschen konnte. Einer seiner Schläger kramte darin herum und biss in ein paar Münzen, vergewisserte sich, dass sie tatsächlich gefüllt und das Geld echt war. Mat wartete und lehnte sich gegen die Tür, während man einen Wagen brachte und Männer aus der Schenke Fässer mit Ale aufluden.
Die Sonne am Horizont war kaum noch ein Lichtschimmer hinter diesen verdammten Wolken. Mat entging nicht, dass der Bürgermeister immer nervöser wurde. Verdammte Asche, der Mann hing sehr an seinen Regeln! Nun, Mat würde es ihm zeigen, ihnen allen. Er würde ihnen zeigen, dass man …
Was würde er ihnen zeigen? Dass er nicht zu schlagen war? Was bewies das schon? Immer mehr Lebensmittel wurden auf den Wagen geladen, und ein seltsames Schuldgefühl suchte ihn heim.
Ich mache hier nichts Falsches, dachte er. Ich muss meine Männer ernähren, oder etwa nicht? Diese Männer gehen eine faire Wette ein, und ich gehe eine faire Wette ein. Keine manipulierten Würfel. Kein Betrug.