»Heraus damit, Kind«, verlangte Saerin. »Das ist nicht die richtige Nacht, um Dinge in die Länge zu ziehen.«
Mair schaute zu Boden. »Es ist die Amyrlin, Saerin Sedai. Elaida Sedai. Ich diente ihr heute Abend, nahm Diktate für sie auf. Und …«
»Und was?« Saerin verspürte ein stetig wachsendes Frösteln.
Das Mädchen fing an zu weinen. »Die ganze Wand stürzte ein, Saerin Sedai. Die Trümmer begruben mich; ich glaube, man hielt mich für tot. Ich konnte nichts tun! Es tut mir leid!«
Das Licht gebe, dass das nicht wahr ist!, dachte Saerin. Sie kann unmöglich sagen, was ich glaube, dass sie sagt. Oder doch?
Elaida erwachte mit einem sehr seltsamen Gefühl. Warum bewegte sich ihr Bett? Es schlängelte sich, wogte. So rhythmisch. Und dieser Wind! Hatte Carlya das Fenster offen gelassen? Wenn j a, würde die Magd Schläge bekommen. Sie war gewarnt worden. Sie war …
Das war nicht ihr Bett. Elaida öffnete die Augen und schaute auf eine Hunderte von Fuß unter ihr liegende dunkle Landschaft. Sie war auf den Rücken einer seltsamen Bestie gefesselt. Sie konnte sich nicht bewegen. Warum konnte sie sich nicht bewegen? Sie griff nach der Quelle, verspürte aber einen plötzlichen scharfen Schmerz, als peitschten unvermittelt tausend Ruten jeden Zoll ihres Körpers.
Benommen griff sie nach oben und berührte den Kragen um ihren Hals. Neben ihr ritt eine dunkle Gestalt auf dem Sattel; das Gesicht der Frau wurde von keiner Laterne erhellt, aber aus einem unerfindlichen Grund konnte Elaida sie fühlen. Eine undeutliche Erinnerung stieg in ihr auf, wie sie an ein Seil gebunden in der Luft gebaumelt und dabei immer wieder das Bewusstsein verloren hatte. Wann hatte man sie nach oben gezogen? Was geschah hier bloß?
Ein Flüstern kam aus der Nacht. »Ich werde diesen kleinen Fehler verzeihen. Du bist solange eine Marath’damane gewesen, da muss man mit schlechten Angewohnheiten rechnen. Aber ohne Erlaubnis wirst du niemals mehr nach der Quelle greifen. Hast du verstanden?«
»Macht mich sofort los!«, brüllte Elaida.
Der Schmerz kehrte zehnfach zurück, seine Intensität ließ Elaida würgen und sich übergeben. Ihr Mageninhalt sprühte über die Seite der Kreatur und regnete auf den tief unter ihr befindlichen Boden.
»Aber, aber«, sagte die Stimme so geduldig wie eine Frau, die mit einem Kleinkind sprach. »Du musst lernen. Dein Name ist Suffa. Und Suffa wird eine gute Damane sein. Ja, das wird sie. Eine sehr, sehr gute Damane.«
Wieder schrie Elaida auf, und dieses Mal hörte sie nicht auf, als der Schmerz kam. Sie schrie in eine gleichgültige Nacht hinein.
42
Vor dem Stein von Tear
Wir kennen die Namen der Frauen nicht, die sich in Graendals Palast befanden, sagte Lews Therin. Wir können sie nicht zu der Liste hinzufügen.
Rand versuchte den Verrückten zu ignorieren. Was sich als unmöglich erwies. Lews Therin fuhr fort.
Wie sollen wir die Liste fortführen, wenn wir die Namen nicht kennen! Im Krieg haben wir die Föchter ermittelt, die gefallen sind. Wir haben jede Einzelne von ihnen gefunden! Die Liste ist ungenau! Ich kann nicht damit fortfahren!
Das ist nicht deine Liste!, knurrte Rand. Sie gehört mir, Lews Therin. MIR!
Nein!, regte sich der Verrückte auf. Wer bist du? Sie gehört mir! Ich habe sie gemacht. Ich kann damit nicht mehr weitermachen, weilsie tot sind. Oh, beim Licht! Baalsfeuer? Warum haben wir nur Baalsfeuer benutzt! Ich habe versprochen, dass ich das nie wieder tun würde …
Rand kniff die Augen zusammen und hielt Tai’daishars Zügel fest. Das Schlachtross suchte sich auf der Straße seinen Weg, die Hufe trafen das festgetrampelte Erdreich.
Was ist aus uns geworden?, flüsterte Lews Therin. Wir werden es wieder tun, nicht wahr? Sie alle töten. Jeden, den wir geliebt haben. Wieder und wieder und …
»Wieder und wieder«, flüsterte Rand. »Es spielt keine Rolle, solange nur die Welt überlebt. Sie haben mich schon früher verflucht, haben mich beim Drachenberg und bei meinem Namen verflucht, aber sie haben überlebt. Wir sind hier, zum Kampf bereit. Wieder und wieder.«
»Rand?«, fragte Min.
Er öffnete die Augen. Sie ritt auf ihrer braunen Stute neben Tai’daishar. Er durfte nicht zulassen, dass sie oder einer der anderen bemerkte, wie er die Kontrolle verlor. Sie durften nicht wissen, wie kurz er vor dem Zusammenbruch stand.
Wir kennen so viele Namen nicht, flüsterte Lews Therin. So viele, die durch unsere Hand gestorben sind.
Und dabei war das erst der Anfang.
»Mir geht es gut, Min«, sagte er. »Ich habe nur nachgedacht. «
»Über diese Menschen?«, fragte Min. Die hölzernen Gehwege von Bandar Eban waren mit Menschen gefüllt. Die Farbe ihrer Kleidung konnte Rand nicht länger erkennen, so abgetragen war sie. Die prächtigen Stoffe wiesen Risse auf, es gab dünne Flicken, Schmutz und Flecken. Buchstäblich jedermann in Bandar Eban war auf der Flucht. Sie beobachteten ihn mit gehetzten Blicken.
Wenn er zuvor ein Königreich erobert hatte, hatte er es in einem besseren Zustand als vor seiner Ankunft zurückgelassen. Er hatte Verlorene beseitigt, die als Tyrannen herrschten, hatte Kriegen und Belagerungen ein Ende bereitet. Er hatte marodierende Shaido zurückgedrängt, hatte Lebensmittel gebracht und für Stabilität gesorgt. Jede Nation, die er vernichtet hatte, hatte er im Grunde genommen gleichzeitig gerettet.
Arad Doman war anders. Er hatte Lebensmittel gebracht - aber diese Lebensmittel hatten nur noch mehr Flüchtlinge angelockt und damit seine Vorräte belastet. Er war nicht nur darin gescheitert, ihnen Frieden mit den Seanchanern zu verschaffen, er hatte ihr einziges Heer in Beschlag genommen und es zur Bewachung der Grenzlande abgestellt. Das Meer war noch immer nicht sicher. Die kleine Kaiserin von Seanchan hatte ihm nicht vertraut. Sie würde mit ihren Angriffen fortfahren, sie vielleicht sogar verdoppeln.
Die Domani würden von den Hufen des Krieges niedergetrampelt werden, zermalmt zwischen heranstürmenden Trollocs im Norden und Seanchanern im Süden. Und er verließ sie einfach.
Irgendwie war das den Einwohnern klar geworden, und es fiel Rand ausgesprochen schwer, sie anzusehen. Ihre hungrigen Blicke klagten ihn an: warum Hoffnung bringen und sie dann vertrocknen lassen wie ein frisch gegrabener Brunnen während einer Dürre? Warum uns zwingen, dich als Herrscher zu akzeptieren, nur um uns dann im Stich zu lassen?
Flinn und Naeff waren vorausgeritten; er konnte ihre schwarzen Mäntel sehen, wie sie auf ihren Pferden saßen und zusahen, wie Rands Prozession sich dem Stadtplatz näherte. An ihren hohen Kragen funkelten die Anstecknadeln. Der Springbrunnen auf dem Platz ergoss sich noch immer über funkelnde Kupferpferde, die aus kupfernen Wellen sprangen. Welche von diesen stummen Domani polierten noch immer den Brunnen, obwohl kein König herrschte und die Hälfte des Kaufmannsrats verschollen war?
Rands Aiel hatten nicht genug von den Mitgliedern aufspüren können, um eine Mehrheit bilden zu können. Er vermutete, dass Graendal genug von ihnen getötet oder gefangen genommen hatte, um zu verhindern, dass jemals ein neuer König gewählt werden konnte. Waren die Mitglieder des Kaufmannsrats hübsch genug gewesen, hatten sie zweifellos die Ränge ihrer Schoßtiere verstärkt - was bedeutete, dass Rand sie getötet hatte.
Ah, sagte Lews Therin. Namen, die ich der Liste hinzufügen kann. Ja …
Bashere ritt heran; er sah nachdenklich aus. »Euer Wille ist geschehen«, sagte er.
»Lady Chadmar?«, fragte Rand.
»Wurde in ihr Haus zurückgebracht«, sagte Bashere. »Das Gleiche haben wir mit den anderen vier Mitgliedern des Kaufmannsrats gemacht, die die Aiel in der Nähe der Stadt untergebracht hatten.«