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Rand drehte sich im Schlaf um, kam aber wieder zur Ruhe. Sie liebte ihn. Das war nicht ihre Entscheidung gewesen, aber ihr Herz - oder das Muster oder der Schöpfer oder wer auch immer für solche Dinge zuständig war - hatte die Entscheidung für sie getroffen. Und sie hätte ihre Gefühle auch nicht geändert, selbst wenn sie es gekonnt hätte. Auch wenn sie möglicherweise Gefahr bedeuteten, wenn sie bedeuteten, die Blicke der Männer im Lager zu ertragen, wenn sie bedeuteten ... ihn mit anderen teilen zu müssen.

Rand rührte sich wieder. Dieses Mal stöhnte er und öffnete die Augen, setzte sich auf. Er hielt sich den Kopf, schaffte es irgendwie, jetzt noch müder auszusehen als zuvor. Er trug nur sein Lendentuch, seine Brust war nackt. Einen langen Augenblick blieb er so sitzen, dann stand er auf und ging zu dem verschlossenen Fenster.

Min schlug das Buch zu. »Und was glaubst du, was du da tust, Schafhirte? Du hast nicht mal ein paar Stunden geschlafen!«

Er öffnete Fenster und Schlagladen, enthüllte die dahinterliegende Nacht. Ein Windzug ließ ihre Lampe flackern.

»Rand?«

Sie konnte ihn kaum hören, als er antwortete. »Er ist in meinem Kopf. Während des Traums war er verschwunden. Aber jetzt ist er wieder da.«

Sie wehrte sich dagegen, sich tiefer in den Sessel verkriechen zu wollen. Beim Licht, wie sie es hasste, von Rands Wahnsinn zu hören. Sie hatte so sehr gehofft, dass die Heilung von Saidin ihn auch vom Irrsinn des Makels befreien würde. »Er?«, fragte sie und zwang sich zu einem ruhigen Tonfall. »Die Stimme von ... Lews Therin?«

Er drehte sich um, der bewölkte Nachthimmel außerhalb des Fensters rahmte sein Gesicht ein, das ungleichmäßige Licht der Lampe tauchte seine Züge größtenteils in Schatten.

»Rand«, sagte sie, legte das Buch zur Seite und ging zu ihm. »Du musst mit jemandem sprechen. Du kannst diese Last nicht allein tragen.«

»Ich muss stark sein.«

Sie zog an seinem Arm, drehte ihn sich ihr zu. »Mich fernzuhalten heißt, dass du stark bist?«

»Ich halte dich nicht ...«

»Doch, das tust du. Dort drinnen gehen Dinge vor, hinter deinen Aielaugen. Rand, glaubst du, ich höre auf, dich zu lieben - nur wegen dem, was du hörst?«

»Du wirst Angst bekommen.«

»Oh«, meinte sie und verschränkte die Arme. »Also bin ich eine zerbrechliche Blüte?«

Er öffnete den Mund, suchte nach Worten, so wie einst. So wie damals, als er nichts weiter als ein Schafhirte auf einem Abenteuer gewesen war. »Min, ich weiß, dass du stark bist. Das weißt du.«

»Dann vertraue mir auch, dass ich stark genug bin, um zu ertragen, was in dir ist«, sagte sie. »Wir können nicht so tun, als wäre nichts geschehen.« Sie zwang sich dazu weiterzumachen. »Der Makel hat sein Zeichen bei dir hinterlassen. Ich weiß das. Aber wenn du das nicht mit mir teilen kannst, mit wem denn dann?«

Er strich sich durch das Haar, dann wandte er sich ab und fing an, auf und ab zu gehen. »Verflucht, Min! Wenn meine Feinde meine Schwächen entdecken, werden sie sie ausnutzen. Ich fühle mich wie ein Blinder. Ich laufe in der Dunkelheit über einen unbekannten Weg. Ich weiß nicht, ob es auf der Straße Gräben gibt, oder ob das ganze verdammte Ding an einer Klippe endet!«

Min legte ihm die Hand auf den Arm, als er vorbeiging, hielt ihn auf. »Erzähl es mir.«

»Du wirst mich für verrückt halten.«

Sie schnaubte. »Ich halte dich doch bereits für einen wollköpfigen Narren. Kann es so viel schlimmer sein?«

Er musterte sie, und etwas von der Anspannung wich aus seinen Zügen. Er setzte sich auf die Bettkante, seufzte leise. Aber es war ein Fortschritt.

»Semirhage hatte recht«, fing er an. »Ich höre ... Dinge. Eine Stimme. Die Stimme von Lews Therin, dem Drachen. Er spricht zu mir und reagiert auf die Welt um mich herum. Manchmal versucht er, mir Saidin zu entringen. Und ... und manchmal gelingt ihm das auch. Er ist wild, Min. Wahnsinnig. Aber die Dinge, die er mit der Einen Macht anstellen kann, sind erstaunlich.«

Er starrte in die Ferne. Min fröstelte. Beim Licht! Er ließ die Stimme in seinem Kopf die Eine Macht lenken? Was bedeutete das? Dass er den verrückten Teil seines Verstandes die Kontrolle übernehmen ließ?

Rand schüttelte den Kopf. »Semirhage behauptet, dass das bloß der Wahnsinn ist, Streiche, die mir mein Verstand spielt, aber Lews Therin weiß Dinge - Dinge, die ich nicht wissen kann. Dinge über die Geschichte, über die Eine Macht. Eine deiner Sichten über mich hat dir gezeigt, wie zwei Menschen zu einem verschmelzen. Das bedeutet, dass sich Lews Therin und ich voneinander unterscheiden! Zwei Menschen, Min. Er ist real

Sie setzte sich neben ihn. »Rand, er ist du. Oder du bist er. Erneut in das Muster gewebt. Diese Erinnerungen und die Dinge, die du tun kannst, das sind Überreste von dem, der du zuvor warst.«

»Nein«, sagte Rand. »Min, er ist wahnsinnig, und ich bin es nicht. Außerdem ist er gescheitert. Das werde ich nicht. Ich werde es nicht tun, Min. Ich werde nicht denen schaden, die ich liebe, nicht so wie er. Und wenn ich den Dunklen König besiege, werde ich es ihm nicht ermöglichen, kurze Zeit später zurückzukommen und erneut Furcht und Schrecken zu verbreiten.«

Dreitausend Jahre später waren »eine kurze Zeit«? Min legte die Arme um ihn. »Spielt es eine Rolle?«, wollte sie wissen. »Ob es nun eine andere Person gibt oder ob das nur Erinnerungen an die Vorzeit sind, die Informationen sind nützlich.«

»Ja«, sagte Rand und erschien wieder gedankenverloren. »Aber ich habe Angst, die Eine Macht zu benutzen. Wenn ich es tue, riskiere ich, dass er die Kontrolle übernimmt. Man kann ihm nicht vertrauen. Er wollte sie nicht töten, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er es getan hat. Beim Licht ... Ilyena ...«

Geschah das mit ihnen allen auf diese Weise? Dass jeder von ihnen glaubte, geistig gesund zu sein, und dass es diese andere Person in ihnen war, die diese schrecklichen Dinge tat?

»Es ist vorbei, Rand«, sagte sie und hielt ihn. »Was auch immer diese Stimme in Wirklichkeit ist, sie wird nicht schlimmer werden. Saidin ist gereinigt.«

Rand erwiderte nichts, aber er entspannte sich. Sie schloss die Augen und genoss das Gefühl seiner Wärme neben sich, vor allem, da er das Fenster offengelassen hatte.

»Ishamael lebt«, sagte Rand.

Sie riss die Augen auf. »Was?« Gerade als sie anfing, sich wohlzufühlen!

»Ich habe ihn in der Welt der Träume besucht«, sagte Rand. »Und bevor du fragst, nein. Es war nicht nur ein Albtraum, und es war auch kein Wahnsinn. Es war real, und ich kann nicht erklären, warum ich das weiß. Du wirst mir einfach vertrauen müssen.«

»Ishamael«, flüsterte sie. »Du hast ihn getötet!«

»Ja. Im Stein von Tear. Er ist zurückgekehrt, hat ein neues Gesicht und einen neuen Namen, aber er ist es. Wir hätten wissen müssen, dass das passiert; der Dunkle König würde so ein nützliches Werkzeug nicht kampflos aufgeben. Seine Macht reicht jenseits des Grabes.«

»Wie können wir dann gewinnen? Wenn jeder, den wir töten, einfach zurückkehren kann ...«

»Baalsfeuer«, sagte Rand. »Das tötet sie endgültig.«

»Aber Cadsuane sagt ...«

»Mir ist egal, was Cadsuane sagt«, knurrte er. »Sie ist meine Beraterin, und sie gibt mir Ratschläge. Nur Ratschläge. Ich bin der Wiedergeborene Drache, und ich entscheide, wie wir kämpfen.« Er hielt inne, holte tief Luft. »Wie dem auch sei, es spielt keine Rolle, ob die Verlorenen zurückkehren, es spielt keine Rolle, wer oder was uns der Dunkle König auf den Hals hetzt. Am Ende werde ich ihn vernichten, falls das möglich ist. Und wenn nicht, dann werde ich ihn zumindest so sicher wegsperren, dass die Welt ihn vergessen kann.«