Er sah zu ihr herunter. »Dafür ... brauche ich die Stimme, Min. Lews Therin weiß viele Dinge. Oder ... oder ich weiß viele Dinge. Was auch immer es ist, das Wissen ist da. In gewisser Weise wird den Dunklen König sein eigener Makel vernichten, denn er hat mir erst den Zugang zu Lews Therin ermöglicht.«
Min schaute zu ihren Büchern hinüber. Herids kleiner Zettel ragte noch immer aus den Tiefen von Überlegungen in den Ruinen hervor. »Rand«, sagte sie. »Du musst die Siegel am Gefängnis des Dunklen Königs vernichten.«
Er sah sie stirnrunzelnd an.
»Ich bin mir sicher«, fuhr sie fort. »Die ganze Zeit habe ich in Herids Büchern gelesen, und ich glaube, das hat er mit ›den Schutt beseitigen‹ gemeint. Um das Gefängnis des Dunklen Königs neu zu errichten, wirst du es erst öffnen müssen. Den Flicken auf der Bohrung entfernen.«
Eigentlich hatte sie mit völligem Unglauben gerechnet. Schockierenderweise nickte er bloß. »Ja«, sagte er. »Ja, das klingt richtig. Ich bezweifle, dass viele das hören wollen. Wenn diese Siegel zerbrochen werden, kann man unmöglich vorhersagen, was geschehen wird. Wenn ich darin versage, ihn in Schach zu halten ...«
Die Prophezeiungen besagten nicht, dass Rand siegen würde. Nur dass er kämpfen würde. Min fröstelte wieder - das verdammte Fenster! -, erwiderte aber Rands Blick. »Du wirst gewinnen. Du wirst ihn besiegen.«
Er seufzte. »Glaube an einen Verrückten?«
»Glaube an dich, Schafhirte.« Plötzlich wirbelten Sichten um seinen Kopf. Meistens ignorierte Min sie, es sei denn, sie waren neu, aber jetzt konzentrierte sie sich darauf. Von Dunkelheit verschlungene Glühwürmchen. Drei Frauen vor einem Scheiterhaufen. Lichtblitze, Dunkelheit, Schatten, Anzeichen des Todes, Kronen, Verletzungen, Schmerzen und Hoffnung. Ein Sturm um Rand al'Thor, stärker als jeder weltliche Sturm.
»Wir wissen noch immer nicht, was wir tun müssen«, sagte er. »Die Siegel sind so brüchig geworden, dass ich sie mit meinen Händen zerbrechen könnte, aber was dann? Wie halte ich ihn auf? Steht darüber etwas in deinen Büchern?«
»Das ist schwer zu sagen«, gab sie zu. »Die Hinweise - wenn es denn welche sind - sind nur vage. Ich werde weitersuchen, versprochen. Ich werde für dich die Antworten finden.«
Er nickte, und sie war überrascht, sein Vertrauen durch den Bund zu spüren. In letzter Zeit war das ein schrecklich seltenes Gefühl bei ihm, aber er erschien nachgiebiger als während der vergangenen Tage. Noch immer ein Stein, aber vielleicht mit ein paar Sprüngen, dazu bereit, sie einzulassen. Es war ein Anfang.
Sie legte die Arme fester um ihn und schloss wieder die Augen. Ein Anfang, aber ihnen blieb nur noch so wenig Zeit. Sie würde reichen müssen.
Aviendha hielt sorgfältig ihre brennende Kerze und entzündete die auf einem Pfahl angebrachte Laterne. Ihr flackerndes Licht erhellte den Rasen in ihrer Umgebung. Schlummernde Soldaten schnarchten in Zeltreihen. Der Abend war kühl, die Luft schneidend, in der Ferne rauschten Äste. Eine einsame Eule klagte. Und Aviendha war erschöpft.
Sie hatte das Gelände fünfzig Mal überquert, die Laterne entzündet und sie dann wieder ausgeblasen, danach war sie im Laufschritt zurück, um die Kerze beim Herrenhaus wieder zu entzünden, bevor sie vorsichtig - die Flamme schützend - zurückgegangen war, um die Laterne erneut zu entzünden.
Noch einen Monat solcher Strafen, und sie würde vermutlich genauso verrückt wie ein Feuchtländer. Eines Morgens würden die Weisen Frauen aufwachen und sie dabei erwischen, wie sie schwimmen ging oder einen nur zur Hälfte gefüllten Wasserschlauch trug oder - welch eine Vorstellung - zum Vergnügen ausritt! Sie seufzte, zu erschöpft, um sich weiter Gedanken zu machen, und wandte sich dem Teil des Lagers zu, den die Aiel in Beschlag genommen hatten, um endlich schlafen gehen zu können.
Jemand stand hinter ihr.
Zusammenzuckend griff sie nach dem Dolch, entspannte sich aber, als sie Amys erkannte. Von allen Weisen Frauen hätte nur sie allein - als ehemalige Tochter - sich an Aviendha anschleichen können.
Die Weise Frau stand mit verschränkten Händen da; das braune Schultertuch und der Rock bewegten sich leicht im Wind. Eine besonders kühle Brise ließ Aviendhas Haut kribbeln. Im Abendlicht erschien Amys' silbergraues Haar beinahe geisterhaft; eine vom Wind beförderte Kiefernnadel hatte sich darin verfangen. »Du machst dich mit einer solchen ... Entschlossenheit an deine Strafen, Kind«, sagte Amys.
Aviendha schaute zu Boden. Ihre Aktivitäten anzusprechen sollte sie entehren. Hatte sie keine Zeit mehr? Hatten sich die Weisen Frauen endlich dazu entschieden, sie aufzugeben? »Bitte, Weise Frau. Ich tue nur das, was die Pflicht von mir verlangt.«
»Ja, das tust du«, sagte Amys. Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar, entdeckte die Kiefernnadel und ließ sie auf das tote Gras fallen. »Und manchmal auch nicht. Aviendha, bisweilen sind wir so mit den Dingen beschäftigt, die wir getan haben, dass wir gar nicht an die Dinge denken, die wir nicht getan haben.«
Aviendha war froh über die Dunkelheit, die ihr schamhaftes Erröten verbarg. In der Ferne läutete ein Soldat die Abendglocke, um die Stunde anzuzeigen, das weiche Metall verkündete elf melancholische Schläge. Was sollte sie nur auf Amys' Bemerkung erwidern? Es schien keine vernünftige Antwort zu geben.
Ein Lichtblitz direkt hinter dem Lager rettete sie. Er war nur schwach, aber in der Dunkelheit doch sehr auffällig.
»Was?«, fragte die Weise Frau, bemerkte Aviendhas Blick und drehte sich um, um ihm zu folgen.
»Licht«, sagte Aviendha. »Vom Reisegelände.«
Amys runzelte die Stirn, dann gingen sie beide in Richtung Gelände. Bald stießen sie auf Damer Flinn, Davram Bashere sowie eine kleine Gruppe Saldaeaner und Aiel, die das Lager betraten. Was sollte man nur von einer Kreatur wie Flinn halten? Der Makel war entfernt worden, aber dieser Mann - und viele der anderen - war lange davor mit der Bitte um eine Ausbildung gekommen. Aviendha hätte eher den Sichtblender umarmt, als das zu tun, aber die Männer hatten sich als mächtige Waffen erwiesen.
Amys und Aviendha traten zur Seite, als die kleine Gruppe zum Herrenhaus eilte, nur von den in der Ferne flackernden Fackeln und dem bewölkten Himmel über ihnen erhellt. Obwohl sich der größte Teil der Streitmacht, die man zu dem Treffen mit den Seanchanern geschickt hatte, aus Basheres Soldaten zusammensetzte, waren auch einige Töchter dabei gewesen. Amys sah eine von ihnen an, eine ältere Frau namens Corana. Sie blieb ein Stück zurück, und obwohl das in der Dunkelheit schwer zu sagen war, erschien sie besorgt. Vielleicht wütend.
»Welche Neuigkeiten bringt ihr?«, fragte Amys.
»Die Invasoren, diese Seanchaner« - Corana spuckte das Wort beinahe aus -, »sie haben in ein weiteres Treffen mit dem Car'a'carn eingewilligt.«
Amys nickte. Corana hingegen schnaubte deutlich hörbar. Die kühle Brise bewegte ihr kurzes Haar.
»Sprich«, sagte Amys.
»Der Car'a'carn sucht den Frieden zu sehr«, erwiderte Corana. »Diese Seanchaner haben ihm Grund für eine Blutfehde gegeben, aber er kriecht vor ihnen. Ich kam mir wie ein abgerichteter Hund vor, den man ausschickt, um einem Fremden die Füße zu lecken.«
Amys warf Aviendha einen Blick zu. »Was sagst du dazu?«
»Mein Herz stimmt ihren Worten zu, Weise Frau. Aber auch wenn der Car'a'carn in vielen Dingen ein Narr ist, so gilt das nicht hierfür. Mein Verstand stimmt ihm zu, und in diesem Fall würde ich dem Verstand folgen.«
»Wie kannst du so etwas sagen?«, fauchte Corana. Sie betonte das Du, als wollte sie andeuten, dass gerade Aviendha, die kürzlich noch eine Tochter gewesen war, sie verstehen müsste.
Aviendha hob das Kinn. »Was ist wichtiger, Corana? Die Meinungsverschiedenheit, die du mit einer anderen Tochter hast, oder die Fehde, die dein Clan mit seinem Feind hat?«