»Immerhin wurde sie gefangen genommen«, meinte Narenwin und blieb an der Tür stehen, während Covarla hinausging.
Katerine lachte schrill. »Gefangen genommen, um sie den halben Tag lang brüllen zu lassen. Im Augenblick möchte ich nicht diese al'Vere sein. Natürlich hat sie es auch nicht anders verdient, weil sie sich von ihnen die Stola der Amyrlin auf die Schultern legen ließ.«
Was? Gawyn glaubte, sich verhört zu haben.
Die drei verließen die Küche, und ihre Stimmen verblassten. Er nahm es kaum wahr. Er taumelte zurück, suchte an der Wand nach Halt. Das konnte nicht sein! Es klang, als hätte ... Egwene ... Er musste sich verhört haben!
Aber Aes Sedai konnten nicht lügen. Er hatte Gerüchte gehört, dass die Rebellen einen eigenen Saal und eine Amyrlin hatten ... aber Egwene? Das war völlig lächerlich! Sie war nur eine Aufgenommene!
Aber gab es jemanden, der besser geeignet war, um schließlich zu scheitern? Vielleicht hatte keine der Schwestern den Hals hinhalten wollen, indem sie den Titel annahmen. Eine junge Frau wie Egwene hätte das perfekte Bauernopfer abgegeben.
Gawyn riss sich zusammen und eilte hinter den Aes Sedai her. Vasha stand im späten Nachmittagslicht und starrte Katerine mit offen stehendem Mund an. Anscheinend war er hier nicht der Einzige, den die plötzliche Rückkehr der Roten überraschte.
Er ergriff Tando, einen der Jünglinge, die das Haus an der Vorderseite bewachten, am Arm. »Habt Ihr gesehen, wie sie das Haus betreten hat?«
Der junge Andoraner schüttelte den Kopf. »Nein, mein Lord. Einer der Männer drinnen berichtete, dass sie sich mit den anderen Aes Sedai trifft - anscheinend kam sie plötzlich vom Dachboden. Aber kein Wächter weiß, wie sie hereingekommen ist.«
Gawyn ließ den Soldaten los und rannte hinter Katerine her. In der Mitte des staubigen Dorfplatzes holte er die drei Frauen ein. Drei alterslose Gesichter wandten sich ihm zu, mit drei identischen strengen Mienen. Vor allem Covarla blickte richtig wütend, aber ihm war es egal, ob sie ihm die Jünglinge wegnahmen oder ihn in der Luft aufhängten. Demütigungen spielten keine Rolle. Nur eine Sache war wichtig.
»Ist das wahr?«, verlangte er zu wissen. Dann zwang er mühsam Respekt in seine Stimme. »Bitte, Katerine Sedai. Stimmt das, was ich da mithören konnte? Das mit den Rebellen und ihrer Amyrlin?«
Sie musterte ihn. »Ich schätze, es wäre gut, diese Neuigkeit unter Euren Soldaten zu verbreiten. Ja, die Rebellen-Amyrlin wurde gefangen genommen.«
»Und ihr Name?«
»Egwene al'Vere«, sagte Katerine. »Sollen die Gerüchte ausnahmsweise einmal die Wahrheit verbreiten.« Sie nickte ihm mit geringschätziger Knappheit zu, dann setzte sie sich wieder mit den anderen beiden in Bewegung. »Nutzt gut, was ich euch beigebracht habe. Die Amyrlin besteht darauf, dass die Überfälle ausgeweitet werden, und diese Gewebe sollten Euch eine ungeahnte Mobilität verleihen. Aber seid nicht überrascht, falls die Rebellen Eure Züge vorausahnen. Sie wissen, dass wir ihre sogenannte Amyrlin haben und ahnen vermutlich, dass wir die neuen Gewebe ebenfalls kennen. Es wird nicht lange dauern, bis alle das Schnelle Reisen beherrschen. Nutzt den Vorteil, den man euch gegeben hat, bevor er keiner mehr ist.«
Gawyn hörte kaum zu. Ein Teil seines Verstandes war wie betäubt. Schnelles Reisen? Versorgte Gareth Bryne seine Leute auf diese Weise?
Aber der größere Teil seines Verstandes war noch immer betäubt. Siuan Sanche war gedämpft worden und sollte hingerichtet werden, und sie war bloß eine abgesetzte Amyrlin gewesen. Was würde man mit einer falschen Amyrlin machen, der Anführerin einer Rebellenfraktion?
Den halben Tag lang brüllen zu lassen ...
Egwene wurde gefoltert. Man würde sie dämpfen! Vermutlich war das bereits geschehen. Danach würde man sie hinrichten. Gawyn sah den drei Aes Sedai nach. Dann drehte er sich von seltsamer Ruhe erfüllt um und legte die Hand auf den Schwertgriff.
Egwene war in Schwierigkeiten. Er blinzelte und stand weiter auf dem Platz, in der Ferne brüllte das Vieh, Wasser sprudelte durch den Kanal neben ihm.
Egwene würde hingerichtet werden.
Wo liegt deine Loyalität, Gawyn Trakand?
Er durchquerte das Dorf, ging mit seltsam sicherem Schritt. Die Jünglinge würden für einen Einsatz gegen die Weiße Burg nicht zu gebrauchen sein. Er konnte sie nicht benutzen, um eine Rettungsaktion durchzuführen. Aber allein würde er das mit ziemlicher Sicherheit auch nicht schaffen. Damit blieb ihm nur noch eine Möglichkeit.
Zehn Minuten später befand er sich in seinem Zelt und packte sorgfältig seine Satteltaschen. Die meisten seiner Besitztümer würden hier bleiben müssen. Es gab weit entfernte Späheraußenposten, und er hatte sie schon zuvor in Überraschungsinspektionen besucht. Eine gute Entschuldigung, um das Lager zu verlassen.
Er durfte keinen Verdacht erregen. Covarla hatte recht. Die Jünglinge folgten ihm. Aber sie gehörten ihm nicht - sie gehörten der Weißen Burg. Und wenn es der Wille der Amyrlin war, würden sie sich so schnell gegen ihn wenden, wie er sich gegen Hammar gewendet hatte. Wenn einer von ihnen auch nur ahnte, was er plante, würde er keine hundert Meter weit kommen.
Er schnallte die Satteltaschen zu. Das würde reichen müssen. Er stieß den Zelteingang zur Seite, warf sich die Satteltasche über die Schulter, dann ging er in Richtung Pferdeseile. Unterwegs gab er Rajar, der einer Abteilung Soldaten gerade Unterricht im fortgeschrittenen Schwertkampf gab, ein Zeichen. Rajar übergab die Leitung an einen anderen Mann, dann eilte er zu Gawyn. Stirnrunzelnd musterte er die Satteltaschen.
»Ich werde den vierten Außenposten inspizieren«, sagte Gawyn.
Rajar blickte zum Himmel; es wurde bereits dunkel. »So spät?«
»Das letzte Mal habe ich sie am Morgen kontrolliert«, sagte Gawyn. Seltsam, dass sein Herz nicht raste. Es schlug gleichmäßig und ruhig. »Davor war es am Nachmittag. Aber am gefährlichsten ist es, wenn man am Abend überrascht wird, wenn es noch hell genug für einen Angriff ist, aber spät genug, dass die Männer müde sind und den Bauch voll haben.«
Rajar nickte, schloss sich ihm an. »Das Licht weiß, dass wir jetzt aufmerksame Späher brauchen«, stimmte er zu. Brynes Kundschafter hatten keinen halben Tagesritt von Dorlan entfernt Dörfer durchsucht. »Ich besorge Euch einen Begleiter.«
»Das ist nicht nötig«, sagte Gawyn. »Das letzte Mal sah mich Außenposten Vier aus einer Entfernung von einer guten halben Meile. Eine Abteilung verursacht zu viel Staub. Ich will sehen, wie scharf ihre Augen sind, wenn es nur ein Reiter ist.«
Wieder runzelte Rajar die Stirn.
»Mir passiert schon nichts«, sagte Gawyn und zwang sich zu einem trockenen Lächeln. »Rajar, das wisst Ihr doch. Was? Habt Ihr Angst, dass ich von Banditen überfallen werde?«
Rajar entspannte sich und kicherte. »Ihr? Da erwischen sie eher Sleete. Also gut. Aber vergesst nicht, mir nach Eurer Rückkehr einen Boten zu schicken. Wenn Ihr nicht zurückkehrt, bleibe ich die halbe Nacht lang wach und mache mir Sorgen.«
Es tut mir leid, dass ich dich Schlaf kosten werde, mein Freund, dachte Gawyn und nickte. Rajar lief zurück, um die Schwertübungen zu überwachen, und Gawyn war kurz darauf ein Stück außerhalb des Lagers und löste die Fußfesseln von Herausforderer, während ein Dorfjunge, der als Stallbursche eingesprungen war, seinen Sattel holte.
»Ihr seht aus wie ein Mann, der sich entschieden hat«, sagte eine leise Stimme plötzlich.
Gawyn fuhr herum, griff nach dem Schwert. Einer der Schatten in der Nähe bewegte sich. Bei genauerem Hinsehen erkannte er die Umrisse eines schattenhaften Mannes mit schiefer Nase. Diese verfluchten Behüter-Umhänge!