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Die Mädchen schauten sie an, voller Hoffnung und Nervosität. Es waren ungefähr fünfzig, vielleicht auch mehr. Es würde reichen müssen.

»Nicola, fasmen, Yeteri, Inala«, sagte Egwene und wandte sich an einige der Stärkeren unter den Novizinnen. »Tretet vor. Der Rest von euch passt jetzt genau auf. Ich werde euch jetzt etwas beibringen.«

»Was denn, Mutter?«, fragte eines der Mädchen.

Hoffentlich funktioniert das, dachte Egwene. »Ich werde euch beibringen, wie man sich miteinander verknüpft.«

Einige keuchten auf. Das war nichts, was man Novizinnen lehrte, aber Egwene wollte dafür sorgen, dass die Sul’dam in den Novizinnenquartieren keine leichte Beute fanden!

Die Methode zu lehren nahm eine Besorgnis erregende Zeitspanne in Anspruch, und jeder Augenblick wurde von weiteren Erschütterungen und neuen Schreien zerrissen. Die Novizinnen hatten Angst, und das erschwerte es einigen von ihnen, die Quelle zu umarmen, geschweige denn eine neue Technik zu lernen. Was Egwene nach nur wenigen Versuchen gemeistert hatte, dazu brauchten die Novizinnen fünf angsterfüllte Minuten.

Nicola war eine Hilfe - ihr hatte man schon in Salidar beigebracht, wie man eine Verknüpfung herstellte -, und sie konnte bei der Demonstration helfen. Egwene erschuf mit ihr einen Zirkel. Die junge Novizin öffnete sich der Quelle, ergab sich ihr aber nicht ganz, sondern ließ Egwene über sie die Macht in sich aufnehmen. Es funktionierte! Egwene verspürte ein wildes Hochgefühl, als die Eine Macht, die man ihr viel zu lange in vernünftiger Menge vorenthalten hatte, in sie hineinströmte! Wie süß sie doch war! Die Welt um sie herum war viel lebendiger, Geräusche viel prägnanter, Farben viel leuchtender.

Der Kitzel ließ sie lächeln. Sie konnte Nicola spüren, ihre Angst und ihre überschäumenden Gefühle. Egwene hatte an genug Zirkeln teilgenommen, um zu wissen, wie sie sich von Nicola abgrenzen musste, aber sie erinnerte sich, wie sie sich beim ersten Mal in etwas viel Größeres als sie selbst hineingerissen gefühlt hatte.

Es bedurfte einer bestimmten Fertigkeit, sich für einen Zirkel zu öffnen. Es war nicht immens schwierig, aber sie hatten nicht viel Zeit. Glücklicherweise begriffen es die ersten Mädchen bald. Yeteri, eine zierliche Blondine, die noch immer ihr Nachthemd trug, war die Erste. Kurz darauf konnte es auch Inala, eine schlanke Domani. Begierig bildete Egwene zusammen mit Nicola und den anderen beiden Novizinnen einen Zirkel. Macht strömte in sie hinein.

Als Nächstes ließ sie die anderen üben. Aus Unterhaltungen mit den Novizinnen während ihres Aufenthalts in der Burg hatte sie eine gewisse Vorstellung, wer von ihnen am geschicktesten mit Geweben und wer am vernünftigsten war. Das waren nicht immer die Stärksten, aber das würde auch keine Rolle spielen, solange ein Zirkel sie unterstützte. Eilig teilte Egwene sie zu Gruppen ein und erklärte, wie man durch eine Verknüpfung auf die Quelle zugriff. Mit etwas Glück würden zumindest einige von ihnen es kapieren.

Am wichtigsten war für Egwene, dass sie jetzt Zugriff auf die Macht hatte. Eine ordentliche Menge, beinahe genauso viel, wie sie normalerweise gewöhnt war - ohne Spaltwurzel. Sie lächelte voller Vorfreude und fing an zu weben, und die Komplexität ihrer Gewebe ließ einige der Mädchen vor Ehrfurcht staunen. »Was ihr hier seht, ist etwas, das ihr nicht ausprobieren werdet«, warnte Egwene, »nicht einmal jene von euch, die die Zirkel anführen. Das ist viel zu schwierig und gefährlich.«

Ein Strich Licht spaltete die Luft am Ende des Korridors und rotierte. Egwene hoffte, dass sich das Wegetor am richtigen Ort öffnete; sie richtete sich nach Siuans Schilderung, die etwas oberflächlich gewesen war; allerdings hatte sie ja auch noch Elaynes ursprüngliche Ortsbeschreibung.

»Außerdem«, fuhr sie streng fort, »werdet ihr dieses Gewebe vor niemandem ohne meine ausdrückliche Erlaubnis wiederholen, nicht einmal vor anderen Aes Sedai.« Allerdings bezweifelte sie, dass es überhaupt ein Problem sein würde, denn das Gewebe war sehr kompliziert, und nur wenige Novizinnen würden bereits die Fähigkeiten haben, es zu wiederholen.

» Mutter?«, quiekte ein Mädchen namens Tamala. » Ergreift Ihr die Flucht?« In ihrer Stimme lag Angst, aber vor allem die Hoffnung, dass Egwene sie in diesem Fall mitnahm.

»Nein«, erwiderte Egwene energisch. »Ich komme sofort wieder zurück. Und wenn ich zurückkomme, will ich mindestens fünf gute fertige Zirkel sehen!«

Und mit Nicola und den anderen beiden Mädchen im Schlepptau trat Egwene durch das Wegetor in einen dunklen Raum. Sie webte eine Lichtkugel, und die Helligkeit enthüllte ein Lager mit Regalen an den Wänden. Erleichtert seufzte sie. Sie hatte den richtigen Ort gefunden.

Die Regale waren mit seltsam geformten Gegenständen gefüllt. Kristallkugeln, kleine exotische Statuetten, hier ein gläserner Anhänger, der das Licht blau widerspiegelte, dort ein umfangreicher Satz metallene Handschuhe, deren Manschetten mit Feuertropfen geschmückt waren. Egwene ging los und ließ die drei Novizinnen mit staunenden Blicken zurück. Vermutlich konnten sie spüren, was Egwene bereits wusste - das waren Gegenstände der Einen Macht. Ter ‘angreale, Angreale, Sa’angreale. Relikte aus dem Zeitalter der Legenden.

Egwene ließ den Blick über die Regalreihen schweifen. Gegenstände der Macht waren berüchtigt dafür, sich nur unter großen Gefahren benutzen zu lassen, wenn man nicht genau wusste, was sie vollbringen konnten, feder Einzelne dieser Gegenstände konnte sie umbringen. Wenn sie doch nur …

Mit einem breiten Lächeln trat sie an ein Regal und nahm ein weißes, gerilltes Zepter von der Länge ihres Unterarms vom obersten Brett. Sie hatte es gefunden! Andächtig hielt sie es einen Augenblick lang, dann griff sie durch es hindurch nach der Einen Macht. Eine unfassbare, beinahe überwältigende Flut strömte in sie hinein.

Yeteri keuchte deutlich hörbar, als sie es spürte. Nur wenige Frauen hatten jemals so viel Macht gehalten. Wie ein tiefer Atemzug fuhr sie in Egwene hinein. Entfachte in ihr das Verlangen, wie ein Löwe zu brüllen. Mit einem breiten Grinsen schaute sie die drei Novizinnen an. »Jetzt sind wir bereit!«, verkündete sie.

Sollten die Sul’dam nur versuchen, sie abzuschirmen, solange sie eines der mächtigsten Sa’angreale hielt, die die Aes Sedai besaßen. Solange sie die Amyrlin war, würde die Weiße Burg nicht fallen! Nicht ohne einen Kampf wie die Letzte Schlacht selbst.

Siuan fand Gawyns Zelt hell erleuchtet vor; Schatten zuckten bei jeder Bewegung des Mannes über die Wände. Sein Zelt stand verdächtig nah an dem Wachtposten; er durfte innerhalb der Palisaden wohnen, vermutlich, damit Bryne - und die Wächter - ihn im Auge behalten konnten.

Bryne, der nun einmal der sture Teufelsfisch war, der er war, war natürlich nicht zu seinen Männern gegangen, wie sie ihm befohlen hatte. Stattdessen war er ihr fluchend gefolgt und hatte dabei nach seinen Offizieren gerufen, statt sie am Posten zu treffen. Als sie vor dem Zelt des jungen Gawyn stehen blieb, trat er an ihre Seite, die Hand auf dem Schwertgriff. Ungehalten sah er sie an. Nun ja. Sie würde sich bestimmt nicht von ihm vorschreiben lassen, wie sie sich ehrenvoll zu verhalten hatte! Sie würde tun, was ihr gefiel.

Auch wenn Egwene später sehr, sehr wütend auf sie sein würde. Am Ende wird sie mir dafür danken, dachte Siuan. »Gawyn!«, brüllte sie.

Der ansehnliche junge Mann kam hüpfend aus dem Zelt geschossen, weil er seinen linken Stiefel noch nicht richtig anhatte. In der Hand hielt er das in der Scheide steckende Schwert, der Schwertgürtel an der Taille saß noch nicht richtig. »Was ist los?«, fragte er und sah sich im Lager um. »Ich habe Rufe gehört. Werden wir angegriffen?«