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»Nicht, wenn ich sie Heile«, erwiderte Siuan. »Bringt mich zu ihnen.«

Bryne gab seinen Widerstand auf, auch wenn er einen Blick gen Himmel warf. Mehrere Raken waren auf dem Burggelände gelandet und stellten undeutliche, von den Flammen beleuchtete Schemen dar. Die flüchtenden Seanchaner sammelten sich um sie.

Das waren die Truppen für den Bodenangriff, dachte er. Sie ziehen sich wahrhaftig zurück. Der Überfall endet.

Was bedeutete, dass sie keine Zeit mehr hatten. Nach dem Abzug der Seanchaner würde sofort wieder Ordnung in die Weiße Burg einkehren. Sie mussten Egwene finden! Und sollte das Licht dafür sorgen, dass sie nicht in Gefangenschaft geraten war.

Aber wenn Siuan die Soldaten Heilen wollte, dann war das ihre Entscheidung. Er hoffte bloß, dass diese drei Leben der Amyrlin am Ende nicht das Leben kostete.

Vestas hatte die drei Soldaten ein wenig abseits unter einem großen Baum zurückgelassen. Bryne nahm eine Abteilung Soldaten mit und überließ es Gawyn, den Rest der Männer zu organisieren. Er folgte Siuan. Sie kniete bereits neben dem ersten Verletzten. Ihr Geschick im Heilen war nicht groß; da hatte sie Bryne bereits vorgewarnt. Aber vielleicht konnte sie ja den Zustand der drei Männer so stabilisieren, dass sie lange genug bis zu ihrer Entdeckung und Gefangennahme durch die Weiße Burg überleben würden.

Sie arbeitete schnell, und Bryne entdeckte, dass sie wirklich übertrieben hatte. Sie schien beim Heilen durchaus anständige Arbeit zu leisten. Dennoch benötigte das Zeit. Bryne ließ die Blicke über den Hof schweifen und spürte, wie seine Nervosität wuchs. Aus den oberen Etagen wurden noch immer Feuerbälle geschleudert, aber in den unteren Etagen und auf dem Gelände herrschte Ruhe. Die einzigen Laute kamen von den stöhnenden Verwundeten und dem Prasseln der Flammen.

Beim Licht, dachte er und betrachtete die Trümmer, ließ den Blick über das Erdgeschoss der Burg gleiten. Das Dach des Ostflügels und die Seitenmauer waren eingestürzt, überall in dem Gebäude flackerten Flammen. Der Hof war voller Steintrümmer und tiefer Narben. Dichter, stinkender Rauch hing in der Luft. Würden die Ogier bereit sein, zurückzukehren und dieses prächtige Bauwerk zu reparieren? Würde es jemals wieder wie früher sein, oder war dieses scheinbar für alle Ewigkeit errichtete Monument in dieser Nacht gefallen? Verspürte er Stolz, weil er Zeuge des Untergangs geworden war, oder doch Trauer?

In der Dunkelheit neben dem Baum bewegte sich ein Schatten.

Bryne handelte, ohne nachzudenken. Drei Dinge kamen in ihm zusammen: Jahre der Übung im Schwertkampf, ein Leben erworbener Schlachtfeldreflexe und eine neue, vom Bund verstärkte Aufmerksamkeit. Alles kam in einer Bewegung zusammen. Einen Herzschlag später hatte sein Schwert die Scheide verlassen, und er vollzog Der letzte Biss der Schwarzlanze, rammte die Klinge direkt in den Hals einer dunklen Gestalt.

Alle standen wie erstarrt. Siuan sah entsetzt von dem Mann auf, den sie gerade Heilte. Brynes Schwert befand sich direkt über ihrer Schulter und endete im Hals eines seanchanischen Soldaten in schwarzer Rüstung. Lautlos ließ der Mann ein mit hässlichen Sägezähnen versehenes Kurzschwert fallen, dessen Klinge mit einer öligen Flüssigkeit überzogen war. Mit zuckenden Fingern griff er nach Brynes Schwert, als wollte er es herausziehen. Einen Augenblick lang packte er Brynes Arm.

Dann rutschte der Mann rückwärts von Brynes Klinge und sackte zu Boden. Er bäumte sich einmal auf und flüsterte etwas, das trotz des Blubberns in seinem blutenden Hals deutlich zu verstehen war. »Marath … damane …«

»Soll das Licht mich doch verbrennen!«, keuchte Siuan und hob eine Hand an die Brust. »Was war das?«

»Er ist nicht wie die anderen gekleidet«, sagte Bryne und schüttelte den Kopf. »Seine Rüstung ist anders. Irgendeine Art von Meuchelmörder.«

»Beim Licht«, sagte Siuan. »Ich habe ihn nicht einmal gesehen! Er schien beinahe ein Teil der Dunkelheit selbst zu sein!«

Meuchelmörder. Sie schienen immer gleich auszusehen, ganz egal, welcher Kultur sie angehörten. Bryne schob das Schwert zurück in die Scheide. Das war das erste Mal, dass er Der Letzte Biss der Schwarzlanze im Kampf benutzt hatte. Es war eine einfache Figur, die nur für eines gedacht war: Schnelligkeit. Die Klinge ziehen und in den Hals stechen, und das alles in einer flüssigen Bewegung. Verfehlte man, starb man für gewöhnlich.

»Ihr habt mir das Leben gerettet«, sagte Siuan und schaute zu Bryne hoch. Ihr Gesicht lag größtenteils im Schatten verborgen. »Beim Meer der Mitternacht«, sagte sie, »das verfluchte Mädchen hat recht behalten.«

»Wer?«, fragte Bryne und suchte die Dunkelheit misstrauisch nach weiteren Attentätern ab. Er winkte, und seine Männer öffneten ihre Laternen verlegen ein Stück weiter. Der Angriff war so schnell erfolgt, dass sie sich kaum gerührt hatten. Hätte Bryne nicht über die Schnelligkeit des Behüterbundes verfügt…

»Min«, sagte Siuan müde. Das Heilen schien sie eine Menge Kraft gekostet zu haben. »Sie sagte, ich müsste in Eurer Nähe bleiben.« Sie hielt inne. »Wärt Ihr nicht heute Nacht mitgekommen, wäre ich gestorben.«

»Nun«, sagte Bryne. »Ich bin Euer Behüter. Ich vermute einmal, das wird nicht das einzige Mal bleiben, dass ich Euch rette.« Warum war es plötzlich so warm geworden?

»Ja«, sagte Siuan und stand auf. »Aber dieses Mal ist es anders. Min sagte, dass ich sterbe und … Nein, wartet. So hat Min das nicht ausgedrückt. Sie sagte, dass, sollte ich nicht in Eurer Nähe bleiben, wir beide sterben werden.«

»Was meint Ihr …«, sagte Bryne und wandte sich ihr zu.

» Pst!«, machte Siuan und legte die Hände um seinen Kopf. Er verspürte ein seltsames Kribbeln. Wandte sie die Macht bei ihm an? Was geschah denn hier? Dann erkannte er das Gefühl - wie Eis in seinen Adern! Sie Heilte ihn. Aber warum? Er war nicht verwundet.

Siuan ließ ihn los, dann schwankte sie plötzlich und sah tief erschöpft aus. Er packte sie und hielt sie fest, aber sie schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf. »Hier«, sagte sie, ergriff seinen Schwertarm und drehte ihn um, bis sein Handgelenk zu sehen war. Dort steckte eine winzige schwarze Nadel in der Haut. Sie riss sie heraus. Bryne verspürte ein Frösteln, das nichts mit dem Heilen zu tun hatte.

»Gift?«, fragte er mit einem Blick auf den Toten. »Als er nach meinem Arm griff, war das kein normaler Todeskrampf.«

»Vermutlich war da ein Betäubungsmittel dabei«, murmelte Siuan und ließ sich von ihm dabei helfen, sich auf den Boden zu setzen. Sie warf die Nadel weg, und plötzlich explodierte sie in einer Flamme. Das Gift löste sich in der Hitze ihrer gelenkten Macht auf.

Bryne fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Seine Stirn war schweißbedeckt. » Habt Ihr es … Geheilt?«

Siuan nickte. »Es war überraschend einfach; es war nur wenig in Eurem Körper. Aber es hätte Euch trotzdem getötet. Wenn Ihr Min das nächste Mal seht, solltet Ihr ihr danken. Sie hat gerade uns beiden das Leben gerettet.«

»Aber wäre ich nicht mitgekommen, wäre ich nicht vergiftet worden!«

»Versucht nicht, einer Vorhersage oder Sicht mit Logik zu begegnen«, sagte Siuan mit einer Grimasse. »Ihr lebt, ich lebe. Ich schlage vor, wir belassen es dabei. Geht es Euch gut genug, um weitermachen zu können?«

»Spielt das eine Rolle?«, fragte Bryne. »Ich lasse Euch bestimmt nicht allein weitergehen.«

»Dann los.« Siuan holte tief Luft und kämpfte sich auf die Füße. Diese Pause war bei weitem nicht lange genug gewesen, aber er sprach sie nicht darauf an. »Eure drei Soldaten überleben die Nacht. Ich habe für sie getan, was ich konnte.«

Egwene saß erschöpft auf einem Schutthaufen und starrte aus dem Loch in der Weißen Burg, betrachtete die in der Tiefe brennenden Feuer. Dort bewegten sich Gestalten, und ein Feuer nach dem anderen erlosch. Wer auch immer die Gegenwehr organisiert hatte, war geistesgegenwärtig genug, um zu erkennen, dass die Brände sich als genauso gefährlich wie die Seanchaner erweisen konnten. Aber ein paar Schwestern, die Luft oder Wasser webten, konnten die Flammen schnell ersticken und die Weiße Burg erhalten. Zumindest das, was noch davon übrig war.