Egwene saß auf einem dreibeinigen Hocker in der Ecke des Zimmers, dem Verkaufsraum eines Schuhmachers. Sie hatte den Ort zufällig ausgewählt, nur für alle Fälle, und auf eine Zusammenkunft in der Weißen Burg verzichtet. Die Verlorenen wussten, dass Egwene und die anderen sich in der Welt der Träume bewegten.
Bei Siuan konnte Egwene entspannter sein und mehr von ihrem eigentlichen Ich enthüllen. Beiden war klar, dass Egwene jetzt die Amyrlin war und Siuan den geringeren Status hatte, aber sie teilten auch einen Bund. Eine Kameradschaft, die der Stellung zu verdanken war, die sie beide innegehabt hatten. Seltsamerweise hatte sich dieser Bund in etwas Ähnliches wie eine Freundschaft verwandelt.
Aber in diesem Augenblick stand Egwene kurz davor, ihre Freundin zu erwürgen. »Wir haben das doch besprochen«, sagte sie energisch. »Ich kann nicht flüchten. Jeder Tag, den ich eingesperrt verbringe und nicht geflohen bin, ist ein weiterer Schlag gegen Elaidas Herrschaft. Wenn ich vor ihrem Prozess verschwinde, untergräbt das alles, wofür wir gearbeitet haben!«
»Der Prozess wird eine Farce sein, Mutter«, sagte Siuan. »Und selbst wenn nicht, wird man nur eine leichte Strafe verhängen. So wie Ihr es mir berichtet habt, hat sie Euch bei ihren Schlägen keine Knochen gebrochen - sie hat Euch nicht einmal eine Platzwunde zugefügt.«
Das stimmte allerdings. Egwene hatte durch zerbrochenes Glas geblutet, nicht durch Elaidas Prügel.
»Selbst ein formeller Tadel vom Saal wird ihre Autorität untergraben«, beharrte Egwene. »Mein Widerstand, meine Weigerung, mich durch meine Inhaftierung brechen zu lassen, bedeutet etwas. Die Sitzenden selbst besuchen mich! Sollte ich flüchten, würde es so aussehen, als hätte ich Elaida nachgegeben.«
»Hat sie Euch nicht zur Schattenfreundin erklärt?«, fragte Siuan spitz.
Egwene zögerte. Ja, das hatte sie getan. Aber sie hatte keinen Beweis dafür.
Das Burggesetz war verzwickt, und die angemessenen Bestrafungen und Interpretationen zu finden konnte kompliziert sein. Die Drei Eide hätten Elaida davon abgehalten, die Eine Macht als Waffe zu benutzen, also musste sie geglaubt haben, das Gesetz nicht zu missachten. Entweder war sie weitergegangen als beabsichtigt, oder sie betrachtete Egwene als Schattenfreundin. Sie konnte beide Positionen zu ihrer Verteidigung anführen; die Letztere würde sie vom größten Teil der Schuld freisprechen, aber die Erstere würde viel einfacher zu beweisen sein.
»Sie könnte es schaffen, Euch verurteilen zu lassen«, meinte Siuan, die anscheinend in die gleiche Richtung dachte. »Man würde Euch hinrichten lassen. Was dann?«
»Das wird ihr nicht gelingen. Sie hat keinen Beweis, dass ich eine Schattenfreundin bin, also wird das der Saal niemals zulassen.«
»Und wenn Ihr Euch irrt?«
Egwene zögerte. »Also gut. Sollte der Saal entscheiden, mich hinzurichten, lasse ich mich von Euch hier herausholen. Aber vorher nicht, Siuan. Erst dann.«
Siuan schnaubte. »Möglicherweise bleibt Euch dann dazu keine Gelegenheit, Mutter. Falls Elaida die anderen einschüchtert, wird sie schnell handeln. Die Strafaktionen dieser Frau können so schnell wie ein Sturmwind sein und einen völlig unerwartet treffen. Das weiß ich zur Genüge.«
»Sollte das geschehen«, sagte Egwene spitz, »wäre mein Tod ein Sieg. Dann wäre Elaida diejenige, die aufgegeben hat, und nicht ich.«
Siuan schüttelte den Kopf und murmelte: »So unnachgiebig wie ein Ankerplatz.«
»Diese Diskussion ist beendet, Siuan«, sagte Egwene streng.
Siuan seufzte, sagte aber nichts mehr dazu. Sie schien zu viel nervöse Energie zu haben, um sich hinsetzen zu können, und hatte den Hocker auf der anderen Seite des Raumes ignoriert; sie stand rechts neben Egwene am Ladenfenster.
Das Ladenlokal des Schuhmachers wies Anzeichen von viel Betrieb auf. Eine Theke teilte den Raum in zwei Hälften, die Wand dahinter war mit Dutzenden Nischen von Schuhen in verschiedenen Größen versehen. Manchmal waren sie mit robusten Arbeitsschuhen aus Leder oder Segeltuch vollgestopft, deren Schnürriemen herunterhingen oder deren Schnallen im Phantomlicht des Tel’aran’rhiod funkelten, jedes Mal, wenn Egwene wieder zur Wand sah, hatten sich die Schuhe verändert. Einige waren verschwunden, andere waren aufgetaucht. Sie würden in der realen Welt nicht lange in ihren Nischen ruhen, denn sie ließen in der Welt der Träume nur vage Abdrücke zurück.
Die Vorderseite des Ladens war voller Hocker für die Kunden. Die Schuhe in den Fächern waren alle unterschiedlich, dann gab es Testschuhe, mit denen man die Größe feststellen konnte, jemand kam in den Laden, probierte den Testschuh an und suchte sich ein Modell aus. Dann würde der Schuhmaeher - oder vermutlich seine Angestellten - ein Paar in der gewünschten Mode herstellen, das man später abholen konnte. Die große Glasscheibe an der Vorderseite verkündete mit großen weißen aufgemalten Buchstaben, dass der Schuhmacher Naorman Mashinta hieß, und neben dem Namen war eine kleine »Drei« gemalt. Das war die dritte Generation von Mashintas, die den Laden betrieb. Keinesfalls ungewöhnlich für Stadtleute. Tatsächlich fand der Teil von Egwene, der noch immer von den Zwei Flüssen dominiert wurde, es seltsam, dass jemand in Betracht ziehen konnte, das Handwerk der Eltern nicht auszuüben, solange es sich nicht um das dritte oder vierte Kind handelte.
»Nachdem wir jetzt das Offensichtliche abgehandelt haben«, sagte Egwene, »was gibt es denn Neues?«
»Nun«, sagte Siuan, lehnte sich gegen das Fenster und schaute auf die auf unheimliche Weise leere Straße in Tar Valon hinaus, »kürzlich ist ein alter Bekannter von Euch im Lager aufgetaucht.«
»Wirklich?«, fragte Egwene gedankenverloren. »Wer denn?«
» Gawyn Trakand.«
Egwene zuckte zusammen. Das war unmöglich! Gawyn hatte sich während der Rebellion auf Elaidas Seite geschlagen. Er würde nicht die Fronten gewechselt haben. War er gefangen genommen worden? Aber so hatte Siuan es nicht ausgedrückt.
Einen kurzen Augenblick lang verwandelte sich Egwene in ein bebendes Mädchen im Bann seiner geflüsterten Versprechungen. Aber sie schaffte es, diesen Teil von ihr in der Gestalt der Amyrlin einzusperren, und zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. Mit betont nüchternem Tonfall fragte sie: »Gawyn? Wie seltsam. Ich hätte nicht erwartet, ihn dort zu finden.«
Siuan lächelte. »Gut reagiert«, meinte sie. »Aber Ihr habt zu lange geschwiegen, und als Ihr nach ihm gefragt habt, seid Ihr zu desinteressiert gewesen. Das machte Euch leicht zu durchschauen.«
»Das Licht soll Euch blenden«, sagte Egwene. »Ist das noch eine Prüfung? Ist er wirklich da?«
»Ich halte mich an die Eide, vielen Dank«, sagte Siuan beleidigt. Egwene gehörte zu den wenigen, die wussten, dass Siuan als Resultat ihrer Dämpfung und der darauf folgenden Heilung von den Drei Eiden entbunden worden war. Aber genau wie Egwene hatte sie sich entschlossen, nie zu lügen.
»Wie dem auch sei«, sagte Egwene. »Ich bin der Ansicht, dass die Zeit, mich auf die Probe zu stellen, vorbei ist.«
»feder, der Euch begegnet, Mutter, wird Euch auf die Probe stellen«, sagte Siuan. »Ihr müsst auf Überraschungen vorbereitet sein; in jedem Augenblick könnte Euch jemand eine entgegenschleudern, nur um zu sehen, wie Ihr reagiert.«
»Danke«, sagte Egwene kalt. »Aber diese Ermahnung ist wirklich unnötig.«
»Tatsächlich? Klingt irgendwie wie etwas, das Elaida sagen würde.«
»Das ist ungerecht!«
»Beweist es«, sagte Siuan süffisant.
Egwene zwang sich zur Ruhe. Siuan hatte recht. Es war besser, einen Rat anzunehmen - vor allem, wenn es ein guter Rat war -, als sich zu beschweren. »Natürlich habt Ihr recht«, sagte Egwene und strich das Kleid über den Knien glatt, während sie gleichzeitig den Unmut aus ihrer Miene strich. »Erzählt mir mehr über Gawyns Ankunft.«