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Min runzelte die Stirn. »Wer?«, fragte sie und sah Nynaeve an. Die Aes Sedai zuckte bloß mit den Schultern.

»Ich glaube, er ist unter dem Namen Torhs der Gebrochene in die Geschichte eingegangen«, sagte Rand.

Erneut schüttelte Min den Kopf. Nynaeve schloss sich ihr an. Keine von ihnen kannte sich besonders gut in Geschichte aus, das stimmte schon, aber Rand tat so, als müssten sie den Namen kennen. Seine Miene verhärtete sich, dann errötete er leicht und wandte sich von ihnen ab. »Die Frage bleibt bestehen«, sagte er mit leiser, aber angespannter Stimme. »Wie würdest du sie bekämpfen, Nynaeve?«

»Ich habe keine Lust, deine Spielchen mitzumachen, Rand al’Thor«, erwiderte Nynaeve empört. »Du hast dich ja offensichtlich bereits zu einer Vorgehensweise entschieden. Was fragst du also mich?«

»Weil das, was ich zu tun beabsichtige, mir Angst machen sollte«, sagte er. »Aber das tut es nicht.«

Min erschauderte. Rand nickte den Töchtern zu, die an der Tür standen. Mit geschmeidigen Bewegungen durchquerten sie den Raum, sprangen durch das Tor und breiteten sich im Wald aus, wo sie schnell aus der Sicht verschwanden. Alle zwanzig machten zusammen weniger Lärm als Ramshalan allein.

Min wartete. Die Sonne war auf der anderen Torseite nicht zu sehen, aber sie warf ihr spätnachmittägliches Licht auf den im Schatten liegenden Waldboden. Wenige Augenblicke später kam Nandera in Sicht und nickte Rand zu. Alles sauber.

»Kommt«, sagte Rand und ging zum Tor. Min schloss sich ihm an, allerdings erreichte Nynaeve es vor ihr.

Sie traten auf einen Teppich aus braunen Kiefernadeln, denen man den langen Schlummer unter dem verschwundenen Winterschnee ansehen konnte. Die Brise ließ Äste aneinanderreihen, und die Bergluft war viel kühler, als der Wind hatte erahnen lassen. Min wünschte sich, einen Umhang zu haben, aber jetzt war keine Zeit, um zurückzugehen und einen zu holen. Rand ging zielstrebig durch den Wald, und Nynaeve eilte an seine Seite und redete leise auf ihn ein.

Aber sie würde nichts Vernünftiges aus ihm herausbekommen, nicht, wenn er in dieser Stimmung war. Sie würden einfach abwarten müssen, was er ihnen enthüllte. Gelegentlich entdeckte Min einige der Aiel zwischen den Bäumen, aber immer nur kurz, wenn sie sich offensichtlich nicht die Mühe machten, sich zu verbergen. Sie hatten sich zweifellos gut an das Leben in den Feuchtlanden gewöhnt. Wie konnten in der Wüste aufgewachsene Menschen nur so instinktiv wissen, wie man sich in einem Wald verbarg?

Ein kleines Stück weiter endeten die Bäume. Min beeilte sich, zu Rand und Nynaeve aufzuschließen, die beide am Grat eines sanft in die Tiefe führenden Hangs stehen geblieben waren. Von hier aus konnte man über den Wald hinweg sehen, und in der Tiefe standen die Bäume wie ein grünes und braunes Meer. Die Kiefern strebten am Ufer eines kleinen Bergsees auseinander, der sich in einer dreieckigen Senke befand.

Auf einem Hügel erhob sich ein eindrucksvolles Bauwerk aus weißem Stein über dem Wasser. Rechteckig und groß war es in der Form mehrerer aufeinandergestapelter Türme erbaut, von denen jeder etwas kleiner als der darunter befindliche war. Das verlieh dem Palast eine elegante Form - wehrhaft und zugleich schlossartig. »Das ist ja wunderschön«, sagte Min atemlos.

»Er wurde in einem anderen Zeitalter erbaut«, sagte Rand. »In einer Zeit, als Menschen noch immer glaubten, dass die Majestät einer Struktur ihr Stärke verleiht.«

Der Palast war ein gutes Stück entfernt, aber nicht so weit weg, dass Min die Männer entgangen wären, die auf den Zinnen mit ihren Hellebarden patrouillierten und deren Harnische das späte Sonnenlicht reflektierten. Eine späte Jagdgruppe ritt soeben durch eines der Tore, einen prächtigen Hirschbock auf dem Packpferd festgeschnallt, während in der Nähe eine Gruppe Arbeiter auf einen umgestürzten Baum einhieb; vermutlich, um Feuerholz zu machen. Zwei Dienerinnen in Weiß trugen an über die Schultern gelegten Stangen Eimer vom See heran, und in vielen Fenstern an der Gebäudeseite flackerten Lichter. Es war ein von Leben erfüllter Besitz, der in einem einzigen massiven Gebäude untergebracht war.

»Glaubst du, Ramshalan hat hergefunden?«, sagte Nynaeve mit verschränkten Armen und bemühte sich offensichtlich, nicht beeindruckt auszusehen.

»Das kann sogar ein Narr wie er nicht übersehen«, sagte Rand und kniff die Augen zusammen. Er trug noch immer die Statuette in der Tasche. Min wünschte sich, er hätte das Ding zurückgelassen. Wie er ständig daran herumfummelte, bereitete ihr Unbehagen. Wie er sie liebkoste.

»Also hast du Ramshalan in den Tod geschickt«, sagte Nynaeve. »Was soll das bringen?«

»Sie wird ihn nicht töten«, erwiderte Rand.

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Das ist einfach nicht ihre Art. Nicht, wenn sie ihn gegen mich benutzen kann.«

»Du erwartest doch wohl nicht, dass sie ihm die Geschichte abnimmt, die du ihm erzählt hast«, meinte Min. »Dass du ihn bloß geschickt hast, um die Loyalität der Domani-Adligen auf die Probe zu stellen?«

Rand schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Ich hoffe, dass sie einen Teil dieser Geschichte glaubt, aber ich rechne nicht damit. Es war mein Ernst, was ich über sie sagte, Min - sie ist schlauer als ich. Und ich fürchte, dass sie mich viel besser kennt als ich sie. Sie wird Ramshalan unter Zwang setzen und aus ihm unsere ganze Unterhaltung herausholen. Und dann findet sie eine Möglichkeit, diese Unterhaltung gegen mich zu verwenden.«

»Wie?«, fragte Min.

»Ich weiß es nicht. Ich wünschte, ich täte es. Sie wird sich schon etwas Schlaues einfallen lassen, dann wird sie Ramshalan mit einem sehr subtilen Zwang infizieren, den ich unmöglich voraussehen kann. Mir wird nur die Wahl bleiben, ihn in meiner Nähe zu behalten und zu beobachten, was er tut, oder ihn fortzuschicken. Aber natürlich wird sie auch daran denken, und was auch immer ich mache, wird ihre anderen Pläne in Bewegung setzen.«

»Bei dir hört sich das so an, als könntest du nicht gewinnen«, sagte Nynaeve stirnrunzelnd. Ihr schien die kühle Luft überhaupt nicht aufzufallen. Rand auch nicht. Wie auch immer dieser »Trick« funktionierte, Kälte und Hitze zu ignorieren, Min war nie dahintergekommen. Sie behaupteten, es hätte nichts mit der Einen Macht zu tun, aber wenn dem so war, warum waren dann Rand und die Aes Sedai die Einzigen, die ihn zustande brachten? Die Aiel schienen sich ebenfalls nicht an der Kälte zu stören, aber die zählten nicht. Sie schienen sich nie für die Anliegen normaler Menschen zu interessieren, auch wenn sie bei den unbedeutendsten Dingen sehr empfindlich reagieren konnten.

»Du sagst, wir können nicht gewinnen?«, fragte Rand. »Ist es das, was wir versuchen? Zu gewinnen?«

Nynaeve hob eine Braue. »Beantwortest du keine Fragen mehr?«

Rand sah sie an. Min stand auf der anderen Seite von ihm, also konnte sie seine Miene nicht sehen, dafür sah sie aber, dass Nynaeve alle Farbe aus dem Gesicht verlor. Es war ihre eigene Schuld. Spürte sie denn nicht, wie angespannt Rand war? Vielleicht kam Mins Frösteln ja gar nicht von der Kälte. Sie trat näher an ihn heran, aber er legte nicht den Arm um sie, wie er es früher getan hätte. Als er sich endlich von Nynaeve abwandte, sackte die Aes Sedai ein Stück in sich zusammen, als hätte sein Blick sie angehoben.

Eine Weile schwieg Rand, also warteten sie stumm auf dem Hügelkamm, während die ferne Sonne dem Horizont entgegenwanderte. Die Schatten wurden länger, Finger, die sich von der Sonne fortstreckten. Unten an der Festungsmauer fingen ein paar Stallburschen damit an, Pferde spazieren zu führen, damit sie etwas Auslauf bekamen. Weitere Lichter flammten in den Fenstern der Festung auf. Wie viele Menschen hatte Graendal wohl dort? Es musste Dutzende sein, wenn nicht sogar Hunderte.

Ein Krachen im Unterholz ließ Min zusammenzucken; es wurde von Flüchen begleitet. Dann brach der Lärm abrupt ab.

Ein paar Augenblicke später erschien eine kleine Gruppe Aiel und führte einen zerzausten Ramshalan herbei, dessen kostbare Kleidung voller Kiefernadeln und von Ästen zerrissen war. Er klopfte sich ab, dann machte er einen Schritt auf Rand zu.