Verdammte Asche. Das war genau die Art von Sache, die Rand anderen Leuten antat. Und nicht Mat. »Eurem Bericht zufolge solltet Ihr eigentlich noch in Tear sein.«
»Ja«, erwiderte sie, »aber bald verspürte ich dieses Ziehen. Jemand lockte mich. Als hätte …«
Wieder rutschte Mat herum. »Als hätte jemand einen verdammten Angelhaken an Euch befestigt? Und er steht weit entfernt und zieht vorsichtig, aber beharrlich daran?«
»Ja«, sagte Verin. Sie lächelte. »Welch kluge Beschreibung.« Mat reagierte nicht.
»Also entschied ich mich, meine Reise mit herkömmlicheren Methoden fortzusetzen. Vielleicht hatte meine Unfähigkeit, Reisen zu können, ja etwas mit der Nähe zu al’Thor zu tun, vielleicht auch die langsame Auflösung des Musters durch den Einfluss des Dunklen Königs. Ich sicherte mir einen Platz in einer Handelskarawane, die nach Norden in Richtung Cairhien reiste. Sie hatten einen leeren Wagen, den sie für einen vernünftigen Preis vermieteten. Ich war ziemlich erschöpft von den Tagen, an denen ich rund um die Uhr wegen Bränden, schreienden Kleinkindern und ständigen Umzügen von einem Zimmer ins nächste wach geblieben war. Darum schlief ich länger, als ich es hätte tun sollen. Auch Tomas nickte ein.
Als wir erwachten, mussten wir zu unserer Überraschung entdecken, dass die Karawane nach Nordwesten abgebogen war, statt nach Cairhien zu fahren. Ich sprach mit dem Karawanenmeister, und er erklärte mir, dass er in letzter Minute einen Tipp bekommen hätte, dass seine Waren in Murandy einen viel besseren Preis erzielen würden als in Cairhien. Als er darüber nachdachte, erwähnte er, dass er mir die Änderung wirklich hätte mitteilen sollen, er es aber einfach vergessen hätte.«
Sie trank noch einen Schluck. »Da wusste ich dann mit Sicherheit, dass man mich lenkte. Vermutlich wäre das den meisten nicht aufgefallen, aber ich habe die Natur des ta’veren studiert. Die Karawane war nicht weit nach Murandy gekommen, nur einen Tag, aber zusammen mit dem Zupfen reichte das aus. Ich sprach mit Tomas, und wir entschieden uns, nicht in die Richtung zu gehen, in die es uns hinzog. Das Gleiten ist ein minderwertiger Ersatz für das Reisen, aber es gibt nicht die Einschränkung, die Umgebung genau kennen zu müssen. Ich öffnete ein Tor, aber als wir das Ende unserer Reise erreichten, standen wir nicht in Tar Valon, sondern in einem kleinen Dorf im Norden von Murandy!
Das hätte nicht möglich sein dürfen. Aber als wir darüber nachdachten, wurde Tomas und mir klar, dass er von einem schönen fagdausflug erzählt hatte, den er in einem Dorf namens Trustair gemacht hatte, und ich hatte das Tor in genau diesem Augenblick geöffnet. Ich musste mich auf den falschen Ort konzentriert haben.«
»Und hier sind wir nun«, sagte Tomas und sah sehr unzufrieden aus, wie er da mit verschränkten Armen hinter dem Stuhl seiner Aes Sedai stand.
»In der Tat«, sagte Verin. »Seltsam, findet Ihr nicht, junger Matrim? Zufällig lande ich hier direkt auf Eurem Weg, genau in dem Augenblick, in dem Ihr jemanden braucht, der für Euer Heer ein Wegetor erschafft?«
»Könnte trotzdem ein Zufall sein.«
»Und die Anziehung?«
Darauf hatte er keine Antwort.
»So funktioniert ta’veren, es erschafft Zufälle«, sagte Verin. »Man findet einen weggeworfenen Gegenstand, der einem von großem Nutzen ist, oder begegnet im genau richtigen Augenblick der richtigen Person. Seltene Zufälle, die einem einen Vorteil bringen. Oder ist Euch das noch nicht aufgefallen?« Sie lächelte. »Wollt Ihr nicht darauf wetten und die Würfel werfen?«
»Nein«, erwiderte er zögernd.
»Eines allerdings stört mich«, meinte Verin. »Gab es denn keinen anderen, der Euch zufällig hätte begegnen können? Al’Thor hat doch diese Asha’man, die das Land nach Männern durchsuchen, die die Macht lenken können, und ich vermute, abgelegene Gegenden wie hier stehen ganz oben auf ihrer Liste, da es eher wahrscheinlich ist, dass Machtlenker hier unbemerkt bleiben. Einer von ihnen hätte Euch unterwegs begegnen und für Euch ein Wegetor erschaffen können.«
»Wohl kaum«, erwiderte Mat schaudernd. »Denen vertraue ich doch nicht die Bande an.«
»Nicht einmal, um einen Herzschlag später in Andor zu sein?«
Mat zögerte. Nun ja, vielleicht.
»Ich musste aus einem ganz bestimmten Grund hier sein«, sagte die Aes Sedai nachdenklich.
»Und ich finde noch immer, Ihr deutet dort zu viel hinein«, meinte er und rutschte schon wieder auf der verdammten Bank herum.
» Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber zuerst sollten wir uns auf den Preis einigen, den es Euch kosten wird, wenn ich Euch nach Andor bringe. Ich nehme an, Ihr wollt nach Caemlyn?«
»Preis?«, wiederholte Mat. »Aber Ihr glaubt doch, dass das Muster Euch hergezwungen hat! Warum verlangt Ihr dann einen Preis von mir?«
»Weil mir«, sagte sie und hob einen Finger, »während ich auf Euch wartete, klar wurde - und ich wusste ehrlich nicht, ob es nun Ihr wärt oder der junge Perrin -, dass ich Euch mehrere Dinge geben kann, zu denen kein anderer in der Lage ist.« Sie griff in die Tasche und zog mehrere Blätter hervor. Bei einem davon handelte es sich um das Bild von Mat. »Ihr habt mich gar nicht gefragt, wo ich das herhabe.«
Mat zuckte mit den Schultern. »Ihr seid eine Aes Sedai. Ich nehme an, Ihr habt es … Ihr wisst schon, gesaidart.«
»Gesaidart?«, fragte sie tonlos.
Erneut zuckte er mit den Schultern.
»Matrim, ich erhielt dieses Blatt…«
»Nennt mich Mat«, sagte er.
»Ich erhielt dieses Blatt von einem Schattenfreund, Matrim«, sagte sie, »der mich für eine Dienerin des Schattens hielt und mir berichtete, dass die Verlorenen den Befehl gaben, die abgebildeten Männer zu töten. Ihr und Perrin schwebt in tödlicher Gefahr.«
»Das überrascht mich nicht«, erwiderte er und verbarg das Frösteln, das ihre Erklärung bei ihm auslöste. »Verin, seit dem Tag, an dem ich die Zwei Flüsse verließ, wollen mich Schattenfreunde umbringen.« Er hielt inne. »Soll man mich doch zu Asche verbrennen, seit dem Tag, bevor ich die Zwei Flüsse verließ. Was sollte das daran ändern?«
»Das ist anders«, erwiderte Verin mit strengem Tonfall. »Die Gefahr, in der Ihr nun schwebt… ich … nun, einigen wir uns doch einfach darauf, dass Ihr in großer, wirklich großer Gefahr schwebt. Ich schlage vor, dass Ihr in den nächsten Wochen ausgesprochen vorsichtig seid.«
»Ich bin immer vorsichtig«, sagte Mat.
»Nun, dann seid noch vorsichtiger«, meinte sie. »Versteckt Euch. Geht keine Risiken ein. Ihr seid unentbehrlich, bevor das hier vorbei ist.«
Er zuckte mit den Schultern. Sich verbergen? Das war machbar. Mit Thoms Hilfe würde er sich so verkleiden können, dass ihn nicht einmal seine Schwestern wiedererkannt hätten. »Das kann ich machen«, sagte er. »Nicht gerade ein hoher Preis. Wie lange braucht Ihr, um uns nach Caemlyn zu schaffen?«
»Das war nicht mein Preis, Matrim«, sagte sie amüsiert. »Das war ein Vorschlag. Auf den Ihr meiner Meinung nach unbedingt hören solltet.« Sie schob ein kleines, zusammengefaltetes Blatt Pergament unter dem Bild hervor. Es war mit blutrotem Wachs versiegelt.
Mat nahm es zögernd. »Ist er das?«
»Anweisungen«, sagte Verin. »Die Ihr am zehnten Tag, nachdem ich Euch in Caemlyn zurücklasse, ausführen werdet. «
Er kratzte sich am Hals, runzelte die Stirn; dann wollte er das Siegel brechen.
»Ihr werdet sie nicht vor diesem Tag öffnen«, sagte Verin.
»Was?«, protestierte Mat. »Aber …«