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Egwene stand auf und trat an ihre Seite. »Ich danke Euch, Verin. Ich danke Euch, dass Ihr mich auserwählt habt, diese Last zu tragen.«

Verin lächelte leise. »Ihr habt eine Menge mit den Bruchstücken erreicht, die ich Euch zuvor gab. Das war eine wirklich interessante Situation. Die Amyrlin befahl mir, Euch Informationen zu geben, um die Schwarzen Schwestern zu jagen, die aus der Burg geflohen waren, also musste ich gehorchen, auch wenn die Führung der Schwarzen über den Befehl sehr ärgerlich war. Wisst Ihr, eigentlich sollte ich Euch das Traum-Ter’angreal gar nicht geben. Aber ich hatte immer schon dieses Gefühl, was Euch betraf.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein solches Vertrauen verdiene.« Egwene schaute auf die Bücher nieder. »Ein Vertrauen, wie Ihr es gezeigt habt.«

»Unsinn, Kind«, erwiderte Verin, gähnte erneut und schloss die Augen. »Ihr werdet die Amyrlin sein. Da bin ich mir sicher. Und eine Amyrlin sollte gut mit Wissen gewappnet sein. Vor allem das ist die heiligste Pflicht der Braunen - die Welt mit Wissen zu wappnen. Ich bin noch immer eine von ihnen. Das Wort Schwarze Schwester wird meinen Namen für immer brandmarken, aber bitte sorgt dafür, dass sie erfahren, dass meine Seele die einer echten Braunen ist. Sagt ihnen …«

»Das werde ich, Verin«, versprach Egwene. »Aber Eure Seele ist nicht braun. Das sehe ich.«

Verins Lider hoben sich mühsam, und sie erwiderte Egwenes Blick, während sich ihre Stirn in Falten legte.

»Eure Seele ist reines Weiß, Verin«, sagte Egwene leise. »Wie von reinem Licht.«

Verin lächelte, und ihre Augen schlossen sich. Der eigentliche Tod war noch einige Minuten entfernt, aber zuerst trat die Bewusstlosigkeit ein, und sie kam schnell. Egwene saß da und hielt die Hand der Frau. Elaida und der Saal konnten sich um sich selbst kümmern; Egwene hatte ihre Saat gut gesät. Jetzt dort aufzutauchen und Forderungen zu stellen würde nur ihre Autorität überstrapazieren.

Nachdem Verins Puls verklungen war, stellte Egwene die Tasse mit dem vergifteten Tee zur Seite und hielt die Untertasse vor Verins Nase. Auf der funkelnden Oberfläche erschien kein Atemhauch. Es kam ihr herzlos vor, das doppelt zu überprüfen, aber es gab Gifte, die einen tot erscheinen und den Atem verlangsamen lassen konnten, und falls Verin Egwene auf die falschen Schwestern hätte hetzen wollen, wäre das eine wunderbare Methode dazu gewesen. Herzlos in der Tat, und Egwene fühlte sich schrecklich dabei, aber sie war die Amyrlin. Sie tat das, was schwierig war, und zog alle Möglichkeiten in Betracht.

Sicherlich würde keine echte Schwarze Schwester bereit sein zu sterben, nur um so eine falsche Fährte zu legen. In ihrem Herzen vertraute sie Verin, aber ihr Verstand wollte Sicherheit. Sie warf einen Blick auf den einfachen Schreibtisch, wo sie die Bücher abgelegt hatte. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür ohne Vorwarnung, und eine junge Aes Sedai - die erst vor so kurzer Zeit zur Stola erhoben worden war, dass ihr Gesicht noch nicht das alterslose Aussehen angenommen hatte - spähte herein. Turese, eine der Roten Schwestern. Also hatte man endlich jemanden dazu abgestellt, Egwene zu bewachen. Ihre Freiheit war wieder vorbei. Nun, es war sinnlos, sich über das zu ärgern, was hätte sein können. Die Zeit war gut verbracht worden. Sie wünschte sich, Verin wäre eine Woche früher zu ihr gekommen, aber was geschehen war, war geschehen.

Die Rote Schwester betrachtete Verin stirnrunzelnd, und Egwene hob schnell einen Finger an die Lippen und warf der jungen Frau einen finsteren Blick zu. Dann eilte sie zur Tür.

»Sie ist gerade angekommen und wollte mich wegen einer Aufgabe sprechen, die sie mir vor langer Zeit aufgetragen hatte, noch vor der Spaltung der Burg. Manchmal können sie so seltsam beharrlich sein, diese Braunen Schwestern.« Wahre Worte, jedes Einzelne davon.

Turese kommentierte die Bemerkung über die Braunen mit einem Nicken.

»Ich wünschte, sie hätte sich auf ihr eigenes Bett gelegt«, fuhr Egwene fort. »Ich bin mir nicht sicher, was ich jetzt mit ihr machen soll.« Wieder war das die Wahrheit. Egwene musste unbedingt den Eidstab in die Hände bekommen. Bei Gelegenheiten wie diesen erschien lügen viel zu bequem.

»Ihre Reise muss sie ermüdet haben«, sagte Turese leise, aber energisch. »Ihr fügt Euch ihren Wünschen; sie ist eine Aes Sedai, und Ihr seid bloß eine Novizin. Stört sie nicht.«

Und die Rote schloss die Tür. Egwene lächelte zufrieden. Dann fiel ihr Blick auf Verins Leiche, und das Lächeln verblasste. Irgendwann würde sie enthüllen müssen, dass Verin gestorben war. Wie sollte sie das bloß erklären? Nun, ihr würde etwas einfallen. Falls sie in Bedrängnis geriet, würde sie einfach die Wahrheit sagen.

Aber zuerst musste sie einige Zeit mit dem Buch verbringen. Es war durchaus nicht unwahrscheinlich, dass man es ihr abnehmen würde, selbst mit dem Lesezeichen-Ter’angreal. Am besten verstaute sie den Schlüssel getrennt von dem verborgenen Buch. Oder sie vertraute den Schlüssel ihrem Gedächtnis an und vernichtete ihn. Alles wäre leichter zu planen gewesen, hätte sie gewusst, was im Saal geschah! Hatte man Elaida abgesetzt? Lebte Silviana noch, oder hatte man sie hingerichtet?

Im Augenblick konnte sie nur wenig in Erfahrung bringen, da man sie bewachte. Sie würde einfach abwarten müssen. Und lesen.

Die Verschlüsselung erwies sich als ziemlich kompliziert, und die dafür nötigen Anweisungen beanspruchten einen guten Teil des kleineren Buches. Das war sowohl vorteilhaft wie auch frustrierend. Es würde sehr schwer sein, den Schlüssel ohne das Buch zu brechen, andererseits würde es so gut wie unmöglich sein, ihn nur der Erinnerung anzuvertrauen. Das würde Egwene unmöglich bis zum nächsten Morgen schaffen, und dann musste sie Verins wahren Zustand allen enthüllen.

Sie warf einen Blick auf die Frau. Verin sah wirklich so aus, als schliefe sie. Egwene hatte sie bis zum Hals zugedeckt und ihr dann die Schuhe ausgezogen und neben das Bett gestellt, um die Illusion noch zu verstärken. Sie entschloss sich, Verin auf die Seite zu drehen, auch wenn sie sich dabei respektlos vorkam. Die Rote Schwester hatte bereits ein paar Mal ins Zimmer geschaut, und Verin in einer anderen Position zu sehen würde weniger verdächtig erscheinen.

Als sie damit fertig war, betrachtete Egwene ihre Kerze, um die verstrichene Zeit abzuschätzen. Das Zimmer hatte keine Fenster, die gab es in den Novizinnenquartieren nicht. Sie verdrängte die Sehnsucht, die Macht umarmen und eine Lichtkugel erschaffen zu können, bei der sie lesen konnte. Sie würde sich mit der Kerzenflamme begnügen müssen.

Sie vergrub sich in ihre erste Aufgabe: die Entschlüsselung der Namen der Schwarzen Schwestern im hinteren Teil des Buches. Das war sogar noch wichtiger, als sich die Verschlüsselung zu merken. Sie musste wissen, wem sie vertrauen konnte.

Die folgenden Stunden gehörten zu den unbehaglichsten und unangenehmsten ihres Lebens. Einige der Namen waren ihr unbekannt, viele kaum vertraut. Andere gehörten aber Frauen, mit denen sie zusammengearbeitet hatte, die sie respektiert und denen sie sogar vertraut hatte. Sie fluchte, als sie Katerines Namen beinahe ganz oben auf der Liste fand, und zischte überrascht, als Alviarins Namen auftauchte. Von Elza Penfell und Galina Casban hatte sie schon gehört, aber einige der nächsten Namen waren ihr unbekannt.

Bodenlose Übelkeit breitete sich in ihr aus, als sie Sheriams Namen las. Sie hatte die Frau einmal verdächtigt, das stimmte, aber das war während ihrer Zeit als Novizin und dann als Aufgenommene gewesen. Während jener Tage - die Tage, in denen sie mit der Jagd auf die Schwarzen Ajah begonnen hatte - war Liandrins Verrat noch frisch gewesen. Damals hatte sie jeden verdächtigt.