»Was wollt Ihr dafür haben?«, fragte er.
»Immer geradeheraus«, erwiderte sie und seufzte leicht. »Was ich will, Matrim Cauthon, ist, von Eurem Ta’veren-Netz losgeschnitten zu werden! Habt Ihr auch nur eine Ahnung, wie lange Ihr mich gezwungen habt, in diesen Bergen zu warten?«
»Gezwungen?«
»Ja. Kommt, wir haben viel zu besprechen.« Sie schnalzte mit den Zügeln und trieb ihr Pferd ins Lager, und Talmanes und Mandevwin traten zögernd zur Seite und gaben den Weg frei. Mat gesellte sich zu ihnen und sah zu, wie die Aes Sedai direkt auf die Kochfeuer zuhielt.
»Ich schätze, es wird keinen Stoßtrupp geben«, sagte Talmanes. Er klang nicht betrübt.
Mandevwin fummelte an seiner Augenklappe herum. »Heißt das, ich kann zu meiner armen alten Tante zurück?«
»Ihr habt keine arme alte Tante«, knurrte Mat. »Kommt, wollen wir hören, was die Frau zu sagen hat.«
»Schön«, sagte Mandevwin. »Aber das nächste Mal darf ich der Behüter sein, einverstanden, Mat?«
Mat seufzte bloß und eilte hinter Verin her.
35
Schwarze Aura
Eine kühle Meeresbrise strich in dem Moment über Rand hinweg, in dem er durch das Wegetor ritt. Der federschwere Wind trug den Geruch von tausend Kochfeuern aus der Stadt Falme herbei, wo man den Morgenbrei zubereitete.
Rand zügelte Tai’daishar, vollkommen überrumpelt von den Erinnerungen, die diese Gerüche mit sich brachten. Erinnerungen an eine Zeit, in der er sich über seine Rolle in der Welt noch unsicher gewesen war. Erinnerungen an eine Zeit, in der ihn Mat unaufhörlich damit aufgezogen hatte, dass er feine Mäntel trug, obwohl er es nach Möglichkeit vermieden hatte. Erinnerungen an eine Zeit, in der er sich der Banner geschämt hatte, die nun hinter ihm wehten. Einst hatte er darauf bestanden, sie zu verbergen, als könnte er sich damit vor seinem eigenen Schicksal verstecken.
Die Prozession hinter ihm wartete ab, Schnallen ächzten, Pferde schnaubten. Rand hatte Falme schon einmal einen kurzen Besuch abgestattet. Damals hatte er nirgendwo lange bleiben können, hatte diese Monate damit verbracht, entweder jemanden zu jagen oder gejagt zu werden. Fain hatte das Horn von Valere und den Rubindolch, an den Mat gebunden gewesen war, in seinen Besitz gebracht und ihn nach Falme gelockt. Als er an Mat dachte, blitzten die Farben wieder auf, aber er ignorierte sie. Diese wenigen Augenblicke war er nicht in der Gegenwart.
Falme hatte einen so bedeutsamen Wendepunkt in seinem Leben dargestellt, wie er sich später im kargen Land der Aiel zugetragen hatte, als er sich als der Car’a’carn erwies. Nach Falme hatte es kein Versteckspiel mehr gegeben, hatte er nicht länger gegen das angekämpft, was er war. Das hier war der Ort, an dem er sich das erste Mal eingestanden hatte, dass er ein Mörder war, der Ort, an dem er zum ersten Mal begriffen hatte, welche Gefahr er für alle in seiner Umgebung darstellte. Er hatte versucht, sie alle zurückzulassen. Sie waren ihm gefolgt.
In Falme war der Hirtenjunge verbrannt, und die Meereswinde hatten seine Asche fortgetragen. Aus dieser Asche hatte sich der Wiedergeborene Drache erhoben.
Rand trieb Tai’daishar an, und die Prozession ging weiter. Er hatte befohlen, das Wegetor einen kurzen Ritt von der Stadt entfernt zu öffnen, hoffentlich aus der Sichtweite einer jeden Damane. Natürlich hatte er es von Asha’man erschaffen lassen - was die Gewebe vor den Frauen verbarg -, aber er wollte ihnen nicht den geringsten Hinweis auf das Schnelle Reisen in die Hände spielen. Das Unvermögen der Seanchaner, Reisen zu können, war einer seiner größten Vorteile.
Falme selbst erhob sich auf der kleinen Halbinsel von Toman, die in das Aryth-Meer hineinragte. Hohe Klippen auf beiden Seiten brachen die Wellen und erzeugten ein leises, fernes Brausen. Die dunklen Steingebäude der Stadt bedeckten die Halbinsel wie Kiesel ein Flussbett. Größtenteils waren es niedrige, einstöckige Häuser von erheblicher Breite, als hätten ihre Bewohner erwartet, dass die Wellen über die Klippen schlagen und gegen ihre Heime krachen würden. Das Grasland hier war nicht so verkümmert wie im Norden, aber das frische Frühlingsgras sah bereits gelb und glanzlos aus, als würden es die Halme bereuen, die Köpfe aus dem Boden gestreckt zu haben.
Die Halbinsel senkte sich zu einem natürlichen Hafen, in dem viele seanchanische Schiffe vor Anker lagen. Überall flatterten seanchanische Flaggen und beanspruchten diese Stadt als einen Teil ihres Kaiserreichs; das höchste Banner in der Stadt zeigte einen fliegenden goldenen Falken, der drei Blitze gepackt hielt. Das Banner war mit blauen Fransen umgeben.
Durch die in der Ferne liegenden Straßen bewegten sich die seltsamen Kreaturen, die die Seanchaner von ihrer Seite des Ozeans mitgebracht hatten, zu weit entfernt, als dass Rand Einzelheiten hätte erkennen können. Am Himmel flogen Raken; offensichtlich hatten die Seanchaner einen großen Stall davon. Die Halbinsel von Toman befand sich direkt südlich von Arad Doman, und diese Stadt war zweifellos ein wichtiges Aufmarschgebiet für den seanchanischen Feldzug im Norden.
Diese Eroberung würde heute enden. Rand musste Frieden schließen, musste die Tochter der Neun Monde davon überzeugen, ihre Heere zurückzuziehen. Dieser Friede würde die Ruhe vor einem Sturm sein. Er würde Rands Volk nicht vor einem Krieg beschützen, er würde es nur davor bewahren, damit es dann für ihn an einem anderen Ort sterben konnte. Aber er würde tun, was getan werden musste.
Nynaeve ritt neben ihm heran, als sie weiter auf Falme zurückten. Ihr hübsches weißblaues Kleid war nach der Domanimode geschnitten, bestand allerdings aus wesentlich dickerem - und schicklicherem - Stoff. Sie schien Mode aus der ganzen Welt zu adoptieren, trug Kleider aus den Städten, die sie besuchte, drängte ihnen aber ihre ureigenen Ansichten auf, was sich gehörte und was nicht. Einst hätte Rand das vielleicht amüsant gefunden. Dieses Gefühl schien er nicht länger empfinden zu können. Er fühlte bloß die kalte Stille in seinem Inneren, die Stille, die bei der Fontäne aus gefrorenem Zorn als Deckel diente.
Er würde Zorn und Stille lange genug im Gleichgewicht halten. Das musste er.
»Und so kehren wir zurück«, sagte Nynaeve. Der bunte Schmuck aus Ter’angrealen verdarb irgendwie den Eindruck ihres so liebevoll maßgeschneiderten Kleides.
»Ja.«
»Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, als wir hier waren«, sagte sie nachdenklich. »So großes Chaos, so viel Wahnsinn. Und am Ende fanden wir dich mit dieser Wunde in deiner Seite.«
»Ja«, flüsterte Rand. Hier hatte er die erste seiner unheilbaren Wunden davongetragen, beim Kampf gegen Ishamael am Himmel über der Stadt. Die Wunde erwärmte sich, als er daran dachte. Erwärmte sich und schmerzte. Er hatte angefangen, diesen Schmerz als alten Freund zu betrachten, als eine Erinnerung, dass er noch lebte.
»Ich sah dich oben in der Luft«, sagte Nynaeve. »Ich habe es nicht geglaubt. Ich … versuchte, diese Wunde zu Heilen, aber da war ich noch immer blockiert und konnte die nötige Wut nicht heraufbeschwören. Min wollte nicht von deiner Seite weichen.«
Min hatte ihn heute nicht begleitet. Sie standen sich immer noch nahe, aber es hatte sich etwas zwischen ihnen verändert. Genau wie er immer befürchtet hatte. Wenn sie ihn ansah, dann sah sie, wie er sie umbrachte. Das wusste er.
Noch vor wenigen Wochen hätte er sie nicht davon abhalten können, ihn zu begleiten, unter welchen Umständen auch immer. Nun blieb sie ohne jeden Widerspruch zurück.
Kälte. Es würde bald vorbei sein. Kein Platz für Bedauern oder Trauer.
Die Aiel liefen voraus, um nach einem Hinterhalt Ausschau zu halten. Viele von ihnen trugen die roten Stirnbänder. Rand sorgte sich nicht um einen Hinterhalt. Die Seanchaner würden ihn nicht verraten, es sei denn, es befand sich ein weiterer Verlorener unter ihnen.