»Nun, solange sie Tar Valon angreifen, sind sie nicht unser Problem. Wir müssen nur …«
»Ich hole sie raus«, sagte da Siuan und überraschte sich selbst mit diesen Worten.
Bryne fuhr auf dem Absatz zu ihr herum und tauchte wieder in den Lichtschein ihrer Leuchtkugel. Auf seinem Kinn zeigten sich Bartstoppeln. »Was?«
»Egwene«, sagte Siuan. »Wir müssen sie dort herausholen. Das ist die perfekte Ablenkung, Gareth! Wir können dort reingehen und sie schnappen, ohne dass es jemand merkt.«
Er sah sie nur an.
»Was?«
»Ihr habt Euer Wort gegeben, sie nicht zu retten, Siuan.« Beim Licht, es fühlte sich wirklich gut an, wenn er ihren Namen benutzte!
Konzentration!, schalt sie sich. »Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Sie ist in Gefahr und braucht Hilfe.«
» Sie will unsere Hilfe aber nicht«, sagte Bryne streng. »Wir müssen uns darum kümmern, dass unserer Streitmacht nichts geschieht. Die Amyrlin ist davon überzeugt, dass sie allein zurechtkommt.«
»Das glaubte ich auch«, erwiderte Siuan. »Und seht, wohin mich das gebracht hat.« Sie schüttelte den Kopf und schaute zum fernen Turm von Tar Valon. Undeutlich konnte sie einen kurz aufflackernden Lichtblitz dort ausmachen. »Wenn Egwene von den Seanchanern spricht, dann erschaudert sie immer. Nur wenig kann sie erschüttern - nicht die Verlorenen und auch nicht der Wiedergeborene Drache. Gareth, Ihr habt ja keine Vorstellung, was die Seanchaner mit Frauen machen, die die Macht lenken können.« Sie erwiderte seinen Blick. »Wir müssen sie holen.«
»Damit will ich nichts zu tun haben«, sagte er stur.
»Auch gut«, fauchte Siuan. Dieser Narr! »Dann kümmert Euch um Eure Männer. Ich glaube, ich weiß, wer mir helfen wird.« Und sie ging los, zu einem Zelt innerhalb der Palisade.
Egwene stützte sich an der Korridorwand ab, als der Turm erneut erbebte. Die Steine selbst erzitterten. Mörtel regnete von der Decke, eine Fliese fiel von der Wand und zersplitterte zu tausend Scherben. Nicola schrie auf und klammerte sich an Egwene fest.
»Der Dunkle König!«, kreischte sie. »Die Letzte Schlacht! Sie ist da! «
»Nicola!«, fauchte Egwene und richtete sich wieder auf. »Beherrscht Euch. Das ist nicht die Letzte Schlacht. Das sind die Seanchaner.«
»Die Seanchaner?«, stammelte Nicola. »Aber ich habe immer geglaubt, sie wären bloß ein Gerücht!«
Alberne Göre, dachte Egwene und eilte in einen Seitengang hinein. Nicola rannte mit ihrer Lampe hinter ihr her. Egwene hatte sich richtig erinnert, und der nächste Korridor befand sich an der Ecke des Turms und wies ein Fenster auf. Sie bedeutete Nicola, sich an die Wand zu drücken, dann riskierte sie einen Blick in die Dunkelheit hinaus;
Wie erwartet schwebten dunkle geflügelte Schatten am Himmel. Sie waren zu groß für Raken. Also To’raken. Sie schossen in die Tiefe; um sie herum wirbelten Gewebe, die für Egwenes Augen pulsierend leuchteten. Feuerblitze bildeten sich und erhellten weibliche Paare, die auf den Rücken der To’raken ritten. Damane und Sul’dam.
Die beiden Flügel des Turms brannten teilweise lichterloh, und zu ihrem Entsetzen entdeckte Egwene im Turm selbst mehrere klaffende Löcher. To’raken klammerten sich wie Fledermäuse am Mauerwerk fest und entluden Soldaten und Damane in das Gebäude. Egwene sah zu, wie sich ein To’raken vom Turm löste; die Höhe erlaubte ihm, auf den normalen Startanlauf verzichten zu können. Die Kreatur war nicht so anmutig wie die kleineren Raken, aber ihr Reiter lenkte sie meisterhaft zurück in den Himmel. Sie flog direkt an Egwenes Fenster vorbei und ließ ihr Haar flattern. Leise Schreie waren zu vernehmen, als sie vorbeisauste. Entsetzte Schreie.
Es handelte sich gar nicht um einen Vernichtungsangriff - es war ein Raubzug! Ein Raubzug, um Marath’damane gefangen zu nehmen! Egwene zuckte zur Seite, als ein Feuerstoß am Fenster vorbeischoss und ein kurzes Stück weiter die Mauer traf. Stein bröckelte, der Turm der Weißen Burg bebte. Staub und Rauch wallten in einen Nebenkorridor.
Gleich würden Soldaten folgen. Soldaten und Sul’dam. Mit diesen Leinen. Egwene erschauderte und schlang die Arme um den Körper. Das kühle, fugenlose Metall. Die Übelkeit, die Erniedrigung, die Panik, die Verzweiflung und - schändliche - Schuld, ihrer Herrin nicht nach besten Kräften geholfen zu haben. Sie erinnerte sich an die heimgesuchte Miene einer Aes Sedai, deren Willen gebrochen wurde. Aber vor allem erinnerte sie sich an ihr eigenes Entsetzen.
Das Entsetzen der Erkenntnis, dass sie irgendwann genau wie die anderen sein würde. Nur eine weitere Sklavin, deren Glück darin bestand, dienen zu dürfen.
Die Burg wankte. In fernen Korridoren blitzte Feuer auf, begleitet von Rufen und Verzweiflungsschreien. Sie konnte Rauch riechen. Oh, beim Licht! Geschah das hier wirklich? Sie würde nicht zu ihnen zurückkehren. Sie würde sich nicht wieder von ihnen an die Leine legen lassen. Sie musste fliehen! Sie musste sich verstecken, fliehen, entkommen …
Nein!
Sie richtete sich auf.
Nein, sie würde nicht fliehen. Sie war die Amyrlin.
Nicola drückte sich wimmernd an die Wand. »Sie kommen, um uns zu holen«, flüsterte sie. »O beim Licht, sie kommen!«
»Sollen sie doch kommen!«, brüllte Egwene und öffnete sich der Quelle. Glücklicherweise war genug Zeit vergangen, um die Wirkung der Spaltwurzel zu verringern, und sie konnte ein Rinnsal der Macht ergreifen. Es war winzig, vielleicht die geringste Menge an Macht, die sie je gelenkt hatte.
Damit würde sie nicht einmal einen Strang Luft weben können, um ein Blatt Papier zu verschieben. Aber es würde reichen. Es würde reichen müssen. »Wir werden kämpfen!«
Nicola schaute zu ihr auf und schniefte. »Ihr könnt kaum die Macht lenken, Mutter!«, schluchzte sie. »Das sehe ich doch. Wie können nicht gegen sie kämpfen!«
»Wir können und wir werden«, erwiderte Egwene energisch. »Nicola, steht auf! Ihr seid eine Novizin der Weißen Burg und keine verängstigte Milchmagd.«
Das Mädchen schaute auf.
»Ich werde Euch beschützen«, sagte Egwene. »Das verspreche ich Euch.«
Das Mädchen schien Mut zu fassen und erhob sich. Egwene schaute zu der Stelle in dem Korridor, wo der Blitz eingeschlagen war. Dort war alles dunkel und die Wandlampen erloschen, aber sie glaubte sich bewegende Schatten zu sehen. Sie würden kommen, und sie würden jede Frau anleinen, die sie fanden.
Egwene wandte sich in die andere Richtung. Dort ertönten noch immer leise Schreie. Die gleichen, die sie beim Aufwachen gehört hatte. Sie hatte keine Ahnung, wohin ihre Wächterin verschwunden war, und es war ihr auch egal.
»Kommt«, sagte sie und setzte sich in Bewegung, hielt sich an der winzigen Menge Macht fest, wie sich eine Ertrinkende an einem Rettungsseil festklammert. Nicola folgte ihr; zwar schluchzte sie noch immer, aber sie kam. Augenblicke später entdeckte Egwene das, was sie zu finden gehofft hatte. Der Korridor war voller Mädchen, einige in ihren weißen Kleidern, andere in Nachthemden. Die Novizinnen drängten sich eng aneinander, und viele schrien bei jedem Treffer auf, der den Turm der Weißen Burg erzittern ließ. Vermutlich wünschten sie sich verzweifelt, unten zu sein, wo sich die Novizinnenquartiere früher befunden hatten.
»Die Amyrlin!«, riefen einige aus, als Egwene den Korridor betrat. Sie waren ein trauriger Haufen, angeleuchtet von Kerzen in verängstigten Händen. Ihre Fragen überschlugen sich, erblühten wie Holzschimmelpilze im Frühling.
» Was geschieht hier?«
»Werden wir angegriffen?«
»Ist es der Dunkle König?«
Egwene hob die Hände, und glücklicherweise verstummten die Mädchen. »Die Weiße Burg wird von den Seanchanern angegriffen«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Sie sind gekommen, um die Frauen gefangen zu nehmen, die die Macht lenken können; ihnen stehen Möglichkeiten offen, diese Frau dazu zu zwingen, ihnen zu dienen. Es ist nicht die Letzte Schlacht, aber wir schweben in höchster Gefahr. Ich habe nicht vor, sie auch nur eine einzige von euch mitnehmen zu lassen. Ihr gehört mir.«