Fortuona ging zum Nächsten in der Reihe der fünf. Das schwarze Haar der Frau war geflochten. Fortuona küsste sie auf die Stirn und sprach die rituellen Worte. Diese fünf waren Blutmesser. Der schwarze Steinring, den jeder von ihnen trug, war ein besonderes Ter’angreal, das ihnen Stärke und Schnelligkeit verleihen würde, außerdem hüllte er sie in Dunkelheit, was ihnen erlaubte, mit den Schatten zu verschmelzen.
Diese unglaublichen Fähigkeiten forderten jedoch ihren Tribut, denn die Ringe saugten das Leben aus ihren Trägern und töteten sie im Verlauf weniger Tage. Den Ring abzunehmen würde den Prozess etwas verlangsamen, aber sobald er aktiviert war - dazu musste man den Steinring tragen und mit einem Tropfen des eigenen Blutes benetzen -, war er nicht mehr umkehrbar.
Diese fünf würden nicht mehr zurückkehren. Sie würden zurückbleiben, ganz egal, wie der Angriff auch ausging, und so viele Marath’damane töten, wie sie konnten. Das war eine schreckliche Verschwendung - diese Damane hätten an die Leine gelegt werden müssen -, aber es war besser, sie zu töten, als sie dem Wiedergeborenen Drachen zu überlassen.
Fortuona ging zum nächsten Soldaten in der kurzen Reihe und gab ihm den Kuss und den Segen.
Seit ihrer Begegnung mit dem Wiedergeborenen Drachen vor einigen Tagen hatte sich so viel verändert. Ihr neuer Name war nur eines davon. Jetzt ging sogar das Hohe Blut oft vor ihr auf die Knie. Ihre So’jhin hatten sich die Köpfe rasiert - Selucia eingeschlossen. Von jetzt an würden sie die rechte Kopfseite rasiert und das Haar auf der linken Seite wachsen lassen und es dabei flechten. Für den Augenblick trugen sie Mützen auf der linken Seite.
Das normale Volk ging mit mehr Selbstvertrauen, zeigte mehr Stolz. Sie hatten wieder eine Kaiserin. Bei allem, was mit der Welt nicht stimmte, war wenigstens das wieder in Ordnung.
Fortuona küsste den letzten der fünf Blutmesser und sprach die Worte, die sie sowohl zum Tode wie auch zum Heldentum verurteilte. Sie trat zurück, Selucia an ihrer Seite. General Yulan trat vor und verneigte sich tief. »Man soll verkünden, dass wir die Kaiserin, soll sie ewig leben, nicht enttäuschen werden.«
»Es ist vernommen worden«, sagte Selucia. »Das Licht folge euch. Wisset, dass Ihre Majestät, soll sie ewig leben, heute im Garten sah, wie eine neue Frühlingsrose drei Blätter fallen ließ. Das Omen für euren Sieg wurde gegeben. Erfüllt es, General, und Eure Belohnung wird groß sein.«
Yulan richtete sich auf und salutierte, indem er mit der Faust gegen die Brust hieb. Eisen traf auf Eisen. Er führte die Soldaten zu den Ställen der To’raken, die fünf Blutmesser vorneweg. Schon wenige Augenblicke später lief die erste Kreatur über die lange Wiese hinter den Ställen, die mit Pfosten und Wimpeln markiert war, und katapultierte sich in die Luft. Andere folgten, eine ganze Flotte, mehr, als Fortuona je am Himmel gesehen hatte. Als der letzte Sonnenstrahl erstarb, flogen sie nach Norden.
Normalerweise benutzte man Raken und To’raken nicht auf diese Weise. Bei den meisten Unternehmen setzte man die Soldaten an einem Punkt ab, an dem die To’raken warteten, während die Soldaten angegriffen und zurückkehrten. Aber dieses Unternehmen war zu wichtig. Yulans Plan verlangte nach einem waghalsigeren Angriff, wie man ihn nur selten in Betracht gezogen hatte. To’raken mit Damane und Sul’dam auf dem Rücken, die aus der Luft angriffen. Das konnte der Anfang einer kühnen neuen Taktik sein. Oder es konnte in einer Katastrophe enden.
»Wir haben alles verändert«, sagte Fortuona leise. »General Galgan irrt; das wird den Wiedergeborenen Drachen keineswegs in eine schlechtere Verhandlungsposition bringen. Er wird sich gegen uns wenden.«
»War er nicht schon zuvor gegen uns?«, fragte Selucia.
»Nein«, antwortete Fortuona. »Wir waren gegen ihn.«
»Besteht da ein Unterschied?«
»ja«, sagte Fortuona und beobachtete die Wolke aus To’raken, die am Himmel kaum noch sichtbar war. »Den gibt es. Ich fürchte, wir werden bald erleben, wie groß dieser Unterschied tatsächlich ist.«
37
Die Macht des Lichts
Min saß stumm da und sah zu, wie sich Rand ankleidete. Er tat es mit angespannten und bedachten Bewegungen, die an die Schritte eines Hochseilartisten oben in der Manege erinnerten. Langsam und methodisch klappten seine Finger die linke Manschette des gestärkten weißen Hemdes hoch. Die rechte Manschette war bereits umgeschlagen; dafür sorgten schon die Diener.
Draußen näherte sich der Abend. Es war noch nicht richtig dunkel, auch wenn die Fensterläden bereits geschlossen waren. Rand griff nach dem Mantel in Schwarz und Gold, schlüpfte zuerst in den einen Ärmel, dann in den anderen. Er knöpfte ihn zu, einen Knopf nach dem anderen. Damit hatte er keine Probleme; er gewöhnte sich daran, alles nur mit einer Hand zu machen. Einen Knopf nach dem anderen. Zuerst den ersten, dann den zweiten, den dritten, den vierten … Min hatte das Gefühl, gleich schreien zu müssen. »Willst du darüber reden?«, fragte sie. Rand wandte sich nicht vom Spiegel ab. »Worüber?«
»Die Seanchaner.«
»Es wird keinen Frieden geben«, sagte er und richtete den Mantelkragen. »Ich habe versagt.« Sein Tonfall war gefühllos und doch irgendwie angespannt.
»Rand, es ist in Ordnung, enttäuscht zu sein.«
»Enttäuschung ist sinnlos«, sagte er. »Zorn ist sinnlos. Keines dieser Gefühle wird etwas an den Tatsachen ändern, und Tatsache ist, dass ich für die Seanchaner keine Zeit mehr verschwenden kann. Wir werden einen Angriff in unserem Rücken riskieren müssen, wenn wir ohne stabile Verhältnisse in Arad Doman zur Letzten Schlacht reiten. Das ist nicht ideal, aber so muss es geschehen.«
Über Rand schimmerte die Luft, das Bild eines Berges erschien. Sichten waren in Rands Nähe so gewöhnlich, dass sich Min normalerweise dazu zwang, sie zu ignorieren, solange sie nicht neu waren - auch wenn sie manchmal Zeit damit verbrachte, sie durchzusehen. Die hier war neu, und sie erregte ihre Aufmerksamkeit. Der riesige Berg wies an der Seite ein zerklüftetes Loch auf. Der Drachenberg? Er war in dunkle Schatten gehüllt, als würden die Wolken hoch am Himmel jedes Licht verschlucken. Das war seltsam; wenn Min den Berg betrachtet hatte, hatte er die Wolken stets hoch überragt.
Der Drachenberg in Schatten. Irgendwann in der Zukunft würde er für Rand wichtig sein. War da ein winziges Licht, das vom Himmel auf die Bergspitze leuchtete?
Die Vision verschwand. Obwohl Min wusste, was einige von ihnen zu bedeuten hatten, verblüffte diese Sicht sie. Sie seufzte, lehnte sich auf dem rot gepolsterten Stuhl zurück. Ihre Bücher lagen vor ihr auf dem Boden verteilt; sie widmete ihren Studien immer mehr Zeit, einerseits, weil sie Rands Ungeduld spürte, andererseits, weil sie nicht wusste, womit sie sich sonst beschäftigen sollte. Die Vorstellung hatte ihr gefallen, auf sich selbst aufpassen zu können. Und sie hatte angefangen, sich als Rands letzte Verteidigungslinie zu betrachten.
Min hatte entdeckt, wie nützlich sie tatsächlich als »Verteidigungslinie« war. Ungefähr so nützlich wie ein Kind! Tatsächlich war sie ein Hindernis gewesen, ein Werkzeug, das Semirhage gegen ihn benutzt hatte. Als Rand einmal vorgeschlagen hatte, sie wegzuschicken, hatte sie ihn deshalb empört ausgeschimpft. Sie wegschicken! Damit sie in Sicherheit war? Das war lächerlich! Sie konnte auf sich selbst aufpassen.
Das hatte sie zumindest geglaubt, jetzt sah sie ein, dass er recht gehabt hatte.
Der Gedanke machte sie krank. Also betrieb sie ihre Nachforschungen und versuchte ihm nicht im Weg zu stehen. Er hatte sich an diesem Tag verändert, als hätte man etwas Strahlendes in ihm einfach abgestellt. Eine Lampe, die erlosch, weil ihr das Öl ausgegangen und nur noch das Gehäuse zurückgeblieben war. Er sah sie nun mit anderen Augen. Aber was sah er? Nur eine Belastung?