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Egwene schloss die Augen und lehnte sich zurück, stützte sich gegen die Überreste einer Wand, spürte eine frische Brise auf der Haut. Die Seanchaner waren weg, die letzten To’raken verschwanden in der Nacht. In diesem Augenblick, als Egwene sie flüchten sah, erkannte sie, wie sehr sie und die armen Novizinnen, durch die sie die Macht gezogen hatte, sich verausgabt hatten. Sie ließ sie gehen mit dem Befehl, sich sofort schlafen zu legen. Die anderen Frauen, die sie um sich geschart hatte, kümmerten sich um die Verwundeten oder die Brände auf den oberen Ebenen.

Egwene wollte helfen. Zumindest ein Teil von ihr. Ein Funken. Aber beim Licht, wie müde sie war! Sie konnte nicht einmal mehr ein Rinnsaal der Macht lenken, nicht einmal mithilfe des Sa’angreals. Sie war an die Grenzen dessen gegangen, was ihr möglich war. Aber jetzt war sie so ausgelaugt, dass sie nicht mehr dazu fähig sein würde, die Quelle zu umarmen.

Sie hatte gekämpft. Sie war wunderbar und zerstörerisch gewesen, die Amyrlin der Vergeltung und des Zorns, eine Grüne Ajah bis ins Mark. Und trotzdem stand die Burg in Flammen. Und trotzdem waren mehr To’raken entkommen als vernichtet worden. Wenigstens war unter denen, die sie um sich geschart hatte, die Zahl der Verwundeten ermutigend gering. Nur drei Novizinnen und eine Aes Sedai getötet, während sie zehn Damane eingesammelt und Dutzende Soldaten getötet hatten. Aber was war mit den anderen Etagen? In dieser Schlacht würde die Weiße Burg nicht vorn liegen.

Die Weiße Burg war gebrochen, jetzt auch in der Substanz wie an Geist. Für den Wiederaufbau würde sie eine starke Anführerin brauchen. Die nächsten Tage würden von entscheidender Bedeutung sein. Der Gedanke an die Arbeit, die sie leisten musste, war mehr als erschöpfend.

Sie hatte viele beschützt. Sie hatte Widerstand geleistet und gekämpft. Aber dieser Tag würde trotzdem als eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Aes Sedai eingehen.

Daran darf ich jetzt nicht denken, sagte sie sich. Ich muss mich auf das konzentrieren, was zu tun ist, um die Dinge zu reparieren …

Gleich würde sie aufstehen. Sie würde die Novizinnen und Aes Sedai anführen, während sie aufräumten und die Schäden einschätzten. Sie würde stark und fähig sein. Die anderen würden in Versuchung sein, sich der Verzweiflung hinzugeben, und sie musste ein leuchtendes Vorbild sein. Für sie.

Aber ein paar Minuten konnte sie sich gönnen. Sie brauchte nur noch eine kurze Ruhepause …

Kaum bekam sie mit, dass sie jemand aufhob. Mühsam schlug sie die Augen auf und war trotz ihres betäubten Verstandes erstaunt, von Gawyn Trakand getragen zu werden. Seine Stirn war mit getrocknetem Blut verschmiert, aber seine Miene war entschlossen. »Ich habe dich, Egwene«, sagte er und schaute auf sie herunter. »Ich beschütze dich.«

Oh, dachte sie und schloss wieder die Augen. Schön. So ein angenehmer Traum. Sie lächelte.

Moment. Nein. Das war nicht richtig. Sie sollte die Burg doch nicht verlassen. Sie wollte protestieren, konnte aber nicht einmal mehr richtig murmeln.

»Fischscheiße«, hörte sie Siuan Sanche sagen. »Was haben sie ihr angetan?«

»Ist sie verletzt?« Eine andere Stimme. Gareth Bryne.

Nein, dachte Egwene benommen. Nein, ihr müsst mich loslassen. Ich kann nicht gehen. Nicht jetzt…

»Sie haben sie einfach hier zurückgelassen, Siuan«, sagte Gawyn. Es war so schön, seine Stimme zu hören. »Schutzlos in einem Korridor! Jeder hätte sich an sie heranmachen können. Was, wenn die Seanchaner sie entdeckt hätten?«

Ich habe sie vernichtet, dachte sie mit einem Lächeln, und die Gedanken entglitten ihr. Ich war eine flammenerfüllte Kriegerin, eine vom Horn gerufene Heldin. Sie werden nicht wagen, mir noch einmal gegenüberzutreten. Um ein Haar wäre sie eingeschlafen, aber Gawyns Schritte hielten sie wach. So gerade eben.

»Ha!« Undeutlich vernahm sie Siuans Stimme. »Was ist das? Beim Licht, Egwene! Wo habt Ihr das denn her? Das ist das Mächtigste in der ganzen Burg!«

»Was ist es, Siuan?«, fragte Brynes Stimme.

»Unser Weg nach draußen«, sagte Siuan undeutlich. Egwene spürte etwas. Macht wurde gelenkt. Viel Macht. »Ihr habt mich gebeten, Euch und Eure Männer auf dem Hof hinten rauszuschmuggeln? Nun, hiermit bin ich stark genug zum Reisen. Sammeln wir die Soldaten an den Booten ein und kehren zurück ins Lager.«

Nein!, dachte Egwene und krallte sich einen Weg durch ihre Müdigkeit, zwang die Augen auf. Ich gewinne, begreift ihr das denn nicht? Wenn ich mich jetzt als Anführerin zur Verfügung stelle, wo man die Trümmer wegräumt, werden sie mich bestimmt als Amyrlin akzeptieren! Ich muss hier bleiben! Ich muss …

Gawyn trug sie durch das Wegetor und ließ die Gänge der Weißen Burg hinter sich zurück.

Schließlich gestattete sich Saerin, sich hinzusetzen. Der Versammlungssaal, der ihr Kommandoposten geworden war, war ebenfalls ein Raum für das Heilen der Verwundeten geworden. Gelbe und Braune Schwestern schritten die Reihen der Soldaten, Diener und anderen Schwestern ab und konzentrierten sich auf die schlimmsten Fälle zuerst. Es gab eine erschreckende Zahl an Toten, einschließlich bislang zwanzig Aes Sedai. Aber die Seanchaner waren abgezogen, genau wie Saerin es vorhergesagt hatte. Dafür musste man dem Licht danken.

Saerin selbst saß auf einem Hocker in der nordwestlichsten Ecke des Raumes unter einem schönen Gemälde von Tear im Frühling und nahm Berichte entgegen. Die Verwundeten stöhnten, und der ganze Raum roch nach Blut und Heiltalles, das man bei den Wunden benutzte, die kein sofortiges Heilen erforderten. Außerdem roch es nach Rauch. Der war in dieser Nacht allgegenwärtig. Immer mehr Soldaten kamen und überreichten Berichte über Schäden und Opfer. Saerin wollte sie nicht mehr lesen, aber es war besser, als dem Stöhnen zuhören zu müssen. Wo beim Licht steckte nur Elaida?

Niemand hatte die Amyrlin während der Schlacht gesehen, aber der größte Teil der oberen Turmebenen war von den unteren Ebenen abgeschnitten gewesen. Hoffentlich konnten Amyrlin und Saal bald zusammentreten, um eine starke Führung während der Krise zu demonstrieren.

Saerin nahm den nächsten Bericht entgegen, dann runzelte sie die Stirn, nachdem sie ihn gelesen hatte. Von den über sechzig Novizinnen in Egwenes Gruppe waren nur drei gestorben? Und nur eine Schwester von den mehr als vierzig Aes Sedai, die sie um sich geschart hatte? Zehn seanchanische Machtlenkerinnen gefangen, über dreißig Raken vom Himmel geschossen? Beim Licht! Damit verglichen erschienen ihre Bemühungen regelrecht stümperhaft. Und das war die Frau, von der Elaida auch weiterhin darauf beharrte, dass sie nichts weiter als eine Novizin war?

»Saerin Sedai?«, sagte eine Männerstimme.

»Hm?«, fragte sie gedankenverloren.

»Ihr solltet hören, was diese Aufgenommene zu sagen hat.«

Saerin schaute auf und wurde sich bewusst, dass die Stimme Hauptmann Chubain gehörte. Er hatte die Hand auf die Schulter einer jungen Aufgenommenen aus Arafell mit blauen Augen und rundem Gesicht gelegt. Wie war noch einmal ihr Name? Genau, Mair. Das arme Kind sah mitgenommen aus. Ihr Gesicht wies etliche Schnitte auf sowie Abschürfungen, die sicherlich zu blauen Flecken werden würden. Ihr Aufgenommenengewand war am Ärmel und an der Schulter eingerissen.

»Kind?« Saerin entging nicht Chubains besorgte Miene. Was war los?

»Saerin Sedai«, flüsterte das Mädchen, machte einen Knicks und verzog sofort schmerzlich das Gesicht. »Ich …«