Egwene winkte ab. »Wie seid Ihr an Turese vorbeigekommen?«
»Es ist allgemein bekannt, dass Elaida mich mit … Besuchen favorisiert. Und das Burggesetz besagt, dass man keinem Gefangenen Besucher verbieten darf. Sie konnte eine Schwester nicht daran hindern, eine einfache Novizin zu besuchen, auch wenn sie es versucht hat.«
Egwene nickte, und Meidani sah zu Verin. Sie runzelte die Stirn. Und verlor alle Farbe aus dem Gesicht. Verins Züge waren wächsern und matt geworden, und es war offensichtlich, dass etwas nicht stimmte. Gut, das Turese sich die »schlafende« Aes Sedai nie genau angesehen hatte.
»Verin Sedai ist tot«, sagte Egwene und behielt die Tür im Auge.
»Mutter?«, fragte Meidani. »Was ist geschehen? Wurdet Ihr angegriffen?«
»Verin Sedai wurde kurz vor unserer Unterhaltung von einem Schattenfreund vergiftet. Sie wusste es und kam, um mir während ihrer letzten Augenblicke wichtige Informationen mitzuteilen.« Es war schier unglaublich, was ein paar wahrheitsgemäße Behauptungen alles verbergen konnten.
»Beim Licht!«, sagte Meidani. »Ein Mord in der Weißen Burg? Wir müssen es jemandem sagen! Holt die Wache und …«
»Man wird sich darum kümmern«, sagte Egwene energisch. »Senkt Eure Stimme, und reißt Euch zusammen. Ich will nicht, dass die Wärterin draußen hört, was wir sagen.«
Meidani wurde blass, dann sah sie Egwene an und fragte sich vermutlich, wie sie so herzlos sein konnte. Gut. Sollte sie die beherrschte, entschlossene Amyrlin sehen. Solange sie nur keine Spur von der Trauer, der Verwirrung und der Unruhe im Inneren mitbekam.
»ja, Mutter.« Meidani machte einen Knicks. »Natürlich. Ich entschuldige mich.«
»Ich vermute, Ihr bringt Neuigkeiten?«
»Ja, Mutter«, sagte Meidani und sammelte ihre Gedanken. »Saerin trug mir auf, Euch zu besuchen. Sie sagte, Ihr wollt sicher über die Geschehnisse des Tages Bescheid wissen.«
»In der Tat«, sagte Egwene und bemühte sich, ihre Ungeduld nicht zu zeigen. Beim Licht, aber darauf war sie schon selbst gekommen. Konnte die Frau nicht auf den Punkt kommen? Es gab Schwarze Ajah, um die man sich kümmern musste!
»Elaida ist noch immer Amyrlin«, berichtete Meidani, »aber nur so gerade eben. Der Saal der Burg trat zusammen und erteilte ihr formell einen Tadel. Sie hielten Elaida vor, dass die Amyrlin kein absoluter Herrscher ist und dass sie nicht damit weitermachen kann, Dekrete auszusprechen und Forderungen zu stellen, ohne die Sitzenden vorher zu konsultieren.«
Egwene nickte. »Keine unerwartete Wendung.« Mehr als nur eine Amyrlin war zur Galionsfigur geworden, weil sie es auf ähnliche Weise übertrieben hatte. Darauf hatte auch Elaida zugesteuert, und es wäre auch zufriedenstellend gewesen, hätten sie es nicht mit dem Ende aller Tage zu tun gehabt. »Welche Buße?«
»Drei Monate«, sagte Meidani. »Einen für das, was sie mit Euch gemacht hat. Zwei für ein Verhalten, das mit ihrer Stellung unvereinbar ist.«
»Interessant«, sagte Egwene nachdenklich.
»Einige verlangten nach mehr, Mutter. Es hatte einen Augenblick lang den Anschein, als würde man sie auf der Stelle stürzen.«
»Ihr habt zugesehen?«, fragte Egwene überrascht.
Meidani nickte. »Elaida bat darum, die Sitzung zu Versiegeln, erhielt aber keine Unterstützung dafür. Ich glaube, dahinter steckte ihre eigene Ajah, Mutter. Alle drei Sitzenden der Roten sind nicht in der Burg. Ich frage mich noch immer, wo Duhara und die anderen hin sind.«
Duhara. Eine Schwarze. Was hat sie vor? Und was ist mit den anderen beiden? Waren sie zusammen, und wenn ja, können auch die anderen beiden Schwarze sein?
Darum würde sie sich später kümmern müssen. »Wie hat Elaida das alles aufgenommen?«
»Sie hat nicht viel dazu gesagt, Mutter. Hauptsächlich hat sie da gesessen und zugesehen. Sie sah nicht sehr erfreut aus; eigentlich hat es mich überrascht, dass sie nicht zu einer Tirade ansetzte.«
»Die Roten«, sagte Egwene. »Wenn sie wirklich die Unterstützung ihrer eigenen Ajah verliert, dann werden sie sie vorher gewarnt haben, nicht noch mehr Unruhe zu stiften.«
»Das war auch Saerins Einschätzung«, erwiderte Meidani. »Sie meinte auch, dass es zum Teil Eurem Drängen, den Sturz der Roten Ajah nicht zuzulassen - was übrigens Novizinnen verbreitet haben, die zufällig zuhörten - zuzuschreiben ist, dass man Elaida nicht sofort abgesetzt hat.«
» Nun, ich hätte nichts dagegen, wenn man sie absetzt. Ich wollte nur nicht, dass man die ganze Ajah auflöst. Dennoch könnte das gut so sein. Elaidas Sturz ist nicht auf eine Weise eingetreten, die die Burg mit in den Abgrund reißt.« Allerdings hätte Egwene diese zuvor geäußerten Worte möglicherweise zurückgenommen, wäre das möglich gewesen. Keinesfalls wollte sie den Eindruck erwecken, dass ausgerechnet sie Elaida unterstützte. »Ich nehme an, Silvianas Urteil wurde aufgehoben?«
»Nicht ganz, Mutter. Sie steht unter Arrest, bis der Saal entschieden hat, was man mit ihr machen soll. Sie trotzt der Amyrlin noch immer auf eine sehr öffentliche Weise, und es ist die Rede von einer Buße.«
Egwene runzelte die Stirn. Das roch nach einem Kompromiss; vermutlich hatte sich Elaida zuvor mit dem Oberhaupt der Roten Ajah getroffen - wer auch immer das nach Galinas Verschwinden war - und die Einzelheiten ausgeheckt. Silviana würde immer noch bestraft werden, wenn auch nicht so hart, aber Elaida würde sich dem Willen des Saals beugen. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass Elaida auf wackligem Boden stand, aber noch immer Forderungen stellen konnte. Ihre Unterstützung in ihrer eigenen Ajah war nicht so völlig geschwunden, wie Egwene gehofft hatte.
Trotzdem war das eine glückliche Wendung. Silviana würde leben, und man würde Egwene anscheinend erlauben, wieder zu ihrem Leben als »Novizin« zurückzukehren. Die Sitzenden waren mit Elaida unzufrieden genug, um sie zu rügen. Blieb Egwene noch etwas Zeit, würde sie es schaffen, die Frau absetzen zu lassen und die Burg wieder zu vereinen, da war sie sich sicher. Aber konnte sie es auch wagen, sich diese Zeit zu nehmen?
Sie schaute zu dem Tisch hinüber, wo die kostbaren Bücher vor allen Blicken verborgen lagen. Wenn sie mit aller Härte gegen die Schwarze Ajah vorging, würde das eine Schlacht herbeiführen? Würde sie die Burg noch mehr destabilisieren? Und war es überhaupt realistisch, darauf hoffen zu können, auf diese Weise gegen sie alle vorgehen zu können? Sie brauchte Zeit, um über alles nachzudenken. Und im Augenblick bedeutete das, in der Burg zu bleiben und gegen Elaida zu arbeiten. Und unglücklicherweise bedeutete das auch, die meisten der Schwarzen Schwestern nicht zu behelligen.
Aber nicht alle. »Meidani«, sagte Egwene. »Ich will, dass Ihr den anderen Bericht erstattet. Sie müssen Alviarin unter Arrest stellen und sie der Prüfung mit dem Eidstab unterwerfen. Sagt ihnen, sie sollen jedes vertretbare Risiko eingehen, um das zu bewerkstelligen.«
»Alviarin, Mutter? Warum sie?«
»Sie ist eine Schwarze«, erwiderte Egwene, und ihr drehte sich der Magen um. »Und gehört zum oberen Führungsstab ihrer Organisation in der Burg. Um mir diese Information zu bringen, ist Verin gestorben.«
Meidani wurde blass. »Mutter, seid Ihr sicher?«
»Ich bin zuversichtlich, was Verins Vertrauenswürdigkeit angeht«, sagte Egwene. »Aber es wäre ratsam, die anderen Alviarins Eide entfernen und dann ersetzen zu lassen, um sie dann zu fragen, ob sie eine Schwarze ist. jede Frau sollte diese Chance erhalten, um sich zu beweisen, ganz egal, wie die Beweise gegen sie aussehen. Ich nehme an, Ihr habt den Eidstab?«
»Ja«, sagte Meidani. »Wir brauchten ihn, um Nicolas Vertrauenswürdigkeit zu ergründen; die anderen wollten einige Aufgenommene und Novizinnen einspannen, da sie Botschaften überbringen können, wo es den Schwestern versagt ist.«