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Er schaute auf - aber sah nicht sie an, sondern starrte ins Leere. Eine Dienerin klopfte leise an. Sie trat ein und stellte den frischen Tee ab, nahm den alten mit und verschwand wieder.

»Als ich noch viel jünger war«, sagte er leise, »erzählte Tarn mir eine Geschichte, die er bei seinen Reisen in der Welt hörte. Er sprach vom Drachenberg. Damals wusste ich nicht, dass er ihn tatsächlich gesehen hatte, oder dass er mich dort gefunden hatte. Ich war nur ein Schafhirte, und der Drachenberg, Tar Valon und Caemlyn waren für mich fast mythische Orte.

Aber er erzählte mir von einem Berg, der so hoch war, dass er selbst den Zweihorngipfel zu Hause wie einen Zwerg aussehen ließ. Tams Geschichten zufolge hatte kein Mann je den Gipfel des Drachenberges erklommen. Nicht, weil das unmöglich ist - sondern weil ein Mann dazu auch noch den letzten Funken Kraft braucht. Der Berg ist so hoch, dass seine Besteigung ein Kampf sein würde, der einen Mann vollkommen erschöpft.«

Er verstummte.

»Und?«, fragte Nynaeve schließlich.

»Verstehst du nicht? Die Geschichten behaupten, dass kein Mann auf den Berg gestiegen ist, weil ihm danach die Kraft zur Rückkehr fehlt. Ein Bergsteiger könnte ihn bezwingen, den Gipfel erreichen, das sehen, was noch kein Mann je gesehen hat. Aber dann würde er sterben. Das wissen die kräftigsten und klügsten Erforscher. Also kletterten sie nie hinauf. Sie wollten es schon immer, aber sie warteten, verschoben die Reise auf einen anderen Tag. Denn sie wussten, es würde ihr letzter sein.«

»Aber das ist doch bloß eine Geschichte«, sagte Nynaeve. »Eine Legende.«

»Das ist es, was ich bin«, sagte Rand. »Eine Geschichte. Eine Legende. Die man in einigen Jahren flüsternd den Kindern erzählen wird.« Er schüttelte den Kopf. »Manchmal kann man nicht mehr zurück. Man muss weiter. Und manchmal weiß man, dass dieser Aufstieg der letzte sein wird.

Ihr behauptet doch alle, ich sei zu hart geworden, ich würde unweigerlich zerbrechen, wenn ich weitermache. Aber ihr geht von der Annahme aus, dass etwas von mir übrig bleiben muss, um weiterzumachen. Dass ich den Berg wieder heruntersteigen muss, nachdem ich den Gipfel erreicht habe.

Das ist der Schlüssel, Nynaeve. Das weiß ich jetzt. Ich werde das nicht überleben, also muss ich mir auch keine Sorgen darüber machen, was mit mir nach der Letzten Schlacht geschieht. Ich muss mich nicht zurückhalten, muss nichts von meiner abgenutzten Seele retten. Ich weiß, dass ich sterben muss. Die, die wünschen, dass ich sanfter bin, bereit bin, mich zu beugen, das sind die, die nicht akzeptieren können, was mit mir geschehen wird.« Er schaute wieder auf Min. Nynaeve hatte oft beobachten können, mit welcher Zuneigung er sie betrachtete, aber dieses Mal blieb sein Blick ausdruckslos. Genau wie seine gefühllose Miene.

»Wir werden eine Möglichkeit finden«, sagte sie. »Sicherlich gibt es eine Möglichkeit zu siegen und dich überleben zu lassen.«

»Nein«, knurrte er leise. »Verführ mich nicht wieder auf diesen Pfad. Er führt nur in den Schmerz, Nynaeve. Ich … ich hatte oft daran gedacht, etwas zurückzulassen, um der Welt nach meinem Tod beim Überleben zu helfen, aber das war nur sinnlose Mühe. Ich kann mir so etwas nicht leisten. Ich werde diesen verdammten Berg ersteigen und mich der Sonne stellen. Ihr alle werdet euch um das kümmern, was danach kommt. So muss es sein.«

Sie wollte erneut widersprechen, aber er warf ihr nur einen scharfen Blick zu. »So muss es sein, Nynaeve.«

Sie machte den Mund wieder zu.

»Das war gute Arbeit von dir heute Nacht«, sagte er. »Du hast uns allen viel Ärger erspart.«

»Ich habe es getan, weil ich will, dass du mir vertraust«, sagte Nynaeve und bereute es sofort. Warum hatte sie das nur gesagt? War sie wirklich so müde, dass sie das Erstbeste heraussprudelte, das ihr in den Sinn kam?

Rand nickte bloß. »Ich vertraue dir. So weit ich jedem vertraue, mehr als den meisten. Du glaubst zu wissen, was für mich das Beste ist, selbst gegen meinen Willen, aber damit kann ich leben. Der Unterschied zwischen dir und Cadsuane besteht darin, dass du dich wirklich um mich sorgst. Sie interessiert sich allein für meine Rolle in ihren Plänen. Sie will, dass ich Teil der Letzten Schlacht bin. Du willst, dass ich weiterlebe. Dafür bin ich dir dankbar. Träume für mich, Nynaeve. Träume von Dingen, die es für mich nicht mehr geben kann.«

Er beugte sich vor, um Min hochzuheben; er schaffte es trotz der fehlenden Hand, schob einen Arm unter sie und griff mit der anderen Hand zu. Sie regte sich, dann schmiegte sie sich an ihn, erwachte und murmelte, dass sie selbst gehen konnte. Er setzte sie nicht ab; vielleicht wegen der Erschöpfung in ihrer Stimme. Nynaeve wusste, dass sie die meisten Nächte über ihren Büchern verbrachte und sich beinahe genauso antrieb wie Rand.

Mit Min auf den Armen ging er zur Tür. »Wir kümmern uns zuerst um die Seanchaner«, sagte er. »Bereite dich gut auf diese Begegnung vor. Danach kümmere ich mich um Graendal.«

Er ließ sie zurück. Die flackernde Lampe erlosch endlich. Nun gab es nur noch die auf dem Tisch.

Rand hatte sie wieder überrascht. Er war noch immer ein wollköpfiger Narr, aber einer, der überraschend genau wusste, wie es um ihn stand. Wie konnte ein Mann nur so vieles verstehen und gleichzeitig ein solcher Ignorant sein?

Und warum fiel ihr kein Gegenargument zu seinen Worten ein? Warum konnte sie sich nicht dazu überwinden, ihn anzuschreien, dass er sich irrte? Es gab immer Hoffnung. Möglicherweise gab es ihm ja Kraft, das wichtigste aller Gefühle zu verneinen - aber dabei riskierte er, jeden Grund zu verlieren, sich um den Ausgang seiner Schlachten zu sorgen.

Aber aus irgendeinem Grund blieben ihr die nötigen Worte für dieses Argument versagt.

34

Legenden

Also gut«, sagte Mat und entrollte eine von Roidelles besten Karten auf dem Tisch. Talmanes, Thom, Noal, Juilin und Mandevwin hatten ihre Stühle darum geschart. Neben der Karte von der Gegend entrollte Mat den groben Plan einer mittelgroßen Stadt. Es hatte einige Mühe gekostet, einen Kaufmann zu finden, der bereit gewesen war, ihnen einen Stadtplan von Trustair zu skizzieren, aber nach Hinderstap verspürte Mat nicht das geringste Verlangen, eine Stadt zu betreten, ohne vorher zu wissen, was sie erwartete.

Mats Pavillon lag im Schatten des Kiefernwaldes, und der Tag war kühl. Gelegentlich wehte der Wind, und abgestorbene Kiefernadeln lösten sich von den Baumkronen und regneten zu Boden; einige prasselten dabei auch auf das Zeltdach. Draußen unterhielten sich Soldaten, und Geschirr schepperte, als das Mittagessen ausgeteilt wurde.

Mat studierte den Stadtplan. Es war Zeit aufzuhören, sich wie ein Narr zu verhalten. Die ganze Welt hatte sich entschieden, sich gegen ihn zu wenden - selbst Bergdörfer waren heutzutage Todesfallen. Soweit es ihn betraf, würden sich als Nächstes die Gänseblümchen am Straßenrand zusammenrotten und versuchen ihn zu fressen.

Der Gedanke ließ ihn innehalten, weil er an den armen Kesselflicker denken musste, der in der Phantomstadt in Shiota versunken war. Als der Geisterort verschwunden war, hatte er eine Wiese mit Schmetterlingen und Blumen hinterlassen. Einschließlich Gänseblümchen. Verflucht, dachte er.

Nun, Matrim Cauthon würde jedenfalls nicht sein Ende auf einer vergessenen Straße irgendwo im Nirgendwo finden. Dieses Mal würde er planen, und er würde bereit sein. Zufrieden mit sich nickte er.

»Dieses Gasthaus hier«, sagte er und zeigte auf den Plan, »das Zur drohenden Faust. Zwei verschiedene Reisende stimmten darin überein, dass es ein schönes Gasthaus ist, das schönste von den dreien in der Stadt. Die Frau, die nach mir sucht, hat sich keine Mühe gemacht, ihren Aufenthaltsort zu verbergen. Also bedeutet das, dass sie sich gut beschützt fühlt. Wir können mit Wächtern rechnen.«

Mat zog eine andere von Roidelles Karten hervor, auf der die Gegend um Trustair besser zu sehen war. Die von sanft ansteigenden Hügeln umgebene Stadt befand sich in einer Senke neben einem kleinen See, der von einer Quelle im Hochland gespeist wurde. Berichten zufolge wurde der See zur Aufzucht ausgezeichneter Forellen genutzt, die die Haupteinnahmequelle der Stadt darstellten.