Die Töchter hielten ihn fest. Er sah sie verständnislos an, legte den Kopf schief. »Mein Lord Drache?«
»Ist er infiziert?«, wollte Rand von Nynaeve wissen. »Mit was?«
»Graendals Berührung.«
Nynaeve stellte sich vor den Adligen und sah ihn einen Moment lang an. Dann zischte sie und sagte: »Ja. Er unterliegt einem schweren Zwang. Da sind viele Gewebe. Nicht so schlimm wie bei dem Kerzenmacherlehrling, vielleicht aber auch nur viel geschickter.«
»Mein Lord Drache, ich muss schon sagen«, ereiferte sich Ramshalan, »was geht hier vor? Die Lady des Schlosses dort unten war sehr freundlich - sie ist eine Verbündete, mein Lord. Ihr habt nichts von ihr zu befürchten! Ich muss schon sagen, sie ist ausgesprochen edel.«
»Ist sie das?«, fragte Rand leise. Die Sonne ging hinter den fernen Bergen unter, und es wurde dunkel. Abgesehen vom Abendlicht kam die einzige Beleuchtung aus dem noch immer geöffnet stehenden Wegetor hinter ihnen. In ihm leuchtete Lampenschein, ein einladendes Portal zurück in die Wärme, fort von diesem Ort aus Schatten und Kälte.
Rands Stimme klang so hart. Schlimmer, als Min sie je zuvor gehört hatte.
»Rand«, sagte sie und berührte seinen Arm. »Lass uns zurückgehen.«
»Ich habe noch etwas zu erledigen«, sagte er, ohne sie anzusehen.
»Denk noch länger darüber nach«, erwiderte Min. »Hol dir zumindest einen Rat ein. Wir können Cadsuane fragen oder…«
»Cadsuane hat mich in eine Kiste gesperrt, Min«, sagte er sehr leise. Sein Gesicht lag im Schatten, aber als er sich ihr zuwandte, spiegelte sich das Licht aus dem offenen Wegetor in seinen Augen. Orangefarben und rot. Ein wütender Unterton lag in seiner Stimme. Ich hätte Cadsuane nicht erwähnen dürfen, wurde ihr klar. Der Name dieser Frau gehörte zu den wenigen Dingen, die ihm noch immer ein Gefühl entlocken konnten.
»Eine Kiste, Min«, flüsterte er. »Auch wenn Cadsuanes Kiste unsichtbare Wände hatte, hat sie mich genauso eingesperrt wie die andere Kiste, die mich gefangen hielt. Ihre Zunge war eine viel schmerzvollere Rute als alle anderen, die je meine Haut trafen. Das erkenne ich jetzt.«
Er wich vor ihrer Berührung zurück.
»Was soll das alles?«, verlangte Nynaeve zu wissen. »Du hast diesen Mann ausgeschickt, damit er einen Zwang auferlegt bekommt, obwohl du wusstest, was das aus ihm macht? Ich werde nicht zusehen, wie sich noch ein Mann deswegen quält und stirbt! Zu was auch immer sie ihn gezwungen hat, ich werde es nicht entfernen! Wenn du deswegen stirbst, dann ist das deine eigene Schuld.«
»Mein Lord?«, fragte Ramshalan. Das wachsende Entsetzen in seiner Stimme erfüllte Min mit Unbehagen.
Die Sonne ging endgültig unter; Rand war nur noch eine Silhouette. Die Festung war ein schwarzer Umriss mit Laternen in den Löchern ihrer Mauern. Rand trat an das Ende des Hügelkamms und nahm den Zugangsschlüssel aus der Tasche. Er fing an, ein leichtes Glühen von sich zu geben, ein rotes Schimmern, das aus seinem Herzen kam. Nynaeve sog scharf die Luft ein.
»Keine von euch war dabei, als Callandor mich im Stich ließ«, sagte er in die Nacht hinein. »Das ist zweimal passiert. Einmal, als ich damit die Toten zum Leben erwecken wollte, aber ich erhielt bloß eine leblose Marionette. Einmal, als ich mit ihm die Seanchaner vernichten wollte, aber damit richtete ich bei meinen eigenen Heeren genauso viel Tod und Vernichtung an wie bei ihren.
Cadsuane hat mir gesagt, dass das zweite Scheitern an einem Fehler in Callandor selbst lag. Ihr müsst wissen, es kann nicht von einem einzelnen Mann kontrolliert werden. Es funktioniert nur, wenn er in einer Kiste ist. Callandor ist eine sorgfältig konstruierte verführerische Leine, die mich dazu verleiten soll, mich freiwillig zu ergeben.«
Die Kugel des Zugangsschlüssels erstrahlte plötzlich in einer hellen, augenscheinlich kristallinen Farbe. In Scharlachrot, und das Zentrum leuchtete grell. Als hätte jemand einen glühenden Stein in einen Teich voller Blut geworfen.
»Ich sehe eine andere Antwort für meine Probleme«, fuhr Rand fort, und seine Stimme war noch immer beinahe ein Flüstern. »Bei Callandors Versagen ging ich beide Male leichtsinnig mit meinen Gefühlen um. Ich ließ zu, dass mich mein Temperament antrieb. Ich kann nicht von Wut getrieben töten, Min. Ich muss diese Wut in meinem Inneren festhalten; ich muss sie lenken, so wie ich die Eine Macht lenke, jeder Tod muss beabsichtigt sein. Mit Vorsatz geschehen.«
Min konnte nicht sprechen. Konnte ihre Ängste nicht in Worte fassen, konnte nicht die richtigen Worte finden, um ihn aufzuhalten. Trotz des flüssigen Lichts in seiner Hand blieben seine Augen in der Dunkelheit verborgen. Das Licht schleuderte Schatten von seiner Gestalt fort, als wäre er das Zentrum einer lautlosen Explosion. Min wandte sich Nynaeve zu; die Aes Sedai sah mit weit aufgerissenen Augen und halb geöffnetem Mund zu. Auch sie fand keine Worte.
Min wandte sich wieder Rand zu. Als er so kurz davor gestanden hatte, sie mit seiner eigenen Hand zu töten, hatte sie ihn nicht gefürchtet. Aber da hatte sie auch gewusst, dass nicht Rand derjenige war, der ihr wehtat, sondern Semirhage.
Aber dieser Rand, dessen Hand in Flammen stand und dessen Augen so konzentriert und zugleich so leidenschaftslos blickten, jagte ihr eine entsetzliche Angst ein.
»Ich habe es schon zuvor getan«, flüsterte er. »Ich sagte, ich töte keine Frauen, aber das war eine Lüge. Ich ermordete eine Frau, lange bevor ich Semirhage gegenübertrat. Ihr Name war Liah. Ich tötete sie in Shadar Logoth. Ich tötete sie und nannte es Gnade.«
Er wandte sich der Palastfestung unter ihnen zu.
»Vergebt mir, dass ich auch das hier eine Gnade nenne«, sagte er, aber er schien damit nicht Min zu meinen.
Vor ihm in der Luft formte sich ein unbeschreiblich grelles Licht, und Min schrie auf und wich zurück. Die Luft selbst schien sich zu verzerren, als würde sie sich angsterfüllt vor Rand zurückziehen. Um ihn herum flog kreisförmig Staub in die Höhe, und die von dem strahlenden Licht erhellten Bäume ächzten; die Kiefernadeln rasselten wie hunderttausend Insekten, die übereinander krochen. Min konnte Rand nicht länger sehen, da war nur noch eine lodernde, blendende Macht aus reinem Licht. Angehäufte pure Macht, die mit ihrer nicht fassbaren Energie die Härchen auf ihren Armen aufrichtete. In diesem Augenblick glaubte sie begreifen zu können, was die Eine Macht tatsächlich war. Sie war hier, genau vor ihr, verkörpert in dem Mann Rand al’Thor.
Und dann entließ er sie mit einem Laut wie einem Seufzen. Eine Säule unbefleckter Helligkeit schoss aus ihm hervor und brannte sich ihren Weg durch den stummen Nachthimmel, erhellte die Bäume unter ihr. Sie bewegte sich so schnell wie ein Fingerschnippen und traf die Mauer der fernen Festung. Die Steine leuchteten auf, als atmeten sie die Kraft der Energie ein. Die ganze Festung glühte auf, verwandelt in lebendiges Licht, in einen erstaunlichen, spektakulären Palast aus unverfälschter Energie. Es war wunderschön.
Und dann war er einfach verschwunden. Aus der Landschaft - und dem Muster - gebrannt, als hätte er niemals dort gestanden. Die ganze Festung, Hunderte Quadratfuß aus Stein, und jeder, der darin gelebt hatte.
Etwas traf Min, etwas wie eine Schockwelle. Es war kein greifbarer Windstoß und es ließ sie nicht stolpern, aber es verdrehte ihr Inneres. Der noch immer von dem Zugangsschlüssel in Rands Hand beleuchtete Wald schien sich auszudehnen und zu erbeben. Als stöhnte die Welt selbst voller Agonie.
Sie schnellte zurück, trotzdem konnte Min noch immer diese Anspannung fühlen. In diesem Augenblick hatte es den Anschein, als hätte die Substanz der Welt selbst kurz vor der Zerstörung gestanden.
»Was hast du getan?«, flüsterte Nynaeve.
Rand gab keine Antwort. Min konnte sein Gesicht wieder erkennen, jetzt, da die gewaltige Säule aus Baalsfeuer verschwunden war und nur den glühenden Zugangsschlüssel zurückgelassen hatte. Er war in Ekstase, sein Mund klaffte weit auf, und er hielt den Zugangsschlüssel vor sich in die Höhe wie eine Siegestrophäe. Oder als würde er ihn anbeten.