Egwene setzte sich auf die unterste Treppenstufe eines Wagens, dessen Vorderseite der Feuergrube zugewandt war. Einen Augenblick lang ließ sie ihr Gewand sich in ein einfaches grünes Wollkleid aus den Zwei Flüssen verwandeln, das dem ähnelte, das sie während ihres Besuches bei den Kesselflickern getragen hatte. Sie starrte in die nicht existierenden Flammen und hing nachdenklich ihren Erinnerungen nach. Was war wohl aus Aram, Raen und IIa geworden? Aller Wahrscheinlichkeit nach befanden sie sich in einem Lager genau wie diesem hier in Sicherheit und warteten darauf, was Tarmon Gai’don mit der Welt anstellen würde. Egwene lächelte, als sie an jene Tage dachte, in denen sie mit Aram getanzt und geflirtet hatte, während Perrin stirnrunzelnd sein Missfallen darüber zum Ausdruck gebracht hatte. Das war eine einfachere Zeit gewesen; allerdings hatten die Kesselflicker es immer geschafft, die Zeit für sich einfacher zu machen.
Ja, diese Gruppe würde noch immer tanzen. Und zwar bis zu dem Tag, an dem das Muster verbrannte, ob sie nun ihr Lied gefunden hatten oder nicht, ob die Trollocs die Welt nun verwüsteten oder nicht oder der Wiedergeborene Drache sie zerstörte.
Hatte sie die Dinge aus den Augen verloren, die von allen am Kostbarsten waren? Warum kämpfte sie so energisch dafür, sich die Weiße Burg zu sichern? Um der Macht willen? Aus Stolz? Oder weil sie der Meinung war, dass das wirklich das Beste für die Welt war?
Würde sie sich verausgaben, während sie diese Schlacht ausfocht? Sie hatte die Grünen und nicht die Blauen gewählt - oder hätte sie gewählt. Der Unterschied bestand nicht nur darin, dass ihr gefiel, wie die Grünen aufstanden und kämpften; ihrer Meinung nach waren die Blauen einfach zu verbissen. Das Leben war komplizierter, und es ging um mehr als nur eine Sache. Das Leben wollte gelebt werden. Es ging dabei ums Träumen, Lachen und Tanzen.
Gawyn war im Lager der Aes Sedai. Sie hatte immer behauptet, die Grünen wegen ihrer aggressiven Entschlossenheit wählen zu wollen - es war die Kampf-Ajah. Aber ein ehrlicherer Teil von ihr musste zugeben, dass Gawyn ebenfalls an dieser Entscheidung schuld gewesen war. Bei den Grünen Ajah war nichts Besonderes daran, seinen Behüter zu heiraten. Egwene würde Gawyn zu ihrem Behüter erwählen. Und zu ihrem Ehemann.
Sie liebte ihn. Sie würde mit ihm den Bund eingehen. Diese Herzenswünsche waren sicher nicht so wichtig wie das Schicksal der Welt, aber sie waren wichtig.
Egwene erhob sich von der Stufe, und ihr Kleid verwandelte sich wieder in das weiße und silberne Gewand der Amyrlin. Sie tat einen Schritt und ließ die Welt sich verändern.
Sie stand vor der Weißen Burg. Sie legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick über den zierlichen und doch so mächtigen weißen Turm schweifen. Obwohl der Himmel in schwarzer Unruhe brodelte, ließ etwas den Turm einen Schatten werfen, der direkt auf Egwene fiel. Handelte es sich um eine Art Vision? Die Weiße Burg überragte sie weit, und sie spürte ihr Gewicht, als würde sie sie stützen. Als stemmte sie sich gegen diese Mauern, um zu verhindern, dass sie zerbarsten und einstürzten.
Egwene stand lange da, während der Himmel kochte und der perfekte Turm der Burg seinen Schatten auf sie warf. Sie starrte zur Spitze empor und versuchte sich darüber klar zu werden, ob wohl der Zeitpunkt gekommen war, sie einfach in sich zusammenbrechen zu lassen.
Nein, dachte sie erneut. Nein, noch nicht. Noch ein paar Tage.
Egwene schloss die Augen, und als sie sie wieder öffnete, umgab sie eine tiefe Finsternis. Plötzlich schien ihr ganzer Körper vor Schmerzen zu explodieren, ihr vom Riemen wund geschlagener Hintern, ihre von der Enge des kleinen Raumes verkrampften Arme und Beine. Es roch nach altem Stroh und Moder, und hätte sich ihre Nase nicht schon lange daran gewöhnt, hätte sie auch den Gestank ihres ungewaschenen Körpers gerochen. Sie unterdrückte ein Stöhnen - vor der Tür standen Frauen, die sie bewachten und die Abschirmung aufrechterhielten. Sie würde sie keine Beschwerde hören lassen, nicht einmal in der Form eines Stöhnens.
Sie setzte sich auf. Noch immer trug sie das Novizinnengewand, das sie bei Elaidas Abendessen getragen hatte. Die Ärmel waren steif von getrocknetem Blut, und sie knisterten und kratzten auf ihrer Haut, als sie sich bewegte. Sie war völlig ausgedörrt; man gab ihr nie genug zu trinken. Aber sie beschwerte sich nicht. Kein Brüllen, kein Weinen, kein Betteln. Trotz der Schmerzen zwang sie sich, sich aufrecht hinzusetzen, und lächelte darüber, wie sich das anfühlte. Sie schlug die Beine untereinander, lehnte sich zurück und streckte die Muskeln in ihren Armen, einen nach dem anderen. Dann stand sie auf, blieb geduckt stehen und streckte Rücken und Schultern. Schließlich legte sie sich auf den Rücken und streckte die Beine in die Luft, verzog das Gesicht, als sie sich beschwerten. Sie musste beweglich bleiben. Der Schmerz war nichts. Nichts auf der Welt kam der Gefahr gleich, in der sich die Weiße Burg befand.
Nun setzte sie sich wieder mit untergeschlagenen Beinen auf den Boden und holte tief Luft, wiederholte in Gedanken, dass sie in diesen Raum eingesperrt sein wollte. Sie hätte entkommen können, wenn sie es so gewollt hätte, aber sie blieb. Und indem sie blieb, untergrub sie Elaidas Autorität. Indem sie blieb, bewies sie, dass sich manche nicht beugten und den Untergang der Weißen Burg tatenlos akzeptierten. Diese Kerkerhaft bedeutete etwas.
Diese in Gedanken wiederholten Worte halfen ihr, die Panik abzuwehren, die bei der Vorstellung aufkam, einen weiteren Tag in dieser Zelle zu verbringen. Was hätte sie nur ohne diese nächtlichen Träume getan, um den Verstand nicht zu verlieren? Wieder musste sie an den armen Rand denken, den man in eine Kiste gesperrt hatte. Nun teilten sie etwas, er und sie. Eine Verwandtschaft, die weit über die gemeinsame Kindheit in den Zwei Flüssen hinausging. Beide hatten sie Elaidas Bestrafungen erlitten. Und sie hatten keinen von ihnen gebrochen.
Es gab nichts anderes zu tun, als zu warten. Gegen Mittag würde man die Tür öffnen und sie herauszerren, um sie zu schlagen. Die Prügel würde nicht Silviana verabreichen. Die Schläge auszuteilen betrachteten alle als Belohnung, eine Entschädigung dafür, dass die Roten Schwestern den ganzen Tag im Kerker sitzen und sie bewachen mussten.
Nach den Prügeln würde man Egwene zurück in die Zelle stoßen und ihr eine Schale mit einem geschmacklosen Brei geben. Jeder Tag verlief gleich. Aber sie würde nicht nachgeben, vor allem nicht, solange sie die Nächte im Tel’aran’rhiod verbringen konnte. In gewisser Hinsicht waren sie jetzt ihre Tage, die sie frei und aktiv verbringen konnte, während das hier die Nächte in tatenloser Dunkelheit waren. Das redete sie sich zumindest ein.
Der Morgen verging langsam. Schließlich klirrten eiserne Schlüssel, als einer von ihnen in das uralte Schloss gesteckt wurde. Die Tür öffnete sich, und vor ihr standen zwei Rote Schwestern, nur als Silhouetten auszumachen, denn das Licht war Egwene so fremd, dass sie kaum ihre Gesichtszüge erkennen konnte. Die Roten ergriffen sie grob an den Armen, obwohl sie sich nie wehrte. Sie zerrten sie aus der Zelle und stießen sie zu Boden. Egwene hörte den Riemen, als eine der Frauen ihn voller Vorfreude in die Hand klatschen ließ, und stählte sich gegen die Schläge. Die Schwestern würden sie lachen hören, genau wie an den Vortagen.
»Wartet«, sagte eine Stimme.
Die Arme, die Egwene hielten, wurden steif. Egwene runzelte die Stirn, die Wange gegen den kalten Boden gedrückt. Diese Stimme … das war Katerine.