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»Ich helfe immer gern, Bennae«, sagte Egwene in leiserem Tonfall und widmete sich wieder ihrem Tee. »Natürlich in hypothetischen Situationen.«

Einen Augenblick befürchtete sie, zu weit gegangen zu sein, weil sie die Braune mit ihrem Namen angesprochen hatte. Aber Bennae erwiderte ihren Blick und ließ sich dann sogar so weit herab, ansatzweise dankend zu nicken.

Wäre die mit Bennae verbrachte Stunde ein Einzelfall gewesen, hätte Egwene sie trotzdem bemerkenswert gefunden. Allerdings überraschte es sie, als beim Verlassen von Bennaes Rumpelkammer schon eine Novizin mit der Botschaft auf sie wartete, sich zu Nagora zu begeben, einer Weißen Schwester. Bis zu ihrem Treffen mit Meidani war noch Zeit, also ging sie. Sie konnte den Befehl einer Schwester nicht ignorieren, auch wenn man ihr zweifellos später zusätzliche Arbeiten auferlegen würde, weil sie es versäumt hatte, den Boden zu putzen.

Bei Nagora musste sie sich in Logik üben - und das präsentierte »logische Rätsel« hatte eine große Ähnlichkeit mit der Bitte um Hilfe, wie man mit einem Behüter umgehen sollte, dessen zunehmendes Alter und die Unfähigkeit zu kämpfen ihm immer mehr zu schaffen machte. Egwene half so gut sie konnte, was Nagora als »makellose Logik« bezeichnete, bevor sie sie entließ. Es wartete schon die nächste Botschaft; dieses Mal kam sie von Suana, eine der Sitzenden der Gelben Ajah.

Eine Sitzende! Es war das erste Mal, dass man Egwene befahl, bei einer von ihnen anzutreten. Sie eilte los und wurde von einer Dienerin eingelassen. Suanas Gemach sah eher wie ein Garten als wie richtige Zimmer aus. Als Sitzende hatte Suana Anspruch auf ein Quartier mit Fenstern, und sie machte regen Gebrauch von dem eingesetzten Balkon als Kräutergarten. Aber darüber hinaus hatte sie Spiegel so positioniert, um Licht in den Raum zu lenken, in dem es zahllose kleine eingetopfte Bäume, in großen Erdwannen wachsende Büsche und sogar ein kleines Gärtchen für Karotten und Radieschen gab. In einem Eimer entdeckte Egwene voller Unmut einen kleinen Haufen verfaultes Knollengemüse, das vermutlich gerade eben erst geerntet und bereits verdorben war.

In dem Raum roch es durchdringend nach Basilikum, Thymian und einem Dutzend anderer Kräuter. Trotz der Probleme der Burg und trotz der faulenden Pflanzen munterte sie der hier herrschende Geruch nach Leben auf - die frisch umgegrabene Erde und die wachsenden Pflanzen. Und Nynaeve beschwerte sich immer, dass die Schwestern in der Weißen Burg den Nutzen von Kräutern ignorierten! Hätte sie doch nur Zeit mit der molligen, rundgesichtigen Suana verbringen können.

Egwene fand die Frau erstaunlich angenehm. Suana führte sie durch eine Reihe von Geweben, von denen viele mit Heilen zu tun hatten; ein Gebiet, auf dem Egwene nie besonders geglänzt hatte. Dennoch musste ihr Geschick die Sitzende beeindruckt haben, denn mitten im Unterricht - Egwene saß auf einem gepolsterten Hocker zwischen zwei eingetopften Bäumen und Suana auf einem mit Leder überzogenen Stuhl mit hoher Lehne - veränderte sich der Ton der Unterhaltung.

»Ich glaube, wir würden Euch gern bei den Gelben haben«, sagte die Frau.

Egwene war überrascht. »Ich habe noch nie besonderes Geschick für das Heilen gezeigt.«

»Ein Gelbe zu sein hat nichts mit Geschick zu tun, Kind«, sagte Suana. »Es geht um Leidenschaft. Wenn Ihr es liebt, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, das zu flicken, was zerrissen ist, dann würde auf Euch hier eine Bestimmung warten.«

»Vielen Dank«, sagte Egwene. »Aber die Amyrlin hat keine Ajah.«

»Ja, aber sie wird aus einer erhoben. Denkt darüber nach, Egwene. Ihr würdet hier eine gute Heimat finden.«

Das war eine bestürzende Unterhaltung. Offensichtlich betrachtete Suana sie nicht als Amyrlin, aber allein schon die Tatsache, dass sie sie für ihre Ajah rekrutieren wollte, sagte etwas aus. Es bedeutete, dass sie sie bis zu einem gewissen Grad als Schwester anerkannte.

»Suana«, sagte Egwene und testete, wie weit sie dieses Gefühl von Anerkennung strapazieren durfte, »haben die Sitzenden darüber gesprochen, was wegen der Spannungen unter den Ajahs getan werden kann?«

»Ich wüsste nicht, was man da tun könnte«, erwiderte Suana und schaute auf ihren überwucherten Balkon. »Wenn sich die anderen Ajahs entschieden haben, die Gelben als ihren Feind zu betrachten, kann ich sie nicht zwingen, sich nicht so albern zu verhalten.«

Vermutlich sagen sie das Gleiche über euch, dachte Egwene. Laut sagte sie aber: »Jemand muss den ersten Schritt tun. Der Panzer des Misstrauens ist so dick geworden, dass er bald nur schwer zu zerbrechen sein wird. Wenn die Sitzenden verschiedener Ajahs vielleicht anfangen würden, die Mahlzeiten zusammen einzunehmen, oder man sie sehen würde, wie sie in Gesellschaft der anderen durch die Gänge gehen, würde das für den Rest der Burg vielleicht lehrreich sein.«

»Vielleicht ...«, sagte Suana.

»Sie sind nicht eure Feinde, Suana«, sagte Egwene etwas energischer.

Die Frau sah sie stirnrunzelnd an, als würde ihr plötzlich klar, von wem sie da einen Rat annahm. »Nun, ich denke, Ihr solltet Euch beeilen. Ich bin sicher, Ihr habt heute noch viel zu tun.«

Egwene ließ sich selbst heraus, ging sorgfältig tief hängenden Ästen und Blumentöpfen aus dem Weg. Erst als sie den Bereich der Gelben in der Burg verlassen und ihre beiden Roten Dienerinnen eingesammelt hatte, wurde ihr etwas bewusst. Sie hatte alle drei Begegnungen hinter sich gebracht, ohne eine einzige Bestrafung aufgebürdet zu bekommen. Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Sie hatte sogar zwei von ihnen offen mit ihren Namen angesprochen!

Langsam akzeptierte man sie. Leider war das nur ein kleiner Teil der Schlacht. Der größere bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Weiße Burg die Belastungen überlebte, die Elaida ihr aufbürdete.

Meidanis Gemächer waren überraschend bequem und gemütlich. Egwene hatte die Grauen eigentlich immer so ähnlich wie die Weißen gesehen, perfekte Diplomaten, denen die Leidenschaft fehlte und die keine Zeit für persönliche Gefühle oder Extravaganzen hatten.

Diese Zimmer wiesen jedoch auf eine Frau hin, die das Reisen liebte. In kunstvollen Rahmen hingen Landkarten, mitten an der Wand wie geschätzte Kunstwerke. Eine Karte wurde von zwei Aielspeeren eingerahmt; dann gab es eine Karte von den Inseln des Meervolks. Wo viele sich für Erinnerungsstücke aus Porzellan entschieden hätten, das man so oft mit dem Meervolk assoziierte, besaß Meidani eine kleine Sammlung aus Ohrringen und bemalten Muscheln, die sorgfältig auf einem Rahmen angebracht waren, unter dem eine kleine Plakette die Daten der Sammlung auflistete.

Das Wohnzimmer war wie ein Museum, das den Reisen einer Person gewidmet war. Ein mit vier funkelnden Rubinen geschmückter Hochzeitsdolch aus Altara hing neben einem kleinen Banner aus Cairhien und einem Schwert aus Schienar. Jedes Objekt mit einer Plakette versehen, die seine Bedeutung erklärte. Den Hochzeitsdolch zum Beispiel hatte man Meidani für ihre Hilfe bei der Beilegung eines Disputs zweier Häuser geschenkt, der nach dem Tod eines besonders wichtigen Grundbesitzers entbrannt war. Seine Witwe hatte ihr das Messer als Zeichen ihrer Dankbarkeit gegeben.

Wer hätte je gedacht, dass die eingeschüchterte Frau bei dem Abendessen vor ein paar Wochen eine solch stolze Sammlung besitzen würde? Selbst der Teppich trug eine Plakette, das Geschenk eines Kaufmanns, der ihn auf den abgesperrten Docks von Shara gekauft und dann Meidani gegeben hatte, um sich für die Heilung seiner Tochter zu bedanken. Er trug ein seltsames Muster und war anscheinend aus winzigen gefärbten Schilfpflanzen gewebt, und die Ränder waren mit einem exotischen grauen Fell abgesetzt. Das Muster stellte exotische Geschöpfe mit langen Hälsen dar.

Meidani selbst saß auf einem seltsamen Korbstuhl, der so gestaltet worden war, dass er wie ein wucherndes Astgestrüpp aussah, das zufällig die Form eines Stuhls angenommen hatte. In jedem anderen Raum in der Burg wäre er schrecklich fehl am Platz gewesen, aber in dieses Gemach passte er, wo jeder Gegenstand anders war, wo nichts miteinander zu tun hatte und doch alles im selben Thema vereint war: auf Reisen erhaltene Geschenke.