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Langsam lockerten die Schwestern ihren Griff, dann zogen sie Egwene auf die Füße. Sie blinzelte gegen das grelle Licht der Lampen an und entdeckte Katerine ein Stück weit entfernt mit verschränkten Armen im Korridor stehen. »Sie soll freigelassen werden«, sagte die Rote und klang seltsam zufrieden.

» Was?«, stieß eine von Egwenes Kerkerwärterinnen hervor. Als sich ihre Augen endlich an die Helligkeit gewöhnten, erkannte sie sie als die schlanke Barasine.

»Die Amyrlin hat erkannt, dass sie die falsche Person bestraft«, sagte Katerine. »Es ist nicht allein die Schuld dieses … dieses Insekts von einer Novizin, sondern vor allem die Schuld der Frau, die sie manipuliert hat.«

Egwene musterte Katerine. Und dann ergab alles einen Sinn. »Silviana«, sagte sie.

»In der Tat«, erwiderte Katerine. »Wenn die Novizinnen außer Kontrolle sind, sollte man dann nicht die zur Verantwortung ziehen, die sie ausbilden soll?«

Also hatte Elaida eingesehen, dass sie unmöglich beweisen konnte, dass Egwene eine Schattenfreundin war. Die Aufmerksamkeit auf Silviana zu lenken war ein schlauer Zug; bestrafte man Elaida, weil sie Egwene mit der Macht geschlagen hatte, und bestrafte man Silviana dann aber noch härter, weil sie zugelassen hatte, dass Egwene überhaupt außer Kontrolle geriet, würde das das Gesicht der Amyrlin wahren.

»Ich bin der Meinung, dass die Amyrlin eine weise Entscheidung getroffen hat«, fuhr Katerine fort. »Egwene, Ihr werdet von jetzt an nur noch von der Oberin der Novizinnen … unterrichtet.«

»Aber Silviana ist doch Euch zufolge diejenige, die versagt hat«, sagte Egwene verwirrt.

»Nicht Silviana«, sagte Katerine, und ihre Selbstzufriedenheit trat noch stärker hervor. »Die neue Oberin der Novizinnen. «

Egwene erwiderte ihren Blick. »Ah«, sagte sie. »Und Ihr glaubt, dass Ihr da Erfolg habt, wo Silviana gescheitert ist?«

»Ihr werdet schon sehen.« Katerine wandte sich ab und setzte sich in Bewegung. »Bringt sie in ihr Quartier.«

Egwene schüttelte den Kopf. Elaida war kompetenter, als sie gedacht hätte. Sie hatte eingesehen, dass die Kerkerhaft nicht funktionierte, und hatte stattdessen einen Sündenbock gefunden, den sie nun bestrafen konnte. Aber Silviana von ihrem Posten entbinden? Das würde ein Schlag gegen die Moral der Burg selbst sein, denn viele Schwestern betrachteten sie als hervorragende Oberin der Novizinnen.

Zögernd brachten die Roten Egwene zum Quartier der Novizinnen, das sich nun an seinem neuen Platz auf der zweiundzwanzigsten Ebene befand. Es schien sie zu ärgern, dass ihnen die Gelegenheit entgangen war, sie zu prügeln.

Egwene ignorierte sie. Nach der langen Haft fühlte es sich einfach wunderbar an, wieder gehen zu können. Es war keine Freiheit, nicht mit zwei Wärterinnen, aber so fühlte es sich an! Beim Licht! Sie war sich nicht sicher, wie viele Tage sie noch in dem feuchten Loch von Zelle ertragen hätte!

Aber sie hatte gewonnen. Das dämmerte ihr so langsam. Sie hatte gewonnen! Sie hatte der schlimmsten Strafe widerstanden, die sich Elaida hatte einfallen lassen, und sie hatte den Sieg davongetragen! Der Saal würde die Amyrlin bestrafen, und Egwene würde frei sein.

Jeder bekannte Korridor schien in einem huldigenden Licht zu erstrahlen, und jeder Schritt schien wie der Siegesmarsch von tausend Männern auf einem Schlachtfeld zu sein. Sie hatte gewonnen! Der Krieg war noch nicht vorbei, aber diese Schlacht ging an Egwene. Sie stiegen ein paar Treppen hinauf, dann betraten sie die bevölkerten Teile der Burg. Bald kamen Gruppen von Novizinnen in Sicht; Egwenes Anblick ließ sie tuscheln, dann eilten sie weiter.

Innerhalb weniger Minuten begegnete die kleine Prozession aus Egwene und ihren beiden Aufpasserinnen immer mehr Menschen in den Korridoren. Schwestern aller Ajahs, die beschäftigt aussahen - und doch verlangsamten sich ihre Schritte, als sie Egwene erblickten. Aufgenommene reagierten weniger verstohlen; sie standen an den Kreuzungen und starrten Egwene einfach nur an. In allen Augen stand Überraschung zu lesen. Warum hatte man Egwene freigelassen? Alle erschienen angespannt. War etwas geschehen, von dem sie nichts wussten?

»Ah, Egwene«, sagte eine Stimme, als sie einen anderen Korridor passierten. »Ausgezeichnet, Ihr seid bereits frei. Ich möchte mit Euch sprechen.«

Egwene wandte den Kopf und entdeckte überrascht Saerin, die zielstrebige Sitzende der Braunen. Die Narbe auf ihrer Wange ließ die Frau stets furchteinflößender als andere Aes Sedai erscheinen, ein Eindruck, der noch von ihren weißen Locken unterstrichen wurde, die von hohem Alter kündeten. Nur wenige Angehörige der Braunen konnte man als einschüchternd beschreiben, aber Saerin gehörte zweifellos zu dieser kleinen Gruppe.

»Wir bringen sie auf ihr Zimmer«, sagte Barasine. »Nun, dann spreche ich eben auf dem Weg mit ihr«, erwiderte Saerin ruhig. »Sie darf nicht…«

»Ihr verweigert mir das, Rote? Einer Sitzenden?« Barasine errötete. »Die Amyrlin wird nicht erfreut sein, das zu hören.«

»Dann lauft und berichtet es ihr«, sagte Saerin. »Während ich mit der jungen al’Vere ein paar wichtige Dinge bespreche.« Sie musterte die Roten. »Gebt uns etwas Privatsphäre, wenn ich bitten darf.«

Es misslang den beiden Roten Schwestern, sie niederzustarren, und sie wichen zurück. Egwene verfolgte alles neugierig. Es hatte den Anschein, als wäre die Autorität der Amyrlin etwas gesunken - tatsächlich sogar die ihrer ganzen Ajah. Saerin wandte sich Egwene zu und hob die Hand, und sie setzten sich gemeinsam in Bewegung, gefolgt von den Roten Schwestern.

»Ihr geht ein Risiko ein, wenn man Euch dabei sieht, wie Ihr auf diese Weise mit mir sprecht«, sagte Egwene.

Saerin schnaubte. »Heutzutage ist es immer ein Risiko, sein Quartier zu verlassen. Die Geschehnisse bereiten mir zu viel Kummer, um mich noch auf Höflichkeiten achten zu lassen.« Sie hielt kurz inne. »Davon abgesehen, mit Euch gesehen zu werden, kann heutzutage das Risiko wert sein. Ich wollte etwas herausfinden.«

»Was denn?«, fragte Egwene neugierig.

»Nun, ich wollte tatsächlich wissen, ob man sie herumschubsen kann. Die meisten Angehörigen der Roten sind über Eure Entlassung nicht erfreut. Sie betrachten sie als große Niederlage für Elaida.«

»Sie hätte mich töten sollen«, sagte Egwene und nickte. » Schon vor Tagen.«

»Das hätte man als Niederlage betrachtet.«

»Eine genauso große Niederlage, wie gezwungen zu werden, Silviana zu entfernen? Plötzlich zu entscheiden, dass ihre Oberin der Novizinnen an allem schuld ist, eine Woche nach dem Vorfall?«

»Hat man Euch das erzählt?« Saerin lächelte. »Dass Elaida ›plötzlich‹ ganz allein diese Entscheidung traf?« Egwene hob eine Braue.

»Silviana verlangte, vor dem Saal gehört zu werden«, erklärte Saerin. »Sie trat vor uns, vor Elaida selbst, und beharrte darauf, Eure Behandlung würde gegen das Gesetz verstoßen. Was vermutlich auch stimmt. Selbst wenn Ihr keine Aes Sedai seid, hätte man Euch nicht unter so schrecklichen Bedingungen unterbringen dürfen.« Saerin warf Egwene einen Seitenblick zu. »Silviana verlangte Eure Freilassung. Ich muss sagen, sie schien Euch sehr zu respektieren. Sie sprach mit Stolz in ihrer Stimme davon, wie Ihr Eure Bestrafungen akzeptiert habt; als wärt Ihr eine Schülerin, die ihre Lektion gut gelernt hat. Dann stellte sie Elaida bloß und verlangte ihre Absetzung als Amyrlin. Es war ziemlich … außergewöhnlich.«

»Beim Licht…«, hauchte Egwene. »Was hat Elaida mit ihr gemacht?«

»Ihr befohlen, das Kleid einer Novizin anzuziehen«, erwiderte Saerin. »Was im Saal für erheblichen Aufruhr sorgte.« Saerin hielt inne. »Natürlich weigerte sich Silviana. Elaida hat verlangt, dass man sie dämpfen und hinrichten soll. Der Saal weiß nicht, was er machen soll.«

Egwene verspürte einen Stich der Panik. »Beim Licht! Sie darf nicht bestraft werden! Das müssen wir verhindern.«

»Es verhindern?«, sagte Saerin. »Kind, die Rote Ajah bricht auseinander! Ihre Angehörigen wenden sich gegeneinander, Wölfe greifen ihr eigenes Rudel an. Falls man zulässt, dass Elaida eine Angehörige ihrer eigenen Ahja tötet, wird sich ihre Unterstützung aus den Rängen in Luft auflösen. Tatsächlich würde es mich nicht überraschen, dass sich, wenn sich der Staub erst einmal legt, diese Ajah so sehr selbst geschadet hat, dass man sie einfach auflösen kann und für alle Zeiten los ist.«