Siuan verstummte. Gawyn beruhigte sich und atmete gleichmäßig. Wenigstens tat er jetzt endlich etwas, um Egwene zu helfen. Das hatte viel länger gedauert, als ihm recht war. Beim Licht, hoffentlich kam er noch rechtzeitig genug!
Eine ferne Explosion ließ den Tunnel erbeben. Gawyn blickte über die Schulter zu den anderen zehn Booten, in denen sich nervöse Soldaten drängten. Sie glitten direkt in eine Kampfzone, in der beide Seiten stärker als sie waren, beide Seiten keinen Grund hatten, sie zu mögen, und beide Seiten die Eine Macht lenken konnten. Man brauchte schon ganz besondere Männer, um dieser Kräfteverteilung in die Augen zu starren.
»Hier.« Bryne hob sich als Umriss von dem Lichtschein ab. Mit einem Handsignal ließ er die Reihe der Boote anhalten. Rechts hatte sich der Tunnel geöffnet, dort wartete ein steinerner Sims, von dem ein paar Stufen nach oben führten. Der Tunnel selbst ging noch weiter.
Bryne stand auf und trat auf den Sims, machte das Boot an einem Haken fest. Die Soldaten folgten ihm. Jeder von ihnen trug ein kleines braunes Päckchen. Worum handelte es sich dabei? Gawyn hatte gar nicht bemerkt, dass sie diese Päckchen in die Boote luden. Als der letzte Soldat ausgestiegen war, stieß er das Gefährt nach vorn und gab sein Tau an einen Soldaten in Siuans Boot weiter. Während die Reihe weiterging, band jeder sein Boot an das vorherige. Der letzte Mann würde sein Boot an der Anlegestelle vertäuen, und es würde sie alle verankern.
Gawyn trat auf den Sims, als er an der Reihe war, und eilte die Stufen hinauf, die zu einer kleinen Gasse führten. Dieser Eingang war vermutlich schon seit langer Zeit in Vergessenheit geraten, ausgenommen bei einigen wenigen Bettlern, denen er als Unterschlupf diente. Mehrere Soldaten fesselten bereits am Gassenende eine kleine Gruppe solcher Männer. Gawyn verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Bettler waren dazu prädestiniert, Geheimnisse jedem zu verkaufen, der bereit war, zuzuhören, und die Nachricht von hundert Soldaten, die sich in die Stadt schlichen, würde der Burgwache Gold wert sein.
Bryne stand zusammen mit Siuan an der Gassenmündung und überprüfte die Straße. Gawyn gesellte sich mit der Hand am Schwertgriff zu ihnen. Die Straßen waren leer. Zweifellos verbargen sich die Bürger in ihren Häusern und beteten vermutlich darum, dass der Angriff bald vorbei sein würde.
Die Soldaten sammelten sich in der Gasse. Leise befahl Bryne einer Abteilung von zehn Mann, die Boote zu bewachen. Dann öffnete der Rest von ihnen die weich aussehenden Päckchen, die Gawyn vorhin aufgefallen waren, und holten zusammengefaltete weiße Wappenröcke hervor. Sie zogen sie über die Köpfe und banden sie an der Taille fest, jeder zeigte die Flamme von Tar Valon.
Gawyn stieß einen leisen Pfiff aus, während Siuan die Hände in die Hüften stemmte und verärgert aussah. »Wo habt Ihr denn die her?«
»Ich habe sie von den Frauen im Tross machen lassen«, erklärte Bryne. »Es ist immer ratsam, ein paar feindliche Uniformen zu haben.«
Siuan verschränkte die Arme. »Das ist einfach nicht richtig. Der Dienst in der Burgwache ist eine heilige Pflicht. Sie …«
»Sie sind der Feind, Siuan«, sagte Bryne streng. »Zumindest für den Augenblick. Ihr seid nicht mehr die Amyrlin.«
Sie warf ihm einen bösen Blick zu, hielt aber den Mund.
Bryne musterte die Soldaten, dann nickte er zufrieden. »Aus der Nähe wird das keinen täuschen, aber aus der Ferne reicht das. Raus auf die Straße und zu Reihen aufgestellt. Eilt auf die Burg zu, als wolltet ihr schnell in die Schlacht eingreifen. Siuan, eine Lichtkugel oder zwei würden bei der Tarnung helfen - wenn die, die uns sehen, eine Aes Sedai an der Spitze entdecken, werden sie eher glauben, was wir ihnen vorgaukeln wollen.«
Sie schnaubte, erfüllte die Bitte aber und erschuf zwei Lichtkugeln, die sie zu beiden Seiten ihres Kopfes schweben ließ. Bryne gab den Befehl, und die ganze Gruppe strömte aus der Gasse und formierte sich zu den verlangten Reihen. Gawyn, Bryne und Siuan nahmen Positionen an der Spitze ein - Gawyn und der General ein paar Schritte vor Siuan, als wären sie ihre Behüter -, und im Laufschritt eilten sie los.
Alles zusammengenommen war es eine gute Illusion. Auf den ersten Blick hätte Gawyn die Verkleidung akzeptiert. Was konnte es Natürlicheres geben als eine Abteilung der Burgwache, die zum Ort des Angriffs marschiert, angeführt von einer Aes Sedai und ihren Behütern? Auf jeden Fall war es besser als der Versuch, einhundert Männer ungesehen durch irgendwelche Gassen durch die Stadt schleichen zu lassen.
Als sie sich dem Burggelände näherten, betraten sie einen Albtraum. Die dichten Rauchschwaden reflektierten roten Feuerschein und hüllten die ganze Burg in einen blutroten Dunst. Löcher und Furchen verunstalteten die Mauern des einst so majestätischen Gebäudes; aus mehreren Öffnungen loderten Flammen. Raken beherrschten den Himmel und umrundeten den Turm wie Möwen, die auf dem Meer einen toten Wal umkreisen. Schreie und Rufe durchdrangen die Luft, und der dichte beißende Rauch kratzte in Gawyns Hals.
Brynes Männer wurden langsamer, je näher sie kamen. Bei dem Kampf schien es zwei Schlachtfelder zu geben. Am Fuß des Turms mit den beiden angebauten Flügeln flammten ständig Lichtblitze auf. Das Gelände war übersät mit Toten und Verletzten. Und weit oben ungefähr in der Turmmitte spuckten mehrere Risse im Mauerwerk Feuerbälle und Lichtblitze gegen die Angreifer. Der Rest des Turms erschien stumm und tot, obwohl in den Korridoren sicherlich gekämpft wurde.
Vor einem der Eisentore der Weißen Burg kam die Gruppe zum Stehen. Die Tore standen weit offen und waren unbewacht. Das erschien unheilvoll. »Und jetzt?«, fragte Gawyn flüsternd.
»Wir finden Egwene«, antwortete Siuan. »Wir fangen im Erdgeschoss an, dann begeben wir uns in die Kelleretagen. Sie war heute irgendwo dort unten eingesperrt, und das sollte der erste Ort sein, an dem wir nachsehen.«
Steinsplitter lösten sich von der Decke und regneten auf den Tisch, als der nächste Treffer die Weiße Burg erschütterte. Saerin fluchte und wischte das Geröll weg, dann entrollte sie ein Pergament und beschwerte seine Ecken mit ein paar Fliesentrümmern.
In dem Raum um sie herum herrschte blankes Chaos. Sie befanden sich im Erdgeschoss, im vorderen Versammlungsraum, einem großen rechteckigen Gemach am Übergang zwischen Ostflügel und Turm. Angehörige der Burgwache schoben Tische aus dem Weg, um Platz für die Gruppen zu machen, die den Raum passierten. Aes Sedai schauten misstrauisch aus den Fenstern und beobachteten den Himmel. Behüter wanderten wie eingesperrte Tiere umher. Was sollten sie gegen fliegende Bestien tun? Hier waren sie am besten aufgehoben, als Beschützer des Kommandopostens. Sofern man den Raum so bezeichnen wollte. Saerin war gerade erst eingetroffen.
Eine Grüne Schwester rauschte auf sie zu. Moradri war eine Mayenerin mit langen Gliedmaßen und dunkler Haut, und sie wurde von zwei ansehnlichen Behütern begleitet, bei denen es sich ebenfalls um Mayener handelte. Gerüchten zufolge waren die beiden ihre Brüder, die zur Weißen Burg gekommen waren, um ihre Schwester zu beschützen; allerdings äußerte sich Moradri nie zu diesem Thema.
»Wie viele?«, verlangte Saerin zu wissen.
»Im Erdgeschoss mindestens siebenundvierzig Schwestern«, berichtete Moradri. »Von allen Ajahs. Genauer konnte ich sie nicht zählen, denn sie kämpfen in kleinen Gruppen. Ich habe ihnen gesagt, dass wir hier einen zentralen Kommandoposten einrichten. Die meisten schienen es für eine gute Idee zu halten, obwohl viele zu müde, zu entsetzt oder einfach zu fassungslos waren, um mit mehr als einem Nicken reagieren zu können.«
»Tragt ihre Positionen auf diesem Plan hier ein«, sagte Saerin. »Habt Ihr Elaida gefunden?« Moradri schüttelte den Kopf.
»Verdammt«, murmelte Saerin, als das Bauwerk erneut erbebte. »Was ist mit den Sitzenden der Grünen?«