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Sie kam zu Bennaes Tür, zögerte dann aber. Die meisten Schwestern erklärten sich nur gezwungenermaßen bereit, sie zu unterrichten, und es war oft eine unerfreuliche Erfahrung. Manche ihrer Lehrerinnen verabscheuten sie wegen ihrer Verbindung zu den Rebellen, andere ärgerte es, wie mühelos sie Gewebe webte, und wiederum andere waren außer sich, wenn ihnen klar wurde, dass sie ihnen nicht den Respekt einer Novizin erweisen würde.

Allerdings waren diese »Lektionen« oftmals die beste Möglichkeit, die Saat gegen Elaida zu säen. Bei dem ersten Besuch bei Bennae hatte sie etwas davon eingepflanzt. War sie nun erblüht?

Egwene klopfte und trat ein, nachdem man sie dazu aufforderte. Das Wohnzimmer war vollgestopft mit dem angesammelten Ramsch eines gelehrten Lebens. Bücherstapel lehnten wie miniaturisierte Stadttürme aneinander. Skelette diverser Kreaturen waren in verschiedenen Stadien der Konstruktion montiert; die Frau besaß genug Knochen, um eine Menagerie zu bevölkern. Ein in der Ecke stehendes menschliches Skelett ließ Egwene frösteln; es stand aufrecht und war mit Garn zusammengebunden, mit schwarzer Tinte waren Anmerkungen direkt auf die Knochen geschrieben.

Hier war kaum genug Raum, um sich zu bewegen, und nur ein Sitzplatz - Bennaes gepolsterter Stuhl, dessen Armlehnen zwei identische abgeschabte Einbuchtungen aufwiesen. Zweifellos ruhten dort die Arme der Braunen während zahlloser spätnächtlicher Lesestunden. Die niedrige Decke fühlte sich noch niedriger an, weil von ihr mehrere mumifizierte Vögel und astronomische Apparate hingen. Egwene musste wegen eines Modells der Sonne den Kopf senken, um den Platz zu erreichen, an dem Bennae gerade einen Stapel in Leder eingebundener Bücher durchblätterte.

»Ah«, sagte sie, als sie Egwene bemerkte. »Gut.« Auf eine knochige Weise schlank, hatte das Alter ihr dunkles Haar mit grauen Strähnen durchzogen. Das Haar hatte sie zu einem festen Knoten zurückgebunden, und wie viele Braune trug sie ein einfaches Kleid, das schon seit zwei Jahrhunderten nicht mehr modern war.

Bennae ging zu ihrem Lehnstuhl und ignorierte die härteren Stühle vor dem Kamin - seit Egwenes letztem Besuch hatten sich dort Papierstapel angesammelt. Egwene räumte einen Stuhl leer und stellte ein staubiges Rattenskelett zwischen zwei Bücherstapel über die Herrschaft Artur Falkenflügels auf den Boden.

»Nun, dann sollten wir mit Eurem Unterricht weitermachen«, sagte Bennae und ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken.

Egwene ließ sich nichts anmerken. Hatte Bennae um die Gelegenheit gebeten, sie weiter zu unterrichten? Oder hatte man sie dazu genötigt? Es wäre nicht das erste Mal, dass eine unkomplizierte Braune Schwester mehrfach zu einer Arbeit zwangsverpflichtet wurde, die sonst keiner wollte.

Nach Bennaes Bitten erschuf Egwene eine Reihe von Geweben, die weit über die Fähigkeiten der meisten Novizinnen hinausgegangen wären, die ihr aber trotz der Beschneidung ihrer Macht durch die Spaltwurzel leichtfielen. Sie versuchte Bennae die Ansicht der Braunen über den Standortwechsel ihres Quartiers zu entlocken, aber wie die meisten Braunen, mit denen sie gesprochen hatte, zog sie es vor, dieses Thema zu meiden.

Egwene erschuf weitere Gewebe. Nach einer Weile fragte sie sich, was sie eigentlich hier sollte. Hatte Bennae sie nicht bei ihrem letzten Besuch gebeten, genau dieselben Gewebe zu demonstrieren?

»Sehr gut«, sagte Bennae und holte sich eine Tasse Tee aus dem Kessel, der auf einem kleinen Kohlebecken stand und warmgehalten wurde. Egwene bot sie keine Tasse an. »Darin seid Ihr ja recht geschickt. Aber ich weiß nicht. Habt Ihr denn auch den nötigen scharfen Verstand und die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umgehen zu können, die eine Aes Sedai haben muss?«

Egwene erwiderte nichts darauf, schenkte sich allerdings ohne zu fragen eine Tasse Tee ein. Bennae hatte keine Einwände.

»Mal sehen ...«, dachte Bennae laut nach. »Einmal angenommen, Ihr wärt in einer Situation, in der Ihr Probleme mit ein paar Angehörigen Eurer eigenen Ajah habt. Ihr seid zufällig auf Informationen gestoßen, die Ihr eigentlich nicht wissen dürft, und die Anführer Eurer Ajah sind sehr aufgebracht darüber. Plötzlich bekommt Ihr einige sehr unerfreuliche Pflichten aufgetragen, als wollte man, dass Ihr von der Bildfläche verschwindet. Sagt mir doch, was würdet Ihr in so einer Situation tun?«

Beinahe hätte sich Egwene an ihrem Tee verschluckt. Die Braune war nicht besonders subtil. Also hatte sie angefangen, Fragen über das Dreizehnte Depositorium zu stellen, oder? Und das hatte sie in Schwierigkeiten gebracht? Eigentlich duften nur wenige über die Geheimgeschichte Bescheid wissen, die Egwene bei ihrem letzten Besuch so nebensächlich erwähnt hatte.

»Nun«, sagte sie und trank einen Schluck. »Lasst mich das mit einer vorurteilsfreien Sicht angehen. Ich glaube, das sollte man am besten vom Standpunkt der Anführerinnen der Ajahs betrachten.«

Bennae runzelte leicht die Stirn. »Ich denke schon.«

»Nun, in der von Euch beschriebenen Situation können wir von der Annahme ausgehen, dass man diese Geheimnisse der Ajah zur Bewahrung anvertraut hat? Ah, gut. Nun, aus ihrer Sicht brachte man wichtige und sorgfältig geschmiedete Pläne in Unordnung. Überlegt, wie das aussehen muss. Jemand hat Geheimnisse erfahren, die ihn nichts angehen. Das weist auf ein Leck irgendwo unter den vertrauenswürdigsten Anhängern hin.«

Bennae wurde blass. »Ich glaube, das könnte man so sehen.«

»Dann lässt sich diese Situation am besten mit zwei Aktionen meistern.« Egwene trank noch einen Schluck Tee. Er schmeckte fürchterlich. »Erstens sollte man die Anführer der Ajah beruhigen. Sie müssen wissen, dass das Durchsickern der Information nicht ihr Fehler war. Wäre ich die hypothetische Schwester, die Ärger hat - und hätte ich nichts Falsches getan -, würde ich zu ihnen gehen und es erklären. Auf diese Weise könnten sie mit der Suche nach derjenigen aufhören, die die Information weitergegeben hat.«

»Aber das wird der Schwester - der hypothetischen Schwester, die Ärger hat - vermutlich nicht dabei helfen«, sagte Bennae, »ihre Strafen aufzuheben.«

»Es könnte nicht schaden«, sagte Egwene. »Vermutlich wird sie ja nur ›bestraft‹, damit sie nicht im Weg ist, während die Anführer der Ajah nach einem Verräter suchen. Wenn sie wissen, dass es den gar nicht gibt, werden sie eher geneigt sein, die Situation der gestrauchelten Schwester mit Mitgefühl zu betrachten. Vor allem, nachdem sie ihnen eine Lösung angeboten hat.«

»Eine Lösung?«, fragte Bennae. Sie hielt die Teetasse, als hätte sie sie ganz vergessen. »Und an welche Lösung hättet Ihr da gedacht?«

»Die beste, die es gibt: Kompetenz. Offensichtlich sind diese Geheimnisse einigen Mitgliedern der Ajah bekannt. Nun, sollte diese Schwester ihre Vertrauenswürdigkeit und ihre Fähigkeiten beweisen, würden die Anführer ihrer Ajah vielleicht erkennen, dass sie am besten in der Position einer der Hüterinnen der Geheimnisse aufgehoben wäre. Eine einfache Lösung, wenn man darüber nachdenkt.«

Bennae saß nachdenklich da; direkt über ihr drehte sich ein kleiner mumifizierter Fink langsam an seiner Schnur. »Ja, aber wird das auch funktionieren?«

»Es ist auf jeden Fall besser, als in einem vergessenen Lagerraum Schriftrollen zu katalogisieren«, meinte Egwene. »Manchmal lassen sich ungerechte Bestrafungen nicht vermeiden, aber man sollte die anderen niemals vergessen lassen, dass es ungerecht ist. Wenn sie einfach hinnimmt, wie die Leute sie behandeln, dann wird es nicht lange dauern, bis sie der Meinung sind, dass sie die Position verdient, die man ihr zugewiesen hat.« Und danke, Silviana, für diesen kleinen Rat.

»Ja.« Bennae nickte. »Ja, ich glaube, Ihr habt recht.«