»Nein«, erwiderte Siuan. »Aber vermutlich Tar Valon.«
»Egwene!«, rief Gawyn und fädelte eilig den Gürtel durch die letzten Schlaufen. Beim Licht, der junge kannte wirklich nur ein Thema.
Siuan verschränkte die Arme, »junge, ich stehe in Eurer Schuld, weil Ihr mich aus Tar Valon herausgeholt habt. Wenn ich Euch dabei helfe, nach Tar Valon hineinzukommen, sind wir dann quitt?«
»Auf jeden Fall«, erwiderte Gawyn begierig und hakte das Schwert fest. »Da bekommt Ihr sogar noch etwas heraus!«
Sie nickte. »Dann besorgt uns Pferde. Nur für uns beide.«
»Ich riskiere es«, sagte Gawyn. »Endlich!«
»Das ist hirnverbrannt, dafür kriegt Ihr meine Pferde nicht!«, sagte Bryne streng.
Siuan ignorierte ihn. »In den Ställen sind Pferde, die den Aes Sedai gehören, Gawyn«, sagte sie. »Holt mir eines von ihnen. Aber ein sanftes Tier. Ein sehr, sehr sanftes Tier.«
Gawyn nickte und rannte in die Nacht. Siuan folgte ihm viel langsamer und schmiedete Pläne. Das wäre alles so viel einfacher gewesen, hätte sie ein Wegetor erschaffen können, aber dafür war sie nicht stark genug in der Macht. Vor ihrer Dämpfung war sie das durchaus gewesen, aber sich zu wünschen, dass die Dinge anders waren, war ungefähr so nützlich wie der Wunsch, dass der gefangene Silberhecht stattdessen eine Forelle war. Man verkaufte, was man hatte, und war zufrieden und glücklich, überhaupt etwas gefangen zu haben.
Bryne ging neben ihr her. Konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? »Siuan«, sagte er leise. »Hört doch zu. Das ist Wahnsinn! Wie wollt Ihr überhaupt dort hineingelangen?«
»Shemerin ist ja auch hinausgekommen.«
»Das war aber vor der Belagerung.« Bryne klang richtig verzweifelt, »jetzt ist der Ort viel besser bewacht.«
Siuan schüttelte den Kopf. » Shemerin wurde ständig überwacht. Sie ist durch ein Wassertor hinaus; ich wette, es ist immer noch unbewacht. Ich habe nie davon gehört, und ich war die Aymrlin. Ich besitze einen Plan, auf dem das Tor markiert ist.«
Bryne zögerte. Dann verhärtete sich seine Miene. »Das spielt keine Rolle. Allein habt ihr beiden trotzdem keine Chance.«
»Dann begleitet uns«, sagte Siuan.
»Ich werde keinen Anteil daran haben, dass Ihr schon wieder Eure Eide brecht.«
» Egwene sagte, dass wir etwas unternehmen könnten, wenn es den Anschein hat, dass sie in Gefahr schwebt, hingerichtet zu werden«, sagte Siuan. »Sie hat mir gesagt, dass sie sich dann von uns retten lassen wird! Nun, so wie sie heute Abend bei unserem Treffen verschwunden ist, neige ich zu der Annahme, dass sie in Gefahr schwebt.«
»Aber daran ist nicht Elaida schuld, sondern die Seanchaner!«
»Das wissen wir doch gar nicht genau.«
»Unwissenheit ist keine Entschuldigung«, sagte Bryne streng und trat näher an sie heran. »Ihr seid viel zu schnell mit dem Eidbruch bei der Hand, Siuan, und ich will nicht, dass Euch das zur Gewohnheit wird. Ob Aes Sedai oder nicht, ob ehemalige Amyrlin oder nicht, Menschen müssen Regeln und Grenzen haben. Ganz davon zu schweigen, dass Euch dieser Versuch vermutlich umbringen wird!«
»Und werdet Ihr mich aufhalten?« Sie hielt noch immer die Quelle umarmt. »Glaubt Ihr, Ihr schafft das?«
Er knirschte mit den Zähnen, aber er erwiderte nichts darauf. Siuan drehte sich um und ließ ihn stehen, ging direkt auf die Feuer am Palisadentor zu.
»Verdammte Frau«, sagte Bryne hinter ihr. »Ihr werdet noch mein Tod sein.«
Sie drehte sich um und hob eine Braue.
»Ich komme ja schon«, rief er und umklammerte den Griff seines Schwertes. Er bot einen imposanten Anblick; die scharfen Falten seines Mantels passten zu seiner erstarrten Miene. »Aber es gibt zwei Bedingungen.«
»Nennt sie mir«, sagte sie.
»Zuerst geht Ihr mit mir den Behüterbund ein.«
Siuan starrte ihn an. Er wollte … beim Licht! Bryne wollte ihr Behüter sein? Aufregung durchflutete sie wie eine Woge.
Aber sie hatte nie daran gedacht, sich einen neuen Behüter zu nehmen, nicht seit Alrics Tod. Sein Verlust war eine schreckliche Erfahrung gewesen. Wollte sie das Risiko eingehen, das noch einmal zu erleben?
Andererseits, konnte sie die Gelegenheit verstreichen lassen, dass sich dieser Mann mit ihr verband, dass sie seine Gefühle wahrnahm und ihn an ihrer Seite wusste? Nach allem, wovon sie geträumt und was sie sich gewünscht hatte?
Von einem ehrfurchtsvollen Gefühl ergriffen, ging sie zu Bryne zurück, dann legte sie ihm die Hand auf die Brust, webte die erforderlichen Gewebe aus Geist und hüllte ihn damit ein. Er keuchte auf, als ein neues Bewusstsein in ihnen beiden erblühte, eine neue Verbindung. Sie konnte seine Gefühle wahrnehmen, seine ungeahnt tiefe Sorge um sie spüren. Sie stand weit über seiner Sorge um Egwene, oder die Sorge um seine Soldaten! Oh, Gareth, dachte sie und wurde sich bewusst, wie die Süße seiner Liebe sie lächeln ließ.
»Ich habe mich immer gefragt, wie sich das anfühlen würde«, sagte Bryne und ballte im Fackelschein mehrmals die Faust. Er klang erstaunt. »Könnte ich das doch an jeden Mann in meinem Heer weitergeben!«
Siuan schnaubte. »Ich bezweifle doch sehr, dass das ihren Frauen und Familien gefallen würde.«
»Das würde es, wenn es die Soldaten am Leben erhält«, erwiderte Bryne. »Ich könnte tausend Meilen laufen, ohne einmal nach Luft zu schnappen. Ich könnte gegen hundert Gegner auf einmal antreten und sie alle auslachen.«
Sie verdrehte die Augen. Männer! Da hatte sie ihm eine zutiefst persönliche und gefühlsmäßige Verbindung mit einem anderen Menschen gegeben - eine Verbindung, wie sie nicht einmal Eheleute erfuhren -, und er konnte bloß daran denken, wie sehr sich doch sein Geschick im Schwertkampf verbessert haben würde!
» Siuan!«, rief da eine Stimme. » Siuan Sanche!«
Gawyn ritt auf einem schwarzen Wallach heran. Neben ihm trottete ein weiteres Pferd - eine zottelige braune Stute. »Bela!«, rief Siuan aus.
»Ist sie geeignet?«, erkundigte sich Gawyn und klang leicht außer Atem. »Bela war einst Egwenes Pferd, das weiß ich noch, und der Stallmeister meinte, sie sei das sanfteste Tier, das er hat.«
»Sie wird reichen«, meinte Siuan und wandte sich wieder Bryne zu. »Ihr sagtet etwas von zwei Bedingungen?«
»Die zweite erkläre ich Euch später.« Bryne klang noch immer etwas atemlos.
Siuan verschränkte die Arme. »Das klingt ziemlich mehrdeutig. Ich gebe nicht gern Versprechen, von denen ich nicht weiß, worum es dabei geht.«
»Nun, Ihr müsst Euch trotzdem darauf einlassen.« Bryne erwiderte ihren Blick.
»Schön, aber es sollte sich besser um nichts Unanständiges handeln, Gareth Bryne.«
Er runzelte die Stirn.
»Was?«
»Es ist seltsam«, meinte er und musste lächeln. »Ich habe nun Anteil an Euren Gefühlen. Zum Beispiel kann ich mit Sicherheit sagen, dass …« Er unterbrach sich, und sie konnte seine Verlegenheit fühlen.
Er weiß, dass ein Teil von mir will, dass er etwas Unanständiges verlangt!, erkannte Siuan entsetzt. Verdammte Asche!
Sie fühlte, wie sie errötete. Das würde doch reichlich unbequem werden. »Ach, beim gesegneten Licht … ich stimme Euren Bedingungen zu, Ihr Schurke. Und jetzt bewegt Euch! Wir müssen los.«
Er nickte. »Ich muss nur noch meinen Hauptleuten befehlen, die Sache in die Hände zu nehmen, falls sich der Kampf aus der Stadt heraus verlagert. Eine Abteilung meiner besten hundert Männer bringe ich mit. Die sollten wir reinbekommen, vorausgesetzt, dieses Tor ist passierbar.«
»Das wird es«, sagte sie. »Geht!«
Da salutierte er doch tatsächlich mit unbewegter Miene vor ihr, aber ihr entging nicht sein innerliches Grinsen - und vermutlich wusste er das genau. Dieser Schuft! Sie wandte sich Gawyn zu, der auf seinem Wallach saß und anscheinend nichts begriff.
»Worum geht es hier eigentlich?«, wollte er wissen.
»Wir müssen nicht allein gehen.« Siuan holte tief Luft, stählte sich und kletterte in Belas Sattel. Pferden konnte man nicht vertrauen, nicht einmal Bela, auch wenn sie besser als die meisten war. »Das bedeutet, dass unsere Chancen, lange genug am Leben zu bleiben, um Egwene zu holen, gerade beträchtlich gestiegen sind. Was gut ist, denn nach unserer tollkühnen Aktion wird sie zweifellos das Privileg haben wollen, uns persönlich umzubringen.«