»Natürlich kommt der Clan zuerst. Aber was spielt das denn für eine Rolle?«
»Die Seanchaner haben verdient, dass man sie bekämpft«, sagte Aviendha, »und du hast recht, dass es einen schmerzt, sie um Frieden zu bitten. Aber du vergisst, dass wir einen größeren Feind haben. Sichtblender hat eine Fehde mit allen Menschen, und unsere Pflicht ist größer als die Fehden zwischen Nationen.«
Amys nickte. »Es wird zu einem anderen Zeitpunkt noch genug Zeit sein, den Seanchanern das Gewicht unserer Speere zu zeigen.«
Corana schüttelte den Kopf. »Weise Frau, Ihr klingt wie ein Feuchtländer. Was kümmern uns denn ihre Prophezeiungen und Geschichten? Rand al'Thors Pflicht als Car'a'carn ist viel größer als die Pflicht, die er den Feuchtländern gegenüber hat. Er muss uns zum Ruhm führen.«
Amys starrte die blonde Tochter ungehalten an. »Du klingst wie eine Shaido.«
Einen Moment lang erwiderte Corana ihren Blick ungerührt, dann gab sie nach und wandte sich ab. »Verzeiht, Weise Frau«, sagte sie schließlich. »Ich habe Toh. Aber Ihr solltet wissen, dass die Seanchaner Aiel in ihrem Lager hatten.«
»Was?«, fragte Aviendha.
»Sie waren angeleint wie ihre zahmen Aes Sedai«, berichtete Corana. »Ich vermute, man hat sie uns bei unserer Ankunft absichtlich wie Trophäen gezeigt. Unter ihnen habe ich viele Shaido erkannt.«
Amys zischte leise. Shaido oder nicht, Aiel, die man als Damane hielt, stellten eine tödliche Beleidigung dar. Und die Seanchaner prahlten auch noch mit ihren Gefangenen. Aviendha griff nach ihrem Dolch.
Amys sah sie an. »Und was sagst du jetzt?«
Aviendha biss die Zähne zusammen. »Das Gleiche, Weise Frau, obwohl ich mir lieber die Zunge abschneiden würde, als das zuzugeben.«
Amys nickte und wandte sich wieder Corana zu. »Glaube nicht, dass wir diese Beleidigung ignorieren werden, Corana. Es wird Vergeltung erfolgen. Sobald dieser Krieg vorbei ist, werden die Seanchaner den Hagel unserer Pfeile und die Spitzen unserer Speere zu spüren bekommen. Aber erst dann. Geh und berichte den beiden Clanhäuptlingen, was du mir erzählt hast.«
Corana nickte - sie würde ihr Toh später unter vier Augen mit Amys regeln - und ging. Damer Flinn und die anderen hatten das Herrenhaus bereits erreicht; würden sie Rand wecken? Er schlief jetzt, allerdings war Aviendha in der Mitte ihrer abendlichen Strafe gezwungen gewesen, ihren Bund zu dämpfen, sonst hätte sie Gefühle ertragen müssen, die sie lieber vermied. Genauer gesagt wollte sie sie lieber nicht aus zweiter Hand erleben.
»Das wird bei den Speeren gefährliche Worte hervorrufen«, sagte Amys nachdenklich. »Man wird nach einem Angriff verlangen, Forderungen stellen, dass der Car'a'carn seine Friedensbemühungen einstellt.«
»Werden sie bei ihm bleiben, wenn er sich weigert?«, fragte Aviendha.
»Natürlich werden sie das«, erwiderte Amys. »Sie sind Aiel.« Sie musterte Aviendha. »Wir haben nicht viel Zeit, Kind. Vielleicht sollten wir damit aufhören, dich zu hätscheln. Ich werde mir ab morgen bessere Strafen für dich einfallen lassen.«
Mich zu hätscheln? Aviendha sah Amys nach. Ihnen dürfte wohl kaum etwas noch Sinnloseres oder Demütigenderes einfallen!
Aber sie hatte schon vor langer Zeit gelernt, Amys nicht zu unterschätzen. Seufzend verfiel sie in einen Laufschritt und trabte zurück zu ihrem Zelt.
16
In der Weißen Burg
»Ich bin neugierig, was die Novizin zu sagen hat. Verratet mir, Egwene al'Vere, wie wärt Ihr mit der Situation umgegangen?«
Egwene schaute von der Schale mit den Nüssen auf, in der einen Hand den eisernen Nussknacker, in der anderen eine dicke Walnuss. Es war das erste Mal, dass eine der anwesenden Aes Sedai sie angesprochen hatte. Und sie hatte schon geglaubt, dass der Dienst als Dienerin bei den drei Weißen sich nur als weitere Zeitverschwendung erweisen würde.
An diesem Nachmittag befand sie sich auf einem kleinen Balkon auf der dritten Ebene der Weißen Burg. Sitzende konnten nicht nur Räume mit großen Fenstern verlangen, sondern auch mit Balkonen, etwas, das für gewöhnliche Schwestern nicht üblich war - auch wenn es nicht gänzlich unbekannt war. Der hier war wie ein kleines Türmchen geformt, eine stabile Steinmauer diente als Brüstung, von der Decke senkte sich eine ähnliche Mauer. Zwischen den beiden befand sich eine großzügige Lücke, und der Ausblick war sehr schön, nach Osten über die sich sanft erhebenden Hügel, die schließlich zu Brudermörders Dolch emporstiegen. An einem klaren Tag hätte man den Dolch in der Ferne durchaus sehen können.
Eine kühle Brise strich über den Balkon, und so hoch oben war sie frisch und unberührt vom Gestank der darunter liegenden Stadt. Zu beiden Seiten des Mauerwerks wuchsen Zankranken mit ihren dreizackigen Blättern und anschmiegsamen Reben, die sich ausbreitenden Ranken bedeckten die Innenseite des Mauerwerks und ließen es beinahe wie eine Ruine in der Tiefe eines Waldes aussehen. Die Pflanzen waren ein größerer Schmuck, als Egwene in den Gemächern einer Weißen erwartet hätte, aber Ferane sagte man einen Hauch Eitelkeit nach. Vermutlich gefiel es ihr, dass ihr Balkon so unverkennbar war, selbst wenn das Protokoll von ihr verlangte, die Reben zurechtzustutzen, um das funkelnde Profil des Turms nicht zu beeinträchtigen.
Die drei Weißen saßen auf Korbstühlen an einem niedrigen Tisch. Egwene saß vor ihnen auf einem Korbhocker, den Rücken der Öffnung zugewandt, sodass sie die Aussicht nicht genießen konnte, während sie für die anderen Nüsse knackte. Diese Arbeit hätte auch jeder Diener oder Küchenhelfer erledigen können. Aber es war auch genau die Art von Beschäftigung, mit der Schwestern die Zeit von Novizinnen füllten, die ihrer Meinung nach zu viel herumlungerten.
Egwene hatte das Nüsseknacken nur für einen Vorwand gehalten. Nachdem man sie den größten Teil einer Stunde ignoriert hatte, waren ihr da Zweifel gekommen, aber jetzt sahen alle drei Frauen sie an. Sie hätte ihrem Instinkt vertrauen sollen.
Ferane hatte die kupferfarbene Haut einer Domani und das dazu passende Temperament, was für eine Weiße seltsam war. Sie war klein, hatte ein apfelförmiges Gesicht und glänzendes schwarzes Haar. Ihr rotbraunes Kleid war hauchdünn, aber schicklich, mit einer breiten weißen Schärpe um die Taille, die zu ihrer Stola passte, die sie im Augenblick trug. Dem Kleid mangelte es nicht an Stickereien, und der Stoff schien vielleicht absichtlich eine Anspielung auf ihre Herkunft als Domani zu sein.
Die anderen beiden, Miyasi und Tesan, trugen beide Weiß, als befürchteten sie, dass sie mit Kleidern anderer Farbe ihre Ajah verraten würden. Diese Idee schien sich in letzter Zeit bei allen Aes Sedai immer mehr durchzusetzen. Tesan mit ihrem dunklen, zu Zöpfen geflochtenen und perlengeschmückten Haar kam aus Tarabon. Die Perlen waren weiß und golden und rahmten ein schmales Gesicht ein, das aussah, als hätte man oben und unten zugegriffen und fest gezogen. Sie erweckte immer den Eindruck, als würde sie sich über etwas Sorgen machen. Aber vielleicht waren das ja auch nur die Zeiten, in denen sie lebten. Das Licht allein wusste, dass sie genug hatten, worüber sie sich Sorgen machen konnten.
Miyasi war da ruhiger; ihr Kopf wurde von einem eisengrauen Haarknoten geschmückt. Ihr Aes Sedai-Gesicht verriet nichts von den vielen Jahren, die sie erlebt haben musste, damit ihr Haar so grau werden konnte. Sie war hochgewachsen und mollig, und sie wollte ihre Walnüsse auf eine ganz bestimmte Weise geschält haben. Keine zerbrochenen Stücke, sondern nur unversehrte Hälften. Egwene zog vorsichtig eine aus der Schale, die sie gerade geknackt hatte, und reichte sie herüber; der kleine braune Klumpen war voller Windungen, wie das Gehirn eines kleinen Tieres.
»Was hattet Ihr noch einmal gefragt, Ferane?«, entgegnete Egwene, knackte die nächste Nuss und warf die Schalen in den Eimer zu ihren Füßen.