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»Ja«, sagte Aviendha, um die Frage des Mannes zu beantworten, »so etwas geschieht oft. Öfter in der Nähe des Car'a'carn als an anderen Orten. Gab es bei Euren Männern ähnliche Geschehnisse?«

»Ich habe Geschichten gehört«, sagte er. »Aber ich wollte sie nicht glauben.«

»Nicht alle Geschichten sind Übertreibungen.« Sie betrachtete die geschwärzten Überreste des Türwächters. »Das Gefängnis des Dunklen Königs ist schwach.«

»Verfluchte Asche«, sagte der junge Mann und wandte sich ab. »Wo habt Ihr uns nur da reingezogen, Rodel?« Er schüttelte den Kopf und ging.

Basheres Offiziere fingen an, Befehle zu geben, teilten Männer ein, um aufzuräumen. Würde Rand jetzt aus dem Haus ausziehen? Nach dem Erscheinen von Blasen des Bösen wollten die Menschen oft weg. Aber Aviendhas Bund mit Rand verriet ihr keine Dringlichkeit. Tatsächlich ... hatte es den Anschein, als hätte er sich wieder zur Ruhe begeben. Die Stimmungen des Mannes wurden genauso sprunghaft wie Elaynes während ihrer Schwangerschaft.

Sie schüttelte den Kopf und fing an, verbranntes Holz einzusammeln, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Mehrere Aes Sedai kamen aus dem Gebäude und inspizierten den Schaden. Die ganze Vorderseite war mit schwarzen Streifen übersät, und das schwarze Loch, das sich nun dort befand, wo zuvor der Eingang gewesen war, maß mindestens fünfzehn Schritte. Eine der Frauen musterte Aviendha anerkennend. Es war Merise. »Eine Schande«, sagte sie.

Aviendha richtete sich auf, ein Stück verkohltes Holz in der Hand. Ihre Kleidung war noch immer klatschnass. Bei diesen Wolken, die die Sonne verdeckten, würde es lange dauern, bis sie wieder trocken war. »Eine Schande?«, wiederholte sie. »Wegen dem Haus?« Lord Tellaen, der Besitzer, hockte auf einem Schemel im Eingang, jammerte leise vor sich hin, fuhr sich über die Stirn und schüttelte unablässig den Kopf.

»Nein«, sagte Merise. »Es ist eine Schande mit Euch, Kind. Euer Geschick mit Geweben ist beeindruckend. Hätten wir Euch in der Weißen Burg gehabt, wärt Ihr mittlerweile eine Aes Sedai. Euer Weben ist zwar teilweise etwas grob, aber Ihr würdet schnell lernen, das zu bereinigen, wenn Euch Schwestern unterrichteten.«

Ein deutlich hörbares Schnauben ließ Aviendha herumfahren. Melaine stand hinter ihr. Die blonde Weise Frau hatte die Arme unter der Brust verschränkt, und ihrem leicht vorgewölbten Bauch war deutlich das in ihr wachsende Kind anzusehen. Melaine war offensichtlich nicht amüsiert. Wie hatte diese Frau nur in ihre Nähe gelangen können, ohne dass sie es bemerkte? Ihre Erschöpfung machte sie sorglos.

Melaine und Merise starrten einander einen langen Moment an, dann fuhr die hochgewachsene Aes Sedai mit rauschenden grünen Röcken herum und begab sich zu einer Gruppe Diener, denen die Flammen den Fluchtweg versperrt hatten, erkundigte sich, ob jemand Geheilt werden musste. Melaine sah ihr nach, dann schüttelte sie den Kopf. »Eine unerträgliche Frau!«, murmelte sie. »Wenn man bedenkt, was wir einst von ihnen hielten!«

»Weise Frau?«, fragte Aviendha.

»Ich bin stärker als die meisten Aes Sedai, Aviendha, und du bist viel stärker, als ich es bin. Du verstehst und kontrollierst Gewebe auf eine Weise, die die meisten von uns beschämt. Andere lernen nur mühsam das, was dir nur so zufliegt. ›Euer Weben ist etwas grob‹, sagte sie! Ich bezweifle, dass auch nur eine der Aes Sedai, ausgenommen vielleicht Cadsuane Sedai, das zustande gebracht hätte, was du mit dieser Wassersäule gemacht hast. Um Wasser so weit zu bewegen, musstest du den Druck des Flusses selbst benutzen.«

»Das habe ich getan?«, fragte Aviendha und blinzelte.

Melaine musterte sie, dann schnaubte sie wieder, dieses Mal aber leise und auf sich selbst gemünzt. »Ja, das hast du getan. Du hast ein so großes Talent, Kind.«

Das Lob ließ Aviendha beinahe vor Stolz platzen; Weise Frauen lobten nur selten, dafür meinten sie es dann aber immer ehrlich.

»Aber du willst einfach nicht lernen«, fuhr Melaine fort. »Es ist nicht mehr viel Zeit! Ich will dir eine Frage stellen. Was hältst du von Rand al'Thors Plan, diese Kaufmannshäuptlinge der Domani zu entführen?«

Aviendha blinzelte wieder; sie war so müde, dass es ihr schwerfiel, vernünftig nachzudenken. Zuerst einmal widersprach es überhaupt dem gesunden Menschenverstand, dass die Domani Kaufleute als Anführer benutzten. Wie sollte ein Kaufmann Leute anführen können? Mussten sich Kaufleute nicht auf ihre Waren konzentrieren? Es war albern. Würden die Feuchtländer denn niemals aufhören, sie mit ihren seltsamen Sitten zu verwirren?

Und warum fragte Melaine sie das ausgerechnet jetzt?

»Sein Plan scheint gut zu sein, Weise Frau«, sagte Aviendha. »Aber es gefällt den Speeren nicht, als Entführer benutzt zu werden. Ich finde, der Car'a'carn hätte es besser so ausgedrückt, dass man den Kaufleuten Schutz anbietet, erzwungenen Schutz. Es hätte den Häuptlingen besser gefallen, wenn man ihnen gesagt hätte, dass sie beschützen sollen und nicht entführen.«

»Sie würden das Gleiche tun, ganz egal wie man es nennt.«

»Aber es ist wichtig, wie man Dinge nennt«, meinte Aviendha. »Es ist nicht unehrlich, wenn beide Definitionen zutreffen.«

Melaines Augen funkelten, und Aviendha entdeckte den Hauch eines Lächelns in ihren Mundwinkeln. »Wie fandest du die Besprechung sonst?«

»Rand al'Thor scheint noch immer der Ansicht zu sein, dass der Car'a'carn wie ein König der Feuchtländer Entscheidungen treffen kann. Das ist meine Schuld. Ich habe es nicht auf die richtige Weise erklärt.«

Melaine winkte ab. »Da hast du keine Schande auf dich geladen. Wir wissen doch alle, wie stur der Car'a'carn ist. Die Weisen Frauen haben es auch versucht, und keine konnte ihn vernünftig ausbilden.«

Also. Auch das war nicht der Grund für die Schande, die sie den Weisen Frauen gemacht hatte. Was war es dann? Aviendha unterdrückte ein entnervtes Stöhnen und zwang sich dazu fortzufahren. »Trotzdem muss er daran erinnert werden. Immer wieder. Rhuarc ist ein weiser und geduldiger Mann, aber das trifft nicht auf alle Clanhäuptlinge zu. Ich weiß, dass sich einige fragen, ob es die richtige Entscheidung war, Rand al'Thor zu folgen.«

»Das stimmt«, sagte Melaine. »Aber sieh dir an, was aus den Shaido wurde.«

»Ich habe nicht gesagt, dass sie recht haben, Weise Frau.« Ein paar Soldaten versuchten zögernd, den glasigen schwarzen Hügel vom Boden zu lösen. Anscheinend war er mit der Erde verschmolzen. Aviendha senkte die Stimme. »Es ist falsch von ihnen, den Car'a'carn anzuzweifeln, aber sie reden miteinander. Rand al'Thor muss erkennen, dass sie nicht eine Beleidigung nach der anderen endlos schlucken werden. Vielleicht wenden sie sich nicht gegen ihn wie die Shaido, aber es würde mich nicht überraschen, sollte etwa Timolan einfach ins Dreifache Land zurückkehren und den Car'a'carn seiner Arroganz überlassen.«

Melaine nickte. »Mach dir da mal keine Sorgen. Wir sind uns dieser ... Möglichkeit bewusst.«

Das bedeutete, dass man Weise Frauen losgeschickt hatte, um Timolan, den Häuptling der Miagoma Aiel, zu beschwichtigen. Es würde nicht das erste Mal sein. Wusste Rand al'Thor eigentlich, wie sehr sich die Weisen Frauen hinter seinem Rücken bemühten, die Loyalität der Aiel aufrechtzuerhalten? Vermutlich nicht. Er sah sie alle als homogene Gruppe, die ihm verschworen war und benutzt werden konnte. Das war eine von Rands größten Schwächen. Er konnte nicht begreifen, dass Aiel genauso wenig wie andere Menschen auch gern als Werkzeuge benutzt wurden. Die Clans waren viel weniger miteinander verbunden, als er glaubte. Seinetwegen hatte man Blutfehden hintangestellt. Konnte er denn nicht begreifen, wie unglaublich das war? Sah er denn nicht, wie zerbrechlich diese Allianz auch weiterhin war?