Bryne kniff die Augen zusammen. In der Nähe eines Lochs in einer der oberen Etagen ballten sich die Aktivitäten. Er holte sein Fernglas hervor und verließ sich darauf, dass Gawyn ihn warnen würde, sollte sich eine Gefahr nähern.
»Beim Licht …«, flüsterte er dann und konzentrierte sich auf die Mauerlücke. Eine einsame Gestalt in Weiß stand in der geschlagenen Bresche. Sie war zu weit weg, um ihr Gesicht erkennen zu können, selbst mit dem Fernglas, aber wer auch immer sie war, sie richtete beträchtlichen Schaden unter den Seanchanern an. Feuer glühte zwischen den Händen ihrer erhobenen Arme, das brennende Licht warf Schatten auf die Turmmauer um sie herum. Im stetigen Rhythmus lösten sich Blitze von ihr und pflückten Raken vom Himmel.
Bryne hob das Fernglas höher und fuhr die ganze Länge des Turms ab, suchte nach anderen Zeichen des Widerstands. Auf dem flachen runden Dach gab es Aktivitäten. Das war so weit entfernt, dass er es kaum ausmachen konnte. Es hatte den Anschein, als würden Pfähle in die Luft gestemmt, auf die dann Raken hinunterstürzten und … Was? Jedes Mal, wenn einer der Raken im Sturzflug vorbeiraste, zerrte er etwas hinter sich her.
Gefangene, erkannte Bryne mit einem Schaudern. Sie bringen die gefangenen Aes Sedai aufs Dach, fesseln sie mit Seilen, dann schnappen sich die Raken diese Seile und ziehen die Frauen in die Luft. Beim Licht! Er konnte einen Blick auf eine der verschleppten Frauen erhaschen. Es hatte den Anschein, als hätte man ihr einen Sack über den Kopf gezogen.
»Wir müssen in die Burg hinein«, sagte Gawyn. »Dieser Kampf ist nur ein Ablenkungsmanöver.«
»Dem stimme ich zu«, erwiderte Bryne und senkte das Fernglas. Er warf einen Blick zur Hofseite, wo Siuan während des Kampfes hatte warten wollen. Zeit, sie einzusammeln und …
Sie war verschwunden. Bryne verspürte einen Stich des Entsetzens, gefolgt von blanker Panik. Wo war sie? Wenn sich diese Frau hatte umbringen lassen …
Aber nein. Er konnte sie in der Burg spüren. Sie war unverletzt. Dieser Bund war eine so wunderbare Sache, aber er hatte sich noch nicht im Mindesten daran gewöhnt. Ihm hätte auffallen müssen, dass sie gegangen war! Er musterte seine Soldaten. Die Seanchaner hatten sich gut geschlagen, aber nun wurden sie sichtbar dezimiert. Ihre Reihe gab nach, und sie verteilten sich in alle Richtungen, und Bryne bellte seinen Männern den Befehl zu, sie nicht zu verfolgen.
»Erste und zweite Abteilung, schnell die Verwundeten einsammeln«, rief er. »Tragt sie zur Hofseite. Die, die gehen können, sollen sich auf direktem Weg zu den Booten begeben.« Er zog eine Grimasse. »Die, die nicht mehr gehen können, werden auf die Aes Sedai warten müssen, die sie Heilen werden.« Die Soldaten nickten. Die Schwerverletzten würde man dem Feind überlassen müssen, aber man hatte alle vor der Mission auf diese Möglichkeit hingewiesen. Die Amyrlin zurückzuholen war wichtiger als alles andere.
Einige Männer würden während der Wartezeit an ihren Wunden sterben. Daran konnte er nichts ändern. Die meisten von ihnen würden hoffentlich von den Aes Sedai der Weißen Burg Geheilt werden. Natürlich würde man sie danach in den Kerker sperren, aber es gab keine andere Möglichkeit. Diese Truppe musste in Bewegung bleiben, und es war keine Zeit, die Verwundeten auf Bahren zu tragen.
»Dritte und vierte Abteilung«, fing er an und verstummte dann. Eine vertraute Gestalt im blauen Rock rauschte aus der Burg und zerrte ein Mädchen in Weiß hinter sich her. Natürlich sah Siuan mittlerweile kaum älter als das Mädchen aus. Manchmal hatte Bryne Probleme damit, sie mit der strengen Frau in Einklang zu bringen, die er vor Jahren kennengelernt hatte.
Von einer Woge der Erleichterung erfasst, ging er ihr entgegen. »Wer ist das?«, wollte er wissen. »Wo seid ihr gewesen?«
Siuan schnalzte nur mit der Zunge, befahl der Novizin, dort stehen zu bleiben, und nahm Bryne zur Seite, um leise mit ihm zu sprechen. »Eure Soldaten waren beschäftigt, und ich hielt es für eine gute Gelegenheit, um Informationen zu beschaffen. Und ich muss sagen, dass wir noch an Eurer Einstellung arbeiten müssen, Gareth Bryne. Es gehört sich nicht für einen Behüter, so mit seiner Aes Sedai zu sprechen.«
»Darüber mache ich mir dann Sorgen, wenn Ihr anfangt, Euch zu benehmen, als hättet Ihr einen Funken Verstand in Eurem Kopf, Frau. Und wenn Ihr den Seanchanern in die Arme gelaufen wäret?«
»Dann wäre ich in Gefahr gewesen«, erwiderte sie mit in die Hüften gestemmten Händen. »Das wäre nicht das erste Mal. Ich konnte nicht riskieren, dass mich andere Aes Sedai zusammen mit Euch oder Euren Soldaten sahen. So einfache Verkleidungen werden keine Schwester täuschen.«
»Und wenn man Euch erkannt hätte? Siuan, diese Leute wollten Euch hinrichten!«
Sie schnaubte. »Mit diesem Gesicht würde mich nicht einmal mehr Moiraine erkennen. Die Frauen in der Burg werden nur eine junge Aes Sedai sehen, die irgendwie vertraut erscheint. Außerdem bin ich niemandem begegnet. Nur diesem Kind hier.« Sie warf der Novizin einen Blick zu. Das Mädchen hatte kurzes schwarzes Haar und starrte entsetzt zu der Schlacht am Himmel hoch. »Hashala, kommt her«, rief Siuan.
Die Novizin eilte herbei.
»Erzählt diesem Mann, was Ihr mir verraten habt«, befahl Siuan.
»Ja, Aes Sedai«, sagte die Novizin mit einem nervösen Knicks. Brynes Soldaten bildeten eine Ehrenwache um Siuan, und Gawyn stellte sich neben den General. Die junge Frau schaute immer wieder in den todbringenden Himmel.
»Die Amyrlin, Egwene al’Vere«, sagte sie mit bebender Stimme. »Sie wurde früher am Tag aus ihrer Zelle entlassen und durfte in das Novizinnenquartier zurückkehren. Ich war unten in der Küche, als der Angriff begann, also weiß ich nicht, was mit ihr passiert ist. Aber vermutlich ist sie oben irgendwo auf der einundzwanzigsten oder zweiundzwanzigsten Ebene. Dort befinden sich jetzt die Novizinnenzimmer.« Sie verzog das Gesicht. »Das Innere der Burg ist heutzutage ein schreckliches Durcheinander. Nichts ist da, wo es sein sollte.«
Siuan erwiderte Brynes Blick. »Man hat Egwene hohe Dosen Spaltwurzel verabreicht. Sie wird kaum in der Lage sein, die Macht zu lenken.«
»Wir müssen sie finden!«, stieß Gawyn hervor.
»Offensichtlich«, sagte Bryne und rieb sich das Kinn. »Darum sind wir ja hier. Also gehen wir wohl nach oben statt nach unten.«
»Ihr seid gekommen, um sie zu retten, nicht wahr?« Die Novizin klang eifrig.
Bryne musterte sie. Kind, ich wünschte, du hättest das nicht erkannt. Er hasste die Vorstellung, eine einfache Novizin in diesem Chaos gefesselt zurücklassen zu müssen. Aber sie durften nicht riskieren, dass sie losrannte und die Aes Sedai der Weißen Burg warnte.
»Ich will mit Euch gehen«, sagte das Mädchen flehend. »Ich stehe loyal zu der Amyrlin. Der echten Amyrlin. Das gilt für die meisten von uns.«
Bryne hob eine Braue und sah Siuan an.
»Soll sie mitkommen«, sagte die Aes Sedai. »Das ist ohnehin die einfachere Lösung.« Sie fing an, dem Mädchen weitere Fragen zu stellen.
Bryne schaute zur Seite, als einer seiner Hauptmänner, ein Mann namens Vestas, auf ihn zutrat. »Mein Lord«, raunte Vestas drängend. »Wir haben zwölf Männer verloren. Weitere fünfzehn sind verwundet, können aber noch gehen und sind zu den Booten unterwegs. Sechs sind zu schlimm verletzt, um sie begleiten zu können.« Vestas zögerte. »Drei Männer werden die nächste Stunde nicht überleben, mein Lord.«
Bryne biss die Zähne zusammen. »Wir brechen auf.«
»Ich fühle diesen Schmerz, Bryne«, sagte Siuan und wandte sich ihm wieder zu. »Was ist los?«
»Wir haben keine Zeit. Die Amyrlin …«
»Kann noch einen Augenblick warten. Worum geht es?«
»Drei Männer«, sagte er. »Ich muss drei meiner Männer sterbend zurücklassen.«