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Sie erschauderte und versuchte, diesen Gedanken aus dem Kopf zu verbannen.

Rand zog die Stiefel an, schnallte sie zu.

Er stand auf, griff nach dem Schwert, das an seiner Kleidertruhe lehnte. Die schwarze Scheide mit dem aufgemalten roten und goldenen Drachen funkelte im Licht. Welch seltsame Waffe diese Gelehrten doch unter der versunkenen Statue gefunden hatten. Das Schwert fühlte sich so alt an. Trug Rand es heute als eine Art Symbol? Vielleicht als ein Zeichen, dass er in die Schlacht ritt?

»Du gehst auf die Jagd nach ihr, nicht wahr?«, sagte Min plötzlich. »Graendal.«

»Ich muss die Probleme lösen, die ich lösen kann«, sagte Rand, zog das Schwert aus der Scheide und überprüfte die Klinge. Es gab kein Reiherzeichen, aber die prächtige Stahlklinge funkelte im Lampenlicht und zeigte die wellenförmigen Linien des gefalteten Metalls. Rand hatte behauptet, man hätte sie mit der Einen Macht geschmiedet. Er schien Dinge darüber zu wissen, die er für sich behielt.

Rand schob die Klinge zurück in die schwarze Scheide und sah Min an. »Erledige die Probleme, die du erledigen kannst, quäle dich nicht derentwegen, die nicht zu lösen sind. Das hat mir Tarn einmal gesagt. Arad Doman wird allein gegen die Seanchaner bestehen müssen. Das Letzte, was ich für die Menschen hier tun kann, ist, eine der Verlorenen von ihrem Boden zu entfernen.«

»Sie könnte dich erwarten«, sagte Min. »Ist dir der Gedanke gekommen, dass der Junge, den Nynaeve gefunden hat, absichtlich dort wartete? Dass er entdeckt werden sollte, um dich in eine Falle zu locken?«

Er zögerte, dann schüttelte er den Kopf. »Er war echt. Moghedien wäre vielleicht auf so einen Einfall gekommen, aber nicht Graendal. Sie hätte zu viel Angst, dass man ihre Spur aufnimmt. Wir müssen schnell handeln, bevor sie erfährt, dass sie kompromittiert wurde. Ich muss jetzt zuschlagen.« Min stand auf.

»Kommst du mit?«, fragte Rand überrascht.

Sie errötete. Und wenn es bei Graendal genauso schiefgeht wie bei Semirhage? Was, wenn man mich wieder zum Werkzeug gegen ihn macht?

»ja«, sagte sie, nur um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht aufgab. »Natürlich komme ich mit. Glaube ja nicht, du kannst mich zurücklassen!«

»Das würde mir nicht im Traum einfallen«, sagte er tonlos. »Komm.«

Sie hatte mit größerem Widerstand gerechnet.

Vom Nachttisch nahm er die Statuette des Mannes mit der Kugel. Er drehte das Ter’angreal in der Hand, inspizierte es, dann sah er Min an, als würde er Widerspruch erwarten. Sie sagte kein Wort.

Er schob die Statuette in die übergroße Manteltasche, das uralte, mit der Macht geschmiedete Schwert an die Taille gegürtet.

Min eilte hinter ihm her. Er sah die beiden Töchter an, die die Tür bewachten. »Ich ziehe in die Schlacht«, sagte er zu ihnen. »Bringt nicht mehr als zwanzig mit.«

Die Töchter tauschten kurz Handsignale aus, dann lief eine voraus und die andere folgte Rand, als er durch den Korridor ging. Min eilte mit klopfendem Herzen an seine Seite, ihre Stiefel polterten laut über die Bodenfliesen. Er war schon zuvor auf diese ungestüme Weise losgeeilt, um gegen die Verlorenen zu kämpfen, aber für gewöhnlich nahm er sich mehr Zeit, um einen Plan zu schmieden. Sammael hatte er monatelang in die richtige Position gebracht, bevor er in Illian zuschlug. Für Graendal hatte er kaum einen Tag gehabt, um Entscheidungen zu treffen!

Min überprüfte ihre Messer und vergewisserte sich, dass sie sicher in ihren Ärmeln steckten, aber das war bloß eine nervöse Angewohnheit. Rand erreichte das Ende des Korridors und schritt die Stufen hinunter, schnell, aber nicht eilig, mit unbewegter Miene. Und doch erschien er wie ein Gewittersturm, irgendwie von einem inneren Druck erfüllt und auf ein einzelnes Ziel konzentriert. Wie sehr sie sich doch wünschte, er würde einfach die Geduld verlieren und explodieren, so wie früher! Damals hatte er sie zur Verzweiflung gebracht, aber er hatte ihr nie Angst gemacht. Nicht so, wie er es jetzt tat, mit diesem eiskalten Blick, der ihr verschlossen blieb, dieser Gefahr, die er ausstrahlte. Seit dem Zwischenfall mit Semirhage sprach er davon, das zu tun, was »auch immer nötig war«, ganz egal, was es kostete, und Min wusste genau, dass er rasend vor Wut sein musste, weil es ihm nicht gelungen war, die Seanchaner zu einem Bündnis zu bewegen. Wozu würde ihn die Kombination aus Scheitern und Entschlossenheit nur verleiten?

Unten an der breiten Treppe wandte sich Rand an einen Diener. »Holt Nynaeve Sedai und Lord Ramshalan. Bringt sie ins Wohnzimmer.«

Lord Ramshalan? Der Mann aus Lady Chadmars ehemaligem Kreis? »Rand«, sagte Min ganz ruhig, als sie die letzte Stufe verließ, »was hast du vor?«

Rand schwieg. Er durchquerte die weiße Marmorhalle und betrat das Wohnzimmer, das in dunklen Rottönen ausgestattet war, um einen Kontrast zu dem weißen Fußboden zu bieten. Er setzte sich nicht, sondern blieb mit hinter dem Rücken gehaltener Hand dort stehen und studierte die Karte von Arad Doman an der Wand, die auf seine Anweisung dort aufgehängt worden war. Die alte Karte hatte ein kostbares Ölgemälde ersetzt und schien überhaupt nicht in den Raum zu passen.

Neben einem kleinen See im Südosten war mit Tinte ein schwarzer Punkt markiert. Rand hatte ihn selbst an dem Morgen nach Kerbs Tod angebracht. Er markierte Natrins Hügel.

»Das war früher eine Festung«, sagte Rand gedankenverloren.

»Die Stadt, in der sich Graendal verbirgt?«, fragte Min und trat an seine Seite.

Er schüttelte den Kopf. »Es handelt sich nicht um eine Stadt. Ich habe Späher ausgeschickt. Es ist ein einzelner Bau, den man vor langer Zeit errichtete, um die Verschleierten Berge zu beobachten und sich gegen Überfälle der Manetheren durch die Pässe zu schützen. Seit den Trolloc-Kriegen hat man ihn nicht mehr für militärische Zwecke benutzt; man musste ja keine Angst haben, dass die Einwohner von den Zwei Flüssen, die sich nicht einmal mehr an den Namen Manetheren erinnern, zu einer Invasion aufbrechen.«

Min nickte. »Andererseits ist Arad Doman von einem Schafhirten aus den Zwei Flüssen erobert worden.«

Einst hätte ihn das lächeln lassen. Sie vergaß immer, dass er so etwas nicht mehr tat.

»Vor ein paar Jahrhunderten holte sich der König von Arad Doman Natrins Hügel im Namen des Throns zurück«, fuhr Rand fort. Er hatte die Augen vor Konzentration zusammengekniffen. »Seit einiger Zeit war er von einer unbedeutenden Adelsfamilie von der Halbinsel von Toman besetzt gewesen, die versucht hatte, ihr eigenes Königreich zu gründen. So etwas geschieht gelegentlich auf der Ebene von Almoth. Dem König gefiel der Ort, und ihm diente die Festung als Palast.

Er verbrachte dort viel Zeit, tatsächlich sogar so viel Zeit, dass mehrere seiner Kaufmannsfeinde in Bandar Eban zu viel Macht erlangten. Der König stürzte, aber seine Nachfolger benutzten die Festung ebenfalls, und sie wurde ein beliebter Rückzugsort für die Krone, wenn sich der König entspannen wollte. Während der letzten hundert Jahre kam diese Praxis langsam zum Erliegen, bis der Ort vor etwa fünfzig Jahren an einen entfernten Cousin des Königs übergeben wurde. Seitdem wird er von dieser Familie benutzt. Bei der Bevölkerung ist Natrins Hügel größtenteils in Vergessenheit geraten.«

»Nur bei Alsalam nicht?«, fragte Min.

Rand schüttelte den Kopf. »Nein. Ich bezweifle, dass er überhaupt davon wusste. Die ganze Geschichte hat mir der königliche Archivar erzählt, und der musste stundenlang suchen, um den Namen der Familie herauszufinden, die an dem Ort lebt. Schon seit Monaten gibt es keinen Kontakt mehr zu den Familienmitgliedern, allerdings besuchen sie gelegentlich die Städte. Die wenigen Bauern in der Gegend erzählen, dass anscheinend jemand Neues in dem Palast lebt, auch wenn keiner weiß, was aus den vorherigen Besitzern geworden ist. Es scheint sie zu überraschen, dass sie zuvor nie darüber nachgedacht haben, wie seltsam das eigentlich doch ist.«