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»Sie erscheint so viel menschlicher, als ich erwartet hätte«, sagte Sorilea zu Bair. »Ihr Ausdruck, ihr Tonfall, ihr Akzent, sie sind zwar seltsam, aber doch leicht zu verstehen. Das hätte ich nicht erwartet.«

Die Bemerkung ließ Semirhage einen kurzen Moment lang die Stirn runzeln. Seltsam. Das war eine stärkere Reaktion, als sämtliche ihrer Bestrafungen hervorgerufen hatten. Die Lichtblitze und der Lärm provozierten nur leichte unwillkürliche Zuckungen. Aber Sorileas Bemerkung schien Semirhage auf einer gefühlsmäßigen Ebene getroffen zu haben. Konnte die Weise Frau tatsächlich so leicht einen Erfolg erringen, wo Cadsuane so lange gescheitert war?

»Ich glaube, das ist es, woran wir uns erinnern sollten«, sagte Bair. »Eine Frau ist einfach eine Frau, ganz egal, wie alt sie ist oder an welche Geheimnisse sie sich erinnert. Fleisch kann man schneiden, Blut kann man vergießen, Knochen kann man brechen.«

»Ehrlich gesagt bin ich beinahe enttäuscht, Cadsuane Melaidhrin«, sagte Sorilea und schüttelte den Kopf. »Dieses Ungeheuer hat nur kleine Reißzähne.«

Semirhage reagierte nicht. Sie hatte sich wieder unter Kontrolle, ihre Miene war unbewegt, ihr Blick herrisch. »Ich habe ein paar Dinge über euch neue, eidlose Aiel und eure Interpretationen von Ehre gehört. Die Untersuchung werde ich sehr genießen, wie viel Schmerz und Leid nun wirklich erforderlich sind, bevor die Angehörigen eures Clans Schande auf sich laden. Verratet mir doch, was glaubt ihr, wie weit muss ich gehen, bevor einer von euch einen Schmied töten und sein Fleisch essen würde?«

Sie wusste mehr als nur »ein paar Dinge«, wenn sie die beinahe heilige Stellung der Schmiede bei den Aiel verstand. Sorilea versteifte sich, als sie das hörte, erwiderte aber nichts darauf. Sie webte das Gewebe neu, das Hören verhinderte, dann hielt sie inne und erschuf die Lichtkugeln vor Semirhages Augen ebenfalls neu. Ja, sie war schwach in der Macht, aber sie lernte schnell.

»Ist es klug, sie so gefangen zu halten?«, fragte sie Cadsuane. Ihr Tonfall deutete an, dass sie bei jedem anderen eine Forderung gestellt hätte. Aber für sie schwächte sie die Worte ab, und das hätte beinahe ein Lächeln auf Cadsuanes Lippen gebracht. Sie waren wie zwei alt gewordene Falken, Sorilea und sie, gewohnt, das Nest zu beherrschen, aber nun gezwungen, in einem Nachbarbaum zu nisten. Keiner von ihnen fiel Rücksichtnahme leicht.

»Wäre es meine Entscheidung«, fuhr Sorilea fort, »ich glaube, ich würde ihr die Kehle durchschneiden und die Leiche in den Staub legen, damit sie austrocknen kann. Sie am Leben zu halten ist so, als würde man sich eine Schwarzschlange als Haustier halten.«

»Pff!«, machte Cadsuane und schnitt eine Grimasse. »Ihr habt recht, was die Gefahr betrifft, aber sie jetzt zu töten wäre noch schlimmer. Al'Thor kann - oder will - mir nicht genau sagen, wie viele der Verlorenen er getötet hat, aber er deutet an, dass mindestens die Hälfte von ihnen noch lebt. Sie werden in der Letzten Schlacht kämpfen, und jedes Gewebe, das wir von Semirhage lernen, ist ein Gewebe weniger, mit dem sie uns überraschen können.«

Sorilea schien nicht überzeugt zu sein, aber sie ließ das Thema fallen. »Und der Gegenstand?«, fragte sie. »Darf ich ihn sehen?«

Um ein Haar hätte Cadsuane Nein gefaucht. Aber ... Sorilea hatte ihr das Schnelle Reisen beigebracht, ein unglaublich mächtiges Werkzeug. Das war ein Angebot gewesen, eine ausgestreckte Hand. Sie musste mit diesen Frauen zusammenarbeiten. Vor allem mit Sorilea. Al'Thor war ein größeres Projekt, als eine Frau allein bewältigen konnte.

»Kommt mit«, sagte sie und verließ das Zimmer. Die Weisen Frauen folgten ihr. Draußen instruierte sie die Schwestern - Daigian und Sarene -, dafür zu sorgen, dass Semirhage wach gehalten wurde und die Augen nicht schließen konnte. Es würde vermutlich nichts ausrichten, aber es war die beste Strategie, die ihr im Moment zur Verfügung stand.

Obwohl ... da war dieser kurze Ausdruck auf Semirhages Gesicht gewesen, dieses kurze Aufflackern von Wut bei Sorileas Bemerkung. Konnte man die Wut einer Person kontrollieren, dann kontrollierte man auch ihre restlichen Emotionen. Aus diesem Grund hatte sie sich so sehr darauf konzentriert, al'Thor beizubringen, sein Temperament zu zügeln.

Kontrolle und Wut. Was hatte Sorilea bloß gesagt, um diese Reaktion zu provozieren? Dass Semirhage enttäuschend menschlich erschien. Als hätte Sorilea erwartet, dass eine der Verlorenen so verwachsen wie ein Myrddraal oder Draghkar aussah. Und warum auch nicht? Die Verlorenen waren dreitausend Jahre lang Gestalten der Legende gewesen, die in Schatten aus Dunkelheit und Geheimnis lauerten. Es konnte schon enttäuschend sein, wenn man entdecken musste, dass sie in vielerlei Hinsicht die menschlichsten der Anhänger des Dunklen Königs waren: kleinlich, destruktiv und streitsüchtig. Zumindest behauptete das al'Thor. Er war auf eine so seltsame Weise mit ihnen vertraut.

Semirhage sah sich selbst allerdings als den Menschen überlegen. Diese Pose, diese Kontrolle, die sie über ihre Umgebung hatte, war für sie eine Quelle der Kraft.

Cadsuane schüttelte den Kopf. Zu viele Probleme und viel zu wenig Zeit.

Der Korridor war eine weitere Erinnerung an al'Thors Dummheit; sie konnte noch immer den Rauch riechen. Der Geruch war stark genug, um unangenehm zu sein. Das klaffende Loch an der Vorderseite des Gebäudes, das nur mit einer Plane abgedeckt war, ließ in den Frühlingsnächten kalte Luft herein. Sie hätten weiterziehen sollen, aber er behauptete, dass er sich nicht vertreiben lassen würde.

Al'Thor schien die Letzte Schlacht kaum abwarten zu können. Vielleicht hatte er sich damit auch einfach nur abgefunden. Er hatte das Gefühl, sich seinen Weg durch die nebensächlichen Streitigkeiten vieler Leute erzwingen zu müssen, um an diesen Punkt zu gelangen - wie ein Reisender in der Nacht, der sich durch Schneebänke kämpfen musste, um das Wirtshaus zu erreichen. Das Problem war nur, dass al'Thor noch nicht für die Letzte Schlacht bereit war. Das verriet Cadsuane die Art, wie er sprach und wie er handelte. Wie er die Welt mit diesem finsteren, beinahe benommenen Ausdruck betrachtete. Sollte sich der Mann, der er jetzt war, dem Dunklen König stellen, um das Schicksal der Welt zu entscheiden, dann fürchtete sie um alle Menschen.

Cadsuane und die beiden Weisen Frauen erreichten ihr Zimmer, einen robusten unbeschädigten Raum mit einem guten Blick auf den zertrampelten Rasen und das dort errichtete Lager. Sie stellte nur wenig Ansprüche, was die Ausstattung betraf: ein vernünftiges Bett, eine abschließbare Truhe, einen Spiegel und einen Waschständer. Sie war zu alt und ungeduldig, um sich mit anderen Dingen aufzuhalten.

Die Truhe war eine Täuschung; dort bewahrte sie etwas Gold und andere relativ wertlose Gegenstände auf. Ihre kostbarsten Besitztümer trug sie entweder am Leib - der Schmuck aus Ter'angrealen - oder schloss sie in einem schäbig aussehenden Dokumentenkasten ein, der auf dem Spiegel stand. Der Kasten aus abgenutzter Eiche wies genug Schrammen und Beulen auf, um benutzt auszusehen, aber er war nicht schäbig genug, um aus ihren anderen Besitztümern hervorzustechen. Sobald Sorilea hinter ihnen die Tür geschlossen hatte, entschärfte sie die Fallen des Behälters.

Es erstaunte sie immer wieder, wie wenige Aes Sedai sich doch bemühten, mit der Einen Macht innovative Dinge zu tun. Sie lernten bewährte und traditionelle Gewebe, verschwendeten aber kaum einen weiteren Gedanken daran, was sie sonst noch erreichen konnten. Sicher, mit der Einen Macht herumzuexperimentieren konnte verhängnisvoll sein, aber man konnte auch viele Dinge gefahrlos auf einfache Weise weiterentwickeln. So wie ihr Gewebe für diesen Behälter. Bis vor kurzem hatte sie ein herkömmliches Gewebe aus Feuer, Geist und Luft benutzt, das sofort sämtliche Dokumente vernichtete, wenn ein Eindringling ihn öffnete. Effektiv, aber ziemlich einfallslos.

Ihr neues Gewebe war da bedeutend vielseitiger. Es zerstörte die Gegenstände in dem Kasten nicht - tatsächlich war sie sich nicht sicher, ob sie überhaupt zerstört werden konnten. Stattdessen schossen die umgedrehten und daher unsichtbar gemachten Gewebe in Strömen aus Luft heraus und fesselten jeden Anwesenden, sollte der Behälter geöffnet werden. Um Alarm auszulösen, erzeugte ein weiteres Gewebe gleichzeitig ein lautes Geräusch, das einhundert spielende Trompeten imitierte, während Lichtblitze durch die Luft zuckten. Sollte jemand den Behälter auch nur mit der zartesten Berührung der Einen Macht öffnen, bewegen oder überhaupt anfassen, gingen die Gewebe ebenfalls los.