Während des Exils in Salidar hatte Egwene eng mit Sheriam zusammenarbeitet und angefangen, die Frau zu mögen. Aber sie gehörte zu den Schwarzen. Ihre eigene Behüterin der Chroniken war eine Schwarze. Stähle dich, rief sie sich zur Ordnung und las weiter. Sie verarbeitete das Gefühl von Verrat, die Verbitterung und das Bedauern. Sie durfte nicht zulassen, dass sich ihrer Pflicht Gefühle in den Weg stellten.
Die Schwarzen Schwestern waren in jeder Ajah vertreten. Einige waren Sitzende, andere gehörten zu den gänzlich unbedeutenden Aes Sedai, die nur schwach in der Macht waren. Und es gab Hunderte von ihnen, Verins Zählung nach etwas mehr als zweihundert. Einundzwanzig bei den Blauen, achtundzwanzig bei den Braunen, dreißig bei den Grauen, achtunddreißig bei den Grünen, siebzehn bei den Weißen, einundzwanzig bei den Gelben, und unglaubliche achtundvierzig bei den Roten. Aufgeführt waren auch Namen von Aufgenommenen und Novizinnen. Das Buch beschrieb, dass sie vermutlich bereits Schattenfreunde gewesen waren, bevor sie zur Weißen Burg gekommen waren, denn die Schwarze Ajah rekrutierte ausschließlich bei Aes Sedai. Ein Vermerk verwies auf eine vorherige Seite mit einer längeren Erklärung, aber Egwene ging weiter die Liste durch. Sie musste den Namen einer jeden Frau kennen. Sie musste sie wissen.
Es gab Schwarze Schwestern unter den Rebellen und in der Weißen Burg, es gab sie selbst unter jenen, die während der Spaltung nicht in der Burg gewesen waren und sich auf keine Seite geschlagen hatten. Abgesehen von Sheriam bestand die schlimmste Entdeckung auf der Liste in den Namen der Sitzenden sowohl in der Burg wie auch bei den Rebellen. Duhara Basaheen. Velina Behar. Sedore Dajenna. Delana Mosalaine natürlich und auch Talene Minly. Meidani hatte Egwene im Vertrauen erzählt, dass Talene die Angehörige der Schwarzen Ajah war, die Saerin und die anderen entdeckt hatten, aber sie war aus der Burg geflohen.
Moria Karentanis. Sie war Angehörige der Blauen Ajah, eine Frau, die seit über hundert Jahren die Stola trug und für ihre Weisheit und ihre Vernunft bekannt war. Egwene hatte zahllose Male mit ihr gesprochen und von ihrer Erfahrung profitiert; sie war davon ausgegangen, dass sie als Blaue zu ihren verlässlichsten Anhängerinnen gehören würde. Moria war eine von denen gewesen, die Egwene unbedingt zur Amyrlin hatten erheben wollen, und sie hatte sie bei mehreren entscheidenden Gelegenheiten nachdrücklich unterstützt.
Jeder Name war wie ein Dorn, der sich in Egwenes Haut bohrte. Dagdara Finchey, die Egwene einmal Geheilt hatte, als sie sich den Knöchel verstaucht hatte. Zanica, die ihr Unterricht gegeben hatte und so nett erschienen war. Larissa Lyndel. Miyasi, für die sie Nüsse geknackt hatte. Nesita. Nacelle Kayama. Nalaene Forreil, die sich wie Elza Rand verschworen hatte. Birlen Pena. Melvara. Chai Rugan …
Die Liste ging weiter. Weder Romanda noch Lelaine waren Schwarze, was Egwene irgendwie ärgerte. Eine von ihnen oder auch beide in Ketten zu legen wäre so praktisch gewesen. Warum bloß Sheriam und keine der beiden?
Hör auf damit, rief sie sich zur Ordnung. Du benimmst dich nicht rational. Sich zu wünschen, dass gewisse Schwestern Schwarze waren, brachte sie nicht weiter.
Cadsuane stand nicht auf der Liste. Genauso wenig wie Egwenes engste Freundinnen. Damit hatte sie auch nicht gerechnet, aber es fühlte sich trotzdem gut an, die Liste zu beenden, ohne auf einen ihrer Namen zu stoßen. Die Gruppe, die in der Burg die Schwarze Ajah jagte, war auch nicht infiltriert. Außerdem war keiner der Spione dabei, die man in Salidar ausgesandt hatte.
Und Elaidas Name stand auch nicht auf der Liste. An ihrem Ende stand eine Anmerkung, dass Verin Elaida genau unter die Lupe genommen und nach einem Beweis gesucht hatte, dass sie zu den Schwarzen gehörte. Aber Bemerkungen der Schwarzen Schwestern hatten sie zu der Annahme geführt, dass Elaida nicht zu ihnen gehörte. Sie war bloß eine labile Frau, die den Schwarzen manchmal genauso unerträglich war wie dem Rest der Burg.
Leider machte das Sinn. Die Erkenntnis, dass Galina und Alviarin Schwarze waren, hatte Egwene schon vermuten lassen, dass sie Elaidas Name nicht hier finden würde. Das passte eher zu den Schwarzen, jemanden zu wählen, den sie als Amyrlin manipulieren konnten, und dann eine Schwarze Behüterin einzusetzen, die sie unter Kontrolle hielt.
Vermutlich hatten sie Elaida durch Alviarin oder Galina irgendwie unter Druck gesetzt - Galina, die sich laut Verins Anmerkungen zur Anführerin der Roten Ajah gemacht hatte. Sie hatten Elaida bedrängt oder bestochen, ihren Wünschen zu entsprechen, ohne dass die Amyrlin überhaupt mitbekommen hatte, dass sie den Schwarzen diente. Und das half auch Alviarins seltsamen Sturz zu erklären. War sie vielleicht zu weit gegangen? Hatte sie es übertrieben und Elaidas Zorn erregt? Das erschien plausibel, aber genau würde man es erst dann wissen, wenn Elaida aussagte oder Egwene Alviarin verhören lassen konnte. Was sie so schnell wie möglich in die Wege leiten wollte.
Nachdenklich schloss Egwene das rote Buch; die Kerze war beinahe niedergebrannt. Es wurde spät. Vielleicht war es Zeit, darauf zu bestehen, Informationen über die Lage in der Burg zu erhalten.
Aber bevor sie sich entscheiden konnte, wie sie vorgehen sollte, klopfte es an der Tür. Egwene schaute auf, verknotete schnell das Lesezeichen und ließ beide Bücher verschwinden. Anklopfen bedeutete, dass dort keine Rote stand.
»Herein«, rief sie.
Die Tür öffnete sich und enthüllte Nicola mit ihren großen dunkeln Augen und der schlanken Statur, die keine Sekunde lang von Turese aus den Augen gelassen wurde. Die Rote erschien nicht erfreut, dass Egwene eine Besucherin hatte, aber die dampfende Schüssel auf dem Tablett in Nicolas Händen erklärte, warum sie hatte klopfen dürfen.
Nicola machte vor Egwene einen Knicks, und ihr weißes Novizinnengewand bauschte sich. Tureses Miene wurde noch finsterer. Aber Nicola fiel das nicht auf. »Für Verin Sedai«, sagte sie leise und deutete mit dem Kopf zum Bett. »Auf Anordnung der Herrin der Küchen, nachdem sie hörte, wie erschöpft Verin Sedai von ihren Reisen ist.«
Egwene nickte, deutete auf den Tisch und verbarg ihre Aufregung. Nicola kam schnell heran, stellte das Tablett ab und flüsterte leise: »Ich soll fragen, ob Ihr ihr vertraut.« Wieder schaute sie zum Bett.
»Ja«, sagte Egwene und übertönte das Wort, indem sie den Hocker zurückschob. Also wussten ihre Verbündeten noch nichts von Verins Tod. Das war gut; für den Augenblick war das Geheimnis noch gewahrt.
Nicola nickte, dann sagte sie lauter: »Es wäre gut für sie, wenn sie sie isst, solange sie noch warm ist, aber ich überlasse es Euch, ob Ihr sie wecken wollt oder nicht. Man hat mir befohlen, Euch zu warnen, das Essen nicht anzurühren.«
»Das werde ich auch nicht tun, es sei denn, es stellt sich heraus, dass sie es nicht braucht«, erwiderte Egwene und wandte sich ab. Ein paar Augenblicke später schloss sich die Tür wieder hinter Nicola. Egwene wartete ein paar angespannte Minuten, ob Turese wieder hereinschaute und sie kontrollierte, und sie nutzte die Zeit, um sich Gesicht und Hände zu waschen und ein sauberes Kleid anzuziehen. Als sie überzeugt war, nicht gestört zu werden, nahm sie den Löffel und fischte in der Suppe herum. Und tatsächlich fand sie eine kleine Glasröhre mit einem zusammengerollten Stück Papier.
Schlau. Anscheinend hatten ihre Verbündeten von Verins Anwesenheit in Egwenes Zimmer gehört und beschlossen, das als Vorwand zu nehmen, jemanden zu ihr zu schicken. Sie entrollte das Papier, auf dem nur ein Wort stand. »Wartet.«
Sie seufzte, aber es gab nichts, was sie tun konnte. Allerdings wagte sie es nicht, das Buch wieder hervorzuholen und weiterzulesen. Bald vernahm sie Stimmen vor der Tür, die nach einer Auseinandersetzung klangen. Wieder klopfte es.
»Herein«, sagte Egwene neugierig.
Die Tür öffnete sich, und Meidani trat ins Zimmer. Demonstrativ schloss sie die Tür vor Tureses Nase. »Mutter«, sagte sie und machte einen Knicks. Die schlanke Frau trug ein enges graues Kleid, das etwas zu offensichtlich ihre üppigen Brüste betonte. Musste sie am Abend bei Elaida zum Essen erscheinen? »Es tut mir leid, dass ich Euch warten ließ.«