Mat brüllte auf und warf sich von Pips’ Rücken - er konnte nicht mit seinem Pferd angreifen, wenn er es nicht riskieren wollte, den Mann zu zertrampeln, den er retten wollte. Er hasste es, in der Dunkelheit zu kämpfen, er hasste es mit jeder Faser seines Seins. Er griff die dunklen Gestalten an, deren Gesichter er abgesehen von den gelegentlich im sterbenden Licht aufblitzenden Zähnen oder irren Augen nicht sehen konnte. Es erinnerte ihn kurz an eine andere Nacht, in der er in der Dunkelheit Schattengezücht getötet hatte. Nur dass diese Gestalten hier nicht über die Anmut eines Myrddraals verfügten. Sie hatten nicht einmal die Koordination von Trollocs.
Einen Moment lang hatte es den Anschein, als würde er gegen Schatten kämpfen, unberechenbare Schatten, die umso tödlicher waren, weil er ihre Bewegungen nicht abschätzen konnte. Nur knapp entging er einem zerschmetterten Schädel durch Angriffe, die völlig unkoordiniert erfolgten. Am Tag wären diese Attacken lächerlich gewesen, aber diese dunkle Horde aus Männern und Frauen, denen völlig egal war, was sie trafen oder wen sie verletzten, war unberechenbar. Er musste um sein nacktes Leben kämpfen, wirbelte den Ashandarei im weiten Bogen herum, benutzte ihn genauso oft, um jemanden stolpern zu lassen, wie um zu töten. Wenn sich etwas in der Dunkelheit bewegte, schlug er zu. Wie beim Licht sollte er dabei nur Delarn finden!
Ein kurzes Stück entfernt bewegte sich ein Schatten, und Mat erkannte sofort eine Schwertfigur. Ratte knabbert am Getreide? Kein Dorfbewohner würde das kennen. Guter Mann!
Mat warf sich ins Getümmel, schlitzte zwei anderen Schatten die Brust auf, erntete Grunzen und Schmerzgeheul. Delarn wurde zu Boden gerissen, und Mat schrie grimmig auf, sprang über einen gestürzten Körper und ließ den Speer in einem weiten Bogen kreiseln. Schatten bluteten, wo er traf, und das Blut war nur ein weiterer dunkler Fleck. Mit dem Ende seiner Waffe wehrte er einen Angreifer ab, langte nach unten, zog einen der Schatten auf die Füße und hörte einen gemurmelten Fluch. Es war Delarn.
»Kommt schon«, stieß Mat hervor und zog den Mann zu Pips, der schnaubend in der Dunkelheit stand. Die Verrückten schienen Tiere zu ignorieren, ein glücklicher Umstand. Mat stieß den stolpernden Delarn auf das Pferd zu, dann drehte er sich um und griff das Rudel an, von dem er wusste, dass es ihn verfolgen würde. Wieder tanzte er mit der Dunkelheit, schlug immer wieder zu, versuchte sich vom Gegner zu lösen, damit er aufsitzen konnte. Er riskierte einen Blick über die Schulter und entdeckte, dass Delarn es auf Pips’ Rücken geschafft hatte - aber der Soldat hockte zusammengekrümmt da. Wie schlimm war er verletzt? Er schien sich kaum aufrecht halten zu können. Blut und verdammte Asche!
Mat wandte sich wieder seinen Angreifern zu, versuchte sie mit dem wirbelnden Speer zurückzudrängen. Aber es kümmerte sie nicht, wenn sie Verletzungen davontrugen, ihnen war egal, wie gefährlich Mat war. Sie griffen einfach nur weiter an! Umzingelten ihn. Kamen von allen Seiten. Verdammte Asche! Er konnte sich noch gerade rechtzeitig drehen, um einen dunklen Umriss von hinten herankommen zu sehen.
In der Nacht blitzte etwas auf, reflektierte ein fernes Licht. Die dunkle Gestalt hinter Mat sackte zu Boden. Ein weiterer Blitz, und jemand vor ihm stürzte. Plötzlich galoppierte eine Gestalt auf einem weißen Pferd vorbei, und noch ein Messer blitzte durch die Luft und riss einen dritten Mann von den Füßen.
»Thom!«, rief Mat, der den Umhang erkannte. »Steig auf dein Pferd!«, rief Thom zurück. »Mir gehen die Messer aus!«
Mat stieß mit dem Speer zu, tötete zwei weitere Dorfbewohner, dann rannte er los und sprang auf den Sattel zu, vertraute darauf, dass Thom seinen Rückzug deckte. In der Tat ertönten hinter ihm Schmerzensschreie. Einen Augenblick später kündigte ein Donnern auf der Straße die unmittelbar bevorstehende Ankunft von Pferden an. Mat zog sich gerade in den Sattel, als die Tiere aus der Dunkelheit hervorbrachen und die Dorfbewohner zur Seite schleuderten.
»Mat, Ihr seid ein Narr!«, brüllte Talmanes von einem der Pferde, eine kaum erkennbare Silhouette in der Nacht.
Mat lächelte Talmanes dankbar an, drehte Pips und fing Delarn auf, als der Mann um ein Haar vom Pferd gesackt wäre. Der Soldat war noch am Leben, denn er kämpfte schwach um Halt, aber an der Seite hatte er einen großen feuchten Fleck. Mat hielt ihn fest, ignorierte die Zügel und kontrollierte Pips durch einen schnellen Druck mit den Knien. Die Kampfbefehle für ein Schlachtross waren ihm selbst unbekannt, aber diese verdammten fremden Erinnerungen kannten sie umso besser, also hatte er Pips Gehorsam antrainiert.
Thom galoppierte vorbei, und Mat folgte ihm auf Pips, stützte mit der einen Hand Delarn und hielt mit der anderen den Speer bereit. Talmanes und Harnan ritten an seinen Seiten, stürmten den Korridor des Wahnsinns auf das Gasthaus an seinem Ende zu entlang.
»Kommt schon, Mann«, flüsterte Mat Delarn ins Ohr. »Haltet durch. Die Aes Sedai sind nicht weit entfernt. Die bekommen Euch wieder hin.«
Delarn flüsterte etwas zurück.
Mat beugte sich vor. » Was?«
»… und werfen die Würfel, bis wir fliegen«, wisperte Delarn. »Und tanzen mit Jak aus den Schatten …«
»Na toll«, murmelte Mat. Voraus brannten Lichter, und er konnte erkennen, dass sie aus dem Gasthaus kamen. Vielleicht würden sie den einen Ort in diesem verfluchten Dorf finden, wo die Menschen nicht ihren Verstand verloren hatten.
Aber nein. Dieses aufwallende Licht kannte er. Feuerbälle, die hinter den Fenstern im ersten Stock des Gebäudes aufblitzten.
»Nun«, sagte Talmanes links von ihm, »anscheinend leben die Aes Sedai noch. Das ist doch schon einmal etwas.«
Vor dem Gasthaus drängten sich Gestalten und kämpften in der Dunkelheit, gelegentlich von den Blitzen in den Fenstern angestrahlt.
»Zur Rückseite«, schlug Thom vor.
»Geht«, sagte Mat und raste an den Kämpfenden vorbei. Talmanes, Thom und Harnan folgten Pips’ Hufen dichtauf. Mat segnete sein Glück, dass sie in kein Bodenloch traten, als sie auf den weicheren Erdboden an der Gasthausseite kamen. Die Pferde hätten leicht stolpern und sich die Beine brechen können, was eine Katastrophe für sie alle gewesen wäre.
An der Rückseite herrschte Stille, und Mat zügelte sein Pferd. Thom sprang aus dem Sattel, und seine Beweglichkeit strafte seine vorherigen Beschwerden über das Älterwerden Lügen. Er nahm an der Hausecke Aufstellung, um zu sehen, ob man ihnen folgte.
»Harnan!«, sagte Mat und stieß den Speer in Richtung Ställe. »Holt die Pferde der Frauen und macht sie bereit. Sattelt sie, falls das möglich ist, aber falls nötig muss es auch ohne gehen. Wenn es das Licht will, müssen wir nicht weit reiten, nur etwa eine Meile, um diesem Wahnsinn zu entkommen.«
Harnan salutierte in der Dunkelheit, dann stieg er ab und eilte zu den Ställen. Mat wartete lange genug, um sich zu vergewissern, dass ihn niemand aus der Finsternis ansprang, dann wandte er sich Delarn zu, den er noch immer festhielt. »Seid Ihr noch bei Bewusstsein?«
Delarn nickte schwach. »Ja, Mat. Aber ich habe eine Bauchwunde. Ich …«
»Wir holen die Aes Sedai«, sagte Mat. »Ihr braucht bloß hier sitzen zu bleiben. Bleibt im Sattel, in Ordnung?«
Delarn nickte erneut. Die schwachen Bewegungen des Mannes ließen Mat zögern, aber Delarn nahm Pips’ Zügel und schien entschlossen. Also rutschte Mat aus dem Sattel und hielt den Ashandarei bereit.
»Mat«, sagte Delarn von oben.
Mat drehte sich wieder um.
»Danke. Dass Ihr meinetwegen umgekehrt seid.«
»Keinen Mann würde ich dem ausliefern.« Mat erschauderte. »Auf dem Schlachtfeld zu sterben ist eine Sache, aber hier zu sterben, in dieser Dunkelheit … Nun, das lasse ich nicht zu. Talmanes! Seht, ob Ihr Licht findet.«