Sie hatte eine Gelegenheit zur Flucht ausgeschlagen. Das bedeutete, dass sie mit Elaida und ihren Roten arbeiten musste, die einzigen Schwestern, die sie zu Gesicht bekam. Aber konnte man sie dazu bringen, ihre Fehler einzusehen? Sie wünschte, sie könnte die ganze Bande zur Buße schicken und sie endlich los sein.
Aber nein. Sie war die Amyrlin; sie repräsentierte alle Ajahs, die Roten eingeschlossen. Sie konnte sie nicht behandeln, wie Elaida die Blauen behandelt hatte. Sie standen ihr am feindseligsten gegenüber, aber das machte sie nur zu einer größeren Herausforderung. Mit Silviana schien sie ein paar kleine Fortschritte zu machen, und hatte Lirene Doirellin nicht sogar zugegeben, dass Elaida ein paar ernste Fehler gemacht hatte?
Vielleicht waren die Roten nicht die Einzigen, die sie beeinflussen konnte. Man begegnete ständig anderen Schwestern im Korridor. Wenn eine davon auf sie zukam, um mit ihr zu sprechen, konnten die Roten sie wohl kaum fortschleppen. Sie würden einen gewissen Anstand zeigen, und das würde Egwene Gelegenheit geben, einen gewissen Kontakt zu anderen Schwestern zu pflegen.
Aber wie sollte sie mit Elaida umgehen? War es klug, die falsche Amyrlin weiterhin in dem Glauben zu lassen, dass sie so gut wie gebrochen war? Oder war der Augenblick gekommen, Stellung zu beziehen?
Am Ende des Bades fühlte sich Egwene wesentlich sauberer und vor allem selbstbewusster. Ihr Krieg hatte eine ernsthafte Wendung zum Schlimmeren genommen, aber noch konnte sie kämpfen. Eilig bürstete sie sich das feuchte Haar, schlüpfte in ein frisches Novizinnenkleid - wie gut sich der weiche, saubere Stoff doch auf ihrer Haut anfühlte! - und begab sich zu ihren Aufpasserinnen.
Sie eskortierten sie hinauf zu den Gemächern der Amyrlin. Egwene passierte mehrere Gruppen von Schwestern, und sie hielt sich ihretwegen bewusst aufrecht. Die Aufpasserinnen führten sie durch den Roten Sektor des Turms, die Bodenfliesen nahmen das schwarzrote Muster an. Hier waren mehr Menschen unterwegs, Frauen mit ihren Stolen, Dienerschaft mit der Flamme von Tar Valon auf der Brust. Aber keine Behüter; das erschien Egwene stets seltsam, da sie in anderen Teilen der Burg allgegenwärtig waren.
Ein langer Aufstieg und ein paar Biegungen später erreichten sie Elaidas Gemächer. Unbewusst kontrollierte Egwene ihre Röcke. Während des Weges war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie Elaida stumm gegenübertreten musste, genau wie beim letzten Mal. Ihren Zorn noch weiter zu schüren würde nur zu weiteren Einschränkungen führen. Sie würde sich nicht vor ihr erniedrigen, aber sie würde Elaida auch nicht absichtlich beleidigen. Sollte die Frau glauben, was sie wollte.
Eine Dienerin öffnete die Tür und führte Egwene ins Speisezimmer. Sie rang um Fassung, als sie sah, was sie erwartete. Sie war davon ausgegangen, nur Elaida zu bedienen, oder vielleicht auch Meidani. Nicht einen Augenblick lang hätte sie gedacht, dass der Raum voller Frauen sein würde. Es waren fünf, eine von jeder Ajah, ausgenommen die Roten und die Blauen. Und jede der Frauen war eine Sitzende. Yukiri war da, genau wie Doesine, beide heimliche Jägerinnen der Schwarzen Ajah. Ferane war da, allerdings erschien sie überrascht, Egwene zu sehen; hatte die Weiße zuvor nichts von der Abendgesellschaft gewusst, oder hatte sie es einfach nur nicht erwähnt?
Rubinde von der Grünen Ajah saß neben Shevan von der Braunen, eine Schwester, die sie schon lange hatte treffen wollen. Shevan gehörte zu jenen, die für die Verhandlungen mit den Rebellen waren, und Egwene hoffte, sie veranlassen zu können, etwas mehr dabei zu helfen, die Burg von innen heraus zu einen.
Elaida war die einzige Rote Schwester am Tisch. Lag das daran, dass sämtliche Rote Sitzende die Burg verlassen hatten? Vielleicht war sie auch einfach nur der Ansicht, dass das Gleichgewicht auch so hergestellt war, da sie sich noch immer als Rote betrachtete, auch wenn es nicht richtig war.
Der Tisch war lang; Kristallpokale reflektierten das Licht von den Bronzekandelabern an der Wand. Jede Frau trug ein kostbares Gewand in der Farbe ihrer Ajah. Es roch nach saftigem Braten und dampfenden Karotten. Es wurde geplaudert. Freundschaftlich, wenn auch gezwungen. Angespannt. Keiner wollte hier sein.
Doesine nickte Egwene quer durch das Zimmer zu, beinahe respektvoll. Das war ein deutlicher Hinweis. »Ich bin hier, weil Ihr sagtet, dass diese Art Dinge wichtig sind«, schien es zu besagen. Elaida saß am Kopf der Tafel. Ihr rotes Gewand wies lange Ärmel auf, die genau wie das Oberteil mit granatapfelrotem Besatz geschmückt waren. Sie lächelte zufrieden. Diener eilten hin und her, gossen Wein ein und brachten Speisen. Warum hatte Elaida die Sitzenden zum Essen eingeladen? War das ein Versuch, die Zerwürfnisse in der Burg überwinden zu wollen? Hatte Egwene sie falsch eingeschätzt?
»Ah, gut«, sagte Elaida, als sie Egwene bemerkte. »Ihr seid endlich da. Kommt her, Kind.«
Egwene gehorchte, und als sie den Raum durchquerte, wurden auch die letzten Sitzenden auf sie aufmerksam. Einige schien ihre Anwesenheit zu verwirren, andere waren neugierig. Schlagartig wurde ihr etwas klar.
Dieser eine Abend konnte mühelos alles zerstören, wofür sie gearbeitet hatte.
Wenn die Aes Sedai hier miterlebten, wie sie Elaida unterwürfig bediente, würde sie in ihren Augen an Integrität verlieren. Die Amyrlin hatte verkündet, dass sie gezähmt worden war - aber sie hatte allen das Gegenteil bewiesen. Wenn sie sich hier ihrem Willen beugte, auch nur ein kleines bisschen, würde man das als Beweis ansehen.
Sollte das Licht diese Frau verbrennen! Warum hatte sie so viele der Schwestern eingeladen, die Egwene zu beeinflussen versucht hatte? War das bloß ein Zufall?
Egwene gesellte sich zu der falschen Amyrlin am Kopf der Tafel, und ein Diener reichte ihr eine Kristallkaraffe mit funkelndem roten Wein. »Ihr werdet meinen Pokal gefüllt halten«, sagte Elaida. »Wartet dort, aber kommt nicht zu nah. Ich habe keine Lust, den Ruß von Eurer nachmittäglichen Bestrafung riechen zu müssen.«
Egwene biss sich auf die Zunge. Den Ruß riechen? Nach einer Stunde schrubben? Wohl kaum. Von der Seite konnte sie die Zufriedenheit in Elaidas Blick erkennen, als sie von ihrem Wein trank. Dann wandte sich die Amyrlin Shevan zu, die rechts von ihr saß. Die Braune war eine schmächtige Frau mit knorrigen Armen und einem kantigen Gesicht, wie eine aus Stöcken zusammengebundene Frau. In ihren Augen lag ein nachdenklicher Ausdruck, als sie ihre Gastgeberin musterte.
»Sagt mir, Shevan«, meinte Elaida. »Beharrt Ihr noch immer auf diesen albernen Gesprächen mit den Rebellen?«
»Man muss diesen Schwestern Gelegenheit zur Schlichtung geben.«
»Sie hatten ihre Gelegenheit«, erwiderte Elaida. »Ehrlich, ich hätte mehr von einer Braunen erwartet. Ihr benehmt euch verbissen, ohne auch nur mit einem Hauch von Verständnis, wie die wirkliche Welt funktioniert. Selbst Meidani ist da meiner Meinung, und sie ist eine Graue! Ihr wisst, wie sie sind.«
Shevan wandte den Kopf, anscheinend beunruhigter als zuvor. Warum hatte Elaida sie eingeladen, wenn sie sie und ihre Ajahs doch nur beleidigen wollte? Als Nächstes wandte die Rote ihre Aufmerksamkeit Ferane zu und beschwerte sich bei ihr über eine Sitzende der Weißen, die sich ebenfalls ihren Bemühungen widersetzte, die Gespräche zu beenden. Dabei hob sie den Pokal in Egwenes Richtung und klopfte mit dem Finger dagegen. Sie hatte kaum einen Schluck genommen.
Egwene holte tief Luft und schenkte nach. Die anderen hatten sie auch schon zuvor bei der Arbeit gesehen - für Ferane hatte sie sogar Walnüsse geknackt. Das würde ihren Ruf schon nicht ruinieren, nicht, solange Elaida sie irgendwie zwang, sich zu erniedrigen.
Aber was sollte diese Abendgesellschaft? Elaida schien nicht den geringsten Versuch zu unternehmen, die Ajahs einander näherzubringen. Wenn überhaupt, vergrößerte sie die Kluft noch, so wie sie jene heruntermachte, die nicht ihrer Meinung waren. Gelegentlich ließ sie sich von Egwene nachschenken, aber es war nie mehr Platz als für einen oder zwei Schlucke.