Aus dem Augenwinkel sah sie, wie die zierliche Yukiri von den Grauen bei dieser Bemerkung nickte.
Wütend ließ Elaida den Strom Luft fallen. »Ich muss keine Novizin widerlegen«, fauchte sie. »Die Amyrlin erklärt sich nicht vor einer wie Euch.«
»›Die Amyrlin versteht die kompliziertesten Bekenntnisse und Debatten‹«, zitierte Egwene aus der Erinnerung. »›Und doch ist sie am Ende die Dienerin von allen, selbst des niedrigsten aller Arbeiter.‹« Das hatte Balladare Arandaille gesagt, die erste Amyrlin, die man aus der Braunen Ajah erhoben hatte. Sie hatte das in ihren letzten Aufzeichnungen vor ihrem Tod niedergeschrieben; diese Aufzeichnungen waren eine Erklärung für ihre Herrschaft und ihre Taten während der Kavarthenkriege gewesen. Arandaille war der Ansicht gewesen, dass eine Amyrlin nach dem Ende einer Krise die moralische Verpflichtung hatte, sich dem einfachen Volk zu erklären.
Shevan nickte beifällig. Das Zitat war eher obskur; Egwene segnete Siuans beharrliche Ausbildung in der Weisheit der früheren Amyrlins. Vieles davon stammte aus den geheimen historischen Aufzeichnungen, aber darunter waren auch ein paar vielsagende Erklärungen von Frauen wie Balladere gewesen.
»Was faselt Ihr da für einen Unsinn?«, kreischte Elaida.
»Was wolltet Ihr eigentlich mit Rand al'Thor machen, nachdem Ihr ihn gefangen genommen hattet?«, fragte Egwene und ignorierte die Bemerkung.
»Ich verstehe nicht ...«
»Ihr antwortet nicht mir, sondern ihnen.« Egwene deutete mit dem Kopf auf die anderen Frauen am Tisch. »Habt Ihr Euch erklärt, Elaida? Wie sahen Eure Pläne aus? Oder wollt Ihr dieser Frage genauso wie meinen anderen Fragen ausweichen?«
Elaidas Wangen röteten sich, aber mit einiger Mühe brachte sie sich wieder unter Kontrolle. »Ich hätte ihn hier in der Burg gut abgeschirmt sicher untergebracht, bis es Zeit für die Letzte Schlacht gewesen wäre. Das hätte ihn daran gehindert, in so vielen Nationen all dieses Leid und Chaos anzurichten. Das war das Risiko wert, ihn zu erzürnen.«
»›Er soll die Leben der Menschen aufbrechen, wie der Pflug die Erde aufbricht, und alles, was gewesen ist, soll von der Glut seiner Augen vereinnahmt werden‹«, zitierte Egwene. »›Die Kriegsposaunen sollen ihm nachklingen, die Raben sollen sich an seiner Stimme nähren, und er soll eine Krone aus Schwertern tragen‹.«
Die Amyrlin runzelte verwirrt die Stirn.
»Der Karaethon-Zyklus, Elaida. Als Ihr Rand wegsperren wolltet, um ihn ›sicher‹ unterzubringen, hatte er sich da schon Illian genommen? Trug er da schon das, was er als Krone der Schwerter bezeichnen sollte?«
»Nun, nein.«
»Und wie sollte er Eurer Meinung nach die Prophezeiungen erfüllen, wenn er in der Weißen Burg versteckt werden sollte? Wie sollte er Kriege auslösen, was er den Prophezeiungen zufolge tun muss? Wie sollte er die Nationen zerbrechen und sie an sich binden? ›Er wird sein Volk mit dem Schwert des Friedens töten‹ und ›Er wird die Neun Monde fesseln, sodass sie ihm dienen‹, wie sollte er das alles vollbringen, wenn er weggesperrt ist? Steht nicht in den Prophezeiungen, dass er frei sein wird? Sprechen sie nicht vom ›Chaos, das ihm nachfolgt‹? Wie soll das alles passieren, wenn er in Ketten gehalten wird?«
»Ich ...«
»Eure Logik ist erstaunlich«, sagte Egwene kalt. Das ließ Ferane schmal lächeln; vermutlich war sie gerade in ihrer Meinung bestärkt worden, dass Egwene gut in die Weiße Ajah passen würde.
»Pah, Eure Fragen sind bedeutungslos. Die Prophezeiungen hätten sich erfüllt. Etwas anderes ist unmöglich.«
»Also sagt Ihr, dass Euer Versuch, ihm Fesseln anzulegen, scheitern musste.«
»Nein, nicht im Mindesten«, erwiderte Elaida schon wieder knallrot. »Wir sollten uns nicht länger mit diesem ... Das habt nicht Ihr zu entscheiden. Nein, wir sollten über Eure Rebellen sprechen, und was sie der Weißen Burg angetan haben!«
Ein guter Themenwechsel, ein Versuch, sie in die Defensive zu treiben. Elaida war nicht völlig inkompetent. Bloß arrogant.
»Ich sehe, dass sie sich bemühen, die Kluft zwischen uns zu heilen«, sagte Egwene. »Wir können das Geschehene nicht ungeschehen machen. Wir können nicht ändern, was Ihr mit Siuan gemacht habt, selbst wenn die, die auf meiner Seite sind, eine Methode entdeckt haben, sie von ihrer Dämpfung zu Heilen. Wir können nur nach vorn blicken und unser Bestes versuchen, die Narben zu glätten. Was tut Ihr, Elaida? Gespräche verweigern, die Sitzenden unter Druck setzen, damit sie sich zurückziehen? Ajahs beleidigen, die nicht die Euren sind?«
Doesine von den Gelben stimmte leise murmelnd zu. Das ließ Elaidas Kopf herumfahren, und einen Augenblick lang war sie still, als würde sie erkennen, dass sie die Kontrolle über die Debatte verloren hatte. »Es reicht.«
»Feigling«, sagte Egwene.
Elaida riss die Augen weit auf. »Wie könnt Ihr es wagen!«
»Ich sage die Wahrheit, Elaida«, erwiderte Egwene leise. »Ihr seid ein Feigling und ein Tyrann. Ich würde Euch auch als Schattenfreundin bezeichnen, aber vermutlich wäre es dem Dunklen König peinlich, mit jemandem wie Euch in Verbindung gebracht zu werden.«
Elaida stieß einen schrillen Schrei aus, webte blitzartig die Macht und rammte Egwene gegen die Wand, schlug ihr die Karaffe aus der Hand. Sie zerbrach direkt neben dem Teppich auf dem Holzboden und spritzte einen Schwall blutähnlicher Flüssigkeit quer über den Tisch und die Hälfte der dort Sitzenden, beschmutzte das weiße Tischtuch mit einem roten Flecken.
»Du nennst mich Schattenfreundin?«, brüllte Elaida. »Du bist hier die Schattenfreundin. Du und die Rebellen da draußen, die mich von dem abhalten wollen, was getan werden muss.«
Gewebte Luft stieß Egwene erneut gegen die Wand, und sie fiel zu Boden, landete in Scherben der zerbrochenen Karaffe und schnitt sich die Arme auf. Ein Dutzend peitschender Schläge trafen sie und zerschnitten ihre Kleidung. Blut rann ihre Arme hinunter und spritzte dann durch die Luft, um an der Wand zu landen, während Elaida weiter auf sie einprügelte.
»Elaida, hört auf!«, sagte Rubinde und stand mit raschelndem grünen Kleid auf. »Habt Ihr den Verstand verloren?«
Keuchend fuhr Elaida herum. »Führt mich nicht in Versuchung, Grüne!«
Die Peitschenschläge regneten weiter auf Egwene herab. Stumm ertrug sie sie. Mühsam stand sie auf. Sie konnte fühlen, wie ihre Arme und ihr Gesicht bereits anschwollen. Aber sie sah Elaida ganz ruhig an.
»Elaida!«, brüllte Ferane und stand auf. »Ihr verletzt das Burggesetz! Ihr könnt die Macht nicht benutzen, um eine Novizin zu bestrafen!«
»Ich bin das Burggesetz!«, wütete Elaida. Sie zeigte auf die Schwestern. »Ihr macht Euch über mich lustig. Ich weiß, dass Ihr das tut. Hinter meinem Rücken. Wenn Ihr mich seht, erweist Ihr mir Respekt, aber ich weiß genau, was Ihr sagt, was Ihr flüstert. Ihr undankbaren Närrinnen! Nach allem, was ich für Euch getan habe! Glaubt Ihr, ich würde Euch ewig ertragen? Nehmt Euch die hier zum Beispiel!«
Sie drehte sich wieder um und zeigte auf Egwene, stolperte dann aber fassungslos zurück. Egwene stand da und sah sie weiterhin nur ganz ruhig an. Elaida keuchte leise auf und hob eine Hand zur Brust, während die Peitschenschläge weitergingen. Alle konnten die Gewebe sehen, und alle konnten sehen, dass Egwene nicht schrie, obwohl sie nicht mit Luft geknebelt war. Blut tropfte von ihren Armen, die Schläge ließen ihren Körper zucken, und doch fand sie keinen Grund zum Schreien. Stattdessen segnete sie leise die Weisen Frauen der Aiel für ihre Weisheit.
»Und wofür werde ich als Beispiel dienen, Elaida?«, fragte sie mit ruhiger Stimme.
Die Schläge trafen sie weiter. Oh, wie es schmerzte! In ihren Augenwinkeln formten sich Tränen, aber sie hatte sich schon schlechter gefühlt. Viel schlechter. Sie fühlte es jedes Mal, wenn sie daran dachte, was diese Frau der Institution antat, die sie liebte. Der wahre Schmerz kam nicht von den Wunden, sondern durch die Weise, wie sich Elaida vor den Sitzenden benahm.