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»Ach, dieser Tee schmeckt ja so gut«, sagte Verin. »Wenn Ihr Laras das nächste Mal seht, dankt Ihr doch bitte in meinem Namen dafür. Sie hatte versprochen, noch unverdorbenen zu haben, aber ich habe ihr nicht vertraut. Heutzutage kann man sich nicht mehr auf viel verlassen, nicht wahr?«

»Was, Laras ist eine Schattenfreundin?«, wollte Egwene wissen.

»Beim Licht, nein!«, sagte Verin. »Sie ist vieles, aber keine Schattenfreundin. Da findet Ihr eher einen Weißmantel, der eine Aes Sedai heiratet, als dass sich Laras dem Großen Herrn verschwört. Eine außergewöhnliche Frau. Und wirklich gut darin, den Geschmack von Tee zu beurteilen.«

»Was habt Ihr mit mir vor?«, fragte Egwene und zwang sich zur Ruhe. Hätte Verin sie töten wollen, wäre das schon längst geschehen. Offensichtlich wollte sie sie für etwas benutzen, und das würde Egwene irgendwann eine Gelegenheit geben. Eine Gelegenheit zur Flucht, eine Gelegenheit, das Blatt zu wenden. Beim Licht, das kam zur schlimmstmöglichen Zeit!

»Nun«, sagte Verin, »zuerst werde ich Euch bitten, Euch zu setzen. Ich würde Euch ja Tee anbieten, aber ich bezweifle ehrlich, dass Ihr etwas von dem abhaben wollt, das ich trinke.«

Denk nach, Egwene!, rief sie sich zur Ordnung. Nach Hilfe zu rufen würde sinnlos sein; die Rufe würden sowieso nur Novizinnen hören, da ihre Roten Aufpasserinnen losgelaufen waren. Ausgerechnet jetzt allein zu sein! Sie hätte nie geglaubt, sich einmal nach ihren Kerkerwärterinnen zu sehnen.

Davon abgesehen würde Verin sie zweifellos mit Geweben aus Luft fesseln und knebeln, sollte sie nach Hilfe rufen. Und selbst wenn die Novizinnen sie hörten, würden sie angelaufen kommen, um zu sehen, was denn los war - und das würde sie bloß ebenfalls in Verins Fänge treiben. Also zog Egwene den einzigen Hocker im Zimmer heran und setzte sich. Ihr Hintern protestierte, als er mit dem ungepolsterten Holz in Berührung kam.

Stille kehrte in das kleine Zimmer ein; es war kalt und leblos, weil es vier Tage lang unbewohnt gewesen war. Fieberhaft suchte Egwene nach einem Ausweg.

»Ich beglückwünsche Euch zu dem, was Ihr hier erreicht habt, Egwene«, sagte Verin. »Ich habe ein paar der Dummheiten verfolgt, die zwischen den Ajah-Fraktionen vorgehen, auch wenn ich mich entschied, mich nicht persönlich darin einzumischen. Meine Forschungen fortzuführen und den jungen al’Thor im Auge zu behalten war wichtiger. Er ist ein echter Wilder, das muss ich schon sagen. Ich mache mir Sorgen um den jungen. Ich bin mir nicht sicher, dass er tatsächlich begreift, wie der Große Herr arbeitet. Nicht alles Böse ist so offensichtlich wie … die Auserwählten. Die Verlorenen, wie Ihr sie nennt.«

»Offensichtlich?«, fragte Egwene. »Die Verlorenen?«

»Nun, vergleichsweise.« Verin lächelte und wärmte die Hände an der Tasse. »Die Auserwählten sind wie ein Haufen sich streitender Kinder, jeder versucht am lautesten zu schreien und die Aufmerksamkeit seines Vaters zu erringen. Es ist leicht zu erkennen, was sie wollen: Macht über die anderen Kinder, einen Beweis, dass sie am wichtigsten sind. Ich bin davon überzeugt, dass es weder Intelligenz, Durchtriebenheit oder Fähigkeiten sind, die einen Auserwählten ausmachen auch wenn solche Dinge natürlich wichtig sind. Nein, ich glaube, der Große Herr sucht in seinen größten Anführern vor allem nach Egoismus.«

Egwene runzelte die Stirn. Plauderten sie hier wirklich gemütlich über die Verlorenen? »Warum sollte er gerade nach dieser Eigenschaft suchen?«

»Es macht sie berechenbar. Ein Werkzeug, bei dem man sich darauf verlassen kann, dass es genau wie erwartet handelt, ist viel wertvoller als eines, das man nicht versteht. Vielleicht liegt es auch daran, dass nur die Starken überleben, wenn sie ständig gegeneinander kämpfen. Ich weiß es ehrlich nicht. Die Auserwählten sind vorhersehbar, aber der Große Herr ist das nicht. Selbst nach Jahrzehnten des Studiums kann ich mir nicht sicher sein, was er will oder warum er es will. Ich weiß nur, dass diese Schlacht nicht auf die Weise ausgetragen wird, mit der al’Thor rechnet.«

»Und was hat das mit mir zu tun?«

»Nicht viel«, erwiderte Verin und schnalzte ärgerlich auf sich selbst mit der Zunge. »Ich fürchte, ich lasse mich ablenken. Wo wir doch so wenig Zeit haben. Ich muss mich wirklich mehr konzentrieren.« Noch immer erschien sie wie die angenehme gelehrte Braune. Egwene war immer davon ausgegangen, dass Schwarze Schwestern … anders sein würden.

»Wie dem auch sei«, fuhr Verin fort. »Wir sprachen davon, was Ihr hier in der Burg getan habt. Ich hatte befürchtet, dass ich Euch bei meinem Eintreffen noch immer mit Euren Freunden draußen rumspielen finde. Stellt Euch mein Erstaunen vor, dass Ihr nicht nur Elaidas Regime infiltriert, sondern auch noch den halben Saal gegen sie gewendet habt. Ihr habt einige meiner Bundesgenossinnen sehr verärgert, das kann ich Euch versichern. Sie sind nicht sehr erfreut.« Verin schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Tee.

»Verin, ich …« Egwene hielt inne. »Was ist mit…«

»Ich fürchte, dazu ist keine Zeit.« Verin beugte sich vor. Plötzlich schien sich etwas an ihr zu verändern. Obwohl sie noch immer die gealterte - und zeitweise mütterliche - Frau war, wurde ihre Miene entschlossener. Sie sah Egwene an, und die Intensität in ihrem Blick war erschreckend. War das tatsächlich dieselbe Frau?

»Danke, dass Ihr das weitschweifige Geschnatter einer Frau ertragt«, sagte Verin mit weicherem Tonfall. »Es war so nett, beim Tee miteinander zu plaudern, wenigstens noch dieses eine Mal. Nun, es gibt da einige Dinge, die Ihr wissen müsst. Vor einigen Jahren stand ich vor einer Entscheidung. Ich befand mich in einer Lage, in der ich entweder dem Dunklen König die Treue schwören oder enthüllen musste, dass ich das weder je wollte noch in Zukunft beabsichtigte. Woraufhin man mich hingerichtet hätte.

Vielleicht hätte eine andere einen Ausweg aus dieser Situation gefunden. Viele hätten sich einfach für den Tod entschieden. Ich allerdings betrachtete es als Gelegenheit. Wisst Ihr, man bekommt so selten die Möglichkeit, die Bestie aus dem Inneren ihres Herzens zu studieren, dass man wirklich entdecken kann, was ihr Blut fließen lässt. Dass man entdeckt, wo all die kleinen Adern und Gefäße hinführen. In der Tat eine außerordentliche Erfahrung.«

»Wartet«, sagte Egwene. »Ihr habt Euch der Schwarzen Ajah angeschlossen, um sie zu studieren?«

»Ich habe mich ihr angeschlossen, um meine Haut zu retten«, berichtigte Verin lächelnd. »Ich hänge sehr daran, auch wenn Tomas ständig auf diesen grauen Haaren herumreitet. Wie dem auch sei, nachdem ich mich den Schwarzen angeschlossen hatte, konnte ich das Beste aus der Situation machen, indem ich sie studiere.«

»Tomas. Weiß er, was Ihr getan habt?«

»Er war selbst ein Schattenfreund, Kind«, sagte Verin. »Der nach einem Ausweg suchte. Nun, es gibt aber keinen Ausweg, nachdem der Große Herr erst einmal die Krallen in einen geschlagen hat. Aber es gibt eine Möglichkeit, sich zu wehren, für seine Taten Wiedergutmachung zu üben. Ich bot Tomas diese Möglichkeit an, und ich glaube, er war mir dafür ziemlich dankbar.«

Egwene zögerte, versuchte das alles zu begreifen. Verin war eine Schattenfreundin … und doch wiederum nicht. »Ihr sagt, er ›war‹ Euch ziemlich dankbar?«

Verin antwortete nicht sofort. Sie trank nur den nächsten Schluck Tee. »Die Eide, die man dem Großen Herrn leistet, sind recht spezifisch«, fuhr sie schließlich fort. »Und wenn sie jemandem abgenommen werden, der die Macht lenken kann, sind sie auch sehr bindend. Unmöglich zu brechen. Man kann andere Schattenfreunde verraten, man kann sich gegen die Auserwählten wenden, wenn man das rechtfertigen kann. Der Egoismus muss bewahrt werden. Aber ihn kann man nie verraten. Man kann den Orden nicht an Außenstehende verraten. Aber wie gesagt sind die Eide spezifisch. Sehr spezifisch.« Sie schaute auf und erwiderte Egwenes Blick. »›Ich schwöre, den Großen Herrn nicht zu verraten, meine Geheimnisse zu bewahren bis zur Stunde meines Todes.‹ Das habe ich versprochen. Versteht Ihr?«