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Bedachte man die Zwistigkeiten der Ajahs, war das vernünftig. »Warum gerade sie?«

»Weil sie sooft vor den anderen über Euch spricht, Mutter«, sagte Meidani. »Es ist allgemein bekannt, dass sie eine Eurer größten Fürsprecherinnen unter den Novizinnen ist.«

Es war seltsam, das über eine Frau zu hören, die sie im Grunde genommen verraten hatte, aber bei Licht betrachtet konnte man das Mädchen dafür eigentlich nicht verantwortlich machen.

»Natürlich haben sie sie nicht alle Drei Eide schwören lassen«, fuhr Meidani fort. »Sie ist keine Aes Sedai. Aber sie hat den Eid gegen das Lügen abgelegt und bewiesen, dass sie keine Schattenfreundin ist. Danach haben sie sie wieder von dem Eid entbunden.«

»Und was ist mit Euch, Meidani?«, wollte Egwene wissen. »Hat man Euch von dem vierten Eid entbunden?«

Die Frau lächelte, »fa, Mutter. Danke.«

Egwene nickte. »Dann geht. Richtet meine Botschaft aus. Alviarin muss gefangen genommen werden.« Ihr Blick fiel auf Verins Leichnam. »Ich fürchte, ich muss Euch bitten, sie auch mitzunehmen. Es wird besser sein, wenn sie verschwindet, als dass ich ihren Tod in meinem Zimmer erklären muss.«

»Aber …«

»Benutzt ein Wegetor«, sagte Egwene. »Gleitet, wenn Ihr diesen Ort hier nicht gut genug kennt.«

Meidani nickte und umarmte die Quelle.

»Webt zuerst etwas anderes«, sagte Egwene nachdenklich. »Ganz egal, was; etwas, wofür man viel Macht braucht. Vielleicht eines der hundert Gewebe, die man für die Prüfung zur Aes Sedai braucht.«

Meidani runzelte die Stirn, tat aber wie geheißen und webte etwa sehr Kompliziertes, für das viel Macht erforderlich war. Kurz, nachdem sie begonnen hatte, schob Turese misstrauisch den Kopf ins Zimmer. Das Gewebe blockierte glücklicherweise ihre Sicht auf Verins Gesicht, aber sie konzentrierte sich ohnehin nicht auf die »schlafende« Braune. Sie konzentrierte sich auf das Gewebe und wollte etwas sagen.

»Sie demonstriert mir einige Gewebe, die ich wissen muss, wenn ich die Prüfung zur Aes Sedai mache«, schnitt ihr Egwene das Wort ab. »Ist das verboten?«

Turese sah sie an, aber dann zog sie sich wieder zurück und schloss die Tür.

»Das sollte sie daran hindern, die Nase reinzustecken und die Gewebe für die Wegetore zu sehen«, erklärte Egwene. »Schnell jetzt. Nehmt den Leichnam. Wenn Turese wieder reinschaut, werde ich ihr die Wahrheit sagen - dass Ihr und Verin durch ein Tor gegangen seid.«

Meidani betrachtete die Tote. »Aber was sollen wir mit ihr machen?«

»Was auch immer angemessen erscheint«, erwiderte Egwene leicht ungehalten. »Das überlasse ich Euch. Ich habe nicht die Zeit, mich jetzt darum zu kümmern. Und nehmt diese Tasse da mit; der Tee ist vergiftet. Entsorgt ihn vorsichtig.«

Egwene überprüfte die flackernde Kerze; sie war beinahe bis auf den Tisch niedergebrannt. Meidani seufzte leise, dann erschuf sie ein Wegetor. Gewebe aus Luft beförderten Verins Leiche durch die Öffnung, und Egwene sah ihr mit einem Stich des Bedauerns nach. Die Frau hatte Besseres verdient. Eines Tages würde man bekannt machen, was sie durchlitten und alles erreicht hatte. Aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen.

Sobald Meidani mit der Leiche und dem Tee verschwunden war, entzündete Egwene eine neue Kerze und legte sich aufs Bett, wobei sie sich bemühte, nicht an das zu denken, was hier eben noch gelegen hatte. Sie entspannte sich und dachte an Siuan. Die Frau würde bald schlafen gehen. Man musste sie vor Sheriam und den anderen warnen.

Egwene öffnete die Augen im Tel’aran’rhiod. Sie befand sich in ihrem Zimmer, oder zumindest in dessen Traumversion. Das Bett war gemacht, die Tür geschlossen. Sie verwandelte ihr Kleid in ein kostbares grünes Gewand, wie es einer Amyrlin geziemte, dann bewegte sie sich in den Frühlingsgarten der Burg. Siuan war noch nicht da, aber vermutlich war es noch etwas zu früh für ihr Treffen.

Hier konnte zumindest keiner den Unrat sehen, der sich in der Stadt auftürmte, oder das Verderben, das an den Wurzeln der Ajah-Einheit nagte. Die Gärtner der Burg waren wie eine Naturgewalt, pflanzten, kultivierten und ernteten, während Amyrlin kamen und gingen. Der Frühlingsgarten war kleiner als die meisten anderen Gärten der Burg, er war ein dreieckiges Stück Land zwischen zwei Mauern. In einer anderen Stadt hätte man es vielleicht als Absteilfläche benutzt oder einfach mit Steinen gefüllt. Aber in der Weißen Burg wären beide Möglichkeiten unangebracht gewesen.

Die Lösung war ein kleiner Garten voller Gewächse, die im Schatten gediehen. Hortensien wuchsen die Mauern hinauf. Herzblumen waren in Reihen gepflanzt, und ihre winzigen rosafarbenen Blüten hingen von den Blättern. Linden und andere kleine Bäume säumten die ein Dreieck bildenden Mauern und stießen an einer Stelle aneinander.

Egwene ging die Baumreihen ab, während sie wartete, und dachte darüber nach, dass Sheriam eine Schwarze war. Bei wie vielen Dingen hatte diese Frau ihre Hand im Spiel gehabt? Während Siuans Herrschaft als Amyrlin war sie jahrelang die Oberin der Novizinnen gewesen. Hatte sie ihre Position dazu ausgenutzt, andere Schwestern zu bedrängen oder vielleicht sogar die Seiten wechseln zu lassen? War möglicherweise sie für den Angriff des Grauen Mannes vor so langer Zeit verantwortlich gewesen?

Sheriam hatte zu der Gruppe gehört, die Mat Geheilt hatte. Sicherlich hatte sie bei einem Zirkel mit so vielen anderen Frauen nichts Bösartiges anrichten können - aber nun war alles verdächtig, woran diese Frau beteiligt gewesen war. Und das war so vieles! Sheriam hatte vor Egwenes Aufstieg zur Macht zu denen gehört, die in Salidar das Sagen gehabt hatten. Was hatte sie da alles angerichtet, was hatte sie alles an den Schatten verraten?

Hatte sie über Elaidas Plan, Siuan abzusetzen, Bescheid gewusst? Galina und Alviarin waren Schwarze, und sie waren zwei der hauptsächlichen Anstifter gewesen, also erschien es wahrscheinlich, dass man andere Schwarze gewarnt hatte. Hatten der Auszug der Hälfte der Burg, die Versammlung in Salidar und die dann folgende Zeit voller langwieriger Debatten zu einem Plan des Dunklen Königs gehört? Und was war mit Egwenes Aufstieg zur Macht? An wie vielen Fäden des Schattens hatte sie gezupft, ohne sich dessen bewusst zu sein?

Das ist völlig sinnlos, sagte sie sich energisch. Schlag nicht diesen Weg ein. Auch ohne Verins Bücher hatte Egwene den Verdacht gehabt, dass die Spaltung der Weißen Burg das Werk des Dunklen Königs gewesen war. Natürlich würde es ihn erfreut haben, dass sich die Aes Sedai in zwei Lager teilten, statt sich hinter einem Anführer zu vereinen.

Aber irgendwie war es jetzt … persönlicher. Egwene kam sich beschmutzt vor, als hätte man sie hereingelegt. Einen Augenblick lang kam sie sich wie der Bauerntrampel vor, für den sie so viele hielten. Wenn Elaida eine Marionette der Schwarzen gewesen war, dann sie erst recht. Beim Licht! Was musste der Dunkle König doch gelacht haben, als er die beiden rivalisierenden Amyrlin sah, von denen jede eine seiner loyalen Handlanger an der Seite hatte, die sie dann gegeneinander aufhetzten.

Selbst nach Jahrzehnten des Studiums kann ich mir nicht sicher sein, was er will oder warum er es will, hatte Verin gesagt. Wer vermochte schon zu sagen, ob der Dunkle König überhaupt lachen konnte.

Egwene fröstelte. Wie auch immer sein Plan aussah, sie würde ihn bekämpfen. Ihm widerstehen. Ihm ins Auge spucken, selbst wenn er gewann, genau wie es die Aiel sagten.

»Nun, das ist ein toller Anblick«, sagte Siuan.

Egwene fuhr herum und erkannte zerknirscht, dass sie nicht länger das Gewand einer Amyrlin trug, sondern die vollständige Rüstung eines Soldaten, der in die Schlacht ritt. In der Hand hielt sie zwei Aielspeere.

Sie verbannte Rüstung und Schwert mit einem Gedanken und holte das Kleid zurück. »Siuan«, sagte sie kurz angebunden. »Ihr werdet einen Stuhl brauchen. Es ist etwas geschehen. «

Siuan runzelte die Stirn. »Was denn?«

»Zuerst einmal, Sheriam und Moria sind Schwarze Ajah.«

»Was?«, rief Siuan. »Was soll denn dieser Unsinn?« Sie erstarrte. »Mutter«, fügte sie verspätet hinzu.