»Das ist kein Unsinn«, sagte Egwene. »Ich fürchte, es ist die Wahrheit. Es gibt noch andere, aber ihre Namen werde ich Euch später geben. Wir können sie noch nicht in Gewahrsam nehmen. Ich brauche Zeit, um zu planen und nachzudenken, vielleicht einen Abend. Wir werden bald zuschlagen. Aber bis dahin will ich, dass Sheriam und Moria beobachtet werden. Haltet Euch nicht allein in ihrer Nähe auf.«
Siuan schüttelte ungläubig den Kopf. »Wie sicher seid Ihr Euch, Egwene?«
»Sicher genug«, erwiderte Egwene. »Behaltet sie im Auge, Siuan, und denkt darüber nach, was man unternehmen kann. Ich werde Eure Vorschläge hören wollen. Wir müssen eine Möglichkeit finden, sie unauffällig festzusetzen, und dann dem Saal beweisen, dass unser Tun gerechtfertigt war.«
»Das könnte gefährlich werden.« Siuan rieb sich das Kinn. »Ich hoffe, Ihr wisst, was Ihr da tut, Mutter.« Sie betonte das letzte Wort.
»Wenn ich mich irre, dann ist das meine Verantwortung«, sagte Egwene. »Aber das glaube ich nicht. Wie ich bereits sagte, es hat sich vieles getan.«
Siuan neigte den Kopf. »Seid Ihr noch immer eine Gefangene?«
»Nicht genau. Elaida hat …« Egwene hielt inne und runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht. »Egwene?«, fragte Siuan besorgt.
»Ich …«, setzte Egwene an und erschauderte dann. Etwas zog an ihrem Verstand und vernebelte ihn. Etwas … zog sie zurück. Tel’aran’rhiod verschwand, und Egwene schlug die Augen in ihrem Zimmer auf, wo Nicola hektisch an ihrem Arm rüttelte. »Mutter«, rief sie. »Mutter!«
Das Mädchen hatte eine blutige Schramme auf der Wange. Egwene setzte sich ruckartig auf, und in diesem Augenblick erbebte die ganze Weiße Burg wie durch eine Explosion. Nicola griff fester zu und schrie vor Angst auf.
»Was ist hier los?«, verlangte Egwene zu wissen.
»Es ist die Schattenbrut!«, rief Nicola. »Am Himmel, Schlangen, die Feuer und Gewebe der Einen Macht schleudern! Sie vernichten uns! Oh, Mutter. Tarmon Gai’don ist da!«
Einen Augenblick lang verspürte Egwene eine tiefe, beinahe unkontrollierbare Panik. Tarmon Gai’don! Die Letzte Schlacht!
In der Ferne hörte sie Schreie, gefolgt von den Rufen von Soldaten oder Behütern. Nein … nein, sie musste sich konzentrieren! Schlangen am Himmel. Schlangen, die die Eine Macht lenkten … oder mit Reitern, die die Eine Macht lenkten. Egwene warf die Decke zur Seite und sprang auf die Füße.
Das war nicht Tarmon Gai’don, aber es war beinahe genauso schlimm. Die Seanchaner griffen die Weiße Burg an, genau wie sie es Geträumt hatte.
Und sie konnte nicht einmal genug Macht lenken, um eine Kerze zu entzünden, geschweige denn, um sich zu wehren.
40
Die Burg wankt
Ruckartig erwachte Siuan. Etwas stimmte nicht. Etwas stimmte ganz und gar nicht. Sie sprang förmlich von ihrer Pritsche. Unversehens kam eine dunkle Gestalt von der anderen Zeltseite heran, Stahl schabte gegen Stahl. Siuan erstarrte, umarmte reflexartig die Quelle und formte eine Lichtkugel.
Gareth Bryne stand aufmerksam da, die Klinge mit dem Reiher gezogen und bereit. Er trug nur seinen Lendenschurz, und sie musste sich davon abhalten, seinen muskulösen Körper anzustarren, der in viel besserer Form als bei den meisten nur halb so alten Männern war. »Was ist los?«, fragte er angespannt.
»Beim Licht!«, sagte Siuan. »Ihr schlaft mit Eurem Schwert?«
»Immer.«
» Egwene ist in Gefahr.«
»Was für eine Gefahr?«
»Das weiß ich nicht«, musste sie zugeben. »Wir trafen uns, und plötzlich verschwand sie. Ich glaube … ich glaube, Elaida hat sich entschieden, sie hinzurichten. Oder hat sie zumindest aus ihrer Zelle geholt und … ihr etwas angetan.«
Bryne fragte nicht nach Einzelheiten. Er schob das Schwert einfach wieder in die Scheide zurück, dann schlüpfte er in Hosen und Hemd. Siuan trug noch immer ihren nun zerknitterten blauen Rock mit der Bluse - es war zur Gewohnheit geworden, sich nach den Begegnungen mit Egwene auszuziehen, sobald Bryne schlief.
Eine Unruhe suchte sie heim, die sie nicht genau erklären konnte. Warum war sie nur so nervös? Es war nicht ungewöhnlich, dass Menschen geweckt wurden, während sie schliefen.
Aber die meisten Menschen waren auch nicht Egwene. Sie war eine Meisterin der Welt der Träume. Wenn sie etwas unerwartet geweckt hatte, hätte sie sich darum gekümmert und wäre danach zurückgekehrt, um Siuan zu beruhigen. Aber das war nicht geschehen, obwohl Siuan scheinbar eine Ewigkeit gewartet hatte.
Bryne trat vor sie; nun trug er seine grauen Hosen und den Uniformmantel. Er knöpfte den hohen Kragen zu; auf der linken Brustseite steckten drei Sterne, auf den Schultern goldene Epauletten.
Von draußen rief eine hektische Stimme. »General Bryne! Mein Lord General!«
Bryne schenkte ihr noch einen Blick, dann wandte er sich dem Zelteingang zu. »Kommt rein!«
Ein jugendlicher Soldat mit ordentlich geschnittenem schwarzen Haar drängte sich in das Zelt und salutierte flüchtig. Er entschuldigte sich nicht für die späte Störung - Brynes Männer wussten, dass sich ihr General darauf verließ, dass sie ihn falls nötig weckten. »Mein Lord«, sagte der Mann. »Berichte von den Spähern. In der Stadt tut sich etwas.«
»›Etwas‹, Rijids?«, fragte Bryne.
»Die Späher sind sich nicht sicher, mein Lord«, sagte der Mann und verzog das Gesicht. »Der Himmel ist bewölkt, die Nacht dunkel, und Ferngläser nutzen nicht viel. In der Nähe der Burg wurden Lichtblitze gesehen, wie das Schauspiel von Illuminatoren. Dunkle Schatten in der Luft.«
»Schattengezücht?«, fragte Bryne und verließ eilig das Zelt. Der Soldat und Siuan mit ihrer Leuchtkugel folgten ihm. Vom Mond würde ohnehin kaum ein Splitter zu sehen sein, und mit den allgegenwärtigen Wolken war es schwierig, überhaupt etwas zu erkennen. Die Offizierszelte um sie herum waren schlummernde dunkle Erhebungen, und das einzig wirklich erkennbare Licht waren die Wachfeuer der Wächter am Palisadeneingang.
»Es könnte Schattengezücht sein, mein Lord«, sagte der Soldat und trabte hinter Bryne her. »Geschichten berichten von Schattenkreaturen, die auf solche Weise fliegen. Die Späher sind sich jedoch nicht sicher, was sie da sehen. Aber die Lichtblitze gibt es auf jeden Fall.«
Bryne nickte und ging in Richtung der Wachfeuer. »Alarmiert die Nachtwache; ich will sie in Rüstung und aufgesessen, nur für alle Fälle. Schickt Läufer zu den Stadtbefestigungen. Und bringt mir mehr Informationen!«
»Ja, mein Lord.« Der Soldat salutierte und lief los.
Brynes Gesicht wurde von der über Siuans Hand schwebenden Leuchtkugel angestrahlt. »Schattengezücht würde es nicht wagen, die Weiße Burg anzugreifen«, sagte er. »Nicht ohne ausreichende Bodentruppen, und ich bezweifle doch sehr, dass sich hunderttausend Trollocs in der geringen Deckung dieses ebenen Geländes verbergen. Also was geht hier verflucht noch mal vor?«
»Seanchaner«, sagte Siuan und spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. »Fischscheiße, Gareth! Das muss es sein. Egwene hat es prophezeit.«
Er nickte. »Ja. Einigen Gerüchten zufolge reiten sie auf Schattengezücht.«
»Fliegende Bestien«, sagte Siuan, »kein Schattengezücht. Egwene hat erzählt, dass man sie Raken nennt.«
Er warf ihr einen zweifelnden Blick zu, sagte aber bloß: »Warum sollten die Seanchaner so dumm sein, ohne zusätzliche Bodentruppen anzugreifen?«
Siuan schüttelte den Kopf. Sie war immer von der Annahme ausgegangen, dass ein Angriff der Seanchaner auf die Weiße Burg eine riesige Invasionsstreitmacht bedeutete, und Egwene hatte geglaubt, dass der Angriff noch Monate in der Zukunft lag. Beim Licht! Offensichtlich konnte auch Egwene sich irren.
Bryne wandte sich den Wachfeuern zu, die sich nun höher in die Nacht erhoben und ihr Licht auf die Palisade warfen. Im Inneren der Pfahlmauer erhoben sich Offiziere und weckten die Nachbarszelte. Lampen und Laternen erwachten flackernd zum Leben.